06.02.1957

FÄLSCHUNGENDie Widerstands-Philatelie

Wenn nicht der Münchner Briefmarkenhändler Dr. Heinrich Wittmann und dessen Geschäftsfreund Joachim Hosang aus dem zonengrenznahen Dorf Söllingen vor kurzem beschlossen hätten, Strafanzeige wegen Betrugs und Briefmarkenfälschung gegen den Westberliner Willi -Peter Kleine zu erstatten, wäre ein wohl einmaliger Kriminalfall nicht zustande gekommen: der Fall nämlich, daß Staatsanwalt und Kriminalpolizei einen sehr produktiven Briefmarkenfälscher samt dazugehöriger Werkstatt ausheben, ohne jedoch den Fälscher vorerst der Strafe zuführen zu können, die ihm vermeintlich gebührt.
Als die Beamten des Westberliner Falschgeld-Dezernats (B II/3) nach einer Haussuchung bei dem Graphiker und Plakatmaler Kleine in Westberlin-Steglitz die dort beschlagnahmten Gegenstände in ihre Asservatenräume fuhren, hatte es zunächst den Anschein, als seien sie ihrem Ziel, der Überführung eines Briefmarkenfälschers, ziemlich nahe. Was sie in die Asservatenräume einlieferten, schien mustergültiges Belastungsmaterial zu sein: Druckstöcke zur Herstellung von Postwertzeichen, Druckstempel zum nachträglichen Überstempeln echter Briefmarken, Klischees falscher Marken sowie Entwürfe und Zeichnungen von Briefmarken.
Indes, so eindeutig, wie die Liste der Fälscherwerkzeuge vermuten läßt, ist der Fall des Graphikers Kleine nun nicht, und so sieht denn der Markenfälscher den weiteren Recherchen der Faschgeld-Beamten mit Ruhe entgegen und meint gelassen: "Sollte es zu einem Fälscherprozeß
gegen mich kommen, dann wird er ausgehen wie das Hornberger Schießen - wahrscheinlich wird er sogar mit einer Blamage der Staatsanwaltschaft enden."
Kleine hat nämlich nicht etwa Briefmarken der Bundespost oder hochdotierte Marken vergangener Epochen in eigener Regie gefertigt. Er hat sich vielmehr ausschließlich einem anderen philatelistischen Spezialzweig gewidmet: den sogenannten "Propaganda-Fälschungen".
Als "Propaganda-Fälschungen" bezeichnen die Sammler alle Wertzeichen, die - von verfeindeten Staaten hergestellt - im Lande des Gegners ideologische Verwirrung stiften sollen. Propaganda-Fälschungen sind Nachbildungen gegnerischer Briefmarken, an denen irgendein Detail geändert oder durch ein Propaganda-Symbol ersetzt ist.
Musterbeispiele solcher Propaganda -Briefmarken, die als Waffen der psychologischen: Kriegführung betrachtet werden sind die von den Nationalsozialisten heimlich gedruckten Marken der englischen Post, auf denen der Kopf des britischen Königs durch eine Stalin-Fratze ersetzt war, oder die vom britischen' Geheimdienst nach Deutschland geschleusten Hitler-Marken, auf denen an Stelle des Obersten Kriegsherrn eine knöcherne Totenmaske" prangte mit der Unterschrift "FUTSCHES REICH".
Pieck mit Galgenschlinge
Auch aus der Blütezeit des innerdeutschen, Kalten Krieges sind einige solcher Propaganda-Fälschungen bekannt. So stellten beispielsweise einige in Westberlin beheimatete Widerstandsorganisationen nach dem Muster gültiger Briefmarken der Sowjetzonen-Post Nachdrucke her, die im Sinne der Anti-Sowjet-Propaganda verändert worden waren. Die originellste Marke dieser Art zeigt das Bild des Sowjetzonen-Präsidenten Pieck, um dessen Hals sich eine Galgenschlinge ringelt. Statt der offiziellen Inschrift "Deutsche Demokratische Republik" prangt auf der Marke die Zeile: "Undeutsche Undemokratische Diktatur".
Mit dem Entwerfen und der Versuchs -Herstellung solcher Marken, deren Propaganda-Texte sich gegen das Sowjetzonen -Regime richteten, befaßte sich auch der Graphiker Kleine. So fand die Kripo bei ihm eine Anzahl verschiedener Sondermarken der ostdeutschen Post, auf die nachträglich Propaganda-Inschriften gedruckt worden waren. Auf einer Schiller -Briefmarke war etwa der Text um die Worte "Wir wollen frei sein wie die Väter waren" bereichert worden, auf einer anderen Marke war der Text "IX. Internationale Radfernfahrt für den Frieden" mit dem Zusatz, "und für freie geheime Wahlen" versehen.
Willi-Peter Kleine leugnet nun gar nicht, daß die Entwürfe für diese illegalen Sondermarken von ihm stammen. Er gibt auch zu, für die Anfertigung der Überdruckstempel verantwortlich zu sein. Kleine bestreitet lediglich, daß die Marken bei ihm oder in seinem Auftrag in Westberlin angefertigt wurden - obwohl er davon überzeugt ist, daß die private Herstellung von Briefmarken dieser Art keine strafbare Handlung wäre.
Sein stärkstes Argument ist die Tatsache, daß es der Kripo trotz aller kriminalistischen Mühen bisher nicht gelang, auch nur eine der Kleineschen Widerstands-Briefmarken in ungestempeltem Zustand aufzuspüren und daß es auch noch nicht glückte, einen Sammler zu finden, dem der Kleine eine seiner Marken als "postfrisch" verkauft oder geschenkt hat.
Alle Widerstandsmarken Kleinescher Prägung, die bisher in die Hände westdeutscher Sammler gerieten, sind auf dem normalen Postweg aus einem Ort der Sowjetzone gekommen.
Auf diesen Umstand ist auch die Geschichte aufgebaut, mit der Kleine gegen die Kripo operiert und mit der er die Lauterkeit seiner Fälschertätigkeit dokumentieren will. Diese Geschichte klingt wie ein Drei-Groschen-Roman aus dem finstersten Geheimdienstdschungel des viergeteilten Berlin. Sie wird zwar von vielen Leuten und von der Kripo ("Der Fall ist für uns kein politischer Fall") angezweifelt. Doch besteht dank der Teilung Deutschlands kaum die Möglichkeit, ihre Echtheit zu überprüfen.
Kleine behauptet nicht mehr und nicht weniger, als daß er nur der westliche "Verbindungsmann" einer in der Sowjetzone wirkenden illegalen Widerstandsgruppe sei, die es sich zum Ziel gesetzt habe, durch antisowjetische Propaganda-Briefmarken das System der "DDR" zu unterminieren. Die ostdeutschen Widerstands-Philatelisten seien vor rund zwei Jahren mit der Bitte an ihn herangetreten - berichtete Kleine - sie vom sicheren Boden Westberlins aus
zu unterstützen, und er sei schließlich in das gefährliche Untergrundgeschäft eingestiegen.
Zunächst habe sich seine Tätigkeit darauf beschränkt, Überdruckstempel für die jeweils umlaufenden "DDR"-Marken anzufertigen; er habe diese Stempel dann in die Sowjetzone geliefert und sie von dort nach Gebrauch wieder zurückerhalten. Später hätten die Widerstands-Philatelisten auch eigene Gegenstücke zu neuen Ost-Sondermarken drucken wollen. Auf diese Art sei er, Kleine, dazu gekommen, komplette Propaganda-Fälschungen bis zur Druckreife zu entwickeln.
Mit beträchtlichem Stolz weist Kleine zwei von ihm entworfene Briefmarken -Nachschöpfungen dieser Art vor:
- Den Nachdruck einer "DDR"-Sondermarke zum "Tag der Menschenrechte", auf dem - in der Aufmachung vom Original kaum zu unterscheiden - steht: "Tag der Menschen ohne Rechte" und "Deutsche sind Sklaven der Sowjets" (siehe Bild).
- Die veränderte Marke zum Jubiläum der Universität Greifswald. Diese Marke, die von westlichen Philatelie -Experten als glänzende graphische Leistung bezeichnet wird, zeigt einen in das Universitäts-Wappen einkopierten, mit MP und Knute bewaffneten Rotarmisten und den (abgeänderten) Text "Sowjetpanzer morden Ungarns Arbeiter, Bauern, Studenten, die für nationale u. soziale Freiheit kämpfen (siehe Bild).
Was die psychologische Kriegführung mit Briefmarkenfälschungen nun in einem eigenartigen Licht erscheinen läßt, ist die Tatsache, daß westdeutsche Philatelisten in den letzten Monaten dann und wann unter ihrem Posteingang Kuverts fanden, die mit Propaganda-Marken nach Art des Kleine beklebt waren. In den beiliegenden Briefen wurden die Sammler darauf hingewiesen, daß sie weitere Exemplare "unserer schönen Sonderbriefmarken" erwerben könnten, wenn sie 50 Pfennig an eine westliche (Deck-)Adresse einschicken.
Tatsächlich erhielten Sammler, die auf dieses verlockend billige Angebot eingingen, nach einiger Zeit einen in der Sowjetzone abgestempelten Brief, der mit dieser oder jener der. Kleineschen Propagandamarken beklebt war.
In diesem Stadium der Affäre begannen sich nun die Wege der Philatelisten Dr. Wittmann aus München und Joachim Hosang aus Söllingen mit denen des Briefmarken-Widerständlers Kleine aus Berlin zu kreuzen. Dr. Wittmann und Hosang nämlich betreiben ein gemeinsames Geschäft in Propaganda-Fälschungen: Der ehemalige Rechtsanwalt Wittmann bietet in Fachzeitschriften Fälschungen der Epoche des Kalten Krieges zum Preise von 20 bis 40 Deutsche Mark an, und der 22jährige Hosang, der sich selbst als "einzigen Prüfer für Spionage- und Propagandafälschungen, der im westlichen Ausland und in der Bundesrepublik anerkannt ist" bezeichnet, prüft für den Dr. Wittmann die Fälschungen auf ihre "Echtheit", wofür er einen Teil des Katalogpreises erhält.
Fälschungen aus Gewinnsucht?
Wittmann und Hosang ermittelten, daß Willi-Peter Kleine etwas mit den Anti -Sowjet-Marken zu tun haben müsse, die in letzter Zeit immer häufiger auftauchten. Obwohl viele Philatelie-Experten der Meinung sind, Kleine könne mit einem 50 -Pfennig-Versand-Geschäft nicht einmal die Unkosten seiner Fälscher-Werkstatt dekken, kamen Wittmann und Hosang zu der Überzeugung, Kleine sei nicht Fälscher aus Widerstands-Idealismus, sondern aus materieller Gewinnsucht. Sie beschlossen: "Der Kleine wird angezeigt."
Kleine allerdings meint, seine beiden Widersacher hätten sich bei ihrem Schritt auch von der geschäftlichen Überlegung leiten lassen, daß ihr Umsatz von Widerstandsbriefmarken durch die neue Konkurrenz erheblich zurückgehen könnte.
Die Strafanzeige und die Ungelegenheiten, die sich für ihn aus der Aktion der beiden Philatelisten ergaben, erschüttern Kleine nicht weiter. Mit einem Hinweis auf die einschlägigen Paragraphen des Strafgesetzbuches erklärt er: "Abgesehen davon, daß es sich bei all den Dingen, die ich und die Widerstandsgruppe im Osten getan haben, nur um Änderung oder meinetwegen Fälschungen von Marken handelt, die im Westen keine Gültigkeit haben, kann ich von mir persönlich sagen: Ich habe gegen keinen Punkt der Gesetze verstoßen*."
Selbst den Vorwurf, durch die Kleineschen Widerstandsmarken sei die Post um das Porto betrogen worden, kann der Graphiker Kleine entkräften: Es ist nicht ein Brief vorhanden, auf dem die Propaganda -Briefmarken als Frankatur dienten. Auf jedem Kuvert klebten eben den Propaganda-Marken auch - in Höhe des vorgeschriebenen Portos - echte Marken.
* Die Paragraphen 275 und 276 StGB befassen sich mit "Wertzeichenfälschung" und "Wiederverwendung von Wertzeichen". Paragraph 275 (Wertzeichenfälschung) lautet:
Mit Gefängnis nicht unter drei Monaten wird bestraft, wer
1. wissentlich von falschem oder gefälschtem Stempelpapier von falschen oder gefälschten Stempelmarken, Stempelblanketten, Stempelabdrücken, Post- oder Telegraphen-Freimarken oder gestempelten Briefkuverts Gebrauch macht,
2. unechtes Stempelpapier, unechte Stempelmarken, Stempelblankette oder Stempelabdrücke für Spielkarten, Pässe oder sonstige Drucksachen oder Schriftstücke, ingleichen wer unechte Post- oder Telegraphen-Freimarken oder gestempelte Briefkuverts in der Absicht anfertigt, sie als echt zu verwenden, oder
3. echtes Stempelpapier, echte Stempelmarken, Stempelblankette, Stempelabdrücke, Post- oder Telegraphen-Freimarken oder gestempelte Briefkuverts in der Absicht verfälscht, sie zu einem höheren Werte zu verwenden.
Paragraph 276 (Wiederverwendung von Wertzeichen) befaßt sich mit dem Verbot, "schon einmal verwendete ... Postwertzeichen noch einmal zu benutzen.
Briefmarken-"Fälscher" Kleine
Propaganda-Stempel gegen die Sowjets
Echte "DDR"-Marken links), Propaganda-Pendants (rechts): Kein politischer Fall?

DER SPIEGEL 6/1957
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Die Widerstands-Philatelie

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