23.01.1957

„ICH BIN EIN LUMP, HERR STAATSANWALT!“

Vom Schicksal der Laszlo Rajk, Traitscho Kostoff, Rudolf Slansky und anderer geehrter Toter
"Niemals ist in unserem Europa weder eine Macht noch auch eine Lehre, am wenigsten eine politische, zu vollkommener Alleinherrschaft gediehen"
(Leopold von Ranke, Geschichte der Päpste.)
Der moderne Schauprozeß ist zwar eine bolschewistische Erfindung; aber er ist - in abgewandelter Form - nicht auf kommunistische Regime beschränkt, sondern allen totalitären Systemen eigen Überoll da, wo das Recht vor den Wagen der Politiker gespannt wird, ist der Schauprozeß nicht weit, er bietet sich als Methode der Politik zwangsläufig an. So hatte auch Hitlers Reich seine Schauprozesse gehabt. Sie zielten, mit Hilfe fragwürdiger Gesetze, gegen die politischen Gegner aller Fronten. Den perfekten Schauprozeß gibt es allerdings nur im kommunistischen Machtbereich. Und auch hier gibt es eine Ausnahme: In Polen scheiterte der Versuch, den Schauprozeß als politische Methode anzuwenden.
10. Fortsetzung
Um die Mitternachtsstunde des 19. Oktober 1956 kreiste über Warschau ein sowjetisches Luxusflugzeug. "Noch keine Landeerlaubnis", meldete der Chefpilot zum drittenmal. Die Maschine kreiste schon seit 50 Minuten.
Die Sowjetmenschen, die irgendwo im Luftmeer über Warschau schwammen und nicht zu Boden kommen konnten, waren Parteichef Chruschtschew, der ehemalige Außenminister Molotow und 14 mit glitzernden Orden geschmückte Generale der Sowjet-Armee.
Als die Maschine endlich landen durfte, wurden die Sowjets von einer eilig zusammengestellten Kommission des polnischen Politbüros begrüßt. Unter den Sowjet-Hierarchen herrschte eine Stimmung, wie sie der russische Dichter Puschkin in einem freilich auf längst vergangene Vorgänge gemünzten Vierzeiler überaus treffend beschrieben hat:
Sag mir: Wie bald schon wird uns Warschau
in stolzem Übermut das Gesetz diktieren?
Wohin der Rückzug unserer Festen gehen?
Hinter den Bug, nach Worskla oder gar Odessa?
Was sich einige Stunden später in Warschau ereignete, schien jenen seherischen Puschkin-Vers melodramatisch zu untermalen. Hölzern und zurückhaltend wurden die Sowjets von der widerwillig angetretenen Kommission des polnischen Politbüros begrüßt. Überstürzt und rot vor Wut brauste Chruschtschew mit seiner Delegation in das Belvedere-Palais.
Dort versuchte er zu verhindern, daß ein Mann an die Spitze der durch den Posener Aufstand durcheinander geratenen polnischen KP trat, den Stalin dereinst vergebens vor das Tribunal eines Schauprozesses zu zerren versucht hatte: Wladyslaw Gomulka, Polens Trotzkist, Titoist, Rechtsabweichler, Nationalkommunist und Repräsentant einer kommunistischen Pseudolehre, die man seit 1948 in Moskau böse, in Polen hoffnungsvoll "Gomulkanismus" nennt,
"Die Wahl Gomulkas in das polnische Politbüro oder gar seine Ernennung zum Generalsekretär der Partei wäre eine Herausforderung der Sowjet-Union", schrie Chruschtschew die polnischen Genossen an. Dann feuerte er gleich mit größerem Kaliber hinterher: "Die Entfernung des Marschalls Rokossowski aus dem Politbüro würde die militärische Ordnung im Sowjetblock bedrohen und wäre deshalb nicht ohne Gegenwehr der Sowjet -Union annehmbar." Drohend wölbten sich bei diesem Stichwort die breiten Brüste der roten Generale, die wie eine Phalanx von Möbelpackern hinter dem eifernden Parteiboß standen.
Aber was einst gewirkt hatte, wirkt im Oktober 1956 nicht mehr. Was früher Angst und Schrecken verbreitete, provoziert jetzt nur Widerstand. Im Belvedere-Palast zu Warschau erhebt sich das Gespenst Trotzkis und Titos. Polens Ministerpräsident Cyrankiewicz - lange Zeit brav und folgsam - antwortet scharf:
Man habe die Genossen aus Moskau, die so unerwartet gekommen seien, nicht umsonst eine Stunde über der Stadt kreisen lassen. Inzwischen seien Sicherheitsmaßnahmen getroffen, die es gestatten würden, herausfordernden Drohungen mit Gelassenheit zu begegnen. Wenn Genosse Chruschtschew bei der Drohung einer militärischen Intervention bleibe, sähen sich die polnische Regierung und die Vertreter der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei gezwungen, weitere Verhandlungen abzubrechen. Der Palast sei im übrigen von zuverlässigen polnischen Sicherheitstruppen umstellt.
Das war ungeheuerlich, unvorstellbar! Man mache sich klar: Auf alle Fälle stand die repräsentative politische und militärische Führung der Sowjet-Union unter der Drohung, arretiert zu werden. "Der Kaiser, der Kaiser gefangen!" Die Weltgeschichte wird diese Episode als eine der dramatischsten der letzten 50 Jahre verzeichnen, als Symbol für die Erschütterung des roten Imperiums, für die nationale Rebellion einer Provinz dieses Reiches, für die Krise der Idee und der Macht des imperialen Bolschewismus.
Überdeutlich zeigte sich an jenem 19. Oktober 1956, wie sehr die Grundlagen des Stalin-Imperiums erschüttert waren, wie morsch das Gebäude und wie gering die Macht der roten Generale außerhalb der Grenzen der Sowjet-Union geworden war.
Was Stalin zwei Jahrzehnte lang in zynischen Schauprozessen und mit Hilfe der blutigen Liquidierung von Hunderttausenden zu verhindern versucht hatte, stand nun in unverhüllter Gestalt vor den Nachfahren des bösen Alten: Viele kommunistische Führer des ganzen Landes
wollten nicht mehr Marionetten sein. Sie meuterten, sagten den Gehorsam auf. Trotzki, Bucharin, Kamenjew, alle Erschossenen der großen Säuberung der dreißiger Jahre waren wieder lebendig und Kostoff, Rajk, Slansky dazu. Ihr Tod oder ihre Verdammung hatten nichts genützt. Sie lebten. Die Verurteilten machten Revolution. Und das alles wurde bewirkt durch einen einzigen Mann, einen Wiedergekehrten, einen, den Stalin nicht hatte umbringen können, einen aus Gefängnis und Verfemung Auferstandenen, einen Rehabilitierten, einen von Chruschtschews Entstalinisierung Gesegneten: Wladyslaw Gomulka.
Es gibt neben Deutschland keinen Staat, der eine so ehrenwerte kommunistische Ahnengalerie hat wie Polen. Dort ist sie jedoch gleichzeitig eine Opfergalerie Josef Stalins.
Am 1. Mai 1955 veröffentlichte das kommunistische Zentralorgan Polens, die "Trybuna Ludu", unter der Überschrift "Die Führer unserer Bewegung" neben den Bildern von einigen verstorbenen oder von politischen Gegnern umgebrachten polnischen Altkommunisten auch die Porträts von fünf ehemals führenden Mitgliedern der Kommunistischen Partei Polens, deren Namen seit 18 Jahren nicht mehr genannt worden waren. Sie waren, wie fast die gesamte altkommunistische Führung, während der Stalinschen Säuberung im Jahre 1937 als "Spione Pilsudskis" verurteilt worden - die meisten von ihnen zu zehn Jahren Arbeitslager, in Wahrheit aber zu stillschweigender Liquidation im Verwaltungsverfahren. Ihre Namen waren ausgelöscht gewesen.
Die Väter des polnischen Kommunismus waren Verdammte.
Die Nachfahren, die 1945 den polnischen kommunistischen Staat errichteten, waren also Waisenkinder - ohne Väter und ohne Geschichte. Sie waren Schüler, Nachfahren oder Genossen von Männern und Frauen, die Stalin als Feinde und Verräter der Arbeiterklasse hatte hinrichten lassen. Nach seinem Tode sollte sich das ändern.
Da erschien plötzlich wieder das Bild von Wera Kostrzewa, ohne die erklärende Beifügung allerdings: "Umgekommen 1937 in der Moskauer Ljubjanka." Da prangte das Bild von Adolf Warszawski-Warski, der ebenfalls in der Ljubjanka verschwand. Da sieht man zwei Generalsekretäre der polnischen KP aus der Zeit zwischen den Weltkriegen, die in den Kellern der GPU ermordet wurden oder im Schnee der sibirischen Taiga verendeten. Auch das Bild des letzten polnischen Vertreters in der Komintern, Ryng, der im Frühjahr 1938 in Moskau verhaftet wurde und verschwand, zierte die "Trybuna Ludu" vom 1. Mai 1955.
Die fünf Rehabilitierten standen stellvertretend für viele Hunderte, die unter der Stalin-Ära zugrunde gingen, verschwanden, ermordet wurden oder in den sibirischen Straflagern starben, zu deren Namensnennung man sich aber noch nicht entschließen konnte. Keiner von ihnen war in Schauprozessen verurteilt worden. Sondergerichte, vor allem die "Troika", das Moskauer Dreierkollegium mit Berija an der Spitze, hatten sie im Verwaltungsverfahren verurteilt, ohne die Angeklagten selbst zu Gesicht zu bekommen, im Bürogang, gewissermaßen aus der Unterschriftenmappe.
Polnische Aufsässigkeit, polnischer Trotz
Dabei waren die polnischen Genossen ursprünglich bequeme Verbündete Moskaus gewesen. Die polnischen Kommunisten - wobei man die Sozialdemokratie Polens und Litauens und den linken Flügel der "Polnischen Sozialistischen Partei" als ideologische Vorläufer der polnischen Kommunisten bezeichnen muß - lehnten anfangs die nationale Unabhängigkeit Polens strikt ab und begnügten sich mit einer Autonomie innerhalb des russischen Staatsverbandes. Diese Haltung hatte schon Rosa Luxemburg, die Seele der Sozialdemokratischen Partei Polens und Litauens, im Jahre 1898 vertreten. Sie wurde auch nach der Vereinigung mit der Russischen Sozialrevolutionären Partei im Jahre 1906 beibehalten. Und auch die im Dezember 1918 gegründete Partei der polnischen Kommunisten hielt noch einige Zeit an diesen Grundsätzen fest. Aber als Lenin nach Ausbruch des polnisch-sowjetischen Krieges im Troß der Roten Armee die Repräsentanten dieses Kurses als "Bialystok-Regierung" nach Polen schickte, erlebte er keine Freude. Mit der Niederlage der Roten Armee vor den Mauern Warschaus im August 1920 war auch ihr Schattendasein beendet.
Natürlich konnten die Kommunisten in Polen bei einer solchen politischen Haltung - sie waren von der Regierung verboten - nicht damit rechnen, auf die Politik des Landes Einfluß zu gewinnen. Mit einem derart "landesverräterischen Programm" war weder gegen den Gewalthaber der Bauernpartei, Witos, noch gegen
Pilsudski etwas auszurichten. Die Kommunisten blieben zu hoffnungslosem Sektierertum verurteilt, waren verachtete Quislinge Rußlands.
Die jüngere Führung der Kommunisten begann deshalb, die "staatliche Unabhängigkeit" Polens zu akzeptieren. Sie warf der bürgerlichen Regierung Polens vor, durch das Bündnis mit Frankreich die Unabhängigkeit des Landes zu gefährden. Diese erste taktische Schwenkung der polnischen KP auf nationalen Kurs fiel mit dem Wunsch der Partei zusammen, weniger drastisch von Moskau gegängelt zu werden. Die Entwicklung erreichte einen Höhepunkt, als Warszawski-Warski - Mitbegründer der polnischen KP - für Trotzki eintrat.
Stalin geißelte Ende 1924 diese Haltung der polnischen KP, aber er erweckte damit nur die sprichwörtliche polnische Aufsässigkeit und den polnischen Trotz, mit dem sich Moskau seither fast ein Vierteljahrhundert lang hat herumschlagen müssen. So begann der Kampf der Warschauer Kommunisten um die ideologische Gleichberechtigung und um die Unabhängigkeit von Moskau. Man berief sich auf Lenin. Man sprach Stalin das Recht ab, "in Angelegenheiten zu entscheiden, von denen er nichts versteht".
Dann kam der erste Schlag aus Moskau. 1929 wurden die nationalen Kommunisten aus dem Zentralkomitee der polnischen KP entfernt. Stalin - jetzt bereits im Besitz eines mächtigen Apparates und frei von der inneren Opposition der alten Mitkämpfer Lenins - zerquetschte mit eiserner Faust den Embryo des nationalen Kommunismus in Polen. Die polnischen Kommunisten begannen zu jener Zeit gerade größeren Einfluß auf die Arbeiterschaft zu gewinnen; man sieht an diesem Beispiel, wie nebensächlich für Stalin der nationale Erfolg des Kommunismus war und daß ihm primär die zentrale Führungsrolle Moskaus am Herzen lag. Die Folge war, daß die polnische KP bis in die dreißiger Jahre hinein bedeutungslos blieb.
Die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre stellte die Führung der polnischen Kommunisten vor eine neue Situation. Sie bot der KP die Chance, in einer aufregenden, turbulenten Zeit - das Jahr 1936 brachte allein 2040 Streiks - ihren politischen Einfluß in Polen zu steigern. Das war bei der polnischen Mentalität nur möglich, wenn sie bei der Agitation nationale Töne anschlug. Ohne nationalistische Parolen ging es nun mal in Polen nicht.
Stalin war zwar bereit, gewisse taktische Zugeständnisse an die nationalen Gefühle der polnischen Massen zu machen, wachte aber gleichzeitig eifersüchtig darüber, daß aus Taktik nicht Strategie wurde. Schließlich führte das Dilemma zu einer solchen Verwirrung, zu soviel widerstrebenden Auffassungen und soviel Aufsässigkeit in der polnischen KP, daß Stalin nach einem mächtigen Säuberungsschlag gegen die maßgebenden Altkommunisten kurzer Hand im April 1938 die Partei auflöste.
Das war die Zeit der tiefsten Resignation aller alten polnischen Kommunisten. Jerzy Heryng alias Ryng, der Ende 1937 nach Moskau zitiert wurde und dort feststellte, daß bereits alle Exponenten der polnischen Sozialistischen und Kommunistischen
Partei hinter Schloß und Riegel saßen, spottete damals in bitterer Selbstironie: "Wir werden in den Gefängnissen der GPU Gelegenheit haben, unsere Fraktionskämpfe zu einem Abschluß zu bringen. Ich bin der letzte in der polnischen Sektion der Komintern." Einem Bekannten sagte er: "Sollten Sie demnächst telephonieren und niemand nimmt den Hörer ab, dann hat man auch mich geholt."
Nun, der Augenblick, da man ihn holte, war bald gekommen. Bierut, Ochab, Minc, Gomulka, Spychalski und manche andere entgingen dem Schicksal ihrer prominenteren Genossen nur, weil sie für Stalin unerreichbar waren. Sie saßen in polnischen oder anderen nichtsowjetischen Gefängnissen und Konzentrationslagern. Als die Generalüberholung durch die GPU beendet war, war die kommunistische Bewegung Polens praktisch enthauptet. Ihr Mitgliederbestand und ihr Funktionärskorps waren zu einem Nichts zusammengeschrumpft. In einer Resolution der Komintern hieß es, die Polnische Kommunistische Partei sei "eine Partei von Trotzkisten und Provokateuren geworden".
Während das alles geschah, marschierte in einer Zelle im Zentralgefängnis von Lodz ein Mann den Weg des Häftlings: Sechs Schritte zum Fenster, sechs Schritte zur Tür. Er schleppte das rechte Bein ein wenig nach, denn bei einer Razzia auf staatsfeindliche Kommunisten hatten ihn die Gendarme Pilsudskis angeschossen.
Auch sonst sah der schmächtige, lungenkranke 32jährige Häftling - geboren am 6. Februar 1905 - nicht gerade wie ein kommunistischer Aktivist aus. Er hatte jenen grüblerischen, zuweilen fanatischen Blick, den man von vielen Gemälden und Stichen polnischer Patrioten kennt. Dabei war dieser Mann alles andere als ein Patriot.
Wladyslaw Gomulka, Klempner aus dem finstersten Elendsgebiet Polens, dem südöstlichen Ölgebiet, war Stalinist. Er grübelte zwar bei seinen Zellenmärschen, wie das alles zusammenstimmen sollte, warum seine alten kommunistischen Lehrmeister verräterische Trotzkisten und Provokateure gewesen sein sollten. Aber am Ende seiner Überlegungen stand immer der Glaubenssatz zahlloser junger Gewaltanbeter in der ganzen Welt: Der Führer wird es schon wissen, der Führer hat ja immer recht. Der Führer Josef Stalin machte zwar böse Dinge. Er verbündete sich Ende August 1939 mit Adolf Hitler. Er teilte Polen und das Baltikum in eine kommunistische und eine faschistische Interessenzone, und er schuf dem deutschen Faschismus die Möglichkeit, am 1. September 1939 zum Schlag gegen Polen auszuholen.
Aber jener 1 September 1939 war immerhin der Tag da sich die polnischen Gefängnistore öffneten und Wladyslaw Gomulka mit seiner gleichfalls inhaftierten Frau barfüßigen Warschau marschierte, um das Vaterland, das ihn bis dahin nur schnöde behandelt hatte, gegen die Armeen des Faschismus zu verteidigen.
Es dauerte nicht lange. Während Gomulka noch in einem versprengten Haufen der polnischen Armee in Warschau verzweifelten Widerstand gegen die Deutschen leistete, marschierte Stalins Rote Armee am 17. September, morgens vier Uhr, auf breiter Front über die polnisch-sowjetische Grenze, "weil ein polnischer Staat aufgehört hatte zu existieren".
Am 27. September gar, einen Tag vor der Kapitulation Warschaus, flog Hitlers Außenminister Joachim v. Ribbentrop nach Moskau und vollzog mit Stalin am 28. die vierte Teilung Polens nach kaum 21jährigem Bestand der Republik, die 1918 nach 144jähriger Teilung von Marschall Pilsudski aus der Liquidationsmasse dreier Staaten mit tätiger Hilfe der Westmächte gegründet worden war.
Als sich in Moskau die Experten Stalins und Hitlers über die Beute nicht einigen konnten, trat Stalin an den Tisch mit der großen Karte, legte seinen Arm darauf und erklärte mit wahrhaft gigantischen Imperator-Worten: "Das ist meins." Molotow zog behende einen Bleistiftstrich an der nach Westen zeigenden Armkante entlang.
Aber auch Ribbentrops Männer waren nicht auf den Kopf gefallen. Einer von ihnen nahm schnell den Bleistift und zog auf der Innenseite von Stalins Ärmel nach. Der Alte lachte, nahm den Arm weg, blickte auf die zwei Linien und sagte: "Über das Zwischenstück können sich die Experten streiten." Ein totes Schauspiel. So simpel spielen oft die Großen mit Karten, Völkern und Menschen.
Wladyslaw Gomulka wußte von diesem Spielchen der Mächtigen Ende September 1939 sicherlich nichts, aber daß sich Stalins Rotarmisten mit Hitlers Soldaten freundschaftlich an der Demarkationslinie begrüßten, konnte ihm nicht verborgen bleiben. Trotzdem verlor er die Hoffnung auf Moskau nicht. Er wechselte in das sowjetisch besetzte Polen hinüber und hoffte, dort am Aufbau des sozialistischen Paradieses mitarbeiten zu können.
Im Warschauer Untergrund
Seine Tätigkeit wurde nicht gerade die eines prominenten Politikers: Er wurde Mitarbeiter des sowjetischen NKWD und für die Tätigkeit eines Untergrundagenten geschult. Was er bis zum Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges im einzelnen tat, weiß nur der sowjetische Geheimdienst. Große politische Geschäfte waren es zweifellos nicht. Und es war auch keine politische Tat, die ihn mit einem Paukenschlag in den Mittelpunkt des Interesses der kommunistischen Widerstandskreise führte, die in Warschau unter einem Mann namens Spychalski, dem heutigen polnischen Verteidigungsminister, bereits seit 1939 gegen die Deutschen kämpften: Gomulka sprengte als Vergeltung für die Erschießung von 50 polnischen Geiseln ein mit Wehrmachtsoffizieren und Sonderführern voll besetztes Cafe in die Luft.
Es mag verwunderlich erscheinen, daß ein einzelner Terrorakt dem Gomulka die Tür zur großen politischen Karriere öffnete. Aber schließlich war die kommunistische Bewegung in Polen nach den endlosen Säuberungen, vor allem nach dem politischen Katyn von 1937, nicht mehr reich mit führenden Köpfen gesegnet, vor allem nicht mit solchen, die fest am Zügel des Kreml und des NKWD marschierten. Der Widerstand der Polen gegen die deutsche Okkupation war in den ersten Jahren im wesentlichen ein nationaler Widerstand, geleitet von der Londoner Exilregierung. Bis 1942 spürte man nach übereinstimmendem Zeugnis von Kennern nicht viel von der kommunistischen Aktivität. Gomulka, dessen Tarnname Wieslaw war, änderte das.
Anfang 1942 schickte Moskau den Genossen Nowotko mit dem Auftrag nach Warschau, dort eine neue kommunistische Partei zu gründen: Die Polnische Arbeiterpartei (PPR). Sie trat neben die Polnische Sozialistische Arbeiterpartei (PPS), die bis dahin den Widerstand der Linken gegen die Deutschen getragen hatte. Der Nationalkommunist Spychalski gliederte seine Untergrundorganisation sofort der PPR an. Trotz der Übernahme dieser mit starken nationalen Tendenzen gespickten Organisation stand die neue kommunistische Partei, in der Gomulka von Anfang an eine führende Rolle spielte, kompromißlos auf dem Boden des Stalinismus und der Moskauer Parteilinie.
Aber bald stellte sich das alte Dilemma ein: Die in Moskau geschulten Funktionäre, vor allem Gomulka, erkannten, daß sie bei den polnischen Arbeitern und Kleinbürgern ohne nationale Parolen und ohne den nationalen Unabhängigkeitskampf nicht weit kommen konnten. In einer ihrer ersten Veröffentlichungen hieß es deshalb: "Die bewaffnete Aktion der PPR entspringt den herrlichen Traditionen des Volkes in seinem Kampf um Unabhängigkeit, sie wurzelt in dem tausendjährigen Verteidigungskampf gegen den deutschen Drang nach Osten, findet ihren Ursprung in den Partisanenkämpfen gegen die schwedische Besetzung und in dem Heldenmut der Aufstände der Jahre 1831 und 1863!" War das Nationalkommunismus ? - Es war zweifellos Taktik. Und der stalinistische Obertaktiker hieß Gomulka. Zwar war er der Hauptakteur, wenn es darum ging, die Zusammenarbeit mit den Sozialisten zu forcieren und auch die Verbindung mit der nationalen Heimatarmee der Londoner Exilregierung zu verbessern. Trotzdem kann aber kein Zweifel daran bestehen, daß weder Moskau noch Gomulka zu jener Zeit im entferntesten daran dachten, einen polnischen Nationalkommunismus mit einer auf die zwanziger Jahre zurückreichenden Tradition entstehen zu lassen. Im November 1943, als Gomulka erster Sekretär der Polnischen Arbeiterpartei wurde, erklärte er in aller Deutlichkeit: "Wir sind eine junge Partei, weil wir all das von uns fortgeworfen haben, was in der Vergangenheit den Interessen der Arbeiterklasse und den werktätigen Massen geschadet hat. Unsere junge Partei hat eine Lehre aus den alten Fehlern der alten Arbeiterbewegung gezogen."
Die Fehler, die Gomulka mit Genehmigung Moskaus anprangerte, waren wohl kaum die Fehler Stalins, sondern eben die Fehler jener "Trotzkisten" und "Rechtsabweichler", die Stalin 1937 verdammt hatte. Nein, Gomulka, war damals kein Nationalkommunist. Seine kommunistische Partei war ein festgefügtes stalinistisches Instrument, ihr taktisches Verhalten wurde vom Kreml beschlossen und geleitet. Gomulka war Stalinist, und als Stalinist marschierte er den Weg zur Macht und sorgte dafür, daß Polen stufenweise volksdemokratisiert wurde. Nichts brachte ihn von diesem zuweilen recht krummen Wege ab: weder das fürchterliche Massaker Stalins in Katyn, wo der Alte Tausende polnischer Offiziere erschießen ließ, noch die heimtückische Aktion im Kampf um Warschau, wo Stalin den Aufstand auslösen ließ, um dann Marschall Rokossowski am Ufer der Weichsel tatenlos zusehen zu lassen, wie die nationalen Widerstandskräfte in der polnischen Hauptstadt unter dem deutschen Gegenschlag verbluteten. Gomulka hat nicht dagegen gemeutert, ebenso wie Kostoff in Bulgarien nicht gegen die Ausrottung des Bürgertums meuterte und Slansky nicht gegen den Mord am tschechischen Bürgertum Prags.
Nichts ist, falscher als der Versuch, mit philologischer Spürarbeit in Gomulkas Vergangenheit nach einer frühen nationalkommunistischen Entwicklung zu suchen. Gomulka war im ersten Abschnitt seiner politischen Laufbahn viel zu unbedeutend, als daß er in dieser Frage zu Entscheidungen gedrängt worden wäre; und im zweiten Teil - bis zum Kriegsende - war er viel zu fest an der Leine des Kreml, als daß man ihm eine Ketzerei gestattet hätte. Gerade die Tatsache, daß Gomulka sich schließlich im Jahre 1947 doch vom orthodoxen Stalinisten zum konsequenten Nationalkommunisten entwickelte, ist das Erregende an dieser Figur der osteuropäischen Arbeiterbewegung. Gomulka bewies, daß keine noch feste Bindung an den Kreml, keine noch so innige Tradition einen nichtrussischen Kommunisten daran hindern kann, früher oder später gegen die nationenfeindliche Reichspolitik des Kreml aufzumucken, sofern nur ein Mindestmaß von Verstand und eine normale Portion Patriotismus in dem Manne stecken.
Gomulkas politische Überzeugungen begannen sich zu wandeln, als die Kommunistische Partei zum staatstragenden und verantwortlichen Faktor in Polen geworden war. Mit Eifer hatte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Polens früher gegen alle nichtkommunistischen Kräfte gekämpft. Er war ein Aktivist gewesen, als die Deutschen aus den ehemals deutschen Ostgebieten vertrieben wurden. Noch im Dezember 1945 hatte er sich auf dem Parteikongreß gebrüstet: "Mit Hilfe des Staatsapparates werden wir eine Rechtsgrundlage schaffen, auf die gestützt wir mit der Reaktion fertig werden, denn wir besitzen bereits in den Sicherheits- und Milizorganen ein gewaltiges Instrument, den reaktionären Zentren die tödlichen Schläge zu versetzen."
Dieser Gomulka trug nun aber selbst die Verantwortung für die breiten Massen, denen er das Glück versprochen hatte. Die Grenzen zwischen Taktik und Prinzip, während der Untergrundkämpfe verschwimmend und unklar, mußten nun präzisiert werden. Gomulka war nicht zynisch genug, darüber zur Tagesordnung der Macht überzugehen. Das war seine Todsünde als Stalinist.
In den südosteuropäischen Ländern wurden der Jugoslawe Tito, der Bulgare Kostoff und der Ungar Rajk unter dem Druck der öffentlichen Meinung und unter der Wucht der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Krisen dazu getrieben, die vitalen Positionen des eigenen Volkes gegen die Ausbeutung durch Moskau zu verteidigen. Der Kreml verlangte, daß die Wirtschaft der Satelliten den Erfordernissen des Moskowitischen Großreichs angepaßt wird, verlangte, daß die Schwerindustrie aufgebaut und die Landwirtschaft kollektiviert wird. Moskau forderte von seinen nationalen Provinzen unerbittlich, die traditionelle Ernährungs- und Lebensbasis zu zerstören und zu revolutionieren. Wie alle anderen geriet auch Gomulka bei dieser Politik in die Sackgasse der denkenden Stalinisten. Er wählte die Revolte.
In der ersten Nummer der Parteizeitschrift "Nowe Drogi" veröffentlichte Gomulka im Jahre 1947 den berühmt gewordenen Artikel "Stark durch Einigkeit". Zum ersten Male verkündet er darin präzis und uneingeschränkt einen "polnischen Weg zum Sozialismus". Er proklamiert damit noch vor Titos Abfall, ja, in einer Zeit, da Tito noch nicht sein nationalkommunistisches Programm durchgesetzt hatte und sich noch zum Sprecher der Reorganisation der Kommunistischen Internationale machte, das nationalkommunistische Glaubensbekenntnis: "Polen kann einen eigenen Weg beschreiten und verfolgt ihn auch. In Polen besteht kein Anlaß zum Aufbau einer großen Schwerindustrie aus dem Nichts, die nur eine übermäßige Belastung der Volkswirtschaft wäre. Wir verwerfen auch die Kollektivierung der Landwirtschaft, denn sie wäre in polnischen Verhältnissen wirtschaftlich und politisch nur schädlich."
Das war der Aufstand gegen Stalin. Das war derselbe Tatbestand, der ein Jahr später Tito in Acht und Bann brachte. Das war Nationalkommunismus reinsten Wassers, selbst wenn die Parole von der ideologischen Gleichberechtigung mit der Sowjet -Union fehlt und die Kritik an den politischen Grundsätzen des Kreml, die Tito nach seinem Abfall so demonstrativ proklamierte.
Stalins Gegenschlag
Der Gegenschlag Stalins ließ nicht lange auf sich warten. Im Spätsommer 1948 näherte sich das nationalkommunistische Drama Gomulkas in Warschau seinem Höhepunkt. Die Mitglieder des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei schritten mit ernsten Gesichtern zur Sitzung. Sie wußten, um was es ging: um Kopf und Kragen ihres Generalsekretärs Wladyslaw Gomulka.
Viele Funktionäre waren seinen neuen Ideen begeistert gefolgt. Viele aber auch hatten es mit der Angst bekommen, als sie merkten, daß die Thesen und die Politik ihres Generalsekretärs von den Moskauer Genossen immer heftiger kritisiert wurden. Sie hatten zweifelnd den Kopf geschüttelt, als sich Gomulka im Jahre 1947 nur unter Zwang dazu entschloß, dem neu gebildeten Kominform, der ideologischen Gleichschaltungsapparatur Moskaus, beizutreten. Und ihre Sorge hatte sich vertieft, als sich Gomulka weigerte, die von Moskau geforderte Vereinigung mit der Sozialistischen Partei zu forcieren, und statt dessen auf eine Föderation hinarbeitete, die auch die Kräfte am Rande der Sozialistischen Arbeiterpartei bis hinein ins liberale Kleinbürgertum für die positive Mitarbeit in der Volksdemokratie gewinnen sollte.
Und dann war da seine Rede im Juni 1948 vor dem Plenum des Zentralkomitees gewesen. Hatte er nicht gemerkt, daß seine nationalen Parolen, die Ablehnung der Kollektivierung, der Widerstand gegen die Industrialisierung und vieles andere bei den linientreuen Anhängern Moskaus eiskalte Gesichter erzeugte? Aber dieser Gomulka war eben seit einiger Zeit ein echter halsstarriger, widerspenstiger Pole. Neben den Proletarier in Gomulka, der lange Jahre darauf stolz gewesen war, daß er kein polnisches, sondern nur ein sowjetisches Vaterland besaß, war plötzlich der Pole Gomulka getreten.
Am Tisch des Präsidiums sitzt Boleslaw Bierut, der eifrige Linientreue, der zu allen Zeiten auf die Karte Moskaus gesetzt hatte. Neben ihm Jakub Berman und Hilary Minc, die schon eine politische Verbannung hinter sich haben. Sie kennen die Rache Stalins. Sie wissen, daß es gegen ihn keinen Widerstand gibt. Sie haben einmal den Weg nach Golgatha erlebt. Sie wollen ihn nicht noch einmal gehen. Sie haben in asiatischen Nestern gehungert, gedarbt und unter Polizeiaufsicht gestanden, immer mit einem Bein im Grab, immer das Schicksal der gemordeten Genossen vor Augen. Das wollen sie nicht noch einmal durchmachen. Sie sind an der Macht, und sie wollen an der Macht bleiben. Sie sitzen im Schoß von Väterchens Gunst, und sie wollen sich diese Gunst nicht verscherzen. Schon gar nicht durch diesen eigensinnigen und halsstarrigen Gomulka, den heimlichen Freund Titos, den Gönner Laszlo Rajks.
Boleslaw Bierut erhebt sich als Sprecher Moskaus, und nun beginnt das Gewitter gegen den abtrünnigen Generalsekretär. Das ganze Sündenregister wird abgehaspelt:
Widerstand gegen den Eintritt in das
Kominform; falsche Auffassung über die Tradition in der Arbeiterbewegung, wobei als besonders verwerflicher Vorwurf die Tatsache erwähnt wird, Gomulka habe den rechten Elementen in der Polnischen Sozialistischen Partei mehr Fingerspitzengefühl in der nationalen Frage zugesprochen als den Kommunisten; Unterschätzung der führenden Rolle der Sowjet-Union und der Kommunistischen Partei der UdSSR; Unterstützung der selbständigen Bauern besonders in den ehemals deutschen Gebieten; Heranzüchtung von Kulaken und Sabotage der Industrialisierung. Am Schluß wird Bierut ganz massiv. Die alten gefürchteten Vokabeln fallen. Gomulka wird zum "unverbesserlichen Opportunisten, zum Nationalisten und zum Rechtsabweichler" erklärt.
Gomulka hatte vielleicht den Ernst der Situation nicht rechtzeitig erkannt und seine eigene Macht überschätzt. Jetzt begreift er, um was es geht. Er versucht es mit "Selbstkritik". Aber er will noch nicht zu Kreuze kriechen. Er gibt zu, sich auf dem Juni-Plenum "rechtsnationalistischer Abweichungen" schuldig gemacht zu haben. Zu den Vorwürfen, er habe in der Frage des Kominformbeschlusses gegen Tito geschwankt, sagt Gomulka bezeichnenderweise auch in diesem Augenblick noch: "Wenn ich mich heute frage, ob es nicht eine andere Möglichkeit gegeben hätte, auf die falsche Politik der Leitung der Kommunistischen Partei Jugoslawiens zu reagieren, so muß ich zugeben, daß ich darauf noch keine entscheidende Antwort in mir gefunden habe."
Die Genossen am Präsidiumstisch stecken die Köpfe zusammen. Da erhebt Gomulka die Stimme und kommt zum Schluß; und dieser Schluß ist der Versuch, seine Politik zu rechtfertigen und seine Anhänger hinter sich zu formieren. Es ist derselbe Versuch, den Tito in Belgrad in der entscheidenden Stunde erfolgreich unternahm, um seine Genossen im Politbüro hinter sich zu bringen und die Anhänger Stalins in eine lächerliche Minderheit zu drängen.
Aber Gomulka ist kein Tito. Der Agent des NKWD war kein erfolgreicher Führer eines Partisanenheeres. Er hat nicht die getreuen Kampfgefährten, die Tito in Belgrad um sich geschart hatte. Gomulkas Worte verhallen an den finsteren Gesichtern der um ihre Macht bangenden Funktionäre Stalinischer Provenienz. Verzweifelt ruft Gomulka: "Man muß sich darüber klarwerden, wie unser polnischer Weg zum Sozialismus sein wird. Aber es scheint mir nicht richtig, zu behaupten, daß es überhaupt keinen polnischen Weg zum Sozialismus gibt, daß es nur eine Schablone gibt, nur eine einzige Methode. Die Bedingungen sind doch heute anders. In der Sowjet -Union wurde doch die Kollektivierung in einer anderen historischen Epoche durchgeführt, unter anderen Klassenverhältnissen und anderen Machtverhältnissen."
Das war eine halbe Kapitulation. Das war ein schwacher Versuch, seinen Weg zu retten und doch Konzessionen zu machen. Das konnte zu nichts führen. Opportunisten wittern es, wenn ein Führer schwach wird. Gomulka wird vom Amt des Generalsekretärs der Partei abgelöst. Noch bleibt er Mitglied des Zentralkomitees.
Aber das Drama Gomulka ist mit dieser gelinden Maßregelung noch nicht zu Ende. Damit ist Stalin nicht zufrieden. Im November 1949 steht im Zentralkomitee erneut der Fall Gomulka zur Debatte. Inzwischen ist in Budapest der Rajk-Prozeß über die Bühne gegangen. Eine ganze Anzahl Angeklagte haben Gomulka schwer belastet. Er wird mit schneidender Schärfe angegriffen. Es wird von "Verrätern" gesprochen, von einer "nationalistisch faschistisch - titoistischen Clique", von "amerikanischen Agenten".
Der Mann, der die ersten kommunistischen Untergrundorganisationen in dem von den Deutschen besetzten Teil Polens organisierte, Spychalski, ein alter Freund Gomulkas, wird mächtig aufs Korn genommen und bricht unter der Wucht der Anklagen in eine hemmungslose Selbstkritik aus. Er belastet Gomulka. Spychalski war durch eine finstere Intrige, durch Erpressungen und Drohungen schon vor der Sitzung weich gemacht und zum Abfall von Gomulka gezwungen worden.
Gomulkas Gegenwehr angesichts dieser Katastrophe ist schwach. Anderthalb Jahre ständiger Intrigen gegen ihn, die Bespitzelung, die Angriffe, die Isolierung haben auch seinen Widerstand gelähmt. Als Hilary Minc den Satz ausspricht: "Genosse Wieslaw hat den Weg der Volksdemokratie dem Weg der proletarischen Diktatur entgegengestellt, er hat den sogenannten 'polnischen Weg' der siegreichen Oktoberrevolution entgegengesetzt", da ist der Kernsatz des ganzen Angriffes heraus. Es geht eben um dieselbe Frage, um die es in Budapest, Sofia, Bukarest und Prag ging: um Stalins monolithische Herrschaft, um sein Großreich. Der nationalkommunistische Rebell wird verurteilt. Der polnische Weg zum Sozialismus ist zu Ende. Gomulka und Spychalski werden aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen und verschwinden. Spychalski im Gefängnis, Gomulka im vergoldeten Käfig einer kleinen Warschauer Villa, wie berichtet wird. Er soll für einen Schauprozeß à la Rajk präpariert werden.
Es ist von einer echten Politischen Symbolik, wie man sie so deutlich selten im politischen Machtkampf findet: Als der Nationalkommunist Gomulka stürzt, wird ein Marschall Stalins, Rokossowski, polnischer Verteidigungsminister und Mitglied des Politbüros. In getarnter Form ist damit ein sowjetischer Militärgouverneur in Warschau eingezogen. Und nichts zeigt die politische Wandlung stärker als die Tatsache, daß in dem Augenblick, da Gomulka wiederkehrte, der Marschall weichen mußte. Denn Gomulka kehrte wieder.
Man hatte es nicht gewagt, gegen ihn einen Schauprozeß zu inszenieren. Die Enthüllungen des im Jahre 1953 über Ostberlin in den Westen geflüchteten Obersten im polnischen Sicherheitsdienst Jozef Swiatlo geben ein klares Bild, warum es nicht geschah. Die Gegner Gomulkas waren zu schwach. Niemand von
ihnen wagte es, die Kampfführung gegen den alten Generalsekretär in die Hand zu nehmen. Nicht nur, weil jeder von ihnen zu viel Dreck am Stecken hatte, weil sie Gomulkas Angriffe fürchteten, sondern weil sie auch die Reaktion in der Öffentlichkeit fürchteten und weil sich in den langen Untersuchungen herausstellte, daß Gomulka nicht für einen Schauprozeß zu präparieren war. Aber es muß wohl mehr gewesen sein: Der traditionelle nationalistische Zug im polnischen Wesen, die tief eingewurzelte Feindschaft gegen Rußland ließen es nicht zu, daß Warschau zur erbärmlichen Bühne eines Prozesses nach dem Modell Budapest oder Sofia wurde. So verstrich die Zeit, und der Augenblick wurde verpaßt, Gomulka vor den Richter zu stellen - wenn man einen gefunden hätte.
Die Lunte schwelte weiter
Gomulka saß gefangen. Spychalski und viele andere Anhänger waren hinter Schloß und Riegel oder liquidiert. Rokossowski saß am Hebel der Macht. Polen schien eine treue Provinz des roten Reiches. Aber was nützte das alles? Die Lunte des Aufstandes, die Gomulka angezündet hatte, schwelte weiter. Sie glomm an den Universitäten und Hochschulen. Sie schwelte in den Arbeitervierteln der Industriestädte, wo die Lebensbedingungen immer schlechter wurden.
Und als der böse Alte starb und Chruschtschew in Moskau das Programm der Entstalinisierung verkündete, da brachen in dem Land, das der Zentrale am nächsten war, die Dämme. Nach echt revolutionärer Tradition kamen die Impulse aus den Spalten der Zeitungen und aus den Studierstuben der Literaten. "Das Gedicht für Erwachsene" von Adam Wazyk ging als erregendes Gewisper durch Werkhallen und Amtsbüros. Die Nummer der "Nowa Kultura", in der es abgedruckt war, war im Handumdrehen ausverkauft.
Als am 1. Mai 1955 die "Trybuna Ludu" die Photos der 18 Jahre lang verfemten kommunistischen Führer aus der nationalkommunistischen Ära der zwanziger Jahre veröffentlichte, begann der Erdrutsch der Rehabilitierungen. Es gab kein Halten mehr.
In aller Stille war Wladyslaw Gomulka inzwischen auf freien Fuß gesetzt worden. Er arbeitete irgendwo als Angestellter einer kleinen Krankenkassenfiliale, zog aber zweifellos bereits wieder an den politischen Fäden. In den Spalten der Zeitungen und in den Selbstbekenntnissen der örtlichen kommunistischen Führer tauchten Formulierungen auf, die fast wörtlich mit den Thesen Gomulkas aus den Jahren 1947 und 1948 übereinstimmten.
Das Zentralkomitee konnte sich dieser mächtigen Bewegung nicht entgegenstellen. Mitte 1955 ging es mit seinen Beschlüssen bis hart an die Grenze der Agrartheorien Gomulkas. Den selbständigen Bauern wurden größere Rechte eingeräumt. Aber was half das? Alles stand unter dem Gesetz: Zu spät und zu wenig.
Am 12. März 1956 starb der alte Gegner Gomulkas im Zentralkomitee, Bierut, und Edward Ochab wurde zum ersten Parteisekretär gewählt. In der Presse wurde die Parteiführung trotz des Personenwechsels immer schärfer angegriffen. Am 6. April 1956 gab der Parteisekretär Ochab eine Erklärung ab, in der er Gomulka und Spyclalski rehabilitierte, wenn er auch in vorsichtigen Wendungen die politische Linie Gomulkas noch ablehnte. Dieses Verhalten offenbarte die ganze Ratlosigkeit der Partei, die ihr Idol Stalin verloren hatte, ohne daß etwas anderes an seine Stelle gesetzt worden war.
Mitten im Tauwetter eine Lawine
In diese Zeit fällt die Gründung der sogenannten Diskussionsklubs der Intelligenz, die später die Zeitung "Nowy Nurt" (Neue Strömung) herausgaben, das Blatt, das bald die revolutionäre Entwicklung kräftig vorantreiben half. In den Klubs versammelte sich die geistige Elite Polens zu freier Diskussion. Dort wurde die Revolution geboren. Es waren erregende Monate. Europa erlebte eine echte revolutionäre Auseinandersetzung vom Geiste her.
Die Tatsache, daß das kommunistische Regime die Universitäten mit Arbeitersöhnen angefüllt hatte, die zum Teil aus der Lehrlingstätigkeit auf die Hochschule geschickt worden waren, wird zum Verhängnis: Eine neue Verbindung, eine echte, vertrauensvolle Freundschaft zwischen Arbeiterschaft und Hochschule ist auf diese Weise etabliert und der Funke der Rebellion, der aus den Universitäten kommt, findet in der Arbeiterschaft, in Fabrikhallen und Arbeitervorstädten allenthalben Zündstoff.
Ministerpräsident Jozef Cyrankiewicz sieht sich am 23. April im polnischen Parlament, dem Sejm, einer mächtig aufflammenden parlamentarischen Opposition gegenüber und muß entscheidende Zusagen machen: Bessere Informierung der Arbeiter durch eine besser informierte Presse; Abschaffung der Bürokratie und des Zentralismus; Verbesserung der Lebensverhältnisse; Forcierung der Rehabilitierung, und zwar nicht nur der alten Kommunisten, sondern auch der verfemten Widerstandskämpfer der Heimatarmee, die unter dem Befehl der Londoner Exilregierung gekämpft hatten.
Mitten in dieses Tauwetter prasselt eine Lawine. Der Schrei der Jugend nach Freiheit von Furcht und die Forderung der Arbeiter nach Verbesserung ihres Lebens bricht in Posen zum bewaffneten Aufstand auf. Am 16. Juni war die Posener Messe eröffnet worden. Einen Tag später wurden Nachrichten über die Rehabilitierungsaktionen und die Bestrafung prominenter Rechtsbrecher bekannt. Diese Enthüllungen wurden von der Bevölkerung zweifellos als Ermunterung zur Kritik empfunden. In Posen, wo während der Messe Gelegenheit war, den eigenen Wirtschafts- und Lebensstandard mit dem des Auslandes zu vergleichen, war der Nährboden der Unzufriedenheit psychologisch gedüngt; der Wunsch nach einem besseren Leben nahm politische Form an.
Es war wohl nicht nur eine spontane Aktion. Widerstandszellen gab es in Posen seit geraumer Zeit. Die Tage der Messe mit dem starken Ausländerbesuch scheinen den Posener Widerstandsführern die geeignete Zeit zum Losschlagen gewesen zu sein. Die Ursache des Aufstandes aber war unzweifelhaft die Trostlosigkeit der Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen, wofür die Tatsache spricht, daß der Aufstand von den Zispo-Werken ausging. Dort formierte sich ein Demonstrationszug. Andere Werke und Studenten schlossen sich an. Die Demonstranten riefen nach Brot, nach Freiheit und nach Abzug der Sowjettruppen.
Der nationale Gedanke hallte in den nationalen Liedern der Demonstranten wider. Die ersten Schüsse fielen. Ein Gefängnis wurde gestürmt. Der Angriff auf das Hauptquartier des Staatssicherheitsdienstes wurde im Blut der Angreifer erstickt. Nach offizieller Bekanntgabe betrugen die Verluste 38 Tote und 270 Verwundete. Blut war geflossen. Die Revolution war da. Die morschen Knochen der führerlosen Stalinisten im Politbüro zitterten.
Die Welt und Polen hielten den Atem an. Jetzt mußte sich entscheiden, welchen Kurs die Parteiführung einzuschlagen gewillt war. Noch am gleichen Tage hieß die Sprachregelung über den Rundfunk, daß der Aufstand das Werk "volks- und staatsfeindlicher Elemente" und "eine kapitalistische Provokation" sei. Aber bereits am 29. Juni schlug der Ministerpräsident Cyrankiewicz mildere Töne an.
Nach elftägigem Kampf im VII. Plenum des Zentralkomitees, vom 18. bis 28. Juli 1956, fiel dann die Entscheidung. Zum ersten Male seit 1948 erhob eine nationalkommunistische Gruppe das Haupt gegen die moskautreuen Anhänger einer - wenn auch gemäßigten - stalinistischen Linie. Sie verlangte die endgültige Rehabilitierung Gomulkas, forderte die Wahl eines neuen Politbüros und die Bestrafung aller für den wirtschaftlichen Niedergang Schuldigen.
Von nun an ging alles Schlag auf Schlag. Am 27. September begannen die Verfahren gegen die Teilnehmer am Posener Aufstand. Die moskauhörige Gruppe im Politbüro hatte sie zweifellos als Schauprozeß nach altem Rezept geplant. Aber die Zeit für Schauprozesse mit dem Ziel, politische Gegner zu diffamieren, ihnen erlogene Motive zu unterschieben und mit Hilfe eines scheinjuristischen Verfahrens die politische Wirklichkeit zu verdecken, war im Herbst 1956 vorbei.
Der Zusammenbruch des Vorhabens, die Aufständischen von Posen zu reaktionären Strolchen, zu westlichen Agenten, zu faschistischen Staatsfeinden zu erklären, zeigt deutlicher als alles
andere den Tiefgang der Revolution und des Aufstands gegen den Bolschewismus stalinistischer Prägung.
Es war echte Sensation, daß der Soziologieprofessor der Universität von Lodz, Chalasinski, den Arbeiteraufstand in Posen in seinem Gutachten eine "Reaktion des Zornes auf die Grausamkeiten der Gewalt" nannte. Es sei "eine Demonstration gegen das Unrecht gewesen, die durch das Absingen von geistlichen Liedern beinahe religiösen Charakter erhalten hat." Als das Gericht das Gutachten Professor Chalasinskis am 9. Verhandlungstag gegen die ersten acht Angeklagten trotz des scharfen Widerstandes der Staatsanwaltschaft zuließ, war der Schauprozeß gescheitert.
Ermutigt durch diesen Vorgang, fanden die Verteidiger die Kraft, Verteidiger und nicht zynische Mitspieler zu sein. Der Verteidiger des Angeklagten Jozef Foltynowicz, Rechtsanwalt Kujanek, erklärte vor Gericht: "Hat etwa die Staatsräson es nötig, daß man die Angeklagten diffamiert, meine Herren Richter? Weisen Sie alle anderen Arten von Staatsräson zurück in dem Bewußtsein, daß die Gerechtigkeit die höchste unter ihnen ist! Weisen Sie alle Politik zurück, die ein Fluch für die Gerechtigkeit ist und die gerade so aus diesem Gebäude vertrieben werden muß, wie die Pharisäer aus dem Tempel vertrieben wurden. Ich möchte bei dieser Gelegenheit folgende Worte eines französischen Anwalts zitieren: Sobald die Politik durch die eine Pforte den Gerichtssaal betritt, verläßt ihn die Gerechtigkeit durch die gegenüberliegende Tür!"
In diesem Augenblick war der Stalinismus tot, getroffen in seinem Herzstück, dem Schauprozeß, jener Methode, die Wirklichkeit von Juristen fälschen zu lassen und mit den Paragraphen des Strafgesetzbuches Terror auszuüben und die Lüge zu legalisieren. Es war nur noch ein Nachspiel einer schon verlorenen Schlacht, als das Politbüro am 15. Oktober unter Teilnahme Gomulkas zu einer vorbereitenden Sitzung für das auf den 19. Oktober angesetzte Plenum zusammentrat. Noch einmal maßen sich die Gegner: Hier die Natolin -Gruppe, genannt nach einem Vorort Warschaus, wo sich die Anhänger Moskaus in geheimer Sitzung auf ihre Marschroute geeinigt hatten, auf der anderen Seite die Gomulka-Anhänger. Sie sammelten sich um Gomulka, vielleicht nicht so sehr seiner Person wegen als um der von ihm vertretenen Linie der ideologischen Entwicklung und der praktischen Politik willen.
Gomulka siegte. Ob es ein endgültiger Sieg ist, wird sich bald zeigen. Gomulka geht in eine schwere Schlacht. Er kämpft
nicht nur gegen den Kreml. Er kämpft auch gegen eine noch mächtige Clique, die ihre Privilegien nur mit Hilfe Moskaus verteidigen kann. Wie einst im Jahre 1792 die polnischen Demokraten um die freiheitliche Verfassung von 1791 gegen die mit dem Zaren verbündeten reaktionären Magnaten kämpften, die ihre Privilegien gegen die Freiheit verteidigten, so steht Gomulka heute gegen die reaktionären Stalinisten, die wieder mit Moskau verbündet sind. Möge der Vergleich kein Omen sein; denn die Magnaten setzten eine russische und preußische Intervention ins Werk und - siegten. Für eine gewisse Zeit jedenfalls.
Eine der ersten Maßnahmen der neuen polnischen Regierung unter der Führung Gomulkas war es, die Posener Urteile aufzuheben und die damals noch laufenden Verfahren einzustellen. Das war die Verdammung des kommunistischen Schauprozesses durch einen Kommunisten. Dem Dekret der polnischen Regierung vom 24. Oktober 1956 kommt eine Bedeutung zu, die weit über den Fall Posens hinausragt.
Die kommunistischen Schauprozesse waren nur zum kleinsten Teil ein Mittel zur Liquidierung politischer Gegner gewesen. Ihr Zweck war es - wie die Fälle Slansky, Rajk und Kostoff zeigten -, die Einheit der kommunistischen Lehre zu erhalten und damit die monolithische Herrschaft Stalins zu sichern. Sie sollten das Bild der Welt, das Stalin malte, als eine echte, mit scheinjuristischen Verfahren, Geständnissen und Beweisen bekräftigte Wirklichkeit erscheinen lassen; sie waren Hexenprozesse, Schauspiele wissenschaftlich ausgeklügelten Terrors, der sich gegen alle wandte, die tatsächlich oder möglicherweise Stalins Anspruch auf die alleinige, Macht im Imperium der roten Lehre schmälern konnten.
Zu Lenins Zeiten war die Kommunistische Partei eine Gemeinschaft von Berufsrevolutionären gewesen, die sich freiwillig, einer militärischen Disziplin unterwarfen und in dem Glauben
handelten, das Geheimnis der Geschichte entdeckt zu haben. Sie kämpften und starben in dem Bewußtsein, die Vollstrecker einer geschichtlichen, Notwendigkeit zu sein.
Mit Stalin ging dies alles verloren. Er ersetzte das diskutierende Führer-Gremium durch den Apparat. Die Ideologie hatte keine selbständige Funktion mehr. Die Ansicht des einzelnen Parteigenossen war belanglos geworden. Er hatte nichts mehr zu entscheiden. Er erhielt seine Befehle über Grenzen und Länder hinweg. Die Ideologie diente nur noch als Geßlerhut. Der Kommunist leninscher Prägung fürchtete den Ausschluß aus der Partei, wie der Gläubige den Kirchenbann fürchtet. Stalin konnte sich damit nicht begnügen. Die Gegner seines Apparates und seiner persönlichen Ideologie mußten beseitigt werden, wenn die Gefahr gebannt werden sollte, daß sie eine gefährliche Gegenkirche mit dem echtesten Heiligen der proletarischen Lehre errichteten.
Der Haß Stalins wandte sich denen zu, die aus der eigenen Schule kamen - den Rechts- und Linksabweichlern, den Trotzkisten, den Titoisten und Nationalkommunisten. Es ging in den Schauprozessen nicht darum, die kommunistische Revolution gegen die antikommunistischen Feinde zu sichern. Die waren längst beseitigt, als in der Sowjet-Union, in Bulgarien, Rumänien, in Ungarn, in der Tschechoslowakei und in Polen die große Säuberung heranbrach. Stalins Schauprozesse richteten sich nicht gegen die Feinde der sozialistischen Revolution, sie richteten sich in erster Linie gegen die Kommunisten im eigenen Lager, die den Gedanken der Freiheit, der Freiheit von Furcht und Fremdherrschaft, nicht vergessen konnten.
Schlägt man aber - wie Stalin - gnadenlos die Köpfe ab, so wachsen sie doch, wie die Geschichte der Schauprozesse von Moskau bis Polen zeigte, immer wieder nach. Die Sehnsucht nach Freiheit von Angst und Furcht scheint "a priori", ohne alle Erfahrung, dem Menschen geschenkt zu sein. Er braucht die Freiheit nicht zu erlernen. Die Jugend erfährt sie, auch wenn ganze Generationen vorher unter der Knute erzogen worden sind. Immer wieder, das zeigte Ungarn, werden sich Menschen finden, die für die Freiheit zu den Waffen greifen. Und wenn der Tyrann auch noch gegen Gott steht, dann wird schon das stille Gebet der erste Schritt zur Revolution gegen ihn.
Deshalb muß der stalinsche Apparat zusammenbrechen oder sich demokratisieren. Die große Afterlehre, die den Anspruch stellt, mit der Macht der Sowjet-Union Europa und die Welt allmächtig zu beherrschen, muß sich entweder wandeln, oder sie wird verderben. Das ist die Hoffnung, die schon Leopold von Ranke in seiner "Geschichte der Päpste" in das Wort faßte, das diese Serie begleitet hat: "Niemals ist in unserem Europa weder eine Macht noch eine Lehre, am wenigsten eine politische, zu vollkommener Alleinherrschaft gediehen."
(Ende)
Ministerpräsident Cyrankiewicz: Neben den Polen..
..trat plötzlich der Pole: Parteichef Gomulka
Rosa Luxemburg: Polens Kommunismus hat ehrwürdige Ahnen
Ehemaliger Stalinist Ochab: Sich wandeln..
..oder sterben: Verstorbener Stalinist Bierut
Verteidigungsminister Rokossowski: Nach dem Aufstand die Entlassung
Verteidigungsminister Spychalski: Nach dem Aufstand die Rehabilitierung
Posener Aufstand: Wenn die Politik den Gerichtssaal betritt ...
..geht die Gerechtigkeit hinaus: Posener Prozeß

DER SPIEGEL 4/1957
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