06.02.1957

FRANKREICH / PUTSCH

Ein abendfüllendes Programm

In diesen Tagen konnte der französische Brigadegeneral Jacques Faure das Arrestzimmer in der Kaserne von La Courneuve bei Paris verlassen, in das ihn kurz zuvor Frankreichs Verteidigungsminister Bourgès-Maunoury hatte einweisen lassen.

Die Klausur von La Courneuve hatte sich der General zugezogen, nachdem er monatelang in Algier allerlei despektierliche Sprüche über die Demokratie im allgemeinen und das französische Parlamentsregime im besonderen geklopft hatte - Sprüche übrigens, die jedem braven französischen Offizier mehr oder weniger geläufig sind.

Der Rabauke Faure war allerdings insofern unvorsichtig, als er seiner Gesprächigkeit auch in der Nähe der algerischen Pulverkiste freien Lauf ließ. Dort - wo eine Million weiße Franzosen in der ständig wachsenden Furcht vor einem Massaker durch ihre neun Millionen mohammedanischen Landsleute leben - ergab sich aus den grimmigen Ansichten Faures und der Angst der Weißen ein fraglos explosives Gefühls- und Pläne-Gemisch. Ein Putsch lag in der Luft - freilich wirklich mehr in der Luft als auf dem Boden realer Tatsachen.

Immerhin, das Gemisch war anrüchig genug, um von den Agenten der französischen Geheimpolizei erschnuppert zu werden, und so kam es, daß der General Faure am drittletzten Tag des vorigen Jahres in der Pariser Rue Saint Dominique, dem Sitz des Verteidigungsministeriums, seinem zivilen Vorgesetzten Bourgès -Maunoury Rede und Antwort über seinen "Putsch" zu stehen hatte.

Diese Szene war - schon wegen der unterschiedlichen Erscheinung der beiden Partner - nicht ohne Komik und tiefere Bedeutung. Dem General, einem hochgewachsenen, graumelierten und eleganten Hünen, stand in Minister Bourgès-Maunoury ein Mann von jener liebenswerten Wendigkeit und Energie gegenüber, die man häufig an französischen Parlamentariern beobachten kann. Die Szene endete damit, daß der rundliche Minister dem General den Arrest aufbrummte - den er inzwischen absaß -, woraufhin der General seinem Vorgesetzten zum Abschied einen Gruß entbot, der eine französische Version des berühmtesten Götz-Zitates war.

Mit dieser ruppigen Empfehlung hatte der General nicht nur einer unter seinen Kollegen weit verbreiteten Ansicht Ausdruck gegeben (General de Gaulle: "Das parlamentarische Regime ist verrottet, ist ein Kadaver"), sondern zugleich auch das Niveau seines eigenen Revolte-Unternehmens gekennzeichnet. Ohne sonderlichen geistigen Aufwand war der General in Algier mit Gesinnungsfreunden übereingekommen, daß die nichtsnutzigen Parlamentarier von Paris das überseeische Imperium, die Armee und was immer noch in diesen Zeiten die Neigung der Franzosen für "gloire" erfreuen kann, verkommen lassen. Es sei - so meinte er - nun an der Zeit, etwas zu tun. Dabei komme es weniger auf langfristige Pläne als zuvörderst aufs Losschlagen an. Alles Weitere werde sich dann schon finden.

Diese in geistiger Hinsicht spartanisch sparsame Absicht ähnelte auf ein Haar den Plänen, die nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland von Freikorpsführern ausgebrütet und zuweilen auch ausgeführt worden waren. In der Tat gleicht auch General Faure selbst in mancher Hinsicht den Landsknechten der deutschen zwanziger Jahre, in deren Schädeln Politik, Romantik und Kommiß eine gefährliche Verbindung eingegangen waren.

Obgleich auf der traditionsreichen Offizierschule von Saint-Cyr gedrillt, hat es den Soldaten Faure immer zu solchen Waffengattungen gezogen, in deren Bereich das Militärische in andere Gebiete übergreift - ins Sportliche, ins Abenteuer oder in die Politik. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges war er Alpenjäger (er kämpfte gegen Dietl im norwegischen Narvik), gegen Ende des Krieges führte er eine Einheit der französischen Rabaukentruppe, der Fallschirmjäger.

Nach dem Kriege betätigte er sich - des Kasernenhofs überdrüssig - als militärischer Jugenderzieher und als Lehrer des Reserveoffizierkorps. Er machte dabei aus seinem antidemokratischen Herzen keine Mördergrube und erörterte mit Kameraden frank und frei die besten Methoden eines militärischen Staatsstreichs. Aus seiner Reserveoffizier-Schulung ging manch tüchtiger Gefolgsmann des wildgewordenen Schreibwarenhändlers und Steuerverweigerers Poujade hervor.

Reichen Stoff für seine Staatsstreich -Studien fand Faure in der freilich wenig glücklichen Putsch-Tradition des französischen Offizierkorps. Einer ihrer rührendsten Vertreter war der General Boulanger (1837 bis 1891). Wie Faure war er ein schöner Mann, und wie Faure verlangte es ihn danach, ein starker Mann zu sein. Auch Boulanger wollte den Augias-Stall

des französischen Parlaments ausräumen und eine nationale Schmach - es war damals die Schande der französischen Niederlage im Kriege von 1870/71 - wiedergutmachen. Doch wie Faure verfing er sich, ehe er einen Schuß gelöst hatte, in den Netzen der Parlamentarier und mußte im Jahre 1889 ruhmlos ins Ausland fliehen, wo er sich auf dem Grabe seiner Geliebten selbst den Tod gab.

Während in der Boulanger-Affäre bonapartistische Überlieferungen das Offizierkorps gegen das "Regime" revoltieren ließen, rumorten in der Dreyfus-Affäre royalistische-klerikale Elemente. Der jüdische Hauptmann Dreyfus - im Jahre 1894 der Spionage für Deutschland beschuldigt - sollte als Symbol des moralischen Niedergangs Frankreichs unter der Herrschaft der Parlamentarier angeprangert und entlarvt werden. Auch das mißlang.

Nach solchen und anderen Fehlschlägen wurde Nordafrika zum Naturschutzgebiet antiparlamentarischer Offiziersgesinnung. Die Republik hat sich nie richtig für Nordafrika interessiert. Dort konnten die Militärs - von Paris kaum beachtet - ein Imperium aufbauen. Der Eroberer und Kolonisator Marokkos, der Marschall Lyautey (auch er ein Verächter des parlamentarischen Regimes), wurde zum Helden und Vorbild aller französischen Kolonialoffiziere.

So fand Faure für seine Kondottiere -Figur und seine Putschpläne die passende Kulisse, als er Anfang vorigen Jahres als stellvertretender Divisionskommandeur nach Algier versetzt wurde. Auf Empfängen und Banketten sammelten sich um seine ragende militärische Erscheinung heftig gestikulierende Politiker, Führer der Weißen Nordafrikas, Demagogen der Angst vor den Moslems, Radikalinskis der Gewalt, denen für Algerien ein Status vorschwebt, der etwa dem entspricht, dessen

sich die Buren am Südende des schwarzen Kontinents erfreuen.

Das alles war viel zu sehr nach dem Herzen des politischen Soldaten Faure, als daß er sich dem Pläneschmieden seiner neuen Freunde entziehen konnte. Er begann mit dem Auf- und Ausbau einer Einheit, die den mystisch klingenden Namen "U.T.B. 199" (Panzerverband 199) führte und deren Offizierkorps und Mannschaften sich nur aus aufstandslüsternen Algier-Franzosen rekrutieren sollten; er entwarf einen Plan, den Algerienminister Robert Lacoste zu kidnappen, und bastelte mit Freunden an einem Revolutions-Aufruf, unter den er dreist den Namen des französischen Oberkommandierenden in Algier, des Generals Salan, setzte - ohne zuvor um dessen Erlaubnis nachgefragt zu haben.

Trotz seines konspirativen Tuns sah Faure keine Veranlassung, mit antidemokratischen Äußerungen in der Öffentlichkeit zurückzuhalten. Noch Mitte Dezember reiste er nach Paris und verkündete in einem Vortrag Ansichten, die den anwesenden General Blanc alsbald veranlaßten, nach allen Seiten hin zu versichern, daß das keineswegs die Auffassungen des Offizierkorps seien.

Seine größte Dummheit beging Faure, als

er in Algier auch vor einem hohen Beamten der algerischen Verwaltung bramarbasierte. Der listige Beamte - ein Bruder des Volksrepublikaners Teitgen - unterrichtete die Geheimpolizei, die eilends

einige Mikrophone in Teitgens Privatwohnung einbaute, vor denen dann Faure eines Abends sein Putsch-Programm unwissentlich auf Band sprach.

Teitgen brauchte nur gelegentlich Zwischenrufe von der Art "Was Sie nicht sagen!" zu machen - den General freute das offenkundig so sehr, daß er immer gesprächiger wurde. Das Tonband, das in der Wohnung des Teitgen aufgenommen worden war, verhalf dann dem schneidigen General zu seinen 30 Tagen Festungshaft in La Courneuve.

Größeren Ruhm aber als von seinem Putsch und seinem Arrest darf General Faure von seinem Götz-Zitat erwarten. Pierre Poujade - der die Nationalversammlung gern als "Kloake" bezeichnet - erkannte sofort in dem militant-bornierten Faure einen kongenialen Geist. Er bot dem General eine führende Stellung in seiner Bewegung an.

General Faune

Im Netz-der Parlamentarier

General Boulanger*: "Das Parlament ausräumen!"

* Zeitgenössische Karikatur.


DER SPIEGEL 6/1957
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