27.02.1957

MALTESERORDENDie Zuflucht der Sünder

Die "Sacra Congregatio de Religiosis", die maßgebliche Vatikanbehörde sämtlicher Mönchs- und Nonnenorden, befindet sich in der wenig beneidenswerten Lage, überlegen zu müssen, was sie gegen einen "geistlichen Orden unternehmen soll, der damit droht, von Rom in einen kommunistischen Staat auszuwandern. Eine solche, in der Kirchengeschichte erstmalige Emigration erwägt der "Souveräne Malteserritter-Orden" für den Fall, daß der Heilige Stuhl darauf besteht, eine Ordensreform durchzusetzen, die eine regelrechte "Säuberung" dieser halb weltlichen, halb religiösen Gemeinschaft zum Ziel hat.
Die offene Rebellion der Malteserritter gegen das allerhöchste kirchliche Lehramt hat eine lange Vorgeschichte, die sich in das Halbdunkel typisch römischer Intrigen und Skandale verliert. Papst Pius XII. zeigte seine Ungnade gegenüber dem Orden sehr deutlich: Er hat, seit der letzte Großmeister, Fürst Ludovico Chigi della Rovere-Albani, vor fünf Jahren starb, die Wahl eines Nachfolgers nicht genehmigt.
Schon vor dem zweiten Weltkrieg hatte die Heilige "Congregatio de Religiosis", auch Ordens-Kongregation genannt, Anstoß daran genommen, daß der Großmeister, ein katholischer Laie, einen Lebensstil führte, der mehr dem eines weltlichen Grandseigneurs als dem eines hohen kirchlichen Würdenträgers glich. Vor allem mißfiel es den vatikanischen Zensoren, daß Fürst Chigi während der Opernsaison jeden Abend in seiner Stammloge saß und mit besonderem Vergnügen den Ballett-Aufführungen zuschaute.
In den Hunger- und Schieberjahren der bewegten Nachkriegszeit gewann der Vatikan vollends den Eindruck, daß die Moral der Ordensleitung in zunehmendem Maße verlotterte und daß der Orden zu einem "refugium peccatorum", wie es auf Kirchenlatein heißt, zu einer "Zufluchtsstätte von Sündern" wurde.
Dieses Urteil wurde erhärtet, als in der italienischen und ausländischen Presse Artikel über undurchsichtige Importgeschäfte des Ordens erschienen' dessen erklärter Zweck Krankenfürsorge und christliche Liebestätigkeit ist. Eine anonym in Bern gedruckte Flugschrift klagte eine Reihe von Würdenträgern des Ordens an, sie hätten unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit auf eigene Rechnung einen schwunghaften Schmuggel und Schwarzhandel mit amerikanischen Straßenkreuzern, Penicillin, Zigaretten, argentinischem Getreide, Tennisbällen und anderen Importartikeln getrieben.
Die bisher nicht identifizierten Verfasser dieser Schrift schienen ungewöhnlich gut informiert zu sein. Sie gaben genaue Einzelheiten über die Ladepapiere und die Motornummern der zollfrei eingeführten Autos bekannt.
Obwohl dem Vatikan, Moral und Finanzgebaren des Ordens dringend reformbedürftig erschienen, fand er erst im Heiligen Jahr 1950 eine passende Gelegenheit zum Eingreifen. In jenem Jahr kam es zu einem Zwischenfall, der einen Rattenschwanz von Skandalen nach sich zog. Ein hoher Malteser-Würdenträger im Rande eines "Bailli" (Vorsteher einer Ordensprovinz), der Südtiroler Graf Ferdinand Thun-Hohenstein, wurde wegen "Schädigung des Ordens" ausgestoßen. Graf Ferdinand hatte sich mit- einer Minderheitsgruppe bemüht, die Mißstände im Malteserorden zu beseitigen. Der Edelmann strengte nach seinem Ausschluß bei der vorgesetzten vatikanischen Behörde, der "Congregatio de Religiosis", einen Prozeß gegen die Malteser an, um sich zu rehabilitieren.
Regierung ohne Land
Durch die Klage des Grafen kam es zu einem folgenschweren Konflikt zwischen Kurie und Rittern. Die Ordensbehörden, die ihren Sitz in Roms Juwelierstraße Via Condotti haben, stritten dem Vatikan rundweg das Recht ab, "sich in ihre internen Angelegenheiten einzumischen". Die Ordensregierung pochte dabei auf ihre verbrieften historischen Rechte, die ihr noch heute den Status einer souveränen Regierung verschaffen.
Der berühmte Ritterorden wurde im elften Jahrhundert während der Kreuzzüge als "Hospitaliterorden vom Heiligen Johannes zu Jerusalem" gegründet. Die "Johanniter-Ritter", wie sie ursprünglich hießen, wurden von den Muselmanen aus dem Heiligen Land vertrieben und ließen sich auf der griechischen Insel Rhodos unter dem Namen "Rhodeser-Ritter" nieder.
Als die Türken sie auch von dort verdrängten, gab ihnen Karl V. 1530 die Insel Malta als königliches Lehen. Seither nennen sie sich "Malteserritter". Der Großmeister des Ordens, der als einziger katholischer Laie den, Kardinalstitel "Eminenz" führt, gilt bis in die Gegenwart als letzter Reichsfürst des versunkenen "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation".
Den Ordensstaat Malta verloren die Malteser 1798 an Napoleon. Als kurz darauf die Engländer den französischen Eroberer hinauswarfen, verpflichtete sich Großbritannien im Frieden von Amiens 1802, die Insel dem Malteser-Orden, zurückzuerstatten. Diese Verpflichtung hielten die Engländer nicht ein; statt dessen bauten sie Malta zu ihrem wichtigsten Mittelmeerstützpunkt aus. Seitdem gilt die Ordens-Regierung als Exil-Regierung.
Völkerrechtlich wird der Malteserorden von rund dreißig Staaten anerkannt. Enge Beziehungen unterhält er nicht nur zum Vatikan und sämtlichen katholischen Staaten, sondern seit Sommer 1956 auch zur Bundesrepublik Deutschland. (Diplomatischer Vertreter der Bundesrepublik beim Malteserorden ist in Personalunion Vatikan-Botschafter Wolfgang Jaenicke.)
Mit diplomatischen Pässen und Privilegien ausgestattet, konnten also jene Glücksritter, deren Treiben dem Vatikan nicht länger erträglich schien, viele Dinge tun, die anderen Unternehmungen nicht möglich waren. Daß die Malteser diese Möglichkeiten auch ausnutzten, schmerzte den Vatikan um so mehr, als er in den ersten Nachkriegsjahren den ehrgeizigen Plan verfolgt hatte, den Malteserorden stärker mit den internationalen Angelegenheiten der Kurie zu befassen.
Aufgrund der Klage des Grafen Thun-Hohenstein wurden zum erstenmal seit der Ordensgründung die juristischen Grundlagen des Ordens von einem Kardinalsgerichtshof geprüft. Vorsitzender dieses höchstrichterlichen Kollegiums war der Kardinal Canali, einer der mächtigsten Kirchenfürsten, der Jugendfreund des Papstes und Polizeiminister des Vatikanstaates.
Canali, Großprior der Malteser und als höchster Seelenhirte des Ordens für die geistliche Disziplin vor dem Heiligen Vater verantwortlich, war im besonderen Maße über die Zuchtlosigkeit der Ordensritter erbost und wollte "Ordnung schaffen". Die frondienenden Ordensbehörden quittierten diese gute Absicht mit einer Verleumdungskampagne, in der dem Kirchenfürsten vorgeworfen wurde, er wolle sich der reichen Besitztümer der Malteser bemächtigen.
Das Kardinalsgericht entschied 1954, daß der Orden aufgrund der Lehensakte Kaiser Karls V. die Rechte eines souveränen Staates besitze und daher in weltlichen Angelegenheiten vom Vatikan unabhängig sei. In seiner Eigenschaft als religiöser Orden sei er dagegen der Aufsichts- und Disziplinargewalt des Vatikans unterstellt.
Nun ist der Malteserorden auch aus anderen Gründen ein Kuriosum unter den religiösen Gemeinschaften der katholischen Kirche. Der Orden zählt nämlich nur insgesamt 16 "geistliche" Mitglieder, sogenannte Profeßritter. Sie haben die Mönchsgelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams abgelegt. Die Profeßritter, die fast alle hochbetagt sind, haben das Recht, in der Ordensregierung zu sitzen.
Die Mehrzahl der Malteserritter sind dagegen adlige Laien, sogenannte "Ehrenritter", von denen es Tausende gibt. Sie sind, soweit sie sich nicht in der Ordensverwalung betätigen, in "Genossenschaften" organisiert. Kirchenrechtlich entsprechen die Genossenschaften etwa den Jungfrauen- und Wohltätigkeitsvereinen in fast jedem katholischen Pfarrbezirk.
Das erdrückende Übergewicht, das ein Laienklüngel gegenüber der Handvoll ergrauter und wenig leistungsfähiger Mönchsritter in der Ordensverwaltung besitzt, ist nach Ansicht des Vatikans mit dem Charakter eines religiösen Ordens unvereinbar. Eine zweite Kardinalskommission, diesmal unter dem Vorsitz des französischen Kurienkardinals Eugene Tisserant, arbeitete mit der Langsamkeit der päpstlichen Bürokratie, die sich rühmt, stets behutsam "mit bleiernen Füßen, voranzuschreiten, neue Ordensstatuten aus, die Papst Pius XII. in aller Form mit dem Breve "Ad perpetuam curam" am 21. November 1956 billigte.
In diesen Statuten wurde ein neuer Rittergrad, der des Observanzritters", eingeführt - eine Mittelstufe zwischen Ordens- und Laienstand. Kirchenrechtlich handelt es sich um "Tertiaren". "Tertiaren" können verheiratet sein, aber sie nehmen gewisse Gebetsverpflichtungen und fromme Übungen auf sich.
Der Erlaß der neuen Statuten kam einer Revolution gleich. Hinter der Verwaltungsmaßnahme verbarg nämlich der Vatikan mit subtiler Diplomatie die Absicht, jenen Klüngel von "Ehrenrittern" auszubooten, die in der Ordensverwaltung einträgliche Pfründen und diplomatische Privilegien an sich gerissen und die Ordensbehörden in ein "refugium peccatorum" verwandelt hatten. Jener Klüngel sollte nun durch die neuen "Observanzritter" ersetzt werden, deren religiöse Verpflichtungen eine Garantie dafür boten, daß sie die Privilegien des Ordens nicht mißbrauchten.
Sobald die ersten Einzelheiten über die neuen Ordensstatuten durch die Mauern des Vatikans gesickert waren, begab sich Graf Stanislao Pecci, ein Großneffe Papst Leos XIII. und Malteser-Gesandter beim Heiligen Stuhl, in das päpstliche Staatssekretariat, um einen lebhaften Wechsel von diplomatischen Verbalnoten einzuleiten, in denen die Ordensregierung gegen die neuen Statuten protestierte. Mailands Corriere della Sera" bemerkte: "Die Statuten scheinen nicht sehr willkommen zu sein."
In diesem Streit zwischen Vatikan und Maltesern scheint jedoch der Orden den kürzeren zu ziehen, denn- der Arm des Papstes reicht in solchen Fällen sehr weit: Aufgrund der Lateranverträge ist die italienische Regierung verpflichtet, päpstlichen Maßnahmen gegen kirchliche Einrichtungen auch auf ihrem Territorium Geltung zu verschaffen.
Angesichts dieser mißlichen Lage machte der ungarische Markgraf Hubert Pallavicini, der die Würde eines Zeremonienmeisters beim Malteserorden bekleidet, Stimmung
für einen sensationellen Plan, wie man sich der Oberhoheit des Vatikans entziehen könne. Pallavicini erklärte: "Wir packen die Souveränität in unsere Koffer und ziehen nach San Marino."
Die Apenninen-Republik San Marino ist, obschon sie gegen entsprechendes Geld Adelstitel vom Baron bis zum Herzog verleiht, der einzige kommunistisch beherrschte Staat Westeuropas.
Dauert der Ungehorsam der rebellierenden Ordensregierung weiter an, so wird der Vatikan zu scharfen Sanktionen gezwungen, schon weil seine Autorität auf dem Spiel steht und das Papsttum es nicht dulden kann, daß ein böses Beispiel der Malteserritter unter Umständen bei anderen Mönchsorden Schule mache.
Drohend erklärten bereits einige Kardinäle, sie würden nicht davor zurückschrecken, den Orden von Malta aufzulösen und damit den letzten mittelalterlichen Ritterorden zu beseitigen. Eine achthundertjährige ruhmreiche Vergangenheit würde dann ruhmlos zu Ende gehen.
Malteser-Großmeister Fürst Chigi* Fort von Rom
Kardinal Canali (M), Malteserritter Graf Thun (r.): Souveränität im Koffer
* Verstorben 1951

DER SPIEGEL 9/1957
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