27.02.1957

SPRACHE / ROTWELSCHWörterbuch für Gauner

Auf der Essener "Internationalen Polizeiausstellung" im vergangenen Herbst war zwischen Verbrecherwerkzeug und Sicherheitsschlössern auch ein Buch ausgestellt, das zum größten Teil unbedruckte Seiten enthielt. Der ehemals in Leipzig, nun aber in Mannheim stationierte Verlag "Bibliographisches Institut AG" - zu dessen Standardwerken der "Duden" zählt - durfte mit einiger Zuversicht glauben, daß bereits der Titel des noch unfertigen Buches bei den Besuchern der Ausstellung nachhaltiges Interesse finden würde. Er hieß: "Wörterbuch des Rotwelschen", Untertitel: "Deutsche Gaunersprache".
Die vor allem seit dem Ende des ersten Weltkrieges stetig ansteigende Kriminalität konfrontierte eine immer größere Zahl von Polizei- und Justizbeamten mit einem Problem, das sie aus eigener Kraft kaum lösen konnten. Sowohl inhaftierte wie von der Polizei überwachte Ganoven benutzten und benutzen untereinander oder auf Kassibern eine Art Zunftsprache, deren Vokabeln den Polizisten nicht in jedem Fall verständlich waren - und auch keineswegs sein sollten.
Diese Art Geheimsprache der unteren Zehntausend, mit der sich bereits Martin Luther und der Nationalhymnen-Dichter Hoffmann von Fallersleben beschäftigt haben, ist seit dem 13. Jahrhundert unter dem Namen "Rotwelsch" bekannt. Rot bedeutet soviel wie falsch, untreu; welsch bedeutet: fremde, romanische, also unverständliche Sprache. Das von Siegmund Andreas Wolf zusammengestellte "Wörterbuch des Rotwelschen"*, das inzwischen fertiggestellt wurde und in den Buchläden erschienen ist faßt zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Vokabeln der Gaunersprache zusammen, nennt ihre Quellen und übersetzt die Code-Worte ins Hochdeutsche.
Die Initiative zu dem Versuch, ein Wörterbuch der Gaunersprache zusammenzustellen, war Anfang der dreißiger Jahre von der Polizei ausgegangen. Damals durchforschte die Polizeiabteilung des preußischen Innenministeriums ihre Personalakten, um einen Beamten zu finden, der außer dem Gaunerjargon auch das Jiddische und die Zigeunersprachen beherrschte. Bei dieser Suchaktion erfuhr die preußische Dienststelle, daß in einer mitteldeutschen Kommunalbehörde ein Mann als Beamten-Anwärter arbeitete, der über die erwünschten Fachkenntnisse verfügte. Es war Siegmund Wolf, der damals beim Landeshauptmann von Sachsen nebenberuflich als Archivar arbeitete, um mit dieser Beschäftigung sein Studium zu finanzieren
Wolf war bereits seit seinem 15. Lebensjahr in den Schulferien zuweilen mit Zigeunern umhergezogen und hatte für seine Sprachstudien osteuropäische Gettos besucht. Seine Begabung, sich bei diesen Gelegenheiten leicht in fremdartige Gebräuche einzuleben, führt er auf einen artverwandten Familienerbteil zurück.
In Berlin wurden dem damals zwanzigjährigen Wolf eine finanzielle Beihilfe für sein Studium und ein vorerst auf drei Jahre befristeter Dienstleistungs-Vertrag angeboten. Wolf sollte für ein geplantes polizei-internes Wörterbuch die vorhandene Literatur über das Rotwelsch durchsehen und eine Sammlung der Gauner-Vokabeln anlegen. Nachdem Wolf ein Jahr lang an dieser Sammlung gearbeitet hatte, wurde der Vertrag im Frühjahr 1932 wieder aufgekündigt. Begründung: Sparmaßnahmen.
Dennoch setzte Wolf auf eigene Faust seine Sammler-Tätigkeit fort und übergab kurz vor Kriegsbeginn sein fertiges Manuskript einem Leipziger Verlagshaus. Ehe aber das nun nicht mehr für den internen Gebrauch der Polizei bestimmte Wörterbuch gedruckt werden konnte, gingen das Manuskript und ein großer Teil der Unterlagen durch einen Bombenangriff verloren. Wolf brauchte nach Kriegsende elf Jahre, um die nötigen Belege für die in seinem Wörterbuch genannten 6437 Grundausdrücke der Gaunersprache wieder zusammenzustellen.
Sein Thema, die deutsche Gaunersprache, erforderte ein verzwicktes Quellenstudium: das Rotwelsch hat einen großen Teil seines Vokabulars fast unverändert aus dem frühen Mittelalter mit sich geschleppt. Es war aus dem Bedürfnis der Landstreicher entstanden, sich untereinander auf eine Weise zu verständigen, die den Bürgern und Bauern unverständlich bleiben sollte.
"Das Rotwelsch", schrieb Wolf, "ist eine Schöpfung der mittelalterlichen Landstraßen als dem einzigen Zuhause der großen Gemeinschaft aller durch Gesetz und ständische Ordnung von bürgerlichem Stadtleben oder ländlicher Seßhaftigkeit Ausgeschlossenen." Auf der Landstraße aber begegneten die damals zumeist in Rotten zusammenwirkenden Gauner anderen Schichten, die aus beruflichen Gründen die Landstraße benutzten: den sehr oft jüdischen Kaufleuten und den Zigeunervölkern, die sich als Schausteller oder Akrobaten ernährten. Mangels der Begegnung mit anderen Fremdsprachen übernahmen die Gauner für ihre Geheimsprache eine große Zahl von Wörtern aus dem Jiddischen und den Zigeuneridiomen.
Über die im Mittelalter ebenfalls zu den Unehrlichen zählenden Scharfrichter, Henker und Büttel, so weist Wolf nach, kam das Rotwelsch in die städtischen Frauenhäuser, deren Beaufsichtigung im Mittelalter oft dem Henker oder Büttel anvertraut war. An diesen Orten eigneten es sich die Landsknechte an, und so ist es zu erklären, daß mindestens in früheren Jahrhunderten die Soldatensprache weitgehend mit dem Rotwelsch übereinstimmte. Eine Verbindung zur neueren Soldatensprache wird allerdings von Wolf ausdrücklich bestritten.
Dagegen glaubt der Sprachforscher, daß zwischen dem "Bodensatz" der gegenwärtigen Umgangssprache und dem Rotwelsch keine festen Grenzen mehr bestehen. Bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts habe "eine verschärfte Überwachung der Landbezirke und die wachsende Anziehungskraft der Städte" die Lebensform der Berufsgauner grundlegend verändert: "Sie stellten sich auf die mit Scheinarbeit verknüpfte Ansässigkeit und auf verbrecherische Einzel- und Gelegenheitstaten um." Fachmann für Jubiläen
Durch diesen Prozeß sind zahlreiche Wörter des Rotwelschen so allgemein bekanntgeworden, daß sie den Charakter einer Geheimsprache vollkommen eingebüßt haben. Dazu gehört zum Beispiel das Wort "Zosse" für Pferd: Wolf kann nachweisen, daß dieser Ausdruck bereits vor dreihundert Jahren von Gaunern benutzt wurde. Andere Jargon-Ausdrücke, die aus dem Rotwelsch stammen und heute von fast jedermann verstanden werden, sind: "Polente" für Polizei, "Kassiber" für einen im Gefängnis geschmuggelten Brief, "Blüte" für einen gefälschten Geldschein, "abgrasen" für eine Gegend abbetteln, "mopsen" für stehlen, "mogeln" für betrügen.
Wieder andere Ausdrücke sind zwar weniger vom Großstadt-Jargon aufgenommen worden, aber dennoch bekannt: "Botten" für Stiefel, "Kies" für Geld, "Keile" für Prügel, "Gusche" für Mund, "pennen" für schlafen, "baldowern" für auskundschaften. Das ebenfalls geläufige Verbum "verappeln" hat, wie Wolf nachweist, keinesfalls mit Äpfeln zu tun, sondern stammt vom jiddischen "ewil" = Narr.
Um sich während der Zeit, in der er den Quellen und der Etymologie der Gaunersprache nachforschte, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat sich der heute 45jährige Wolf vornehmlich mit historischen Stadtkern- und Ortsgeschichtsforschungen beschäftigt: Er gräbt auf den staubigen Aktenböden provinzieller Rathäuser nach Dokumenten. Aufträge zu solcher Arbeit bekommt er zumeist von solchen Ortschaften, die ihr 700- oder 1000jähriges Bestehen feiern wollen und für ihre Festschriften Belege brauchen. Bei dieser Tätigkeit hat sich Wolf inzwischen einen solchen Ruf erworben, daß sich sogar ausländische Städte seiner Mitarbeit versicherten.
Gegenwärtig ist er allerdings mit einer anderen Arbeit beschäftigt. Das Bibliographische Institut hat für den Herbst dieses Jahres ein neues Buch von Wolf angekündigt: "Das deutsche Gaunertum". Es soll sich mit jenen Personengruppen beschäftigen, deren Umgangssprache das Wörterbuch gewidmet ist.
Bei seiner Sammeltätigkeit war Wolf auch in der Gegenwart auf so zahlreiche Ganovenausdrücke gestoßen, daß ihm der Schluß erlaubt scheint, das Rotwelsch sei heute "so lebenskräftig wie nur jemals" Eine der Ursachen für die Lebensdauer der Landstreichersprache ist, laut Wolf. der Strafvollzug Er zwingt auch heute noch einen großen Teil der Berufsverbrecher immer wieder zu einem freilich unfreiwilligen Gemeinschaftsdasein.
* Siegmund A. Wolf: "Wörterbuch des Rotwelschen"; Bibliographisches Institut AG, Mannheim: 432 Selten: 32 Mark.
Rotwelsch-Sammler Wolf: Geheimsprache der Landstraße

DER SPIEGEL 9/1957
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