03.04.1957

OSTBERLINAm Fennpfuhl

Wie bei uns geplant und gebaut wird", so erklärte mit einiger Entschiedenheit der Stellvertretende Oberbürgermeister von Ostberlin, Waldemar Schmidt, "bestimmen wir und kein anderer." Die Gelegenheit, bei der Schmidt dieses Programm vortrug, war freilich denkbar ungeeignet, seine Prognose zu bestätigen. Es war beim . Abschluß eines Ideen-Wettbewerbs für eine ausgedehnte Wohnsiedlung im Osten Berlins. An diesem Wettbewerb hatten zum erstenmal seit der Spaltung Berlins als Teilnehmer und als Preisgericht ost- und westdeutsche Architekten gemeinsam mitgewirkt. Gewinner des Wettbewerbs wurde der in Hamburg lebende Städtebau-Planer Dr. Ernst May, dem die Neugestaltung des Hamburger Stadtteils Altona obliegt (SPIEGEL 19,1955).
Die Energie, mit der Ostberlins Oberbürgermeister-Stellvertreter Schmidt für die Beibehaltung des volksdemokratischen Kurses plädierte, sollte möglicherweise nur die Niederlage vertuschen, die der Ostberliner Magistrat bei seinem ersten großen Nachkriegs-Bauprojekt, der "Stalin-Allee", erlitten hatte.
Die Stalin-Allee war von dem Ostberliner Chefarchitekten Hermann Henselmann sklavisch in jenem "Zuckerbäcker-Stil" entworfen und gebaut worden, der lange Zeit in der Sowjet-Union als vorbildlich galt, inzwischen aber vom sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschew verdammt wurde. Um für das, wie es offiziell heißt, "neben der Stalin-Allee bisher größte Bauobjekt des demokratischen Berlins" eine ähnliche Niederlage zu vermeiden, schrieb eine Ostberliner Behörde einen Wettbewerb aus, an dem sich je acht Architekten aus der DDR und aus der Bundesrepublik beteiligen sollten.
Aufgabe war, auf einem Terrain von rund 75 Hektar eine Siedlung zu planen, die Wohnraum für etwa 20 000 Menschen bieten soll. Das für die Siedlung ausgewählte Gelände liegt nördlich des ehemaligen Berliner Zentralviehhofs im Bezirk Lichtenberg und dient zur Zeit zum größten Teil als Laubenkolonie. Inmitten der Kolonie befindet sich ein kleiner See, genannt "Fennpfuhl", der dem neuen Viertel vorerst seinen unpolitischen Namen leiht:
Die Wohnsiedlung firmiert provisorisch unter dem Titel "Fennpfuhl-Projekt".
Der Ostberliner Chefarchitekt Henselmann nahm das "Fennpfuhl-Projekt" als Chance, seinen durch die Stalin-Allee beschädigten Ruf als Städtebauer wiederherzustellen: Er schwang sich zum Pionier eines neuen Kurses der Zonen-Architektur auf.
Henselmanns Plan, westdeutsche Architekten zu beteiligen, konnte freilich nur erfolgreich sein, wenn es gelang, das Vorhaben aus der Sphäre politischer Ressentiments auf eine Ebene fachlicher Auseinandersetzung hinüberzuretten. Daß sich eine solche Praxis auch im Osten realisieren läßt, wurde durch die Zusammensetzung der Jury bewiesen, die über die Tauglichkeit der Entwürfe zu befinden hatte.
Zu ihren sieben Mitgliedern gehörten außer den Ostberliner Architekten Professor Edmund Collein und Professor Hermann Henselmaun der Hamburger Oberbaudirektor Professor Werner Hebebrand und der Stadtbau-Planer von Hannover, Professor Rudolf Hillebrecht. Hillebrecht ist überdies Vorsitzender des städtebaulichen Beirats beim Westberliner Senat
Die Besetzung der drei restlichen Plätze mit Laien-Preisrichtern stieß anfangs auf Schwierigkeiten, weil der Reichspräsidentensohn und Ostberliner SED-Oberbürgermeister Fritz Ebert einen der Plätze einnehmen sollte. Um das Projekt durch eine politisch derart exponierte Figur nicht zu gefährden, wurden jedoch als Laien-Mitglieder drei Angehörige jenes Rates des Ostberliner Bezirks Lichtenberg zugezogen, der diesen Wettbewerb veranstaltete.
Die hinreichend neutrale Zusammensetzung der Jury ermöglichte es den in solchen Angelegenheiten oft überempfindlichen Dienststellen beim Westberliner Senat, der vom Osten gewünschten Teilnahme westdeutscher Architekten zuzustimmen. Sogar der städtebauliche Berater der Westberliner CDU, der Architekt Hunecke, beteiligte sich mit einem Entwurf, der allerdings nur auf dem siebenten Platz landete.
Das Projekt des Architekten Ernst May, dem die Jury den ersten Preis zusprach, hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Zuckerbäcker-Stil, der vom Ostberliner Magistrat ursprünglich für den Wiederaufbau Berlins vorgesehen war. May zeichnete den Entwurf zu einer Wohnsiedlung, deren drei-, fünf- oder zehnstöckige Häuserblocks unregelmäßig über weite Grünflächen verteilt sind.
Jeglicher Durchgangsverkehr durch die Siedlung wurde ausgeschaltet: Kraftfahrzeugverkehr fließt nur bis zu den Abstellgelegenheiten und Garagen, die am Rande der von Rasen umgebenen Wohnblocks bleiben. Um den Fennpfuhl, der für Freibäder hergerichtet wird, ist eine ausgedehnte Liege- und Erholungswiese projektiert. Zentral gelegene sogenannte Gemeinschaftsbauten - zum Beispiel Verwaltung, Kaufhaus, Bibliothek, Jugendheim -, aber auch der Stadtbahnhof Zentralviehhof sind auf "Wanderwegen" durch Grünflächen, also ohne jede Gefährdung durch Kraftfahrzeugverkehr, von allen Wohnungen aus zu erreichen.
Auch für den Preisträger May - der erste Preis wird mit 20 000 Ostmark honoriert, der Plan zudem angekauft - ist das "Fennpfuhl-Projekt" eine Art Rehabilitierung: Der Bauhaus-Schüler May fand in den dreißiger Jahren in der Sowjetunion ein Betätigungsfeld für seine Phantasie als Städteplaner, stieß aber mit seinen modernen Ideen bald auf Widerstand, als sich damals die offizielle Kunstrichtung des sogenannten "sozialistischen Realismus" konsolidierte. Eine Wiederholung dieses Fiaskos ist diesmal kaum zu befürchten:
Nicht nur von den Stadtplanern von Hamburg und Hannover, sondern auch vom Ost-Architekten Henselmann wurde Mays Entwurf ausdrücklich gebilligt.
Optimistisch äußerte sich der Stadtbaurat von Hannover, Professor Hillebrecht, vor einem Ostberliner Journalisten: "Die technischen Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit (zwischen Ost und West) sind gegeben und auch planerisch herrscht auf beiden Seiten Übereinstimmung."
Hillebrecht mahnte: "Wenn in Berlin der Stadtbau nicht gemeinsam geplant wird, kann es eine Tragödie geben."
Inzwischen sind die Kommentatoren in Ost und West am Werk, diese erste Gemeinschafts-Unternehmung in ihr Vokabular zu übertragen Die SED-Parteizeitung teilte mit, die Siedlung am Fennpfuhl werde "das Beispiel eines sozialistischen Stadtteils der Zukunft sein". Die Tageszeitung "Die Welt" kommentierte Ende März "Europäischer Geist der Architektur kehrt mit Mays Entwurf in Ostberlin ein."
Architekt May
"Europäischer Geist in Ostberlin"
Fennpfuhl-Projekt* in Ostberlin: "Sozialistischer Stadtteil der Zukunft"
* Modell nach dem Entwurf von Dr. Ernst May, Mitarbeiter Dipl. -Ing. Hans-Jürgen Baumbach. Im Vordergrund der Fennpfuhl und die Straßenkreuzung Weißenseer Weg (von links) Landsberger Chaussee Hintere Grenze Stadtbahngleise und Bahnhof Zentralviehhof.

DER SPIEGEL 14/1957
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