SPIEGEL: Sie waren albanischer Präsident von 1992 bis 1997 und hatten damals den Ruf eines Tyrannen. Jetzt feiern Sie ein Comeback - als Demokrat?
Berisha: Ich trat 1997 zurück, weil wir das Pyramidensystem, das Geldanleger mit hohen Zinsen lockte, toleriert hatten und die Mehrheit der Bevölkerung überzeugt war, meine Regierung habe sich dabei bereichert. Heute ist bewiesen, dass kein einziger hoher Funktionär der Demokratischen Partei in diese Geschäfte verwickelt war. Das Gros der Profiteure waren ehemalige Geheimdienstler und Mitglieder der Sozialistischen Partei.
SPIEGEL: Als Premier dürften Ihre Sorgen diesmal kaum geringer ausfallen. Korruption ist allgegenwärtig, Albanien gilt in Europa als Zentrum des Drogenschmuggels und Hort der Organisierten Kriminalität.
Berisha: Die Korruption stieg seit 1997 gewaltig an. Ich werde sie in zwei bis drei Jahren auf ein akzeptables Niveau senken, dafür wird es neue Gesetze geben. Die Macht darf nicht mehr genutzt werden, um über Nacht reich zu werden; Minister müssen ihre Firmen verkaufen. Wir werden sämtliche Monopole in Albanien auflösen, die unter dem Schutz der Regierung entstanden sind.
SPIEGEL: Müssen Sie da, wenn die bislang unbewiesenen Vorwürfe zutreffen, nicht gleich bei dem abgewählten Regierungschef Fatos Nano beginnen? Ihm werfen Sie vor, die Korruption zum Staatssystem gemacht zu haben.
Berisha: Es macht keinen guten Eindruck, wenn man den künftigen Oppositionsführer verhaften lässt, obwohl sich Nano nichts sehnlicher als die Märtyrer-Rolle wünscht. Dass er der Kopf eines länderübergreifenden Bestechungssystems war, weiß jeder. Woher käme sonst sein sagenhafter Reichtum? Wie könnte er sonst Hunderttausende Euro in Spielcasinos ausgeben? Nano besitzt ein Transportunternehmen mit Helikoptern, dessen Hauptkunden die berüchtigtsten Drogendealer von Albanien sind. Sie transportieren Heroin und Kokain durch Albanien nach Kukes und von dort in die Nachbarländer.
SPIEGEL: Das haben Sie schon im Wahlkampf behauptet.
Berisha: Unser Land wird von den Drogen ruiniert. Im Jahr 2004 wurden an der Grenze zu Italien allein zehn Tonnen Heroin und Kokain aus Albanien konfisziert. Nur, seien wir ehrlich: Albanien konnte in den vergangenen acht Jahren nur deshalb ein Dorado für Heroin und Kokain werden, weil der Staat dahinterstand.
SPIEGEL: Ein Drittel der in Europa konsumierten Drogen wird laut Europol durch Albanien geschleust. Werden Sie die Mafiabosse verhaften?
Berisha: Allesamt. Wie hoch auch immer der Preis ist, ich werde ihn bezahlen.
SPIEGEL: Sie werden gute Bodyguards brauchen.
Berisha: Natürlich sind diese Narko-Bosse äußerst brutal. Selbst Minister werden per SMS erpresst. Man droht, sie als Geisel zu nehmen, falls sie Drogengeschäfte verhindern. Aber es kann doch nicht angehen, dass unser Wirtschaftswachstum vor allem auf Drogenhandel basiert. Wir wollen ein sicheres Land werden, um ausländische Investitionen insbesondere für unsere Infrastruktur, die auf dem Niveau der Dritten Welt ist, zu bekommen und um für die EU akzeptabel zu werden.
SPIEGEL: Vor 2015 wird es da wohl kaum eine Chance für eine Mitgliedschaft geben.
Berisha: Mein Ziel ist: EU-Beitritt in fünf Jahren. Im nächsten Jahr wollen wir bereits Nato-Mitgliedstaat werden.
SPIEGEL: Ihren Wahlsieg verdanken Sie auch amerikanischen Beratern. Sehen Sie in den USA auch weiterhin den entscheidenden Faktor für die Zukunft des Balkan?
Berisha: Die Amerikaner sind zweifellos unsere speziellen Freunde, und wir haben eine historische Schuld gegenüber den USA, weil sie das Kosovo befreit haben.
SPIEGEL: Hoffen Sie langfristig auf eine Vereinigung zwischen Albanien und dem Kosovo?
Berisha: Bis Anfang der achtziger Jahre war die Vereinigung für alle Albaner das große Ziel. Mittlerweile herrschen in Tirana und Pristina unterschiedliche Bedingungen. Ich glaube, dass unsere Landsleute dort jetzt einen eigenen Staat bevorzugen. Das ist im Moment auch die beste Lösung.
DER SPIEGEL 29/2005
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