17.04.1957

JENS DANIEL:ATOMSCHRECK BUNDESREPUBLIK?

"Trotzdem gibt es, und zwar jetzt mehr als je zuvor, untrügbare Anzeichen dafür, daß eine Veränderung in absehbarer Zeit eintreten wird oder schon eingetreten ist. Nach meiner Überzeugung kann ich Ihnen, meine Freunde, sagen, daß die Entwicklung zum Guten begonnen hat."
Dr. Adenauer am 2. Februar 1957 in Berlin.
"Ich kann leider nicht verhehlen, daß die außenpolitische Entwicklung in den letzten 12 oder 13 Monaten ernster geworden ist, nicht leichter geworden."
Dr. Adenauer am 5. April 1957 in Bonn.
Der Bundeskanzler hat in seiner letzten Pressekonferenz am 5. April auch einige Worte über die Ausrüstung der Bundesrepublik mit Atom-Waffen fallenlassen. Großbritannien sei im Begriff, eine "nukleare Macht" zu werden, und die Bundesrepublik müsse sich der ganzen Entwicklung, die im Fluß sei, "anpassen". Wer sich erinnert, wie deutsche Militär-Anerbieten in den vergangenen Jahren an die West-Mächte herangetragen wurden, der kann nicht daran zweifeln, daß die Bundesregierung schon die Produktion von Atombomben "auf europäischer Basis" ins Auge gefaßt hat. Der Bundesverteidigungsminister hinwiederum, der mit den Franzosen zusammen Atombomben produzieren will, hat erklärt, daß er die "Reißbrett-Arbeiten" deutscher Forscher für "erlaubt" hält.
Achtzehn solche Reißbrett-Arbeiter, die Angesehensten ihres Fachs, haben auf diese Großmannspläne mit einer unter deutschen Wissenschaftlern bis dato unerhörten Warnung geantwortet. Sie verpflichten sich, für die Entwicklung irgendwelcher Kernwaffen keine Hand zu rühren. Zwar beruhigt uns Minister Strauß mit der Feststellung, daß die Bundeswehr vorerst nur mit sogenannten "taktischen Atomwaffen" ausgerüstet werden solle. Um diese Versicherung unseres Franz-Josef recht würdigen zu können, muß man wissen, daß die Bombe von Hiroshima die drittkleinste Atombombe und vorwiegend für den taktischen Einsatz vorgesehen ist. So sieht also die "Weiterentwicklung der Artillerie" aus, über die ein so hervorragender Fachmann wie der Herr Bundeskanzler uns ins Bild gesetzt hat.
Ist es wirklich so unbillig, in einem geteilten Lande die Frage aufzuwerfen, ob sich die Bundesrepublik zu den unkontrollierbarsten und aberwitzigsten Waffen drängen soll? Wahr ist, daß die Nato-Konzeption, die in der Bundesrepublik noch immer als sakrosankt gilt, konsequenterweise auch eine Bewaffnung der Bundesrepublik mit Kernwaffen beinhaltet. Wenn man die Russen durch einen Rüstungswettlauf zum Rückzug aus Deutschland und Ost-Europa zwingen will, ist es nur logisch, die Bundesrepublik an diesem Wettrüsten zu beteiligen. Wie aber, wenn dieses Konzept sich in der Zukunft als so falsch herausstellen wird wie in der Vergangenheit?
Die Bundesrepublik verfolgt ihren Irrweg mit erstaunlicher Dickfelligkeit. Obwohl erwiesen ist, daß die Sicherheit der freien Welt im Raketen-Zeitalter nicht von deutschen Raketen abhängt (so wenig wie von den famosen zwölf Divisionen), drängt sie sich aus einem grotesken Gleichberechtigungsfimmel dazu, das Pulverfaß Deutschland nun auch noch radioaktiv aufzuladen. Wieder tun wir in atemloser Hast einen Schritt, der das Knäuel in Mitteleuropa noch unentwirrbarer machen muß.
Im Biedermannston erklärt man uns: "Wir müssen dieselben Waffen haben wie der Gegner" (Außenminister v. Brentano). Wenn es danach geht, brauchen wir auch Wasserstoffbomben, wie Rußland sie hat. Unser ostzonaler Gegner verfügt nämlich weder über taktische noch über strategische Kernwaffen, sowenig wie die polnischen und tschechischen Streitkräfte. Wo liegt denn die Friedens-Chance für Europa, wenn nicht einmal versucht wird, Polen, die Tschechoslowakei und Deutschland von Kernwaffen jeder Provenienz zu entblößen, um durch diese Hintertür auch die deutsche Frage zu lösen?
Schaurig schnarrt es aus gehorsamgewohnten Soldatenkehlen: "Unsere Männer dürfen nicht schlechter gestellt sein als andere Soldaten auf der Welt auch. Das Beste ist für den deutschen Soldaten gerade gut genug." Ihr ahnungslosen Engel! Alle Welt gibt zu, und England hat bereits die Konsequenz aus der Tatsache gezogen, daß die Nato nicht mehr die anspruchsvoll proklamierte Aufgabe hat, "Europa so weit östlich wie möglich zu verteidigen". Vielmehr hat das Bündnis des Westens erklärtermaßen nur noch den Zweck, den Krieg zu verhindern. Die Frage ist also nicht, wie wir uns am zweckentsprechendsten verteidigen - da gibt es im Ernstfall nichts mehr zu verteidigen. Wie heißt es im Weißbuch des britischen Verteidigungsministers? "Offen gesagt, es gibt zur Zeit kein Mittel, um die Bevölkerung dieses Landes wirksam gegen die Folgen eines Angriffs mit nuklearen Waffen zu schützen." Es fragt sich vielmehr, ob man im Rahmen der westlichen Abschreckung angesichts unserer Pulverfaß-Qualitäten auf den deutschen Abschreckungs-Part verzichten soll - nicht nur im deutschen Interesse.
Das geteilte Deutschland, das den letzten großen Krieg entfesselt hat, ist nämlich am schlechtesten geeignet, die Sowjets abzuschrecken. Die europäischen Völker haben den Schrecken, den Deutschland verbreitet hat, noch in den Knochen. Es ist eine Todsünde wider das friedliche Weiterleben der Menschheit, wenn man den Deutschen aus Paritätsgründen einen Teil des Schreckens auszuüben überträgt, den erstens nur eine Weltmacht und zweitens nur eine Macht mit vergleichsweise reinen Händen wirksam ausüben kann. Den Deutschen Atom-Waffen in die Hand drücken, heißt das Gefahrenrisiko in Mitteleuropa grundlos hoch treiben. Schließlich leiht man dem Obersten Nasser und den Israelis auch keine Atom-Bomben. Wenn die Oppositionsparteien es angesichts der Bundestagswahlen nicht wagen, ein Protestgeschrei à la Gaitskell anzustimmen, dann müssen Leute schreien, die wohl ihr gutes Gewissen, nicht aber Wahlen zu verlieren haben.
Könnte man die schwache Hoffnung hegen, die Bundesregierung treibe ein gefährliches, aber großes Spiel; könnte man glauben, sie wolle den Sowjets durch die Aussicht auf die "Atom-Macht Bundesrepublik" Zugeständnisse in Sachen der deutschen Einheit entlocken - man müßte zwar nicht weniger besorgt sein, aber man könnte die Gründe achten.
Leider spricht der Werdegang der Bundesrepublik, leider spricht die Denkart ihrer führenden Männer strikt gegen solch eine Vermutung. Leider muß man das fatal entmutigende Gefühl haben, der Kanzler und seine Knappen schipperten munter auf den Restbeständen einer mehr als unzeitgemäßen Befürchtung im Unterbewußtsein der Volksseele: der Befürchtung, die Teutonen könnten bei einer großen Metzelei nicht standesgemäß, nicht rechtzeitig vertreten sein. Im letzten Gefecht noch wollen die "Germans to the front", Blücher im Herzen, der es seinem Freunde Wellington versprochen hatte, und Waldersee, den Boxer-Helden. O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Von Jens Daniel

DER SPIEGEL 16/1957
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