23.01.1957

ALPINISTENLaßt alle Hoffnung fahren

Auf dem Flugplatz Issy-les-Moulineaux bei Paris traf am Montag vergangener Woche ein breitschultriger Mann ein, dessen Ankunft von der französischen Presse aufmerksam registriert wurde: der Schweizer Hermann Geiger, genannt "der Gletscherpilot", der mit seiner "Piper Cup" - einem Kleinflugzeug auf Ski-Kufen - bisher 250 Menschen vor dem sicheren Bergtod bewahrt hat.
In der ersten Januarwoche hätte Hermann Geiger, wenn er nicht daran gehindert worden wäre, wahrscheinlich zwei weitere Menschen aus alpiner Todesnot gerettet: Jene beiden Studenten - den Franzosen Jean Vincendon und den Belgier Francois Henry -, die in der Weihnachtswoche im Montblanc-Massiv von einem Schneeorkan überrascht worden waren und nach tagelangem Warten auf Rettung schließlich erfroren.
Als es nach Ansicht des "Gletscherpiloten" Geiger noch möglich war - der Schneesturm hatte vorübergehend nachgelassen -, die unterhalb des Montblanc-Gipfels auf dem 4000 Meter hohen "Grand Plateau" kauernden Studenten lebend zu bergen, wurde Hermann Geigers Hilfsangebot mit dem Bemerken abgelehnt, dazu sei es bereits zu spät. Um Geiger vollends zu entmutigen, wurde er gewarnt, daß man ihm jede Hilfe versagen müsse, falls er bei einem nicht autorisierten Rettungsversuch selbst ein Gefangener des Montblanc werden würde.
Henri Giraud, einer der besten Hochgebirgsflieger Frankreichs, ist mit seinem Schweizer Kollegen Geiger einer Meinung. Nachdem er die Unglücksstelle auf dem Montblanc überflogen hatte, erklärte Giraud: "Man hätte Hermann Geiger sofort einsetzen müssen. Für ihn wäre es ein Kinderspiel gewesen, mit seinem Kleinflugzeug neben den beiden Studenten zu landen."
Der Tod der beiden Studenten läßt Hermann Geiger keine Ruhe. Kaum daß er in der letzten Woche auf dem Flugplatz Issyles-Moulineaux gelandet war, beschwerte er sich vor den Pariser Journalisten über die ruppige Art, in der die französischen Verantwortlichen seinen Plan zur Rettung der beiden Studenten vereitelt hatten.
Inzwischen entschloß sich Hermann Geiger, an einem praktischen Beispiel zu beweisen, daß er durchaus eine Chance gehabt hätte, die Studenten zu retten. Geiger beschloß, mit seinem Spezialflugzeug auf einem schneeverwehten Plateau der Walliser Alpen zu landen, und zwar unter ungefähr gleichen Bedingungen, wie er sie bei einem Rettungsversuch am Montblanc angetroffen hätte. Ziel dieser Übung: Bergung einer Strohpuppe.
Der Schweizerische Fernsehdienst versprach, das Vorhaben des Gletscherpiloten mit Teleobjektiven zu filmen und setzte diese Modell-Rettung - zugleich für das Deutsche Fernsehen - auf sein Programm für den 20 Januar.
Hermann Geiger macht sich selbst bittere Vorwürfe, weil er Anfang Januar nicht auf eigene Faust versuchte, die beiden Studenten aus der Schneewüste des Montblanc zu befreien: "Ob mit oder ohne Erlaubnis, ich hätte versuchen müssen, die beiden zu retten." Er ist überzeugt, daß die beiden verunglückten Studenten dem Ungeschick und der Unfähigkeit der für die Rettungsversuche verantwortlichen französischen Stellen zum Opfer fielen.
Geiger steht mit dieser Ansicht nicht allein. Der Bergführer Lionel Terray, einer der bekanntesten französischen Bergsteiger - er gehörte 1950 zur französischen Himalaja-Expedition und rettete bei dieser Gelegenheit seinen Mannschaftskameraden Lachenal und Herzog das Leben -, erhob über den französischen Rundfunk schwere Anklagen gegen die zwei Instanzen, denen am Montblanc die Organisation der Rettungsversuche oblag: die Bergführer-Gilde von Chamonix und den Bataillonskommandeur an einer französischen Gebirgsjäger-Schule, Major Le Gall.
Terray behauptete, daß in den letzten Dezember-Tagen, als der Schneesturm vorübergehend nachließ und für die Rettung noch gute Aussicht bestand, nicht rechtzeitig genug Hilfe mobilisiert wurde.
Als Terray in Chamonix eintraf, wurden ihm Schwierigkeiten bereitet; er mußte seine eigene Hilfsexpedition, die später vergebens einen Aufstieg versuchte, ohne amtliche Unterstützung unternehmen. Terray: "Man konnte und man mußte Henry und Vincendon retten."
Terray hat möglicherweise einigen Anlaß, sich durch den Tod der zwei Studenten belastet zu fühlen. Die beiden jungen Bergsteiger, denen Terray in seiner Erklärung "Tollkühnheit" vorwarf, sollen das selbstmörderische Wagnis, den Montblanc im Winter zu ersteigen, unternommen haben, weil sie dem Himalaja-Experten Terray imponieren wollten. Vincendon und Henry waren in Chamonix als ehrgeizige Alpinisten bekannt, die davon träumten, von ihrem Idol Lionel Terray unter die Anwärter einer neuen französischen Himalaja-Expedition aufgenommen zu werden; deshalb wollten sie dem Montblanc einen triumphalen Beweis ihres Mutes abtrotzen.
Henry und Vincendon wählten ihren Weg zum Montblanc-Gipfel über die sogenannte Brenva-Flanke. In 3700 Meter Höhe begegneten ihnen zwei italienische Bergsteiger, die vom (italienischen) Aostatal aus aufgestiegen waren. Die Italiener kehrten bei den ersten Anzeichen einer Wetterverschlechterung um und retteten sich in eine Schutzhütte.
Als zwei Tage später ein Schneesturm mit Windgeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern über Hänge und Steilwände des Montblanc fegte, alarmierten Freunde der Studenten die Bergwacht in Chamonix.
Doch die Bergführer von Chamonix weigerten sich, bei diesem Unwetter eine Rettung auch nur zu versuchen. Der Militärflugplatz Bourget-du-Lac schickte einen Hubschrauber vom Typ Sikorski nach Chamonix, der die Verunglückten schließlich auf dem Grand Plateau entdeckte.
Erst vier Tage später, nachdem der Schneesturm etwas nachgelassen hatte, versuchte ein Hubschrauber mit zwei Militärpiloten und zwei Bergführern, auf dem Grand Plateau zu landen. Der Versuch mißglückte, der Hubschrauber ging zu Bruch, die Besatzung saß nun selbst auf dem Grand Plateau fest. Wenig später sprangen aus einem zweiten Helikopter vier weitere Bergführer mit Fallschirmen über der Unglücksstelle ab, weil der Pilot nicht mehr zu landen wagte: Der Sturm war wieder heftiger geworden.
Noch sind die beiden Studenten am Leben, wenn auch von schweren Erfrierungen gezeichnet und sehr geschwächt. Die acht Retter bringen die beiden in der Kanzel des abgestürzten Hubschraubers unter - und lassen sie dort zurück, während sie selbst sich zur Vallot-Hütte durchkämpfen.
Nach weiteren drei Tagen landet ein Helikopter vom Typ "Alouette" (Lerche) bei der Vallot-Hütte. Er hat den Auftrag, die Militär-Piloten und die Bergführer abzuholen; die einige hundert Meter tiefer in dem gläsernen Sarg der Hubschrauber-Kanzel zurückgelassenen Studenten hat man bereits aufgegeben. Der Bergführer Chappaz, der die Studenten als letzter sah, berichtete später: "Als ich sie im Hubschrauber zurückließ, hatte ich das Gefühl, ein Verbrechen zu begehen."
Major Le Gall beantwortete später die Frage, warum er die Studenten ihrem Schicksal überließ: "Es gab für sie keine Hoffnung mehr."
Lionel Terray behauptet hingegen, daß es einen Tag nach dem Eintreffen der Unglücksnachricht ohne "exzessive Gefahr" möglich gewesen wäre, eine Rettungskolonne zum Grand Plateau in Marsch zu setzen. Nur weil es der Bergwacht an Autorität und Entschlußkraft gemangelt habe, sei diese aussichtsreiche Hilfsaktion unterblieben. Den Bergführern von Chamonix warf Terray vor, sie hätten nicht nur jedes Risiko gescheut, sondern zudem noch Freiwillige davon abgehalten, sich der Studenten wegen in Lebensgefahr zu begeben.
Zu diesen Freiwilligen gehörte der Münchner Bergsteiger und Nanga-Parbat -Bezwinger Hermann Buhl, der sich gemeinsam mit drei Salzburger Bergführern in Telegrammen und Telephonaten nach Chamonix für die Rettungsaktion am Montblanc zur Verfügung gestellt hatte.
Das US-Hauptquartier in Wiesbaden hatte dem Hermann Buhl die Unterstützung der US-Luftwaffe zugesagt. Aber der Bergführerverband in Chamonix verbat sich telegraphisch jede Hilfeleistung.
Nicht minder empört äußerte sich der streitlustige Terray über das Verhalten der für die "Hilfsoperation Montblanc" verantwortlichen Militärs: "Man hat meine Angebote zurückgewiesen. Man hat den Abmarsch meiner Hilfskolonne hinausgezögert. Man hat sich lächerlich gemacht, indem man die Retter rettete."
Diese Anschuldigungen des Bergsteigers Terray erregten in französischen Bergsteiger-Kreisen peinliche Verwunderung. Ein angesehener Kollege des Terray, der Präsident des Pariser Alpenklubs, Guido Magnone war über die "Rettung der Retter" ebenfalls entsetzt und erklärte der Pariser Sportzeitung "L'Equipe": "Ich bin überzeugt, daß die Männer, an die man sich gewandt hatte, um Vincendon und Henry ihrem Schicksal zu entreißen, keinerlei Befähigung für diese schwere Aufgabe hatten."
Die von den Pariser Zeitungen nach Chamonix entsandten Korrespondenten veranstalteten mit allen Personen, die ihre Meinung über die Montblanc - Tragödie äußern wollten, eingehende Massenverhöre. Dabei wurde in dem wirren Mosaik der Meinungen noch eine andere Ursache für das Mißlingen der Rettungsaktion sichtbar, die nicht nur auf Ungeschick und Versagen, sondern auch auf eine verstockte Renitenz der Berufs-Bergführer hinweist.
Die Bergführer von Chamonix betrachteten die beiden Studenten, die "einfach ankamen, zu allem bereit waren, auf niemanden horten und damit rechneten, daß wir sie notfalls aus der Klemme befreien würden", als lästige Eindringlinge und Kraftmeier, die überdies "nicht aus der Gegend sind" und schon deshalb keinen Anspruch auf Mitgefühl und spontane Hilfe erheben konnten.
Derartige aufschlußreiche Äußerungen notierte sich ein Pariser Journalist im Büro des Komitees der Bergführer von Chamonix. Der Reporter gewann den Eindruck, daß die Abneigung der professionellen Bergführer gegen die "Amateure" - die Mitglieder der Alpenvereine und die passionierten Einzelgänger - der Sorge um die Zukunft ihrer Gilde entspringt.
Der Bergführerberuf ist ein Monopol der Bürger von Chamonix, die seit jeher eifersuchtig darüber wachen, daß sich keine "Fremden" in ihr Gewerbe einschleichen. Sogar ein international renommierter Bergsteiger wie Lionel Terray, der nicht in Chamonix, sondern im Nachbar-Departement beheimatet ist, hatte erhebliche Mühe, in die Gilde von Chamonix aufgenommen zu werden.
Terrays offene Worte in der Montblanc-Affäre lieferten der Bergführer-Gilde den Beweis, daß sie diesen Mann zu Unrecht aufgenommen hatte: Dem Terray, konstatierte sie, fehle der Korpsgeist. Er wurde nach seiner Rundfunk-Erklärung aus dem Verband ausgeschlossen.
Schweizer Gebirgsflieger Geiger
"Man hat sich lächerlich gemacht ...
Französischer Bergsteiger Terray
... indem man die Retter rettete"

DER SPIEGEL 4/1957
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