18.07.2005

Die Kinderflüsterer

Ein Heer von Super Nannys, Erziehungsberatern und Pädagogen will Eltern dabei helfen, ihre Kinder zu erziehen - mit ziemlich widersprüchlichen Empfehlungen. Von Lothar Gorris
Im Wohnzimmer von Nicole und Gordon hängen große Pappen an der Wand, auf weißen Kartonbögen hat jemand mit schwarzem Edding und in klaren, großen Druckbuchstaben den Plan für das neue Leben der Familie Schönebeck aufgeschrieben. "Elternregeln" steht auf dem einen Karton.
Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern.
Die Kinder werden nicht gehauen.
Die Kinder werden nicht angeschrien.
Es muss mit den Kindern gesprochen werden.
Die Kinder brauchen frische Luft.
Das sind die Regeln. Die letzte Regel heißt: Der Tagesablauf muss eingehalten werden.
"Tagesablauf" steht auf der anderen Pappe.
7.30 Uhr Aufstehen.
8.30 Uhr Gemeinsames Frühstück.
9 Uhr Kinder in die Kita und zur Tagesmutter, Eltern organisieren den Haushalt und die Freizeit (Einkaufen, Wohnung aufräumen, Wäsche, TV, PC).
15 Uhr Kinder kommen nach Hause, Nachmittagsplanung, Beschäftigung mit den Kindern.
17.45 Uhr Abendbrot, danach Zähneputzen.
18.30 Uhr Vorlesen und Kuscheln.
19 Uhr Bettzeit für Jeremy und Philip.
19.15 Uhr Freizeit für Nicole und Gordon.
Auf einer Kommode hat Nicole ihre alten Puppen hingesetzt. Sie tragen Festtagsgarderobe, Hochzeitskleider. An einer Wand im Flur kleben Gordons bunte Spielzeugtrucks, original verpackt, die Wand sieht aus wie eine vollgeparkte Autobahnraststätte, auf einem Bücherbord stehen kleine Ferraris, Porsches, ein Jaguar E-Type und ein VW Touareg. Nicole ist 23 Jahre alt, Gordon 27, sie haben zwei Kinder, Jeremy ist zwei, Philip ein Jahr.
Katharina Saalfrank, die "Super Nanny" von RTL, hat die Poster aufgehängt, sie sitzen zu dritt im Wohnzimmer, sie war vor ein paar Monaten schon mal bei den Schönebecks in Hellersdorf, im Osten von Berlin, da, wo die Stadt nur noch ein einziger Plattenbau ist. Sie hat einen Esstisch gekauft, Regeln aufgestellt, den Tagesablauf geplant und den Kampf aufgenommen gegen die Gewalt und das Schreien, gegen die Verwahrlosung und Agonie. Die Sendung damals haben 4,4 Millionen Menschen gesehen. Saalfrank ist jetzt wieder da, um für eine neue Folge die Fortschritte zu begutachten.
Sie trägt ihre Dienstkleidung, eine weiße Bluse und einen dunklen Pullunder. Nicole und Gordon haben T-Shirt und Sporthosen an, Nicole leidet unter Rückenschmerzen, sie hat zehn Kilogramm Übergewicht, mindestens, Gordon trägt ein Piercing in der rechten Augenbraue, eins unterm Mund. Die Kamera läuft, das Abschlussgespräch. Die Wohnung ist jetzt sauber, das Schreien weniger geworden, der Hamster lebt auf dem Balkon, die Steckdosen sind kindersicher.
Der Plan wird eingehalten.
"Ihr seid noch nicht am Ziel", sagt Saalfrank, die beiden nicken. Früher hat sie in einer Psychiatrischen Klinik mit verhaltensauffälligen Kindern gearbeitet oder für 500 Euro im Monat auf einer Intensivstation Musiktherapie für Kinder gemacht. Jetzt bringt sie den Deutschen bei, wie sie ihre Kinder erziehen sollen.
Katharina Saalfrank ist dabei zwischen die Fronten eines großen Kampfes geraten, sie ist in ein Revier eingebrochen, das andere schon längst aufgeteilt haben. Sogar die Familienministerin hat sich eingeschaltet,
sie alle halten nichts von Super Nanny und werfen ihr vor, Kinder zu instrumentalisieren und zu drillen. Es ist ein Kampf, der an andere Kämpfe in dieser Gesellschaft erinnert, einer Gesellschaft, die nicht mehr weiß, was richtig ist und was falsch.
750 Millionen Euro sind im vergangenen Jahr für Erziehungsbücher und Zeitschriften ausgegeben worden. 750 Millionen Euro, das ist viel Geld, und als Philipp Schoeller einem Verlag in München vorschlug, sein Buch "Coaching Kids" zu veröffentlichen, machten die Leute vom Verlag erst einmal eine kleine Marktforschung. Sie zählten 360 Titel, 360 Erziehungsberater, Handreichungen, Philosophien, Methoden, Tricks und Tipps, ein Ozean von Ideologien und Konzepten, in dem man ertrinken kann. Sie haben Schoellers Buch trotzdem veröffentlicht, es ist der 361. Erziehungsberater, und Philipp Schoeller gehört jetzt auch zu den Kinderflüsterern in diesem Land.
Schoeller ist das genaue Gegenteil von Katharina Saalfrank, er ist ein Laie, ein Freizeitpädagoge. "Das Buch", sagt er, "ist eine rein persönliche Berichterstattung." Er sagt auch, dass es ein ziemlich skurriles Buch sei, ein Buch, das eigentlich Pädagogen oder Mütter hätten schreiben müssen.
Schoeller trägt englische Sakkos und rote Pullover, sein Büro ist ein kleines Blackberry-Handy, das ständig neue E-Mails meldet. Wenn er sich für ein paar Minuten hinsetzt, beginnen die Muskeln seiner Beine bald zu zittern vor zu viel Energie. Zusammen mit einem Freund führt er in München eine Private-Equity-Firma, sie heißt General Capital Group und will Managern dabei helfen, das Unternehmen, dem sie dienen, selbst zu übernehmen. Er besorgt den Managern Kapital und schießt selbst eigenes dazu, seine Honorare und Dienstleistungen lässt er sich in Anteilen auszahlen, und wenn so ein Deal klappt, bekommt das Unternehmen ziemlich bald ein neues Gesicht. Wahrscheinlich hat Müntefering Leute wie ihn gemeint, als er über Heuschrecken klagte.
Zum Treffen im Deutschen Museum in München kommt Schoeller eine Stunde zu spät, weil er seinen Sohn noch im Kindergarten abholen musste. Carli ist drei Jahre alt, seine Mutter ist Perserin, er hat dunkle Haare, dunkle Augen, er besucht einen sogenannten Waldkindergarten in einem Vorort von München. Es ist ein privater Kindergarten und eher eine Idee als eine Institution. Er besteht aus zwei Erziehern, ein paar Kindern und einem alten Bauwagen. Egal ob Winter oder Sommer, Regen oder Schnee, die Kinder sind die ganze Zeit in der Natur, sie bauen sich ihr Spielzeug selbst, mittags gibt es Suppe im Bauwagen. Schoeller musste Carli erst im Wald suchen. "Im Kinderzimmer", sagt er, "müssen Kinder erst ein künstliches Chaos erzeugen, um nicht gegen die Wand zu laufen, hier leben sie im natürlichen Chaos des Waldes."
Schoeller ist Ingenieur der Elektrotechnik, er hat auf der Eliteschule Fontainebleau bei Paris seinen Master in Business Administration gemacht. Er hat in London für Boston Consulting gearbeitet und schon während seines Studiums die ersten Firmen gegründet und gekauft und später Start-ups an die Börse gebracht.
Das Einzige, das nicht zielstrebig ist im Leben von Philipp Schoeller, ist sein Familienleben. Sein Vater starb, da war er 13. Er hat vier echte Geschwister, vier halbe und zwei Stiefgeschwister. Von drei Frauen hat er vier Kinder, sie sind zwei, drei, fünf und neun Jahre alt, er hat 40 Neffen und Nichten und vier Patenkinder, das Patchwork, in dem er lebt, ist ein Irrgarten.
Schoeller hat sich entschieden, seine familiären Probleme so zu lösen, wie er die Probleme in seinem Berufsleben löst. Er hat einen Plan gemacht. Er hat recherchiert, sich eine eigene Philosophie zusammengedacht. Er hat sich entschieden, nicht nur im Beruf ein Professional zu sein, sondern auch als Vater - einer, der seine Familie führt wie ein moderner Unternehmer, im Team. "Die Frage ist doch: Sind Kinder nicht meine besten Kunden?"
Er hat die Mütter seiner Kinder davon überzeugt, seine Philosophie zu übernehmen, und auch einige seiner Verwandten und Freunde. Interessierten schickt er per E-Mail eine Powerpoint-Präsentation seiner Thesen zu. Sein Buch liest sich wie eines dieser Managerbücher für Angestellte mit Ambitionen, es ist voll mit Anekdoten und Bonmots, die Kapitel sind kurz, kleine Kästchen fassen das Wichtigste zusammen.
Die Essenz von Schoellers Idee: "Ich finde das Wort Erziehen schrecklich. Stattdessen rede ich von Ermutigen und Ermöglichen." Er will seinen Kindern ihren Rhythmus lassen, sie nicht eingrenzen, sie sollen selbst ihre eigene Welt gestalten. Er nennt es die neue kreative Kindererziehung, er redet vom Dialog auf Augenhöhe. Er will auf Jas und Neins verzichten, keinen Kampf um Grenzen führen, sondern die Kunst der Verhandlung etablieren. Er möchte Vertrauen schaffen durch Hilfe zur Selbsthilfe. Der Vater soll Freund und kein Diktator sein. Seitdem er seine Kinder so erzieht, sagt Schoeller, sei sein Leben stressfreier und harmonischer geworden.
Die Heuschrecke redet wie ein romantischer 68er.
Links, rechts, alles verschiebt sich. War Kohl nicht sozialdemokratischer als Schröder? Das Wissen, sagt Schoeller, ist austauschbar geworden, es liegt in Datenbanken, und nur in einem Punkt ist die Erste Welt noch führend: bei den sozialen Fähigkeiten. Emotionale Intelligenz, das Vermögen zur Moderation, die Freude an der Verhandlung, die Kraft zu überzeugen.
Im Restaurant des Deutschen Museums will Carli ein Eis mit Smarties, er will nicht
nur eins, sondern gleich zwei und am besten noch eine Murmel aus dem Automaten. Sie verhandeln ziemlich lange, sie einigen sich darauf, dass Carli erst mal loszieht und sich ein Eis kauft und eine Murmel. Später darf Carli sich auch das zweite Eis kaufen, es schmilzt zur Hälfte, er ist längst satt. Kein Geschrei, kein Stress, Schoeller nennt so etwas eine Win-win-Situation.
Er findet, dass es kein Tabu mehr sein darf, was in unseren vier Wänden passiert. Alle Eltern müssten in der Lage sein, ihre Philosophie zu erläutern. Am liebsten würde er einen Qualitätsstandard etablieren, so eine Art ISO 9000 für Kindererziehung.
"Das alles", sagt er, "ist ein großer Brei, es gibt keine sicheren Instinkte mehr. Und am besten wäre es, wenn Familien wenigstens ihr Kindergeld in Elternkurse steckten."
Würde sein Buch eigentlich auch bei den Schönebecks in Hellersdorf funktionieren?
"Natürlich nicht", sagt Schoeller. "Da fehlt jede Basis."
600 Kilometer weit entfernt von Hellersdorf, weit unten im Süden und weit oben in der Gesellschaft, sitzt Bernhard Bueb in seinem Büro auf Schloss Salem, Türe, Schränke, Fenster, alles buntbemalter Barock aus dem 17. Jahrhundert, an ihm vorbei blickt man hinaus auf den Hof der Schlossanlage, auf das Münster, das Trompe-l'OEil auf den Fassaden, Wiesen, grüne Bäume. Bueb trägt Sakko, helle Hose und Krawatte, er trägt immer Krawatte. Er war der Leiter des Internats von Schloss Salem, 31 Jahre lang, der 8. Juli war sein letzter Tag, es gab eine große Abschiedsfeier, viel Prominenz war da, auch aus Wirtschaft und Politik.
Sie waren gekommen, weil Bueb für sie ein ganz besonders weiser Kinderflüsterer ist. Die Frage ist nur, ob er ein Mann der Vergangenheit oder doch der Zukunft ist.
Salem gilt als eines der besten Internate des Landes, der Schulbesuch kostet 26 000 Euro im Jahr. Ein Drittel der 680 Schüler auf Salem werden durch Stipendien für Hochbegabte gefördert.
Das Leben im Internat ist ein einziges Ritual, man braucht hier keine Pappen an der Wand. Wecken, Morgenlauf, Frühstück, Gebete, Mittagessen, Stille Stunde, Soziale Dienste, Sport, Bettruhe, der ganze Tag ein einziger Plan. Anstand und Respekt, Höflichkeit und Disziplin sind große Worte auf Salem. Alkohol ist verboten, wer abends spät zurückkehrt ins Internat, muss in den Alko-Tester pusten. Morgens wird in Mittel- und Oberstufe je ein Schüler zum Urintest ausgelost, werden Drogen nachgewiesen, ist die Zeit auf Salem zu Ende.
Ist das nicht etwas viel Misstrauen?
"Ganz im Gegenteil", sagt Bueb, 66 Jahre alt, hohe Stirn, langes weißes Haar, schmale Lippen, das Gesicht eines Stoikers, man weiß nie, ob er nicht vielleicht doch Witze macht, der Hund schnarcht auf dem Teppich. Das Misstrauen hat es gegeben, bevor der Drogentest auf Salem eingeführt wurde, jetzt wissen sie, dass keiner es wagt, jetzt gibt es Vertrauen.
Als Bueb 1974 nach Salem kam, glaubte er noch an die romantischen Ideen Rousseaus. Er hatte auf der Jesuiten-Hochschule in München Philosophie studiert, danach zwei Jahre als Lehrer auf der berühmten Odenwaldschule gearbeitet, einer der bekanntesten Reformschulen Deutschlands. Bueb glaubte damals, dass ein Lehrer ein Gärtner ist, der die Pflanzen gießt und sie dann gedeihen lässt.
Salem war 1974 nur noch ein Trümmerhaufen. Die Schuluniformen waren abgeschafft, die Rituale ebenso, Alkohol, Drogen überall, die Stelle des Internatsleiters seit Jahren nur kommissarisch besetzt. "Salem", sagt Bueb, "war nicht vorbereitet auf 68 und die Folgen. Da herrschte noch der Offiziersgeist der Weimarer Republik." Heute beschreibt sich Bueb nicht mehr als Gärtner, sondern als Bildhauer. Als jemand, der aus groben Steinen feine Formen meißelt. Kurz vor Pfingsten hat das Parlament der Schüler von Salem entschieden, dass die Mittelstufe im neuen Schuljahr zur Schuluniform zurückkehren wird. Die 11. Klasse, sagt Bueb, will sogar Jacketts tragen.
Seit 31 Jahren kämpft er seinen Kampf, gegen Eltern, die versagen, und gegen das Fernsehen und Computer, seine größten Feinde, weil sie verführen zum passiv erlebten Glück, das kein Glück auf Dauer ist, und weil sie längst schon den Eltern das Erziehen abgenommen haben.
In diesem Kampf ist er ein ziemlich lauter Krieger geworden. In Artikeln und Vorträgen schreibt und redet er vom Geist der 68er, die das Dritte Reich überwinden wollten, indem sie alles anders machten und auch das zerstörten, was sinnvoll war. Zum Beispiel den Konsens darüber, wie man Kinder erzieht.
Bueb ist einerseits ein Konservativer, er glaubt an Subordination und spricht vom Recht der Jugend auf Disziplin. Er glaubt an Rituale, an die formende Kraft eines rhythmisierten Alltags und daran, dass ein Erzieher Konflikte nicht vermeiden, sondern suchen muss. Und vor allem glaubt er, dass es am besten wäre, den Eltern, und nicht nur denen aus der Oberschicht, die Erziehung aus der Hand zu nehmen. Nur so, glaubt Bueb, der Progressive, sei die unheilvolle Allianz aus Bildung und sozialer Herkunft zu verhindern. Es sei, sagt er, die technische Lösung für ein moralisches Problem.
"Die Kraft zum Konflikt haben die Eltern nicht mehr, aber unsere Großeltern hatten sie, weil es einen Konsens gab. Dabei
war gar nicht entscheidend, ob der Konsens richtig oder falsch ist, wichtig war nur, dass es überhaupt einen Konsens gab."
Er sagt, dass der Staat dafür sorgen muss, dass die mangelnde Erziehung in immer seltener intakten Elternhäusern durch eine Erziehung in Gemeinschaften von Lehrenden und Lernenden ergänzt werden muss. Er fordert Ganztagsschulen, als Kultusminister würde er Lehrer dazu verpflichten, den kompletten Arbeitstag an der Schule zu verbringen, er will Sozialdienste einführen, nicht aus moralischer Pflicht, sondern weil es glücklich macht, anderen zu helfen. Man müsse, sagt Bueb, die Kinder zur Fähigkeit erziehen, die Welt zu interpretieren und in dieser Welt mutig zu handeln. Er schimpft auf Wohlstand und fordert Askese. "Maßlosigkeit", sagt Bueb, "ist der Feind der Pädagogik."
Leonie, eine seiner beiden Töchter, ist 16 Jahre alt, sie sei very much sixteen, sagt Bueb. Sie geht wie ihre Schwester seit der fünften Klasse auf das Internat. Sie trägt Polohemden mit hochgestelltem Kragen, sie spricht viel und schnell. Zu Hause, sagt sie, sei ihr Vater ganz anders. "Ich glaube, es ist ganz gut für Papa, wenn ich das mal manage, dass die hier ein anderes Bild von ihm kriegen."
Bueb hat sich lange gewöhnen müssen an den Abschied. "Wissen Sie, was das Schlimmste ist für uns im Internat? Die langen Sommerferien. Da machen viele Eltern wieder alles kaputt."
600 Kilometer weit entfernt von Salem, ganz oben im Norden, ganz unten in der Gesellschaft, haben die Söhne von Nicole und Gordon in Hellersdorf noch nie erlebt, dass sich die Eltern morgens zur Arbeit verabschiedet haben. Gordon hatte mal eine ABM-Stelle, sie ist ausgelaufen, seitdem bewirbt er sich als Lagerist oder Hausmeister. Sie leben von Hartz IV, bekommen Mietzuschuss. Nicole war, einen Monat nachdem sie Gordon kennen gelernt hatte, schwanger geworden, da war sie 20 Jahre alt. Gordon hat damals Drogen genommen, sie hat ihm ein Ultimatum gestellt, entweder das Kokain oder sie, zweimal ist er rückfällig geworden. Sie haben sich viel gestritten, seit ein paar Monaten machen sie eine Paartherapie, auch die zahlt der Staat. Es war Nicoles Idee, sich bei "Super Nanny" zu bewerben. 2000 Euro bekommt jede Familie, die sich filmen lässt. Jetzt haben sie eine neue Couch gekauft und einen neuen Buggy.
Die Schönebecks hatten keine Angst vor RTL, ihr ganzes Leben hat ja aus Fernsehen bestanden, jetzt ist es auch noch ihr Erzieher. Zum ersten Mal hat ihnen jemand gesagt, was sie falsch und was sie richtig machen. Zum ersten Mal hat ihnen jemand in den Hintern getreten: Eure Kinder sind normal, ihr seid es nicht.
Früher haben sie ihre Jungs nur überwacht und darauf gewartet, dass es endlich Abend wird. Jetzt haben sie etwas, das ihr Leben ausfüllt, es ist der Tagesablauf, der in ihrem Wohnzimmer hängt.
In den neun Monaten ihres neuen Lebens hat Katharina Saalfrank rund 20 Familien erlebt, fast alles Familien aus der Unterschicht, sie ist auf einer Reise durch Deutschland ganz unten. Hundert Stunden verbringt sie im Schnitt bei den Familien, viel mehr, als sie in ihren früheren Jobs jemals mit ihren Patienten verbracht hat. Zwei Wochen lang bleibt Saalfrank bei einer Familie, von morgens, wenn die Kinder aufstehen, bis abends, wenn sie schlafen. Wenn jemand weiß, was in Familien schief läuft, dann ist sie es, sie erforscht den alltäglichen Kampf und den Frust des Versagens. Aber woher nimmt sie die Gewissheit, wie man richtig erzieht?
Der Vater von Katharina Saalfrank ist Pfarrer in Wiesbaden, ihre Mutter Oberstudienrätin. Zu Hause gab es gemeinsame Lieder, Gebete und Gespräche über Bücher. Sie hat dann rebelliert gegen ihr Leben in der ersten Kirchenreihe und später ihr Abitur nachgeholt, da war sie 21 und schon das erste Mal schwanger. Zwölf Jahre ist das her, und seitdem hat sie zwei Studien abgeschlossen, als Pädagogin und Musiktherapeutin, und insgesamt vier Söhne geboren. Ihr Mann ist Musikwissenschaftler, der die meiste Zeit zu Hause arbeitet. Sie leben seit fünf Jahren in Friedrichshain, der Älteste geht auf eine der wenigen Berliner Eliteschulen, er fährt jeden Morgen durch die halbe Stadt. Alle vier Jungs singen im Domchor. Sie ist Mitglied der SPD, sie weiß, was sie will, das alles schafft man nur, wenn man ziemlich willensstark ist.
Katharina Saalfrank hatte schon immer einen Plan. Sie macht richtig, was die Familien, die sie besucht, falsch machen. Sie weiß, wie man Kinder erzieht, man kann lernen von ihr, auch wenn man nicht arbeitslos ist. Liefe ihre Sendung im WDR, sie hätte schon den Grimme-Preis.
Saalfrank redet von den drei Säulen der Erziehung, von Liebe, von Alltagsgestaltung und von Regeln, davon, dass Werte und Rituale Selbstverständlichkeiten seien und es darauf ankomme, das rechte Maß zu wählen zwischen laissez faire und autoritär und den richtigen Weg zu finden, Kinder ernst zu nehmen, sie liebevoll zu erziehen, aber ihnen gleichzeitig Respekt und Achtung beizubringen. Manchmal, sagt Katharina Saalfrank, klinge sie wie ihr Papa von der Kanzel. "Wir müssen das, was in den Familien passiert, als Normalität begreifen, eine Normalität, in der es keine Fehler gibt, sondern nur Situationen, die schwierig sind. Eines ist doch klar: Die Menschwerdung erfolgt erst dann, wenn wir eigene Kinder bekommen und erziehen."
Das Abschlussgespräch im Wohnzimmer von Nicole und Gordon ist noch nicht zu Ende, die beiden sehen aus, als hockten sie auf einer Strafbank.
"Drei Dinge sind wichtig", sagt Katharina Saalfrank. "Erstens: eure Kinder, zweitens: eure Beziehung, drittens: eure Zukunft. Ihr braucht Pläne, ihr müsst aus eurer Starre raus." Die Schönebecks brauchen keinen Kinderflüsterer, sondern einen Elternflüsterer.
Von Lothar Gorris

DER SPIEGEL 29/2005
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