Von Traufetter, Gerald
Eines hat sich im Leben von Ronny Ziesmer nicht verändert: Er trainiert seine Muskeln für die möglichst perfekte Beherrschung des Körpers. Einzig die Maßstäbe haben sich gewandelt.
Früher katapultierte er seinen Leib vom Reck zwei Meter hoch in die Luft. Jetzt presst er seinen Arm 30 Zentimeter in die Höhe und stöhnt dabei vor Anstrengung. Sein Arzt stemmt sich mit der Hand dagegen und misst die Kraft der Aufwärtsbewegung. "Jetzt mach mal richtig", spornt Andreas Niedeggen seinen 25-jährigen Patienten an.
Früher hat Ziesmer Titel damit gewonnen, dass er seinen Kopf unter den Beinen hindurchtauchen lassen konnte. Nun erfordert es seinen ganzen eisernen Willen, den Arm gerade auszustrecken.
Ziesmer war Turner, ein Profi, Deutscher Meister. Den letzten Sprung seines Lebens machte er bei der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2004 in Athen.
Es war die wohl gefürchtetste Übung seiner Disziplin, der Tsukahara. Leider habe er den Salto nicht mit den Füßen abgefangen, sondern "ausschließlich mit dem Hals", sagt Ziesmer. Das war am 12.
Juli 2004, und genau ein Jahr später trifft der Sportler aus Cottbus den Arzt, der damals im Unfallkrankenhaus Berlin seine Querschnittslähmung behandelt hat.
Niedeggen, Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarksverletzte, überprüft nicht nur den Fortschritt seines Reha-Trainings. Ziesmer hat ihn am Jahrestag seines Unfalls aufgesucht, um sich eine neue Behandlung erklären zu lassen, die der Mediziner demnächst gemeinsam mit anderen Rückenmarks-Zentren in Deutschland testen will.
Die Therapie wäre revolutionär. Denn was einst als unheilbare Diagnose galt, könnte durch einen neuen Wirkstoff heilbar werden: Die Ärzte haben die Hoffnung, dass der durchtrennte Rückenmarksstrang unter dem Einfluss eines Medikamentes namens Cordaneurin, zumindest teilweise, wieder zusammenwächst.
Erwiesen ist das bisher nur bei Ratten, und Niedeggen ist zu lange Kliniker, als dass er leichtfertig von einem Wundermittel sprechen würde. Doch der 51-Jährige verhehlt nicht, dass sich in seiner Zunft erstmals Optimismus breit macht. Das Leiden der Querschnittsgelähmten könnte schon bald nicht mehr nur mit Physiotherapie oder wendigen Rollstühlen gelindert, sondern an der Wurzel angepackt werden.
"Unser Verfahren ist reif für Tests am Menschen", sagt Hans Werner Müller, Neurobiologe am Universitätsklinikum Düsseldorf, der Cordaneurin für einen Einsatz am Rückenmark vorbereitet hat.
Und Müller, Chef der Firma Neuraxo-Biotec, ist nicht allein. Gut ein Dutzend Forschergruppen weltweit arbeiten derzeit an potentiell bahnbrechenden Ansätzen zur Heilung von Rückenmarksverletzungen. Die einen greifen zu Antikörpern, andere favorisieren embryonale Stammzellen, mit denen sie eine Brücke schlagen wollen über die wenigen Millimeter zwischen den zwei gekappten Enden des Rückenmarks - Millimeter, die zwischen Laufen und Rollen entscheiden.
1800 Menschen pro Jahr ereilt in Deutschland eine Querschnittslähmung. Sei es, dass sie im Verkehr, beim Sport, bei der Arbeit oder im Haushalt verunglücken oder an der Wirbelsäule erkranken. Eigentlich müsste diese Zahl rückläufig sein. Denn Berufsunfälle sind dank Sicherheitsmaßnahmen am Arbeitsplatz um mehr als ein Drittel gesunken. Dafür nimmt die Zahl der Patienten stark zu, die sich in der Freizeit das Rückenmark zerstören.
"Die Leute haben einfach mehr Zeit für ihre Hobbys und kommen auf die verrücktesten Ideen", sagt Niedeggen. Es ist Sommerzeit, und das bedeutet häufig Überstunden für sein Team. "Nicht selten bringt der Rettungshubschrauber jetzt Jugendliche, die kopfüber in zu niedriges Wasser gesprungen sind."
In Spezialkliniken gelingt es den Medizinern inzwischen, auch einstmals hoffnungslose Fälle zu retten. In seiner Ausbildung hat Niedeggen noch gelernt: "C6 überlebt sechs, C5 nur fünf Tage." C5, das heißt fünfter Halswirbel - dort, wo Ziesmers Rückenmark auf einem Zentimeter Länge zerquetscht ist.
Den Traum, sich wieder mehr bewegen zu können, hat der Ex-Turner nicht aufgegeben. Weil zunächst nur akute Rückenmarksgeschädigte am Test teilnehmen, setzt er seine Hoffnung auf den zweiten Testlauf, wenn auch chronisch Erkrankte mit Cordaneurin behandelt werden sollen.
Bis dahin will er die Lähmung anders bekämpfen: Er will eine Beteiligungsgesellschaft gründen. Cordasan-Gesellschaft
soll sie heißen und wissenschaftliche Studien wie die von Neuraxo unterstützen. 15 Millionen Euro hofft Ziesmer dank seiner Popularität sammeln zu können.
Aufmerksam hört er Niedeggen zu, wie er mit einem Modell der Wirbelsäule in der Hand das Dilemma seiner Patienten erläutert: An anderen Stellen des Körpers wachsen Nervenzellen vollständig nach, nicht jedoch im Rückenmark. Zwar sprießen nach der Verletzung neue Fasern, doch offenbar nicht schnell genug. Wenn sie bis zu der Wunde vorgedrungen sind, hat sich dort bereits eine undurchdringliche Narbe gebildet. "Sie besteht aus Kollagen, einem wahren Molekülgestrüpp, durch das es kein Durchkommen gibt", sagt Niedeggen (siehe Grafik Seite 140).
Und noch ein weiterer Faktor hindert die Nerven an einer neuerlichen Kontaktaufnahme: Spezielle Eiweißmoleküle in der Isolierung der Nervenfasern und an der Kollagenschicht scheinen den sprießenden Fasern zu signalisieren, dass sie ihr Wachstum einstellen sollen. Immer mehr von diesen Wachstumshemmern werden von Molekularbiologen entschlüsselt.
Auf diesen Erkenntnissen bauen die beiden derzeit wohl erfolgversprechendsten Therapieansätze auf. Das Cordaneurin, das Neuraxo-Gründer Müller mit seinem Studienleiter Niedeggen nun am Menschen testen wird, löst das Kollagen auf und könnte so die Bildung der Narbe verzögern. Der Vorteil dieses Pharmazeutikums: Es handelt sich um einen bestens bekannten Wirkstoff, der etwa zur Therapie der Blutkrankheit Thalassämie eingesetzt wird.
Deshalb sind viele toxikologische Untersuchungen nicht nötig. Zusätzlich beschleunigt wird das Verfahren, weil die europäischen Zulassungsbehörde EMEA das Neuraxo-Mittel zur "Orphan drug" erklärt hat. Diesen Status bekommen Stoffe gegen seltene Leiden, Versuche am Menschen werden bei ihnen rascher genehmigt. Diesen Vorsprung hat eine Schweizer Forschungsgruppe nicht. Mit einem völlig neu entwickelten Wirkstoff greift das Team um den Neurobiologen Martin Schwab von der Technischen Hochschule Zürich die wachstumshemmenden Moleküle in der Rückenmarkswunde an. Gegen diese von Schwab Nogo genannten Proteine hat er einen Antikörper gebastelt. "An Primaten konnten wir zeigen, dass das Prinzip funktioniert", sagt Schwab.
Der Nogo-Antikörper wird mit dem Pharmakonzern Novartis entwickelt, der sich davon auch Fortschritte in der Behandlung anderer Nervenleiden wie Parkinson erhofft. Studienbeginn am Menschen könnte noch in diesem Jahr sein.
Noch visionärer sind die Pläne, die Hans Keirstead von der University of California in Irvine schmiedet. Das biblische Wunder, Lahme wieder laufen zu lassen, will er mit embryonalen Stammzellen vollbringen, jenen zellulären Alleskönnern, die derzeit so viele Hoffnungen nähren.
Schon im nächsten Jahr möchte der Neurobiologe den ersten Patienten präparierte Zellen spritzen. Das wäre der erste Menschenversuch mit embryonalen Stammzellen.
Keirsteads Idee ist es, die Stammzellen als eine Art Brücke über die Kluft zwischen dem durchtrennten Nervenstrang zu verwenden. Offensichtlich übernehmen die eingespritzten Zellen nicht selbst die Übermittlung des Nervensignals. Vielmehr könnten sie das Milieu in der Wunde so günstig beeinflussen, dass die Wachstumshemmer ausgeschaltet werden oder die Narbenbildung verzögert wird - also genau das, was Schwab und Müller auch bewirken wollen.
"Ich bin extrem enthusiastisch", sagt Keirstead über seine Methode. Viele seiner Kollegen indes sind skeptisch. Denn die vermeintlichen Wunderzellen könnten das Risiko bergen, zu Tumoren zu entarten. "Man hat einfach noch nicht lange genug studieren können, wie sich diese erst vor einigen Jahren entdeckten Zellen im Organismus entwickeln", warnt Schwab.
Auch Ziesmer weiß um die gefährliche Gratwanderung, auf die er sich mit seiner Cordasan-Gesellschaft begibt. "Die Enttäuschung, wenn wir scheitern sollten, wäre für die Leute fast so heftig wie der Schock der Lähmung selbst", sagt Ziesmer.
Er zwingt sich zur Zurückhaltung. Vielleicht schaffe man ja in 20 Jahren einen Durchbruch, sagt er und hofft, daran nicht nur mit seinem Geld, sondern vielleicht auch seinem Verstand beteiligt zu sein.
Letzte Woche hat sich der ehemalige Sportprofi nämlich an der Fachhochschule Lausitz immatrikuliert - für den Studiengang Biotechnik. GERALD TRAUFETTER
DER SPIEGEL 29/2005
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