02.01.1957

KLAUS MANNEs sind Typen

Auf dem ostzonalen Büchermarkt, der für Schlüsselromane und amüsante Literaturprodukte sonst wenig Spielraum bietet, tauchte kürzlich ein Romanwerk auf, das zwar bereits vor zwanzig Jahren geschrieben, aber vorher in Deutschland noch niemals veröffentlich wurde: Der Ostberliner Aufbau-Verlag verlegte den 1936 im Amsterdamer Querido-Verlag erschienenen Roman "Mephisto" * von Klaus Mann, dem ältesten Sohn des Dichters Thomas Mann.
Es handelt sich dabei um eine verschlüsselte politisch-satirische Sittenchronik aus der Kulissenwelt des deutschen Theaters der dreißiger Jahre, deren Titelheld, "Mephisto", nach der Absicht des Autors wohl karikaturistische Züge des Schauspielers Gustaf Gründgens tragen soll.
Das Erscheinen des "Mephisto" in Ostberlin war für die Freunde der allegorischen Romanliteratur eine zwar geräuschgedämpfte, aber darum nicht minder nachhaltige literarische Sensation. Mit zwanzigjähriger Verspätung ergötzten sich die Deutschen in der Ostzone an den infamen Bosheiten, die der Emigrant Klaus Mann über seinen Helden, den "Mephisto"-Darsteller Hendrik Höfgen, zu Papier gebracht hatte. Binnen weniger Tage war die erste Auflage des "Mephisto" vergriffen. Gewitzte Ostzonen-Buchhändler, die den Handelswert der Klaus-Mann-Pikanterie erkannten, verkauften ihre gehorteten Exemplare später unter dem Ladentisch an zahlungskräftige Interessenten aus dem Westen.
Der Osten hatte sich den Spaß nicht entgehen lassen, einen Roman zu drucken, von dem westdeutsche Verleger mit Rücksicht auf das prominente Modell des Titelhelden offenbar nichts wissen wollten. Der seltsame Umstand, daß sich Bewohner des freien Westens aus dem Osten literarische Mangelware beschaffen mußten, die ihnen bisher in Westdeutschland nicht zugänglich gewesen war, läßt sich zum Teil aus dem Pamphlet-Charakter des "Mephisto"-Romans erklären; zum Teil aber auch aus einer beharrlichen Abneigung westlicher Verleger, sich wegen eines Tendenzromans in eine vielleicht folgenreiche Fehde mit dem derzeitigen Intendanten des "Deutschen Schauspielhauses" in Hamburg, Gustaf Gründgens, einzulassen.
Bedenken dieser Art wurden jedenfalls dem Autor Klaus Mann bereits im Frühjahr 1949 von dem Berliner Verleger Helmut Kindler vorgetragen, der ihm sogar vertraglich zugesichert hatte, den "Mephisto" nach Kriegsende in Westberlin herauszubringen. Der Verleger - heute Mitinhaber eines Münchner Illustrierten-Verlages - schrieb dem Klaus Mann nach Cannes einen Brief, in dem er ankündigte, er könne den "Mephisto" nicht mehr herausbringen, weil sein Verlagsunternehmen "infolge der politischen Entwicklung" von Berlin nach Bayern übersiedele.
Im Westen aber, so meinte der Verleger, sei es reichlich schwierig geworden, die in Berlin geplante "Aktion' - nämlich die Herausgabe des Romans - zu starten. In dem Brief war auch von dem Schauspieler-Regisseur Gustaf Gründgens die Rede, dessen Aufstieg im Dritten Reich der Autor in seinem Roman - in freier dichterischer Form - sarkastisch nacherzählt zu haben schien. "Herr Gründgens", so vertraute der Verleger dem erstaunten- Klaus Mann damals an, "spielt hier (in Bayern) eine bereits sehr bedeutende Rolle."
Autor Mann sah in diesem Absagebrief sogleich einen Angriff auf die Freiheit literarischer Produktion. Er antwortete seinem Verleger mit einigen bitteren Zeilen: "Ich weiß nicht, was mich mehr frappiert, die Niedrigkeit Ihrer Gesinnung oder die Naivität, mit der Sie diese zugeben."
Der Brief an den abtrünnigen Verleger des "Mephisto" wurde zehn Tage vor dem Freitod des Dichters geschrieben: Am 22. Mai 1949 nahm sich der damals 42jährige Klaus Mann in einem Hotel in Cannes das Leben. Zu seiner Beerdigung erschienen nur wenige Freunde und Familienangehörige. Als letzten Gruß für den Toten spielte sein Bruder, der Bratschist Michael Mann, das Largo einer Sonate von Marcello.
Der Selbstmord des Klaus Mann und das Verhalten des Verlegers stehen freilich kaum in einem ursächlichen Zusammenhang: Den Autor des "Mephisto" quälte zu jener Zeit todessüchtige Schwermut. Melancholie und Resignation gehörten ohnehin zu seinem Charakter; die düstere Seite seines Wesens hatte seit dem enttäuschenden Wiedersehen mit der alten Heimat Deutschland die Oberhand gewonnen.
Thomas Mann behauptete von seinem ältesten Sohn, daß ihm "Todessehnsucht früh im Herzen keimte". Selbstmordgedanken bedrängten den Unsteten, dem die Emigration zum Schicksal wurde, in seinen letzten Lebensjahren immer häufiger. Klaus Mann, der wie sein Vater amerikanischer Bürger geworden war, sah sein eigenes Schicksal im Spiegel des deutschen: Er resignierte, weil er erkannt haben wollte, daß man in Deutschland nichts eingesehen und nichts gelernt hat. "Das einzige, was den Deutschen leid tut", so meinte er, "ist der verlorene Krieg."
Seine Enttäuschung über Deutschland bekräftigte in ihm den Gedanken, daß er und seinesgleichen - die Intellektuellen der Emigration - Geschlagene seien, Hoffnungslose, die ihr Mentor-Amt vergebens ausübten. Er empfahl in seinem letzten Essay, als makabren Protest gegen seine Zeit, eine "Rebellion der Hoffnungslosen", worunter er eine Selbstmordwelle verstand, "der die hervorragendsten, gefeiertsten Geister zum Opfer fielen". Vielleicht, so meinte der Todessüchtige, würden dadurch die Völker aus ihrer Lethargie aufgeschreckt werden.
Klaus Mann gelangte auch ohne den "Mephisto" in Westdeutschland zu posthumem Schriftsteller-Ruhm. Seine Lebensbeichte "Der Wendepunkt", sein Tschaikowski-Buch und der Emigranten-Roman "Der Vulkan" wiesen ihn als einen Autor von überdurchschnittlicher Begabung aus, der lange zu Unrecht im Schatten seines Vaters gestanden hatte.
Ohne den "Mephisto" sind allerdings die Stufen der geistigen Entwicklung, die Klaus Mann in seiner Emigrationszeit durchlief, nicht zu verstehen. Sein späterer moralischer Pessimismus ist gleichsam nur ein anderer Ausdruck jener Beklemmungen und Gefühle, unter denen Klaus zuvor gelitten hatte - der Empfindlichkeiten eines Mannes, der sich als Sohn eines berühmteren Vaters unbewußt zu exzentrischen Gefühlsausbrüchen drängen ließ, zu ungewöhnlicher Liebe (zu seiner Schwester Erika) und zu erbittertem Haß auf andere.
Trotzdem ist der "Mephisto" keine simple Schmähschrift, sondern ein bissig geschriebener Zeitroman, der amüsante Analogien zu realen Personen zwar zuläßt, der aber auch ohne sie verständlich bleibt. Der Autor fügte seinem Werk zudem die ausdrückliche Bemerkung hinzu, daß die auftretenden Personen "Typen" und keine "Porträts" darstellen.
Klaus Mann schrieb den "Mephisto" in Erinnerung an ein familiäres Theater-Abenteuer, das sich im Jahre 1927 zutrug. Damals zog eine Schauspieler-Truppe durch Deutschland, die in literarischkabarettistischer Form das Stück "Revue zu Vieren" zum besten gab. Die vier Mitglieder der Revue waren: der Autor Klaus Mann mit seiner Verlobten Pamela Wedekind (der Tochter des Dichters Frank Wedekind), Klaus Manns ältere Schwester Erika und deren damaliger Ehemann Gustaf Gründgens.
Als die Truppe in Berlin auftrat, stellte ein Spötter vor dem Theater das Schild auf: .,Hier können Familien Theater spielen." Noch boshafter äußerte sich der Kritiker Herbert Ihering, der heute in Ostberlin arbeitet. "Es war anmaßend, das Stück zu schreiben", meinte Ihering damals, "anmaßender, es aufzuführen - am anmaßendsten wäre es, darüber zu schreiben."
Ohne jene Familien- und Theater-Episode, aus der Klaus Mann später seine maliziösen Reminiszenzen schöpfte, hätte der "Mephisto" kaum geschrieben werden können. Die äußerliche Karriere Hendrik Höfgens, des Mannes mit der "metallischen Stimme", ähnelt der von Gustaf Gründgens. Höfgen ist Star-Schauspieler an den Hamburger "H. K." (den Kammerspielen). Er gilt zu jener Zeit (1929) als wohltemperierter Kommunistenfreund; vermeidet es aber, sich politisch zu kompromittieren.
Hendrik Höfgen - "der Mann mit dem aasigen Lächeln" - heiratet damals aus Gründen, die im Dunkeln bleiben, das Mädchen Barbara Bruckner (Erika Mann), die von dem Autor "halb Amazone, halb barmherzige Schwester" genannt wird - jedenfalls sei sie "kühl und gütig, sehr spröde und stets bereit zu Zärtlichkeiten, die eine bestimmte Grenze niemals überschreiten durften".
Im Frühjahr der Machtergreifung Hitlers (1933) befindet sich Hendrik in Spanien. Ohne seine Frau Barbara, deren "durchtriebenes Madonnengesicht" in der Emigration entschlossene Züge gewinnt, kehrt Hendrik Höfgen, der "blonde Rheinländer", nach Berlin zurück. Er gewinnt die Protektion Görings, der ihm die Rolle des Mephisto in Goethes "Faust" verschafft. Höfgen macht rasch Karriere, wird Staatstheater-Intendant und steht auf dem Gipfel glanzvoll-offiziellen Ruhmes.
"Mit Haß geschrieben"
Als mächtiger nationalsozialistischer Gegenspieler des "Mephisto"-Helden tritt der Präsident der Dichter-Akademie auf, Staatsrat Cäsar von Muck, der Verfasser des "überall gespielten Tannenberg-Dramas". Sein Gesicht war so beschaffen, daß jeder Reporter es "holzgeschnitten" nennen mußte, vermerkt Klaus Mann. Als weitere Kennzeichen des Cäsar von Muck gelten dessen zerfurchte Stirn, "sein Stahlauge unter blonder Braue und ein verkniffener Mund, der leicht sächsischen Dialekt sprach."
Cäsar von Muck, dessen Vorbild ohne Zweifel der im Dritten Reich hochgeschätzte Dichter Hanns Johst - Verfasser eines "Schlageter"-Dramas - ist, entdeckt bei einem Besuch in Paris eine frühere Freundin des Schauspielers Höfgen, die Halbnegerin Julietta, die dieser ins Ausland abgeschoben hatte. Der intrigante Staatsrat hofft aus Indiskretionen Juliettas belastendes Sittenmaterial gegen Höfgen zu gewinnen; aber die rabiate (und honorige) Julietta läßt den hochgestellten deutschen Aushorcher abfahren.
Zu den Nutznießern des Regimes gehören im "Mephisto"-Roman noch die Schauspielerin Lotte Lindenthal, jene "herzensgute, schlichte, urdeutsche Frau", die unter ihrem bürgerlichen Namen Emmy Sonnemann den Hermann Göring ehelichte; der Dichter Benjamin Pelz (Gottfried Benn), der das Dichten als Rückfall in "heilig-frühe, vor-zivilisierte Zustände der Menschheit" definiert, und der Feuilletonchef des "Neuen Börsenblattes", Dr. Radig. Auch die Figur des Feuilletonredakteurs war für den Autor Klaus Mann nur ein Instrument für seine Rache, für die Rache an Herbert Ihering, der seinerzeit Klaus Manns "Revue zu Vieren" verrissen hatte und der gegenwärtig - wie Klaus Mann - zu den prominenten Autoren des Aufbau-Verlages zahlt.
Pamela Wedekind (Klaus Manns Verlobte) liefert im "Mephisto"-Roman einer Schauspielerin namens Nicoletta von Niebuhr die "große, gebogene Nase" und die "leuchtenden Katzenaugen unter einer hohen, schönen Stirn". Sie heiratet den größenwahnsinnigen Dichter Theophil Maurer - gemeint ist der alternde Dramatiker Carl Sternheim ("Der Snob") -; später wird sie dem Hendrik Höfgen angetraut. Diese Episode - die Ehe zwischen Hendrik Höfgen und Nicoletta von Niebuhr - erweist, daß es dem Autor Klaus Mann nicht auf eine schlichte Übersetzung und Verschlüsselung wirklicher Begebenheiten angekommen ist - Pamela Wedekind und Gustaf Gründgens waren zum Beispiel niemals miteinander verheiratet. Wie bei allen Büchern im Schlüsselroman-Genre sind auch hier erdachte, aus freier Phantasie geborene Ereignisse mit augenzwinkernden Anspielungen vermischt, die der Kombinationslust der Leser fröhlichen Spielraum lassen.
Im bunten und verworrenen Schauspieler-Milieu dieses Romans gilt die Politik als willkommene Krücke für die erfolgreiche Karriere. Höfgen stellt in der Perspektive des Autors Klaus Mann einen Schauspielertyp dar, dessen Eitelkeit und Komödiantentum über die Restbestände menschlicher Bindungen und persönlichen Anstandes triumphieren. "Das Theater braucht mich, und jedes Regime braucht das Theater", geistreichelt im "Menhisto" zynisch der intellektuelle Opportunist Hendrik Höfgen. "Kein Regime kann ohne mich auskommen!"
Das Buch sei mit Haß geschrieben, bestätigte der in Kalifornien lebende Lion Feuchtwanger - wie Klaus Mann ein Schriftsteller der Emigration. ..Aber es ist ein Haß, welcher den dargestellten Menschen und Dingen Dichtigkeit gibt. Haltbarkeit, eine faszinierende Überwirklichkeit." Feuchtwanger nannte den Hendrik Höfgen "eine Molieresche Gestalt, lebend von dem schöpferischen Hasse des Autors".
Diese Ansicht scheint auch die Schwester Klaus Manns, des Gustaf Gründgens ehemalige Frau Erika Mann, zu teilen. Sie war es, die - als Nachlaßverwalterin ihres Bruders - dem Aufbau-Verlag die Rechte für die Neuauflage des "Mephisto" verschafft hat.
Klaus Mann: "Mephisto. Roman einer Karriere", Aufbau-Verlag, Berlin; 338 Seiten; 7,50 Mark (Ost).
Gründgens und Ehefrau Erika, Pamela Wedekind, Klaus Mann (1927): "Revue zu Vieren"

DER SPIEGEL 1/1957
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