DER SPIEGEL



ROBOTER

Peitschenhieb per Joystick

Von Schmundt, Hilmar

Der Golfstaat Katar will das Kamelrennen revolutionieren: Seit voriger Woche werden mehrere Dromedare per Roboter durch die Wüste gelenkt. Die eingesessenen Kamelbesitzer sind entsetzt.

Die Luft flimmert über dem gleißenden Sand der Kamelrennbahn. Was sich hier draußen bei 45 Grad Celsius in der Wüste vor der Stadt Doha abspielt, wirkt wie eine futuristische Fata Morgana. In der Ferne galoppiert ein Dromedar in vollem Tempo über die Bahn. Doch statt eines Menschen hockt ein Roboter hinter dem Höcker, schwingt die Peitsche, zieht die Zügel und hupt wie wild.

"Fünf Minuten dreizehn auf drei Kilometer, nicht schlecht", sagt Raschid Ali Ibrahim und zupft sein Gutra-Kopftuch zurecht, während das Dromedar mit Schaum vorm Maul ins Ziel läuft. Kamelbesitzer und Touristen stehen dabei, staunen und fotografieren mit ihren Handys.

Raschid Ali Ibrahim ist zufrieden. Als technischer Leiter des Experiments hat er den Segen des Königs von Katar. Der sieht in dem kleinen Kerl aus Stahl und Plastik einen Vorreiter der Zukunft seines Landes.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren, dass bei Kamelrennen Kindersklaven als Jockeys missbraucht werden, weil sie leicht sind, billig und weil ihre schrillen Stimmchen sich gut zum Antreiben eignen. Oft werden die Kinder aus dem Sudan oder Pakistan eingeschmuggelt und schon mit weniger als vier Jahren auf Kamele gebunden, mit Gefahr für Leib und Leben. US-Außenministerin Condoleezza Rice drohte daher mit Sanktionen, wenn dieser Sklaverei nicht ein Ende gesetzt werde.

Scheich Hamad, der Herrscher des kleinen Landes, stand unter Handlungsdruck. Ähnlich überraschend wie er 1995 seinen Vater mit einem unblutigen Staatsstreich entmachtete, als der auf Urlaub in Europa weilte, setzte er im Mai dieses Jahres "Gesetz Nummer 22" in Kraft. Wer seitdem minderjährige Jockeys einsetzt, dem drohen zwischen drei und zehn Jahren Haft.

Doch die Abschaffung der Kinderarbeit ist nur die eine Hälfte des Plans. "Katar braucht in Zukunft mehr als nur Öl und Gas", sagt Ibrahim, als er sich in die Bürobaracke am Rande der Rennbahn zurückgezogen hat, wo vier Klimaanlagen für angenehm kühle 30 Grad sorgen. "Der Jockeyroboter steht für diese Zukunft."

Wenn die Kamelrennsaison am 6. Oktober beginnt, will er 50 Jockeyroboter bereit haben, bis Ende des Jahres sollen es 120 sein. Hinter der Baracke wird gerade das Fundament für das neue "Robot Jockey Center" gelegt. "Unsere Roboter sind auch für den Export geeignet", sagt Ibrahim.

"Raschid? Wollen wir deine Prüfung machen?", tönt es von jenseits der Schiebetür. Er tritt ins Allerheiligste des Entwicklerteams ein: Drei Schweizer Ingenieure hocken in Polohemden und kurzen Hosen an den von ihnen entwickelten Automaten.

Über eine Million Euro hat die Entwicklung gekostet - eine bescheidene Summe für den Staat Katar, in dem das Pro-Kopf-Einkommen so hoch wie in kaum einem anderen Land der Welt ist. Bevor das Roboterprojekt abgenommen wird, will auch Ibrahim, der Chef der Unternehmung, lernen, ein Kamel fernzusteuern.

Auf dem Schoß hat er einen kleinen grauen Kasten, der aussieht wie die Fernbedienung eines Modellflugzeugs, mit ein paar Reglern, Knöpfen und einem Joystick.

"Was machen Sie vor dem Start?", fragt der Kamelfahrlehrer. Ibrahim dreht den Zündschlüssel. Die Funkverbindung wird aufgebaut, der stählerne Kameljockey knistert leise. "Peitschen Sie hinten." Er zieht den Joystick mit Daumen und Zeigefinger, der Roboter fährt seinen rechten Arm nach hinten und knallt mit der Peitsche gegen die Kiste, auf der er steht. Dann lässt der Prüfling die Peitsche einmal rotieren, hupt, startet den Rechner neu - und zwei Minuten später bekommt er seinen Kamelführerschein ausgehändigt, mit dem umständlichen Namen: "Robotic Camel Jockey Trainer Certificate".

Es folgen sieben weitere Prüfungen. Irgendwann gibt es Mittagessen: Beherzt greifen die Prüflinge zu, gegessen wird mit den Händen. Die drei Schweizer bleiben lieber im Raum nebenan, trinken Cola und mampfen nichts als Schokoriegel.

"Die Mentalitätsunterschiede sind schon enorm", sagt Alexandre Colot auf Französisch - der kräftige Ingenieur mit dem starken Sonnenbrand kommt aus der Nähe von Genf, dort wo die Schweiz am ordentlichsten wirkt.

Colot, 27, leitet die Roboterentwicklung von der Schweizer Seite aus. Für seine Doktorarbeit setzte er Mini-Roboter in eine Kolonie von Schaben, um zu sehen, wie beide aufeinander reagieren. Dann arbeitete er für die Uhrenfirma Rolex, bevor er zur mittelständischen Roboterfirma K-Team stieß. Und nun steht er hier in der Wüste und vergibt Kamelführerscheine.

Die überraschende Zusammenarbeit begann im September 2003 mit einer E-Mail aus Katar: Ob man sich vorstellen könne, einen Jockeybot zu entwickeln. Seit 2002 hatten Bastler aus dem Umfeld der Luftwaffe von Katar an einem Kamelroboter herumgetüftelt. Heraus kam ein 27 Kilogramm schweres Monstrum, gelenkt von einer Modellflugzeug-Fernbedienung. Als der stählerne Frankenstein, auf ein Kamel geschnallt, den ersten Peitschenhieb führte, drehte das Tier durch, stürzte, und brach sich ein Bein - so lauten zumindest hartnäckige Gerüchte, die allerdings von offizieller Seite ebenso hartnäckig dementiert werden. Verbürgt ist nur, dass der zuständige Luftwaffenmajor Raschid Ali Ibrahim im Ausland Hilfe suchte - und fand.

Rasch wurde man mit der Firma K-Team einig. Colot übernahm die Leitung, reiste in den Wüstenstaat, filmte Kamelrennen, studierte die Verhaltensmuster der Tiere mit einem zehnköpfigen Team, das zwei Biologen umfasste, und baute in nur zwei Jahren KAMEL. "Das ist der erste mobile Roboter, der Menschen bei komplexen Tätigkeiten ersetzt", wie Colot schwärmt.

Von außen wirkt das Gerät unscheinbar: ein Stahlrahmen mit einem Plastikkasten in der Mitte, in dem ein Linux-Rechner sitzt. Der linke Stahlarm hält die Zügel, der rechte die Peitsche. Der Plastikkopf trägt einen Helm - um den Kamelen das Gefühl zu geben, einen echten Menschen zu tragen.

Gemessen daran, dass Kamele, im Gegensatz etwa zu Pferden, legendär störrisch und aggressiv sein können, funktioniert der Prototyp erstaunlich gut - abgesehen von einer Funkstörung hier oder einem gelösten Zügel dort.

Doch der Roboter ist nicht nur ein technisches, sondern vor allem ein kulturelles Experiment - und hier lauern wohl die größten Tücken. Das lässt sich beobachten,

wenn die Schweizer Robotiker versuchen, die Kameltreiber zur Präzision zu erziehen, und etwa die Sattelstellung mit der Wasserwaage nachmessen. Schließlich überreichen sie dann doch die Lizenz zum Satteln, ein Papier mit dem Titel "Robotic Camel Jockey Saddle Fitter Certificate".

So kurz die Prüfungen selbst sind, so lange dauert die anschließende Diskussion. Wild gestikulierend fordern die Kamelbesitzer: Die Schlagkraft der Peitsche soll stärker, die Hupe lauter, der Roboter leichter werden, Geld spiele keine Rolle, frei nach dem Motto: "Pimp my Camel". Über technische und tierschützerische Bedenken der Schweizer können sie nur lachen.

Doch Konkurrenz müssen die Roboterjockeys kaum fürchten: Die laut Gesetz 22 legalen 18-jährigen Jockeys würden mit rund 45 Kilogramm das Dreifache der Maschinen wiegen und hätten deshalb kaum eine Chance.

Der eigentliche Kulturbruch geht indes eher durch die Gemeinde der Kamelbesitzer. Die meisten der Kamelführerschein-Anwärter sind Mitte Zwanzig, genau wie die Ingenieure. Für die älteren Kamelfans stellen diese Kamelkonsolenkids so etwas wie den Untergang des Morgenlandes dar.

"Was soll der Quatsch, Kamele sind doch nicht dumm, die kann man vielleicht ein paar Male mit einem Roboter betrügen, aber dann merken die, was los ist, und machen, was sie wollen", schimpft Salih Ali al-Marri. Als es dämmert, sitzt er mit anderen Kamelbesitzern in einer Hütte zwischen den Ställen barfuß auf dem Teppich, trinkt gesüßte Kamelmilch aus einer Tasse und schaut im Fernsehen Fußball. "Scheich Hamad hätte wenigstens eine Übergangsfrist einräumen sollen für das Gesetz."

Der Marktwert seiner Rennkamele sei eingebrochen durch die Roboter, sagt Marri. "Diese Roboter sind ein viel zu großes Risiko für Rennkamele, die oft weit über eine Million Dollar kosten." Und wenn die Kinderjockeys arbeitslos würden, müssten ihre Familien im Sudan hungern, sagt einer. Die Runde nickt. Dass Menschenrechtsorganisationen das für eine zynische Verdrehung halten, lassen sie nicht gelten. Vor allem aber ärgert sie die Abwertung des Kamels als männliches Statussymbol: "Diese Roboter sind doch nichts als Kinderspielzeug!"

"Genau, diese Roboter sind so leicht zu bedienen wie Kinderspielzeug", ruft Dschassim al-Ali am nächsten Tag mit jungenhaftem Grinsen, "das ist ja das Coole!" Er greift eine Kamelfernbedienung und springt in den klimatisierten Geländewagen eines Freundes. Mit zwei Fingern kippt er den Joystick, der Roboter zehn Meter neben ihm holt aus, das Kamel zuckt und fällt in Galopp. Sein Fahrzeug rast in einem Tross aus 30 Geländewagen neben den drei reitenden Robotern her. "Jalla, jalla!", kreischt Ali albern wie ein hysterischer Teenie, "Los, los!" HILMAR SCHMUNDT


DER SPIEGEL 29/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 29/2005

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

ROBOTER:
Peitschenhieb per Joystick

TOP



TOP