20.03.1957

BONN / ERICA PAPPRITZDie Tiefe des Gemüts

Die Godesberger Redoute - eine Repräsentations-Baulichkeit der Residenz am Rhein - erwartete eine erlesene Gesellschaft: Der Präsident der Bundesrepublik- Deutschland,, Theodor Heuss. hatte - es war an einem Januar-Abend dieses Jahres - die Spitzen des Diplomatischen Korps zu einem Gala-Diner geladen.
Ein Diplomat nach dem anderen fuhr vor. Jeder Herr bekam diskret eine Karte zugesteckt, auf der er lesen konnte, welche Dame er zu Tisch führen mußte und wo an der Festtafel er sitzen werde. Theodor Heuss begrüßte jeden neuen Gast - die meisten waren mit ihren Damen gekommen -, dann wurden die Diplomaten in
einen großen Vorraum geleitet. Hier hatten sie Gelegenheit, bei einem Glase Sekt die übrigen Gäste zu begrüßen, die sie von unzähligen Banketts, Cocktail Parties und Emsfängen in Bonn am Rhein sowieso schon kannten. Man erwartete das Zeichen des Hausherrn, sich zu Tisch zu begeben.
Das Signal blieb aus. Schon längst hatten die befrackten Diener mehr. Sekt kredenzt, als normalerweise üblich ist. Aber einer der eingeladenen Botschafter war noch nicht erschienen. Die Karte, auf der verzeichnet war, welche Dame er zu Tisch führen und wohin er sich setzen sollte, lag verlassen auf einem kleinen Tisch gleich neben dem Eingang, wo der Legationsrat Haagemann nach dem scheinbar Verspäteten ausschaute.
Schließlich faßte der Legationsrat einen Entschluß: Er telephonierte mit der Residenz des Botschafters und erkundigte sich, wo Seine Exzellenz bleibe. Die Antwort war rasch erteilt: Der Herr Botschafter könne gar nicht erscheinen, er sei 'zur Zeit auf Reisen. Versehentlich hatte man nicht abgesagt.
Die Katastrophe war da. Wochenlang hatte man die Tischordnung für das Diner
ausgetüftelt, um keinen protokollarischen Fehler zu machen, der irgendwelche Verstimmungen hätte heraufbeschworen können. Noch heute weiß man sich unter Diplomaten von jenem französischen Gesandten zu erzählen, der bei einem feierlichen Anlaß seinen spanischen Rivalen auf dem Platz vorfand, der eigentlich ihm zustand: Rasch täuschte der Franzose einen Ohnmachtsanfall vor. Als die Umstehenden auch der Spanier - ihm zu Hilfe eilten, sprang der französische Diplomat blitzschnell auf und schob sich auf den frei gewordenen Platz des Spaniers.
Mit derartigen Taktiken brauchte man. freilich in der Redoute zu Bad Godesberg nicht zu rechnen. Aber auch dort wäre es unmöglich gewesen, den Platz des verreisten Botschafters, der zudem an exponierter Stelle reserviert worden war, einfach leer zu lassen, und auch die übrigens ähnlich prominente Tischdame durfte nicht
ohne Herrn bleiben. Ebenso unmöglich war, die Gäste einfach aufrücken zu lassen.
Schon zeigte sich ob der Verzögerung im Gesicht des Bundespräsidenten ein Anflug von Unmut. Da tat Legationsrat Haagemann etwas, was deutsche Diplomaten schon in den zwanziger Jahren in ähnlicher Bedrängnis unternommen hätten. Er eilte in den Vorraum, mischte sich 'unter die über hundert Gäste und erspähte schließlich jene, Person, die in derart verzwickten Situationen stets mit der gebotehen Schnelligkeit eine Notlosung weiß: das Fräulein Erica Pappritz, 63, Vortragende Legationsrätin und stellvertretender Protokollchef im Bonner Auswärtigen Amt.
Erica Pappritz war gerade im Begriff, sich mit dem norwegischen Botschafter Peter Martin Anker die bei derartigen Anlässen vertretbaren Nichtigkeiten zu sagen, als die Hiobsbotschaft sie erreichte*. Blitzschnelles Nachdenken führte sie zu der Erkenntnis, daß ein rangmäßig ebenbürtiger Ersatzmann für den ausgebliebenen Botschafter unmöglich in wenigen Minuten aufzutreiben war. Die Tischdamen zur Rechten und zur Linken des vakanten Stuhles hätten es andererseits leicht verübeln können, sich mit einem subalternen Kavalier begnügen zu müssen.
Aber Erica Pappritz wußte einen Ausweg. Sie war sicher: Geflissentlich würden die Damen über diese Etikette-Frage hinwegsehen, wenn neben ihnen ein betont charmanter Plauderer zu Stuhle kommen würde. Erica Pappritz steuerte kurzerhand den Leiter der Politischen Abteilung im Bonner Auswärtigen Amt, Ministerialdirektor Professor Grewe, an, der unter den wartenden Gästen stand, und erteilte ihm - ohne Widerspruch aufkommen zu lassen - den Ehrenauftrag, in die Bresche zu springen.
Der Platz, der ursprünglich für Grewe vorgesehen war, blieb also leer. Das schadete nichts. Der Ministerialdirektor wäre ohnehin am Ende einer der Tafeln placiert worden.
Da endlich konnte Theodor Heuss das Zeichen geben: Die Flügel zum prunkvoll hergerichteten Dinersaal öffneten sich. Erica Pappritz hatte eine schier ausweglose Situation durch kühne Improvisation gerettet.
Nach dem Essen entschuldigte sie sich bei Grewes Tischnachbarinnen wegen des Lückenbüßers. Aber die Damen waren wie von Erica Pappritz vorausgesehen - entzückt "Oh, der war so nett!"
Die Episode verschaffte dem Fräulein Pappritz wieder einmal jenes Maß an innerer Befriedigung und Selbstbestätigung, dessen jeder arbeitende Mensch bedarf. Wieder hatte sich erwiesen, daß niemand. in Bonn so geeignet ist, derart diffizile Probleme technischer. Art zu lösen,- wie Erica Pappritz, und daß sie in diesen Dingen keinen Meister findet.
Indes, die alte Erkenntnis, daß auf solche Höhepunkte immer wieder Tiefpunkte folgen, bewies sich auch an Erica Pappritz. Nur kurze Zeit, nachdem sie diesen Beweis ihres Könnens gegeben hatte, stand sie im Mittelpunkt vielfältiger Attacken: Sie zeichnet für jenes "Buch der Etikette"*
mitverantwortlich, das in den letzten
Wochen auf dem deutschen Büchermarkt Aufsehen erregte und im Deutschen Bundestag sogar zu einer Anfrage der sozialdemokratischen Abgeordneten Annemarie Renger, 37, (der ehemaligen Sekretärin Kurt Schumachers) an den Bundesaußenminister führte.
Die Anfrage soll noch in dieser Woche beantwortet werden. Die Parlamentarierin
will unter anderem wissen, ob jenes Buch,
das den Anspruch erhebt, das menschliche Zusammenleben bis in die allerintimsten Bereiche zu reglementieren (SPIEGEL Nr. 7/1957), etwa mit Kenntnis des Auswärtigen Amtes entstanden sei und ob man Frau Pappritz weiterhin für geeignet halte, Diplomaten auszubilden.
Einer aus der langen Reihe der dienstlichen Vorgesetzten von Erica Pappritz faßte seine Erklärung dafür, daß die perfekte Technikerin der Tischordnung mit jenem umfassenden Buch über den guten Ton schlechthin versagte, in die Worte zusammen: "Das kommt davon, wenn man einen Zwölfender zum Leutnant macht." Der Diplomat mochte bei dieser ungalanten Formulierung daran gedacht haben, daß die Vortragende Legationsrätin Erica Pappritz ihre Karriere im Auswärtigen Amt als Schreibdame begonnen hat und sich schließlich zu ihrem jetzigen Amt deshalb empordiente, weil sie sich in protokolltechnischen Aufgaben bewährte die eher zu den Pflichten einer Direktionssekretärin als zu denen einer Diplomatin gehören.
Freilich ist Bonn der günstigste Nährboden für jemanden, der ausschließlich mit Kenntnissen gesellschaftlicher Spielregeln Karriere machen will. Die neugemachte Bonner Gesellschaft - in diesen Dingen zum großen Teil unsicher leiht Etikette-Ermahnungen willig ihr Ohr, was der Pappritzschen Nachkriegs-Blitzkarriere zweifellos sehr zugute kam.
Freilich war das Fräulein von Hause aus auf die Erfüllung derartiger Pflichten überdurchschnittlich vorbereitet. Ihr Vater, Hans Pappritz, war Rittmeister bei den Dragonern und sie seine einzige Tochter. Erica Pappritz erinnert sich noch heute, daß in der Familie "alles wie am Schnürchen lief, das Personal geschult war und jeden Tag Gäste kommen konnten".
Nachdem Vater Pappritz seinen Abschied genommen hatte, versah er zunächst das verantwortungsreiche Amt eines Distriktskommissars in Posen, später wurde er Chef der Verwaltung und der Polizei im oberschlesischen Zabrze, dem späteren Hindenburg.
Zwischenspiel in Kalk und Kohle
Bei dem Lebenszuschnitt der Familie Pappritz war es selbstverständlich, daß der Vater als königlich preußischer Staatsdiener Wert auf standesgemäße Erziehung seiner Tochter legte. Da eine höhere Töchterschule nicht am Ort war, genoß Erica das Privileg einer Privaterziehung. Stilgerecht absolvierte sie denn auch alle weiteren Erziehungsetappen einer Tochter aus gutbürgerlichem Hause: Zunächst besuchte sie ein italienisches Pensionat, dann kam sie in ein Töchterheim zu Berlin. Nicht ohne Stolz verrät sie heute in Erinnerung an jene Pensionatstage: "Ich hatte einen Spitznamen: Zeremonienmeister."
Als der erste Weltkrieg ausbrach, durfte die höhere Tochter Verwundete pflegen. Als Rotkreuzschwester betreute Erica im Reservelazarett zu Lübben gefangene Franzosen. Außerdem kommandierte sie die Pfleger. Die Pappritz: "Es lief wie am Schnürchen."
Da starb 1916 der Vater. Erica konnte sich den Patriotismus höherer Töchter nicht mehr leisten. Die Rittmeisterstochter mußte Geld verdienen. Als Expedientin, später als Prokuristin, versuchte sie sich in einer Berliner Kohlen- und Kalk Handelsgesellschaft, mit Erfolg, wie sie versichert. Als der Krieg aus war, kam der Prokurist aus dem Felde zurück. Fräulein Pappritz mußte gehen. Sie hätte zwar bei einer anderen Steinkohlenfirma anfangen können, aber Kalk und Kohle waren nicht ihr Milieu.
In diese Zeit schon fällt der erste Kontakt der Erica Pappritz mit der großen Welt der Diplomatie. Sie hatte eine Bekannte, deren Onkel im Auswärtigen Amt tätig war. "Fragen Sie mal Ihren Onkel", sagte Erica Pappritz, "ob man im Auswärtigen Amt nicht eine Scheuerfrau braucht."
Man brauchte zwar keine Scheuerfrau, aber eine Schreibdame. Am 16. April 1919 fing Erica Pappritz, nun 25 Jahre alt, beim damaligen Konsul Bosenick an, dem die Abteilung zur Auswahl und Ausbildung des diplomatischen und konsularischen Nachwuchses unterstand. An ihrem Antrittstag durfte die neue Kraft schon einen Stundenplan für die Attacheschüler entwerfen. "Ich war nicht nur Tippse," sagt sie heute.
Die Diplomaten-Aspiranten bekamen sehr bald zu spüren, was für ein ehrgeiziges und selbstsicheres Wesen sich da im Vorzimmer des Attachevaters eingenistet hatte. Der heutige deutsche Botschafter in Athen, Dr. Theo Kordt, hat jenen Tag noch gut in Erinnerung, an dem er sich in der Wilhelmstraße vorstellte. Im Vorzimmer fragte ihn Erica Pappritz: "So, Sie wollen
also Diplomat werden?" Und nach einem abschätzenden Blick: "Eines kann ich Ihnen sagen: Staatsverträge werden Sie nicht so bald abschließen."
Vier Jahre später saß das strebsame Mädchen bereits im Vorzimmer des Personalchefs im Auswärtigen Amt, des Ministerialdirektors Gneist. Diese Stellung hielt sie sechs Jahre lang - bis 1929. Jeder anderen Sekretärin hätte dieser Posten, der es erlaubte, die Personalakte jedes Angehörigen des Hauses einzusehen, für alle weitere Zeit genügt.
Nicht so dem Fräulein Pappritz. Wie sehr sie sich auch in einer derartigen Schlüsselposition gefiel, eines vermochte sie nicht zu verwinden: Es wurmte sie, nur Sekretärin zu sein. Und im übrigen konnte sie hier nicht ihrer seit der Pensionatszeit eingefleischten Vorliebe frönen: dem Zeremoniell; damit hatte sie im Vorzimmer des Personalchefs Gneist nichts zu tun.
Bis zum Zusammenbruch des Kaiserreiches hatte die Gestaltung und Überwachung des Zeremoniellen dem Hofmarschallamt oblegen. Danach war dieser Aufgabenbereich dem Auswärtigen Amt übertragen worden, und zwar jener Abteilung, in der die internationalen Abmachungen, Verträge und Protokolle über bestimmte Vorgänge aufbewahrt wurden, weshalb diese Abteilung kurz "Protokoll" genannt wird.
Der Zuständigkeitsbereich dieser Abteilung wurde rasch erweitert. Neben den Grundsatzfragen des Zeremoniells und der Rangordnung kamen im Laufe der Zeit unter anderem hinzu:
- Akkreditierung ausländischer Missionschefs,
- Vermittlung von Besuchen beim Regierungschef, beim Außenminister und beim Staatssekretär des Auswärtigen Amtes,
- Verleihung von ausländischen Orden an Deutsche und von deutschen Auszeichnungen an Ausländer,
- Vorbereitung von Staatsbesuchen im
Inland wie im Ausland,
- Regelung der Privilegien des Diplomatischen Korps sowie Betreuung der Mitglieder, Exterritorialitäts- und Immunitätsfragen,
- Schlichtung von Streitigkeiten, in die ausländische Diplomaten verwickelt sind. In diese Abteilung zog es die Sekretärin Erica Pappritz aus der Personalabteilung: Zur Jahreswende 1929/30 glückte ihr denn auch der große Sprung. Sie wurde Leiterin des Referats für Zeremoniell und Rangfragen in der Protokollabteilung.
Den Anstoß zu diesem Wechsel hatte der Personalabteilungsleiter und spätere Botschafter in Paris, Roland Köster, gegeben. Ihm war aufgefallen, daß Fräulein Pappritz einen ausgeprägten Sinn für Etikette-Fragen hatte und sich an heiklen Placements geradezu erwärmen konnte, vor, denen es im Amt ergrauten Diplomaten oftmals graute.
In ihrer neuen, Umgebung kam dem Fräulein Pappritz ein besonderer Umstand zugute. Die Protokoll-Abteilung wird von jeher nicht gerade als das interessanteste und daher begehrenswerteste Ressort den Auswärtigen Amtes betrachtet. Wen die Versetzung zum Protokoll trifft, der trachtet in der Regel danach, den häufigen Kontakt zur eigenen Prominenz zu nutzen um möglichst schnell wieder aus dieser Abteilung heraus zu kommen, etwa auf einen Auslandsposten.
In der Protokollabteilung herrscht folglich ein ewiges Kommen und Gehen Erica Pappritz hatte sogleich die Chance erkannt sich in dieser Umgebung unentbehrlich zu machen. Bald hieß es: "Pappritz, Sie sind der einzige Mann im Protokoll."
Ihr Arbeitszimmer im Erdgeschoß des Berliner Auswärtigen Amtes, direkt neben dem Zimmer des Protokollchefs, war ein kleines, sehr feminin anmutendes, im Louis -Seize-Stil eingerichtetes Boudoir mit Blick auf den Ministergarten. Zahlreiche handsignierte Photographien prominenter Diplomaten und Staatsmänner zierten die Wände. In jener Zeit begann Erica Pappritz, ein Monokel zu tragen.
War ein Staatsbesuch angesagt, was im Jargon der Protokoll-Funktionäre respektlos "Arbeitsbesuch" genannt wird, hockte sie nächtelang in ihrem Boudoir, eine Zigarette nach der anderen rauchend, von Migräneanfällen gepeinigt, Tabletten schluckend, und brütete über dem Reglement des "großen Bahnhofs", über der Sitzordnung im Auto und an der Festtafel sowie über der Kleiderordnung.
Sie ging ganz in ihrer Beschäftigung als Hofmarschall der großen Welt auf und wurde dabei selber zur wandelnden Etikette. Die einzige Gesprächsbasis, die es für sie, gab, war das Zeremoniell. Auf ihrem Gesicht stand stets die protokollarisch vorgeschriebene Würde oder das protokollarisch gerade noch vertretbare Lächeln.
Als des Führers Adolf Hitler Machtübernahme protokollgerecht abgewickelt werden sollte, lag sie gerade mit einem eingegipsten Fuß, den Eisbeutel auf dem Kopf, krank zu Hause. Sie hatte sich bei der täglichen Morgengymnastik den Mittelfußknochen gebrochen. Als sie vernahm, welch protokollarisches Ereignis sich anbahnte, ließ sie sich Tag für Tag ins Amt tragen, solange sie nicht gehfähig war.
In der Folge lieferte sie noch mehrere Talentproben, so bei den Reichsparteitagen der NSDAP (Pappritz: "Die Ausländer liefen ja alle hin!") und 1936 bei der Berliner Olympiade. Damals galt es unter anderem, die Tischordnung zum Galadiner der Reichsregierung für die Ehrengäste in der Goldenen Galerie des Charlottenburger Schlosses einzuplanen. Pappritz: "Das Problem löste ich, indem ich vier Tische aufstellen ließ. Da hatte ich acht Schwerpunkte." Allein, so erfolgreich und unübertroffen Erica Pappritz schließlich auf ihrem Gebiet war, die gesellschaftliche Anerkennung beim Berliner Diplomatischen Korps blieb ihr lange Zeit hindurch versagt. Letztlich war das Fräulein Pappritz eben nur eine Angestellte des Ministeriums, keine Beamtin und schon gar keine Diplomatin. Und zudem beschränkte sich ihre Tätigkeit ganz auf das Zeremoniell und die Rangordnung. Für andere Protokollfragen war sie nicht kompetent, geschweige denn, daß sie irgendwelche Funktionen mit politischem Akzent hatte.
Was Wunder, daß sie unter diesen Zuständen sichtbar litt. 1943 sah sie sich fast am Ziel ihres sehnlichsten Wunsches: Sie sollte in den Beamtenstand erhoben und zur Regierungsrätin ernannt werden. Sie wäre die erste Beamtin in der Wilhelmstraße geworden. Indes, ihr oberster Chef, der Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, der die Parteigenossin Pappritz nicht ausstehen konnte, verwarf kurzerhand den Vorschlag der Personalabteilung.
Der Chef des Protokolls, Freiherr von Dörnberg, setzte aber doch durch, daß Erica Pappritz mit ihrem 50. Geburtstag in Anerkennung ihrer Verdienste fortan die Besoldung eines Legationsrates 1. Klasse erhielt. Das war vorläufig die letzte Gunst, die ihr vom Amt erwiesen wurde. Unmittelbar darauf wurde sie vom Auswärtigen Amt zum Arbeitseinsatz für den großdeutschen Freiheitskampf freigestellt.
Die Gründe dafür sind umstritten. Erica Pappritz sagt. "Von Ribbentrop kaltgestellt." Andere meinen: "Weil einige Kollegen und mancher Vorgesetzte es mittlerweile leid geworden waren, mit der ehrgeizigen und etwas herrisch gewordenen Dame länger zusammenzuarbeiten, war das ein willkommene Gelegenheit, sie loszuwerden."
Wenn es auch für die Protokollmenschen stets bequem gewesen war, sich auf sie zu verlassen - "Da muß die Pappritz 'ran" -, so war es tatsächlich nicht immer angenehm, mit ihr in einer Abteilung zu sitzen. Sie kritisierte Vorgesetzte und kommandierte Gleichgestellte. Und schon gar nicht wollte man sich mit dem Abhängigkeitsverhältnis abfinden, in das Erica Pappritz ihre Amtskollegen in Protokollfragen hineinmanövriert hatte. Den Vorwurf, daß sie dies bewußt getan habe, weist sie energisch zurück: "Ich habe das halt jahrelang mitgemacht, und da wäre ich doch ein Rindvieh, wenn ich das nicht behielte." Und: "Ich bin sehr stolz darauf, da kann mir keiner was vormachen."
Speers Rüstungsbetriebe hatten für Erica Pappritz keine Verwendung. So wurde sie schließlich im Januar 1944 zur Ausweichstelle des Auswärtigen Amtes in Krummhübel im Riesengebirge versetzt. Die Dienststelle war im Tal untergebracht, aber Erica Pappritz mußte oben auf dem Berg in der Teichman-Baude Quartier beziehen. Damit war es ihr praktisch unmöglich gemacht, noch Dienst zu versehen.
Verkehr mit fremden Konsuln
So verstrich ein ganzes Jahr. Das Großdeutsche Reich erlebte sein letztes Stündlein. Im März 1945 war eines Morgens auch in Krummhübel das Geschützfeuer der Sowjets zu hören. In der Ausweichstelle des Auswärtigen Amtes packte man die Koffer und verschwand "über Nacht gern Westen. Erica Pappritz oben auf dem Berg hatte man einfach, vergessen und zurückgelassen. Es folgten für sie achtzehn Monate in Flüchtlings-Trecks, Baracken und Notunterkünften, und im Herbst 1946 saß Erica Pappritz schließlich in der kleinen Ortschaft Eichenau zwischen München und Fürstenfeldbruck.
Sie dolmetschte und gab Sprachunterricht, und als sie einmal bei einem Zahnarzt war, las sie in der Zeitung, daß ein alter Bekannter aus der Berliner Wilhelmstraße, der heutige Botschafter in London, Hans Herwarth von Bittenfeld, in der bayrischen Staatskanzlei untergekommen War. Chef der Staatskanzlei war zudem ein anderer Bekannter aus der Wilhelmstraße, der spätere deutsche Botschafter in Brüssel, Anton Pfeiffer.
Erica Pappritz hatte Glück. Herwarth wart gerade vor die diffizile Aufgabe, gestellt worden, die erste und letzte vierzonale Ministerpräsidentenkonferenz in München vorzubereiten. Die ehemalige Protokollreferentin der Wilhelmstraße kam ihm da gerade recht. Erica Pappritz ging ihm zwei Monate lang zur Hand, dann gab es für sie in der bayrischen Staatskanzlei keine Beschäftigung mehr. Die Konferenz war rasch geplatzt, und für die Entfaltung großen Zeremoniells bestand sonst kein rechtes Bedürfnis.
In ihrem Eichenauer Exil verfaßte Erica Pappritz ein "Merkblatt im Verkehr mit. fremden Konsuln", das sie gegen ein bescheidenes Honorar den Staatskanzleien der diversen deutschen Länder zuschickte. Für einen Völkerrechtler, der gerade an einem Buch arbeitete, schrieb sie ein paar Kapitel über Protokollfragen. Sie besaß zwar keinerlei Unterlagen mehr, jedoch, so bekannte sie schlicht: "Ich habe einfach aus der Tiefe meines Gemüts geschöpft."
Mittlerweile schrieb man bereits das Jahr 1949. Erica Pappritz hatte längst die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder ihre Mitmenschen von Berufs wegen nach Rang und Namen einstufen und "große Bahnhöfe" vorbereiten zu dürfen. Da erreichte sie am 3. September 1949, als sie gerade krank im Bett lag, unversehens ein Telegramm Herwarths aus der bayrischen Staatskanzlei: "Bitte Sie. Montag mit mir nach Bonn zu fahren"
Montag war der nächste Tag. Erica Pappritz stand kurzerhand auf und fuhr mit Herwarth und einem dritten Mann aus der alten Wilhelmstraße namens Schwarzmann nach Bonn. Die drei sollten die konstituierenden Sitzungen von Bundesrat und Bundestag der neugeschaffenen Bonner Republik protokollgerecht abwickeln. Sie taten es.
Als die Wahl des Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung an der Reihe war und Theodor Heuss es im ersten Wahlgang nicht gleich schaffte, nahm sich Erica Pappritz der aufgeregten Gattin Elli Heuss-Knapp an. Bei Tee und Kuchen in der Wandelhalle des Parlamentsgebäudes ersparte sie ihr die Aufregung des zweiten Wahlganges. Frau Heuss lohnte ihr diesen Dienst: Erica Pappritz durfte mit auf die Victorshöhe ziehen, wo dem Präsidentenehepaar ein Haus eingerichtet worden war. Dort oben machte sie es sich alsbald zur Aufgabe, die Eheleute Heuss parkettsicher zu machen. Elli Heuss machte mit, Theodor Heuss dagegen hielt nichts von Protokoll-Lektionen a la Pappritz. Er hatte, wie immer, seine eigenen Vorstellungen.
Hans Herwarth von Bittenfeld mit dem Erica Pappritz nach Bonn gekommen war, hatte bald den Auftrag bekommen, im Bundeskanzleramt einen "Arbeitsstab Protokoll" aufzuziehen. Er holte die Pappritz zu sich. Herwarths Stellvertreter war zunächst der heutige Chef des Protokolls, Ernst-Günther Mohr. Schon nach vier Wochen aber erhielt Mohr eine andere Verwendung im Bundeskanzleramt. Erica Pappritz wußte die gebotene Chance zu nutzen: Mit Hilfe Herwarths setzte sie durch, daß sie sich auf den Stuhl seines Stellvertreters setzen durfte.
Herwarth, von Natur aus großzügig, überließ ihr viele Routineangelegenheiten, deren Erledigung normalerweise seine Sache gewesen wäre, deren sich aber seine Stellvertreterin ungebeten angenommen hatte. Darüber hinaus lieferte sie immer neue Beweise für ihre unbestrittenen Fähigkeiten in Etikettefragen. An Gelegenheiten mangelte es nicht. Die ersten Staatsbesuche der jungen Republik mußten stilvoll abgewickelt werden. Dean Acheson und Robert Schuman kamen nach Bonn ausländische Missionschefs überreichten ihre Beglaubigungsschreiben. Unter der Assistenz der Erica Pappritz klappte "alles wie am Schnürchen", genauso wie einst. Mehr noch: Die ausländischen Botschafter und Gesandten klopften jetzt bei ihr an, um sich in Protokollfragen fachgerecht beraten zu lassen.
Schon fünfzehn Monate nach ihrem Eintritt in den Bonner Auswärtigen Dienst wurde Erica Pappritz Beamtin, und nach weiteren eineinhalb Jahren beförderte man sie zum Vortragenden Legationsrat, welcher Rang dem alten Geheimratstitel entspricht.
Sie ist nun zwar nicht mehr die einzige Dame im deutschen diplomatischen Dienst, wie das in der Wilhelmstraße der Fall gewesen wäre. Dafür ist sie immerhin noch die ranghöchste Beamtin im Außenamt. Neben ihr haben inzwischen 61 Kolleginnen Zugang zum gehobenen Dienst gefunden. Davon stehen 46 Damen im Angestelltenverhältnis, 15 erhielten ihre Bestallung zum Beamten auf Lebenszeit. Mehrere unter ihnen haben es zum Leiter eines deutschen Konsulats gebracht, so Frau Margarethe Lenz, Chef des Konsulats in Linz.
Aber sie befehligt nicht, wie Erica Pappritz, vier Legationsräte und einen Schwarm von Amtsräten. Seit Erica Pappritz den Posten des stellvertretenden Protokollchefs bekleidet, ist sie darauf bedacht, sich vorwiegend mit Angehörigen des ministeriellen Fußvolks zu umgeben. Niemand ist in Sicht, der ihr in Protokollfragen das Wasser reichen könnte.
Fahrer Schulz holt die Vortragende Legationsrätin jeden Morgen zum Dienst ab. Dann verläßt Erica Pappritz, zuweilen mit einer brennenden Zigarette* in der
Hand, ihre Wohnung und fährt ins Amt. Sie ist, da, noch ehe die meisten anderen Herren und Damen des Protokolls zur Arbeit erscheinen. Schon von weitem ist für jedermann vernehmbar, wenn sie das erste Stockwerk betritt. Dafür sorgt "Uschi", ein Dackelhund, der täglich den langen Aufenthalt im Büro erdulden muß und dem in der kühleren Jahreszeit auch Hosen übergestülpt werden.
Wer bei der stellvertretenden Protokollchefin zum Vortrag erscheint, wird im Vorzimmer erst einmal gründlich von einer Dackelnase abgeschnuppert. Im Vorzimmer hat Erica Pappritz außerdem zwei Damen etabliert, die - wie früher Erica Pappritz in der Wilhelmstraße - den "Vorhof der Macht" demonstrieren.
Sogar-Angehörige der eigenen Abteilung, die das Fräulein Pappritz dienstlich, zu sprechen wünschen, müssen sich bei Frau Beetz oder Fräulein Boss einen Termin erbitten. Wer den Damen nicht genehm ist, muß warten, mitunter tagelang. Das 37jährige Fräulein Boss, im Hause "Bösschen" genannt, ist zudem die - wie es genannt wird - Wahlnichte der Erica Pappritz. Auf der Flucht durch die Tschechoslowakei lernte man sich kennen und schätzen. Bösschen arbeitet seitdem nicht nur im Vorzimmer, sondern wohnt auch bei der stellvertretenden Chefin des Protokolls.
Obwohl sie eigentlich Sekretärinnen sind, haben die Damen im Pappritzschen Vorzimmer bereits Sachbearbeiterwürden. Erica Pappritz übertrug ihnen den Sektor "Gesellschaftliche Veranstaltungen des Bundespräsidenten, des Bundeskanzlers, des Bundesministers des Auswärtigen, des Staatssekretärs und der Abteilungsleiter des Auswärtigen Amts".
So geschieht es, daß sich bei ausländischen Staatsbesuchen zwar die beiden Vorzimmerdamen mit Einladungen zu den Empfängen der Bundesregierung bedenken, die Länderreferenten, des Außenministeriums dagegen leer ausgehen. Auch in Ordensverleihungen ist die Protokollabteilung autark. Für dieses Sachgebiet war bis vor kurzem der Amtsrat Rathje kompetent. Er hatte die ausländischen Gäste zu beraten, wie sie die mitgebrachten Höflichkeitsdekorationen gerechterweise verteilen könnten.
Rathje, dem übrigens die Ernennung zum Legationsrat winkt, mithin der Aufstieg in die höhere Laufbahn, sorgte dafür, daß auch die Vorzimmerdamen gebührend dekoriert wurden. Der Amtsrat selber muß heute zwei Ordensspangen anlegen, um bei gesellschaftlichen Anlässen sämtliche Orden präsentieren zu können. Erica Pappritz trägt fünfzehn Orden. Mit Ordensschärpe und Spange erscheint sie gelegentlich auf diplomatischen Empfängen. Bis dahin galt derartiger Schmuck als Privileg von Damen aus fürstlichen Häusern.
Das Selbstbewußtsein der Erica Pappritz hat auch sonst einen bemerkenswert hohen Pegelstand erreicht. Unbekümmert kommandiert sie den Kanzler herum, wenn irgendwo zum Empfang eines hohen Gastes Aufstellung genommen werden muß: "Sie müssen hier stehen bleiben und nicht immer herumlaufen!" In der allmorgendlichen Direktorenbesprechung im Auswärtigen Amt, gemeinhin "Morgengebet" genannt, setzt sie forsch ihre Meinung durch.
Der eigentliche Chef des Protokolls, Herwarth-Nachfolger Gesandter Dr. Mohr, mußte bereits wiederholt zusehen, wie bei der Schlußbesprechung über einen bevorstehenden Staatsbesuch seine Ansichten von Erica Pappritz und ihrem - zumeist weiblichen - Gefolge beiseite geschoben wurden. Als zum Beispiel der italienische Ministerpräsident Segni und sein Außenminister Martino der Bundesregierung ihren Besuch abstatteten, war Protokollchef Mohr bei den Vorbesprechungen in seiner Abteilung der Ansicht gewesen, er müsse eine Liste der zu dem Regierungsempfang eingeladenen Gäste in, den Händen halten, um diese Persönlichkeiten den italienischen Gästen vorstellen zu können.
Erica Pappritz und ihre Gehilfinnen hielten das für überflüssig. Prompt stand Protokollchef Mohr am Galaabend hilflos - weil ohne Namensliste - zwischen Gastgebern und Gästen.
"Bezaubernde Eva"
Der Ruf der Erica Pappritz, sie sei unschlagbare Meisterin des Protokolls, hatte nun Mitte 1954 auch einen Mann namens Karlheinz Graudenz erreicht, der sich mit dem Gedanken trug, ein Buch der Etikette zu schreiben. Dieser Graudenz, Porsche -Fahrer, 44 Jahre alt, ein Berliner, der 1949 nach München kam und heute in einer Villa in Baldham bei München wohnt, weiß von sich einen überaus farbigen Lebenslauf zu berichten:
Er habe an der Hochschule für Politik in Berlin studiert, sei dann einige Jahre in der Industrie und bei Kriegsausbruch 1939, also 26jährig, bei der Luftwaffe gewesen. Er weiß von seinen Einsätzen an allen Fronten zu erzählen - Deutsches Kreuz in Gold, Goldene Frontflugspange, ein halbes Dutzend anderer Auszeichnungen-, von seinem Geheimauftrag, 1944 die Einsatzmöglichkeiten der V1-Rakete vom Flugzeug aus zu erproben, und vom Peenemünder EKG, dem "Erprobungskommando Graudenz". Nach dem Krieg schrieb er Kabarett- und Schlagertexte (für Margot Hielscher: "Ein Mädchen aus Berlin" und "Gleich hinterm Siegestor fängt Schwabing an") und betätigte sich journalistisch.
Erica Pappritz entschloß sich, zusammen mit diesem Tausendsasa ein Etikettebuch zu verfassen. Man kam überein, daß sie das
Rohmanuskript zu besonders protokollstrengen Kapiteln liefern sollte, wie etwa "Bezaubernde Eva", "Auf spiegelndem Parkett", "Am festlich gedeckten Tisch", und schließlich "Vom Zeremoniell über die Etikette zum harmonischen Alltag". Graudenzens Aufgabe war es dann, diese Rohmanuskripte in ansprechendes Deutsch zu bringen, während er darüber hinaus alle übrigen Partien des geplanten Buches allein zu verfassen hatte.
Als jedoch das Werk zu 75,Prozent fertig war, verschied der Verleger, und das Projekt mußte aufgesteckt werden. Es währte eine ganze Weile, ehe sich ein neuer Herausgeber fand, Matthias Lackas, 51, vom Perlen-Verlag in Marbach, dessen Spezialgebiet leichte, auch leicht amouröse Literatur ist. Wieder wurden Graudenz und Pappritz unter Vertrag genommen.
Als Graudenz das Manuskript abgeschlossen hattes schickte er es - in drei Teilen - an seine Mitautorin nach, Bohn. Erica Pappritz. meldete auch prompt Änderungswünsche an: Graudenz hatte in seinem Manuskript zum Beispiel ein Modell -Abendessen mit vierzehn Gästen arrangiert und geschrieben, der Ehrenplatz sei dem 74 jährigen Geheimrat Nolde einzuräumen, der 51 jährige Staatssekretär Schulz komme erst an zweiter Steile.
Um diese beiden imaginären Personen hatte sich zwischen dem - ebenso unwirklichen
Hausherrn und der Hausfrau laut Text ein Dialog entsponnen. Das fingierte Gespräch beendete Graudenz in seinem Konzept mit dem Satz: "Alter geht vor Rang." Erica Pappritz war jedoch anderer Meinung. Sie setzte die Fassung durch: "Ein Staatssekretär steht höher als
ein älterer Geheimrat." Den Satz: "Alter geht vor Rang," mußte Graudenz streichen.
Um die Endfassung jener Kapitel abzusprechen, an denen die Vortragende Legationsrätin mitgewirkt hatte, kam Graudenz in seinem Porsche mehrmals von München nach Bonn. Die Pappritz: "Er kam ein paarmal übers Wochenende zu uns nach Haus."
Graudenz schwort heute, daß seiner Mitarbeiterin Pappritz außerdem auch das gesamte Manuskript einschließlich der Teile, die er allein verfaßt hatte, in der Endfassung zuging. Mehr noch: Später erhielt sie einen Fahnenabzug vom Perlen-Verlag. Wenn Graudenz auch die anderen Kapitel des Buches mit der Vortragenden Legationsrätin nicht durchgesprochen hatte, so nahm er doch an, daß sie diese Texte wenigstens studiert habe. Mit dieser Aufgabe aber hatte Erica Pappritz ihr "Bösschen" beauftragt, die Wahlnichte, Sekretärin und Hausgenossin, die dann wohl die Mühe scheute, das Manuskript - wie es nötig gewesen wäre - vom Anfang bis zum Ende durchzulesen.
Zunächst ging das Buch, eines von vielen Benimmbüchern, auf dem Markt nicht besonders gut. Das wurde aber mit einem Schlage anders, als die Zeitungen darüber berichteten. Die erste Auflage von 11 500 Stück ist fast ausverkauft, die zweite Auflage, 10 000 Stück, wird in diesem Monat gedruckt. In Bonn wird das Werk heute schon antiquarisch gehandelt, weil die Neuauflage zu klein ist.
Aber dieser schöne Erfolg hat dem Fräulein Pappritz keine rechte Freude gemacht. Denn im Nu hatten sich die rheinischen Karnevalisten der ausgefallensten Anstandsregeln bemächtigt, etwa dieser: "Die Unterwäsche (machen wir es kurz) - sei kurz! Lange Unterhosen bleiben unmännlich und häßlich, auch wenn sie kaum jemand sieht." Auf dem Bonner Marktplatz schnitt eine monokelbewehrte Pseudo -Pappritz vor jubelndem Karnevalsvolk die Hosenbeine von langen Herren-Unterhosen ab.
Die Karikaturisten ließen sich durch eine andere Passage des Buches zu Witzen inspirieren: "Während und nicht erst nach der Benutzung (der Toilette) wolle man sich der berühmten Kette bedienen. Dieses Gesetz gilt um so eiserner, je kleiner und hellhöriger die Wohnung ist. Danken wir der Technik, daß sie uns mit der Wasserleitung ein Mittel zur diskreten Neutralisierung unerwünschter Geräuschkulissen in die Harid gegeben hat!" Die Kette der Wasserspülung avancierte im Bonner Jargon prompt zur "Eti-Kette".
Das Autorenpaar Pappritz - Graudenz hatte selbst älteste Kommißwitze bemüht, um parkettungewohnten. Lesern seines Buches einen Hinweis darauf zu geben, wie sich in einer großen Gesellschaft am ehesten etwa vorhandene Nervosität abstreifen läßt: "Dann hilft nur noch, sich alle anwesenden Damen mit Lockenwicklern, alle Herren in langen Unterhosen vorzustellen."
Für die, körperliche Hygiene geben die Etikettebuch - Verfasser den Rat: "Wir baden täglich, wobei wir an die Stelle des Bades mit gleichem Erfolg auch eine lückenlose Ganzwäsche setzen können vom Ohr bis zur Fußsohle. Dieser morgendlichen gründlichen Wäsche sollte ein sehr kluger Slogan zugrunde liegen, der jüngst einem Werbefachmann eingefallen ist: Er
heißt: Kennen Sie das erregende Gefühl, frisch gewaschen zu sein?"
Besonders tief gekränkt fühlt Erika Pappritz sich dadurch, daß selbst der Kanzler und der Bundespräsident über sie und ihr Buch frotzeln. Neuester Gag Konrad Adenauers ist es, seine Besucher mit der Frage zu begrüßen: "Nun, meine Herren, tragen Sie auch keine langen Unterhosen?"
Theodor Heuss, dem die Autorin Pappritz vor seiner Erkrankung in der Redoute begegnete, wies sie zurecht: "Was für ein Unsinn, Frau Pappritz. Was soll denn das mit den Handschuhen in Ihrem Buch? Ich ziehe nie welche an*."
Kritik aus dem Bundestag
Ernstlich zu schaffen machen Frau Pappritz außerdem die Attacken ihrer Geschlechtsgenossinnen aus den Reihen der Bundestagsabgeordneten. Während Alterspräsidentin Dr. Luders dem Dr. Heinrich von Brentano einen Beschwerdebrief direkt zusteckte, brachte die SPD-Parlamentarierin Renger im Bundestag jene Kleine Anfrage zum "Fall Pappritz" ein, die in dieser Woche beantwortet werden soll.
Ursprünglich hatte man im Auswärtigen Amt die Absicht, sich in der Erklärung vor dem Bundestag von der stellvertretenden Protokollchefin, zu distanzieren. Seit der vergangenen Woche ist man jedoch willens, Frau Pappritz zur Seite zu stehen:
- Während es in der Erstfassung der Antwort hieß, das Auswärtige Amt "distanziere" sich von verschiedenen Stellen
des Buches, Lautet die entsprechende Pasage bei der Zweitfassung, das
Außenministerium "mißbillige" verschiedene Stellen.
- Während ursprünglich im Text davon
die Rede war, Frau Pappritz unterrichte den diplomatischen Nachwuchs lediglich in einer Doppelstunde pro Lehrgang, wird dieser Zusatz in- der Zweitfassung gänzlich fortgelassen.
- Während im Erstkonzept der Ankauf
von 75 Exemplaren des "Buchs der Etikette" aus Mitteln des Auswärtigen Amtes zugegeben werden sollte, soll es nunmehr statt dessen heißen, man werde einen Ankauf erst nach einer Neufassung des Buches ins Auge fassen. Weder in der ursprünglichen noch in der letzten Fassung der für den Bundestag bestimmten Antwort wird indes die Tatsache erwähnt, daß der Autorenvertrag der Erica Pappritz mit dem Perlen-Verlag im Auswärtigen Amt ausgearbeitet worden ist.
Die Frage ist nun, ob der Vortragenden. Legationsrätin Erica Pappritz etwas
passieren wird. Es gibt in der Protokollabteilung Leute, die es der Pappritz sehr verübeln, daß sie die ganze Abteilung, die ohnehin permanent im Geruch leichter Lächerlichkeit steht, abgrundtief blamiert hat.
Bundestags-Alterspräsidentin. Lüders stellte die Frage, ob die Verfasserin eines solchen Buches weiter in ihrem Amt bleiben kann.
Tatsächlich strebt Erica Pappritz, die unersetzliche Technikerin des Protokolls, heute, selbst aus diesem angestammten Milieu heraus. Ihr Wunsch ist es, der erste weibliche Missionschef in der Geschichte des deutschen diplomatischen Dienstes zu werden.
Als vor einiger. Zeit diskutiert wurde, wer Bonner Botschafter in Luxemburg werden solle, war aus Gründen, die nicht ganz erklärlich sind, der Name Pappritz tatsächlich im Gespräch. Allerdings lehnte die Kandidatin dankend ab. Jedoch nicht etwa als Ergebnis einer kritischen Selbstbewertung, sondern in der Überzeugung, daß - wenn schon - ein bedeutenderer Posten ihr besser zu Gesicht stände.
* Das SPIEGEL-Titelbild stellt die Szene dar.
* Erica Pappritz, Karlheinz Graudenz: "Das Buch der Etikette"; Perlen-Verlag, Marbach am Neckar; 510 Seiten; 26,80 Mark.
* "Das Buch der Etikette", Seite 238: "Damen, die auf der Straße rauchen, sind entweder keine - oder Amerikanerinnen. (Eine wohlerzogene Amerikanerin wird das aber auch nicht tun.)"
* "Das Buch der Etikette", Seite 191: "Handschuhe gehören ebenfalls zum vollständigen Anzug des Herrn ... Bei ganz offiziellen Anlässen trägt der Herr zum Frack Weiße Glacehandschuhe, zumindest in der Haiid. Zum Tanzen werden sie selbstverständlich angezogen! Ansonsten gehören Herrenhandschuhe auf, nicht in die Hand."
Stellvertretender Protokollchef Erica Pappritz: Alles läuft wie am Schnürchen.
Kind Erica
In Fragen des Zeremoniells ...
Konfirmandin Erica
... von Haus aus vorbereitet
Erster Bonner Pappritz-Chef von Herwarth, Nachfolger Mohr: Damen gaben den Ton an
Kanzler Adenauer, Protokollchefin: "Laufen Sie nicht herum!"
Dackel Uschi, Herrin
Hosen für kühlere Jahreszeiten
Mitautor Graudenz: Das erregende Gefühl, gewaschen zu sein
Legationsrätin Pappritz mit Orden
Sonst nur Gräfinnen vorbehalten
Pseudo-Pappritz im Karneval: "Die Unterwäsche sei kurz"

DER SPIEGEL 12/1957
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BONN / ERICA PAPPRITZ:
Die Tiefe des Gemüts

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