13.03.1957

METZELER-GUMMIWERKESind die Aktien nichtig?

In den ersten Märztagen brach der Aufsichtsratsvorsitzende der Münchner Metzeler-Gummiwerke AG, der Millionär Willy Kaus, zu einer Erholungsreise nach Arosa auf, wo er sich 14 Tage lang von den Strapazen ausruhen will, die er wegen seiner Leidenschaft für die Gummibranche in Kauf nehmen mußte. Für die Strapazen will er sich dann in kürzester Frist - spätestens bis Mitte März, wenn er aus dem Graubündener Luftkurort zurückkehrt - mit 5,8 Millionen Mark entschädigen lassen.
Diese Summe soll der ehemalige Staatssekretär im Bayrischen Finanzministerium Dr. Richard Ringelmann heranschaffen, der Anfang vergangenen Jahres die undankbare. Aufgabe übernommen hat, die verworrenen Finanzverhältnisse des Handels- und Industriekonzerns "Centralgeschäftsstelle Georg Hirsch" (CGH) zu ordnen, zu dem als Herzstück die Metzeler-Gummiwerke gehören.
Bisher hat der alte Finanzfachmann, der im Dienste des bayrischen Staates schon manchen Sturm und manchen Minister überdauerte, wenig Freude an diesem Sisyphus-Auftrag erlebt. Das Erbe, das ihm seine Vorgänger, die früheren Generalbevollmächtigten des Hirschkonzerns, hinterlassen hatten, war ein Scherbenberg von Schulden und Verwirrungen.
Die in kommerziellen Fragen völlig unbedarften Erben des alten Kommerzienrats Hirsch waren nämlich in den ersten Nachkriegsjahren an einen Mann geraten, der schon einmal wegen Betruges drei Jahre Zuchthaus verbüßt hatte, an den "Wirtschaftsberater" Hans Diederich, den die Hirsch-Erben schließlich als Generalbevollmächtigten der CGH einsetzten.
Er brachte das Konzernschiff auf einen so abenteuerlichen Kurs, daß es auf zwei Klippen aufrannte. Die eine Klippe war die Finanzbehörde, die Diederichs Steuermanipulationen aufdeckte und acht Millionen Mark Steuern nachforderte. Die andere Klippe wurde von mehreren Banken gebildet, denen der Hirschkonzern insgesamt 25 Millionen Mark schuldete (SPIEGEL 7 und 10/1956).
Um von dem Wrack zu retten, was noch zu retten war, beriefen die Hirsch-Erben den ehemaligen Finanzstaatssekretär Ringelmann in die Steuerkabine. Der alte Beamte verwandelte sich im Umsehen von einem Saulus der Steuerbehörden in eitlen Paulus des freien Unternehmertums.
Er brauchte vor allem flüssige Mittel, um die auf ihn einstürmenden Forderungen der Banken und des Fiskus zumindest in Teilbeträgen befriedigen zu können. Deshalb machte Ringelmann erst einmal einige kleinere Konzernsplitter zu Geld. Aber dann mußte er auch das Kernstück des Hirsch-Konzerns angreifen, die Aktien der Metzeler AG; die sich zu 100 Prozent im Besitz der CGH befanden.
Die Verkaufsbemühungen wurden jedoch dadurch erschwert, daß zwischen der Metzeler AG und der Konzernspitze "Central-Geschäftsstelle Georg Hirsch" ein Organschaftsvertrag* bestand. Die Gummiwerke hatten seit längerer Zeit keine Geschäftsberichte mehr veröffentlicht; seit 1954 war keine Dividende mehr ausgeschüttet worden. Eine exakte Bewertung der Aktien war also für ernsthaft interessierte Käufer recht schwierig, zumal die Meldungen über die verheerende Finanzlage der CGH auch Metzelers Ruf lädiert hatten.
Ein Heer von Vermittlern trat in Aktion. Es meldeten sich bald mehrere ernsthafte Interessenten, aber für den unter Zeitdruck agierenden Ringelmann kam schließlich nur einer jener stillen, schlichten Millionäre in Frage, deren Weizen im Verborgenen blüht. Es war der ehemalige Bauunternehmer Willy Kaus aus Frankfurt am Main, der auf dem anonymen Feld der Industriebeteiligungen den entscheidenden Schritt zur Konzentration seiner Interessen wagen wollte.
Der scharfsichtige Hesse war schon in den dreißiger Jahren aus dem Aktionsbereich des väterlichen Baugeschäfts in das Kraftfeld der Industrie vorgestoßen; dabei entwickelte er eine besondere Vorliebe für die Gummibranche. Gummi schien dem ehemaligen Bauunternehmer der geeignete Baustoff für die Treppe zu sein, auf der er mit leisen Sohlen den Aufstieg zum Industriellen und zum Millionär wagen wollte.
Zunächst übernahm Kaus aus jüdischem Besitz das Gummiwerk Odenwald, dann wurde er Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzer der Val. Mehler AG in Fulda, die Zwirn und Gewebe produzierte und von Kaus zum bedeutendsten Zubringerbetrieb der deutschen Gummi-Industrie ausgebaut wurde. Diese industrielle Beteiligung brachte ihm während des Krieges den Titel eines Wehrwirtschaftsführers ein.
Dieser Ehrentitel hinderte ihn aber nicht daran, dem britischen Gummikonzern Dunlop gefällig zu sein, als die deutsche Dunlop - Tochtergesellschaft 1940 unter Sequester gestellt wurde. Kaus hatte 40 Prozent der deutschen Dunlop-Aktien in treuhänderische Verwahrung übernommen und gab sie auch nicht heraus, als das Reichswirtschaftsministerium sie einigen prominenten Nationalsozialisten zuschanzen wollte. Der obstinate Wehrwirtschaftsführer Kaus wurde deshalb zweimal verhaftet. Die Gestapo charakterisierte ihn als eine "eigensinnige, egoistische, zum Reaktionären neigende Unternehmerpersönlichkeit", der man aber große Arbeitsleistung und persönlichen Anstand nicht absprechen könne.
Falls Kaus sich durch sein Eintreten für Dunlop eine günstige Plattform für seine Nachkriegs-Gummipläne hatte schaffen wollen, war diese Spekulation falsch. 1945 mußte Kaus wie je er andere ehemalige Wehrwirtschaftsführer durch die Schleuse alliierter Internierungslager, und als er endlich das Stacheldrahtgehege verlassen durfte, wurde er aus der Gummi-Industrie ausgebootet. Das Gummiwerk Odenwald mußte er an die jüdische Familie Kayser zurückgeben, die nach London emigriert war; ferner fielen 56 Prozent seiner Mehler-Beteiligung an die Kayser-Familie.
Da dem Kaus unter diesen Umständen an seinen restlichen 25,5 Prozent Mehler-Aktien auch nichts mehr lag, verkaufte er sie der Gesellschaft für 4,4 Millionen Mark. Den Erlös investierte er umgehend bei dem Frankfurter Versandhändler Neckermann.
Diese Geschäftsehe verlief aber wenig glücklich, "weil Neckermann", so sagt Kaus heute selbstbewußt, "keinen auf die Dauer neben sich duldet, der soviel mitreden will wie ich". 1954 ließ sich Kaus seine Beteiligungsquote einschließlich Gewinnanteil auszahlen. Er kassierte samt Aufwendungen für Miet- und Baukosten und für Zinsen rund zehn Millionen Mark. Durch das Neckermann-Engagement hatte Kaus in wenigen Jahren mehrere Millionen Mark verdient.
Dieser Gewinn ermunterte ihn zu weiteren Abstechern in die westdeutsche Nachkriegswirtschaft. Er wurde Teilhaber von
- zwei Aschaffenburger Textilbetrieben,
- zwei Brauereien,
- der Deutschen Effekten- und Wechsel-Bank in Frankfurt am Main und von
- der Fürst Fugger-Babenhausen-Bank KG in Augsburg.
- Außerdem sicherte sich Kaus 75 Prozent der Aktien der Deutschen Automobil-Schutz Rechtsschutz-Versicherungs-AG.
Um in der Kaste der Wirtschaftsführer Westdeutschlands hoffähig zu werden, die ihn, den ehemaligen Bauunternehmer, immer noch über die Schulter ansahen, ließ sich Kaus an der Frankfurter Zeppelinallee eine Luxusvilla errichten. Damit war sein Ehrgeiz aber keineswegs befriedigt. Er wollte um jeden Preis wieder Gummmifabrikant werden.
Dazu bot sich im vergangenen Jahr Gelegenheit, als der Staatssekretär außer Diensten Richard Ringelmann zum Nothelfer des Hirschkonzerns erkoren wurde. Da Ringelmann die Leidenschaft des Kaus für die Gummibranche kannte, gab er ihm den Vorzug, als einige Metzeler Aktienpakete für die Sanierung des Hirschkonzerns geopfert werden mußten.
Dem Kaus blieb nur wenig Zeit, sich über die Bonität und die Rendite der Metzeler AG zu informieren. Ihm wurde lediglich ein Finanzbericht präsentiert, den der Münchner Industriefinanzier Rudolf Münemann im Herbst 1955 nach den Wirtschaftsprüfungsunterlagen des langjährigen Metzeler-Wirtschaftsprüfers Mauve angefertigt hatte. Nach diesem Bericht hatte die Gummifirma 1954 einen Gewinn von 6,8 Millionen Mark erzielt.
"Das war für mich der entscheidende Grund", sagt Kaus heute, "schnell zuzugreifen und den Preis zu zahlen, den man von mir verlangte, zumal man mir auch für 1955 ein recht beachtliches Betriebsergebnis nannte."
Kaus kaufte zunächst 26 Prozent der Metzeler-Aktien zum Kurs von 210 Prozent, so daß er für nominal 4 680 000 Mark Aktien 9 828 000 Mark bar auf den Tisch legen mußte. Die Süddeutsche Bank und die Bayrische Staatsbank schossen ihm fünf Millionen Mark Kredit vor, so daß er die Transaktion in der gewünschten Frist bewältigen konnte.
Dann stieß Kaus schnell seine Bankbeteiligungen ab, um am 12. Juni 1956 den nächsten Schritt zu tun: Er kaufte weitere 25 Prozent. Metzeler-Aktien zum gleichen Kurs. So wurde Kaus Hauptaktionär der Metzeler AG mit 51 Prozent Aktienanteil. Dafür mußte er insgesamt 19,3 Millionen Mark aufbringen. Daß er es widerspruchslos tat, wunderte schon damals etliche Fachleute der Gummibranche.
Dem sonst so nüchternen Rechner, den seine Liebe zur Gummi-Industrie zu einer impulsiven Kurzschlußhandlung verführt hatte, waren nur wenige glückliche Flitterwochen in der Metzeler-Ehe beschieden. Schon sehr bald kam es zum ersten Krach mit der Schwiegermutter, der Geschäftsleitung des Hirschkonzerns, aus deren Organschaftsverband die Tochtergesellschaft Metzeler AG ausgeschieden war. Diese erste Auseinandersetzung schildert Kaus so: "Acht Tage nach dem 12. Juni 1956, nachdem ich die zweite Partie Metzeler-Aktien gekauft hatte, drängte Ringelmann plötzlich. 'Wir müssen eine Hauptversammlung durchführen, um die Bilanz von 1954, die noch aus der Organschaft stammt, zu verabschieden'."
Dem wollte Kaus jedoch nicht zustimmen, ohne zuvor den Bilanzbericht studiert zu haben, den der Münchner Wirtschaftsprüfer Mauve angefertigt hatte, derselbe Prüfer, der auch die Unterlagen für den ersten Orientierungsbericht geliefert hatte. Unterschiede zwischen den beiden Berichten machte Kaus stutzig. Während der erste Bilanzbericht, der Kaus zum spontanen Aktienkauf bewogen hatte, auf der Gewinnseite 6,8 Millionen Mark auswies, war der Gewinn im zweiten Bericht nur noch halb so groß.
Der Trick mit der Aktien-Emission
"Ich bin also massiv getäuscht worden", erregte sich Kaus. "Die Mauve-Prüfung war interessanterweise schon im Juni 1955 durchgeführt worden. Man muß also im Augenblick des Verkaufs an mich - im April 1956 - schon vom halbierten Gewinn Kenntnis gehabt hoben. Die Vermutung liegt nahe", so wirft Kaus dem Ringelmann vor, "daß der Berichtsabschluß also nur hinausgezögert wurde, um noch den Kurs von 210 Prozent von mir kassieren zu können."
Außerdem stellte Kaus fest, daß wichtige Teile des von ihm erworbenen Metzeler-Komplexes bereits an Gläubiger verpfändet waren. "Da betätigte ich mich selbst als Prüfer", memoriert Kaus, "und stieß auf weitere unklare Sachen, so daß ich Ringelmann erklären mußte: 'So geht es nicht - die (bereits gedruckt vorliegende) Bilanz erkenne ich nicht an.'"
Ringelmann, dem daran lag, seinem Auftrag gemäß die Konzernschulden möglichst schnell abzudecken, reagierte auf die Vorwürfe des Kaus mit zornigen Briefen, in denen es zum Beispiel hieß "Ich habe Sie gewarnt, sich nicht mit dem Erwerb weiterer Aktien finanziell zu übernehmen ...
"Ihre von falscher Moral triefenden Ausführungen hätten Sie sich nach Ihrem bisherigen Verhalten sparen können ...
"Rückschauend muß ich zu der Ansicht kommen, daß ich es mit einem Mann zu tun hatte, dem es nur darum ging, skrupellos und brutal auf dem Rücken anderer Leute Gewinne zu machen."
Diese Vorwürfe brachten Kaus erst recht in Rage, so daß er seinen Frankfurter Wirtschaftsprüfer Dr. Lautz, den er mittlerweile in den Metzeler-Aufsichtsrat delegiert hatte, mit weiteren Nachforschungen beauftragte Lautz durchleuchtete besonders die Erhöhung von sechs Millionen Mark auf 18 Millionen Mark des Aktienkapitals, die am 8. Dezember 1954 bei der Metzeler AG vorgenommen worden war.
Damals wurde das Metzeler-Aktienkapital offiziell um 12 Millionen Mark aufgestockt; so steht es jedenfalls im Handelsregister. Die neuen Aktien übernahm die Konzernmutter "Centralgeschäftsstelle Georg Hirsch", die auch die alten Metzeler-Aktien besaß. Sie will für die neuen Aktien 5,8 Millionen Mark in bar bei Metzeler eingebracht haben, für den Rest der Kapitalerhöhungssumme seien alte Forderungen der Konzernmutter an die Metzeler-Tochter aufgerechnet worden.
Kaus behauptet nun, daß die Konzernleitung weder einen Pfennig neues Kapital eingebracht habe noch echte Forderungen gegen Metzeler geltend machen konnte, um dafür neue Aktien einzustreichen. Die ewig in Geldnot schwebende Konzernleitung habe die neuen Aktien nur zu dem Zweck drucken lassen, um sie später bei Banken gegen neue Kredite verpfänden zu können.
"Ende 1954 war doch, offen gesagt, die CGH pleite", so argumentiert Kaus. "Da mußte also etwas geschehen, um wieder Geld in die Kasse zu kriegen. Was man zu diesem Zweck unternahm, war reichlich ungewöhnlich: Die CGH nahm gegen Haftung der Metzeler AG Bankkredite auf, die - wie aus der Korrespondenz klar hervorgeht - für den Tag der Kapitalerhöhung, den 8. Dezember 1954, vorbörslich zur Verfügung stehen mußten. Das Geld wurde einem Notar ordnungsgemäß vorgezeigt, so daß er die Kapitalerhöhung beurkunden konnte. Aber schon 24 Stunden später, am 9. Dezember, zog die CGH das Geld wieder bei Metzeler heraus, um damit Schulden der CGH zu bezahlen."
Klarsichtig erkannte Kaus: "Die Metzeler AG ist durch die sogenannte Kapitalerhöhung ärmer geworden, als sie vorher war", da die Konzernmutter ihrer besten Tochter die Haftung für die umfangreichen Bankkredite aufbürdete. Die aktuellste Frage ist zur Zeit, wer einen Teil dieser dubiosen Kapitalerhöhungskredite (3,8 Millionen Mark), den die Commerz- und Kreditbank Frankfurt schon zum 31. Dezember 1956 aufkündigte, zurückzahlen muß: Ringelmann-Hirsch oder Kaus-Metzeler.
Entscheidung fällt am Wochenende
Metzelers Hauptaktionär Kaus stützt seine Behauptung: "Die neuen Aktien sind null und nichtig" noch auf eine weitere Entdeckung, die mit der Baufinanzierung eines Zweigwerkes in Memmingen zusammenhängt:
"Memmingen wurde von der CGH gebaut und nicht von Metzeler. Im Januar 1954 war die Fabrik fertig, im Februar begann sie zu produzieren, aber erst im November desselben Jahres (als den CGH-Leuten der Trick mit der fiktiven Kapialerhöhung einfiel) wurde das mit kurzfristigen Mitteln finanzierte Zweigwerk der Metzeler AG übertragen.
"Darüber liegt nicht einmal ein Kaufvertrag vor", schimpft Kaus, "sondern nach altem CGH-Stil nur ein Brief über das Ergebnis einer Besprechung. Aus dem Brief aber geht eigentlich nicht mehr hervor als dies: 'Wir haben am 15. November 1954 beschlossen, so zu tun, als ob Memmingen von Anfang an von Metzeler gebaut worden wäre und wir - die CGH - hätten das finanziert. Also haben wir noch Forderungen an Metzeler', wofür dann neue Aktien einkassiert wurden."
Wegen der Kapitalerhöhungs-Affäre gerieten Kaus und Ringelmann, der diese fragwürdigen Vorgänge im Interesse der Hirscherben zu verteidigen versuchte, so hart aneinander, daß schließlich beide Parteien die Schwäbische Treuhand-AG (Schitag) als Schiedsrichter bestellten. Es wurde vereinbart, daß sowohl Kaus als auch Ringelmann sich dem Schiedsgutachten der Treuhand-AG unterwerfen wollten.
Die Schitag gab dem Opponenten Kaus in den entscheidenden Punkten recht; darauf stützt nun Kaus seine Forderung: Ringelmann als Sachwalter der Hirscherben soll die "bei der Scheinkapitalerhöhung überhaupt nicht bei Metzeler eingezahlten Millionen endlich der Aktiengesellschaft zur Verfügung stellen", und zwar innerhalb der nächsten acht Tage zunächst 5,8 Millionen Mark.
Dazu gab Kaus intern den Kommentar: "Ich verlange nicht mehr und nicht weniger, als daß mir Herr Ringelmann die Metzeler-Werke so hinstellt, wie er sie mir verkauft hat." Das Ultimatum an Ringelmann läuft Ende dieser Woche ab, just an dem Tag, an dem Kaus frisch gestärkt und bereit zu neuen Kämpfen aus Arosa zurückkehren wird.
Kurz vor seiner Abreise ließ er sich neue Munition in sein Münchner Privatquartier, das Hotel "Bayerischer Hof", schaffen. Bis in die späte Nacht besprach er sich dort am letzten Februar-Montag mit seinem Frankfurter Wirtschaftsprüfer Dr. Lautz, der weiteres Material über Bilanzmanipulationen, gefälschte Bankkontenauszüge und frisierte Bilanzprüfungsberichte aus der Metzeler-Buchhaltung gefischt hätte und ächzend ins Hotel kam: "Diese Buchhaltung ist grauenhaft."
Auch von diesem Material will Kaus Gebrauch machen, wenn Ringelmann sich weiterhin schwerhörig zeigen sollte. Der ehemalige Staatssekretär befindet sich in einer unangenehmen Situation: Sein ganzes Schuldenbereinigungsprogramm würde ins Wanken geraten, wenn er dem Kaus nachgäbe, der seit Wochen mit einer Anfechtungsklage droht.
Ringelmann möchte seinen Mandanten - den Erben des alten Kommerzienrats Hirsch, die schon den größten Teil ihres Vermögens verloren haben - wenigstens die restlichen 49 Prozent Metzeler-Aktien erhalten, die Kaus noch nicht an sich bringen konnte.
Sagt Ringelmann: "Ich will die lebensunkundigen Erben vor weiterer Ausbeutung bewahren. Ursprünglich habe ich geglaubt, daß Kaus mir dabei helfen würde. Jedoch Kaus kam als Wolf im Schafspelz zu mir." Er wolle ganz offensichtlich durch überspannte Forderungen weitere Aktienpakete in seinen Besitz bringen, um eines Tages die Metzeler-Gummiwerke allein zu beherrschen.
Aber der hessische Gummi - Enthusiast ließ sich weder durch solche Gegenangriffe noch durch den listigen Hinweis des ehemaligen Staatssekretärs beirren: "Daß die Sache mit der Kapitalerhöhung schon längst verjährt ist, hat anscheinend weder die Schitag noch der Herr Kaus gemerkt." Zivilrechtliche Anfechtungsklagen gegen den Beschluß einer Hauptversammlung - wie im Fall der Metzeler-Kapitalerhöhung - müssen nämlich laut Aktiengesetz "innerhalb eines Monats nach der Beschlußfassung erhoben werden."
Dazu Kaus, der Ringelmann vorwirft, "durch Rabulisterei die Aufhellung des Tatbestandes" zu verzögern: "Dann muß ich eben - so leid es mir tut - die Strafjustiz bemühen. Betrug verjährt nämlich nicht so schnell."
* Organschaftsverträge werden zwischen Mutter - und Tochtergesellschaften eines Konzerns abgeschlossen Diese Verträge ermöglichen einen Ausgleich von Gewinn und Verlust innerhalb des Konzerns: Nur die Muttergesellschaft ist körperschaftsteuerpflichtig, sofern die Gewinne der Tochtergesellschaften an die Muttergesellschaft abgeführt werden.
Metzeler-Aktionär Kaus
19 Millionen auf den Tisch
Konzernbevollmächtigter Ringelmann
"Kaus kam als Wolf im Schafspelz"

DER SPIEGEL 11/1957
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METZELER-GUMMIWERKE:
Sind die Aktien nichtig?

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