18.07.2005

SCHULDENBERATUNGAngriff der Pleitegeier

Rund drei Millionen Haushalte gelten als überschuldet - eine Goldgrube für dubiose Anwälte und Finanzsanierer, die von der Geldnot anderer profitieren.
Thomas Schmuck, 40, ist ein hilfsbereiter Mann. Ausgestattet mit einer wenig dezenten Fußballerfrisur (vorne kurz, hinten wuschig) und einer tüchtigen Gattin, kämpft der Chef der niedersächsischen Taurrus GmbH gegen Armut und Elend in deutschen Landen.
"Sie haben Schuldenprobleme?", fragt Schmuck, der seinen Namen gern mit einem "Dr. h. c." ziert, auf der Homepage seiner Firma und verspricht der klammen Kundschaft: "Wir helfen Ihnen!"
Doch wer den Lockungen des Ehren-Doktors folgt, landet häufig viel tiefer im Schlamassel, als er ohnehin schon ist. Denn "diskret, professionell, fachkundig" (so seine Werbung) agiert der kommerzielle Schuldenberater vor allem beim Eintreiben der eigenen Gebühren.
Gleich zu Beginn kassiert Taurrus bis zu 536 Euro, unter anderem für "Telefondienste". Danach sind Monat für Monat fünf Prozent der Tilgungsraten fällig. "Gewerbsmäßiger Wucher", findet die Staatsanwaltschaft Hannover und hat deshalb Ende Juni Anklage gegen den Taurrus-Chef und seine Frau erhoben.
Dabei geht es nicht um ein paar versprengte Privat-Pleitiers. 60 000 bis 80 000 Kunden habe das Schulden-Duo in den vergangenen Jahren abgezockt, vermutet Sven Gärtner vom Arbeitskreis Neue Armut der Schuldnerberatung in Berlin.
Die 26-jährige Ayse Gökce etwa beauftragte Taurrus im Januar damit, ihre Schulden von knapp 50 000 Euro zu verwalten. Doch "der Weg zu einem Neuanfang", den ihr ein Außendienstler bahnte, führte immer tiefer in die Miesen. Mehrere hundert Euro sollte sie für die Dienste des Regulierers berappen. Die Gegenleistung: "Sinnloser Papierkram, sonst nichts."
Im Februar bekam die junge Türkin zudem eine Zahlungserinnerung von Hans Walter Asmus, der sich nebenbei noch als ihr neuer Rechtsbeistand in Sachen Schulden vorstellte. Zwar kannte Gökce den Anwalt bis dahin gar nicht, aber beim Besuch des Taurrus-Mitarbeiters hatte sie neben einem halben Dutzend Formularen auch eine Blanko-Vollmacht unterzeichnet.
Das Schreiben war nun offenbar an Asmus durchgereicht worden. Ein einträgliches Geschäft für den Juristen, der etliche Taurrus-Kunden betreut. Schuldnerberater Gärtner sieht in dem Treiben denn auch "ein illegales System zur Mandantenakquise".
Er unterhalte "keine geschäftlichen Beziehungen zur Taurrus GmbH", lässt Asmus über seinen Anwalt dagegen mitteilen. Zwar seien während eines begrenzten Zeitraums Kunden an ihn weiterempfohlen worden, doch erfolgte "die Bearbeitung der Mandate stets völlig unabhängig".
Seltsam nur: Noch vor zwei Jahren jobbte Asmus als Geschäftsführer der heutigen Taurrus. Anwalt und Schuldenregulierer residierten bis vor kurzem auch unter der gleichen Adresse. Gemeinsam betreiben sie zudem noch die Laatzener Inso-GmbH.
So geht es häufig in der Branche zu. Flächendeckend würden private Finanzberater gemeinsam mit Anwälten "ganz erstaunliche Gebühren" berechnen, stellte Schuldnerberater Christian Maltry vom Landratsamt Main-Spessart fest. Die dafür erbrachte Leistung beschränke sich meist auf die Zusammenstellung von "Alibi-Unterlagen, die letztlich völlig wertlos sind".
Einige der Schuldenjongleure hätten sich inzwischen auch einen Verein oder ein Institut zugelegt und würden nun unter klangvollen Namen um Kundschaft buhlen - mit oft gewagten Versprechungen. Allein im vergangenen Jahr wurden von den Verbraucherzentralen 65 Sanierer wegen sittenwidriger und irreführender Reklame abgemahnt. Der Schulden-Nepp läuft dennoch munter weiter.
Mehr als drei Millionen Haushalte gelten in der Bundesrepublik als überschuldet, die Wartezeiten bei den öffentlichen Beratungsstellen betragen Monate - zu lange, wenn einem Gläubiger im Nacken sitzen.
Alle 30 Sekunden gibt ein Schuldner die "eidesstattliche Versicherung" ab, wie der Offenbarungseid heute heißt. Mehr als eine Million waren es allein im vorigen Jahr. Auf diese Weise gelangen die Adressen von Schuldnern in die Gerichtsverzeichnisse. Eine ideale Kundenkartei für gewerbsmäßige Pleitegeier.
Vor einiger Zeit hat auch Suat A. die eidesstattliche Versicherung abgegeben. Anfang 2004 fand der Sozialhilfeempfänger dann ein amtlich aussehendes Schreiben im Briefkasten. "In einer für Sie bestimmt wichtigen Angelegenheit" bat die Taurrus GmbH um Rückruf.
Am Telefon habe ihm dann ein Sachbearbeiter erklärt, es gehe darum, seine Finanzen in den Griff zu kriegen. Taurrus werde demnächst einen Berater vorbeischicken.
Zwar stand Suat A. nur bei drei Gläubigern mit 2200 Euro in der Kreide. Trotzdem konstruierte der Vermittler ein Gläubigerverzeichnis samt Finanzplan. Kosten: 116 Euro.
Ehemalige Mitarbeiter räumen ein, dass keiner ihrer Kunden die Verträge vernünftig durchgelesen habe. Mitunter seien auch Daueraufträge mit Blanko-Empfängern ausgestellt worden. Und selbst neue Bausparverträge wurden offenbar auf diese Weise an die Kunden gebracht.
HENRYK HIELSCHER
Von Henryk Hielscher

DER SPIEGEL 29/2005
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