23.01.1957

FILM / ILSE KUBASCHEWSKI Det greift ans Herz

Noch Mitte Dezember, wenige Tage nach dem Zusammenbruch der Frankfurter Allianz-Film, einer der größten Verleihgesellschaften der Bundesrepublik, hatte der Verband der Filmproduzenten die beschwichtigende Parole ausgegeben, daß von Krisenerscheinungen im deutschen Film nicht gesprochen werden könne: Es handele sich um "bedauerliche Einzelfälle". Aber schon der erste Arbeitstag des neuen Jahres - der Termin für eine Reihe von Wechselverpflichtungen - erwies, daß sich die Beschwichtigungsthese, die weiteres Unheil abwenden sollte, nicht länger halten ließ: Am 2. Januar wurde nicht nur das Konkursverfahren gegen den Allianz-Filmverleih eröffnet - auch zwei weitere Verleihgesellschaften, die Frankfurter Phönix und die Münchner Union, meldeten Schwierigkeiten.
Zu dicht liegen die Nervenstränge des deutschen Filmgeschäfts nebeneinander, als daß der Zusammenbruch der großen Allianz nur einen vereinzelten Schock bewirkt hätte. Die Phönix-Film mußte ihre Zahlungen einstellen und am 2. Januar den Vergleich beantragen, weil der Allianz-Konkurs, wie Phönix -Chef Heinz J. Preuschoff erklärte, bei den Banken eine "nervöse Kettenreaktion" auslöst hatte.
Die Finanzschwierigkeiten bei der Union-Film wurden gleichfalls durch die Allianz-Pleite heraufbeschworen, die allerdings nicht der Ausgangspunkt war. Die Nöte hatten schon mit dem "Lola -Montez-"-Film des Regisseurs Max Ophüls begonnen, der damals von den Produktionsvollmachten, die ihm bereitwillig eingeräumt worden waren, so weitgehend Gebrauch machte, daß die Union ihre "Lola Montez" schließlich gequält mit dem Werbespruch "der teuerste Film, der je in Europa gedreht wurde" versehen konnte: Der Film, von dem sich die Union das "ganz große Geschäft" versprach, das ihr bis dahin versagt geblieben war, hatte fünf Millionen Mark gekostet.
Diese Belastung war für das mittelgroße Unternehmen so schwer, daß die Firma bereits damals gewankt hätte, wenn Union -Chef Emil E. Reinegger nicht einen Film in sein Programm aufgenommen hätte, den andere Verleiher schon vorher begutachtet und mitleidig lächelnd abgelehnt hatten: den Heimatfilm "Der Förster vom Silberwald". Der für 300 000 Mark billig eingekaufte Film aus Österreichs Bergen spielte der Gesellschaft runde fünf Millionen Mark ein. Das Loch in der Kasse war fürs erste gestopft.
War damals die Union noch gerade am Rande des Abgrunds entlanggetaumelt, so hatte sich die Situation durch das Wetterleuchten der Allianz-Pleite in den letzten Wochen verändert. Die Zulieferfirmen, die technischen Betriebe und Kopieranstalten, die durch die Allianz Hunderttausende verloren hatten, bangten nun plötzlich um ihr Geld. Über Nacht waren sie nicht mehr bereit, den von ihnen selbst ausgehandelten und seit Jahren praktizierten Finanzierungsmodus einzuhalten. Die Parole lautete: Bar Kasse. Dazu aber war die Union nicht in der Lage. Reinegger mußte sich auf die Suche nach neuen Geldern machen.
Die Notsignale der drei Firmen bestätigten wenige Monate nach Beginn der Kinosaison 1956/57 die Grundregel, daß auf dem deutschen Filmmarkt heute nur der bestehen kann, dessen Produkte dem Geschmack des ganz breiten Publikums entsprechen.
Für die Allianz arbeiteten erfahrene Produzenten, und in den Titelvorspannen ihrer Filme standen die Namen attraktiver Stars und renommierter Regisseure. Dem weltmännischen Allianz-Chef Kurt Zobel rühmen die Branchekundigen noch heute nach, daß er bei der Auswahl ausländischer Filme für den deutschen Markt eine glückliche Hand gehabt habe. Bei der Beurteilung der ihm vorgelegten deutschen Stoffe jedoch fehlten ihm sowohl der Instinkt für das Geschäft als auch die Phantasie, die man braucht, um die Aussichten dieser Filme einigermaßen richtig einzuschätzen. Das Kinobesitzerblatt "Film-Echo" schrieb: "Der Fall Allianz... zeigt, wohin es führt, wenn ein Verleih hinsichtlich seiner deutschen Produktion nicht über den Weitblick (im Branche-Jargon 'Riecher' genannt) verfügt, dem unsere wohlfundierten Verleiher in erster Linie ihre Erfolge zu verdanken haben."
In einer Untersuchung über das Filmdebakel resümierte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in der vorletzten Woche die Erkenntnisse einer ganzen Generation von Filmkaufleuten: "Es ist eben bei einem Film nie mit Sicherheit vorauszusagen, wie er vom Publikum aufgenommen wird, hier gibt es immer wieder große Überraschungen. Hierin liegt auch das besondere Risiko des Filmgeschäfts. Natürlich gibt es gewisse Möglichkeiten, um dieses Risiko zu vermindern, vor allem bei größeren Firmen; denn je mehr Filme ein Unternehmen in seinem Programm hat, um so größer ist die Chance, die bei einzelnen Filmen eintretenden Verluste mit den Überschüssen aus den anderen Filmen auszugleichen. Die entscheidende Voraussetzung dazu ist allerdings, daß Auswahl und Zusammenstellung der Filmtitel in einer Spielzeit so getroffen werden, daß sie auch tatsächlich einen inneren Risikoausgleich gewährleisten."
Unter diesen Bedingungen hat in der Spielzeit 1956/57, der Saison der Krise, eine Endvierzigerin von der blonden, blauäugigen Süße einer gereiften Lilian Harvey besondere Chancen, am Roulette des Filmgeschäfts zu gewinnen: Ilse Kubaschewski, die Inhaberin und Chefin des Gloria - Verleihs in München, bietet mit 22 Filmen eines der üppigsten Sortimente feil, das von einer deutschen Verleihgesellschaft in den letzten zehn Jahren zusammengestellt wurde.
Und was die erforderliche konstitutionelle Eigenschaft angeht, den "Riecher", der dem Weltmann Zobel fehlte, so bezeichnet die Kubaschewski sie schlicht als "meene Stärke". Wenn der nach außen sichtbare Erfolg allein ein Beweis für diese Überzeugung wäre, so wäre die Kubaschewski allerdings keiner eitlen Selbsttäuschung erlegen.
Binnen sieben Jahren hat sich die Tochter des Postbeamten Kramp aus Berlin-Neukölln in die Spitzengruppe der bundesdeutschen Traumfabrikanten hineingezwängt. Von ihrem blumenüberladenen Direktionssaal aus entscheidet sie mit darüber, welche Filme die 6000 Lichtburgen in der Bundesrepublik dem deutschen Kinovolk zu bieten haben. Denn wie alle anderen großen Verleihfirmen läßt die Gloria von eigenen Produktionsgesellschaften Filme drehen oder finanziert Produktionsgesellschaften, die in ihrem Auftrag und nach ihren Richtlinien kurbeln. Mit einem Jahresumsatz von durchschnittlich 30 Millionen Mark hat die Kubaschewski fast alle ihre früheren Konkurrenten überrundet und fühlt sich stark genug, es nunmehr auch mit den beiden neu erstehenden Filmkonzernen "Ufa" und "Bavaria" aufzunehmen.
Jeder zehnte Film, der in den letzten sieben Jahren in Deutschland hergestellt wurde, startete unter dem rotierenden grün-goldenen Sonnenzeichen, das sich die Gloria-Chefin zu ihrem Firmenschild erkoren hat (Ilse Kubaschewski: "Gloria, det is so'n Name, der wat sagt"), und in der Kinosaison 1955/56 engagierten rund dreißig Millionen Bundesbürger ihre Gefühle für das, was die einstige Berliner Stenotypistin heruntergekurbelt hatte. Ein jeder zahlte ihr - ohne es zu wissen - ein rundes Drittel seiner Kinomark.
Dank der stetig auf ihr Bankkonto einströmenden Kinogroschen hat sich für die "Kuba" der Traum vom großen Glück genauer erfüllt als in allen Produkten ihrer Traumfabrik. Ilse Kubaschewski hatte ihn an jenem Tag zu träumen begonnen, da Muttchen Kramp ihre Älteste zum erstenmal mit in ein Berliner Vorstadtkino nahm, wo sich Frau Kramp - um den Haushaltsetat aufzufüllen - als Klavierbegleiterin für die Stummfilmvorführungen verdingt hatte. Tochter Ilse sollte assistieren und die Notenblätter umwenden.
Während Muttchen Kramp ihre Klavierparts herunterklimperte, bestaunte Ilse die Leinwand-Illusionen vom Leben und Treiben der großen Welt, und bald stand für sie fest: "Det kriegste och."
In ihrer schneeweißen Villa am Starnberger See fehlt heute nichts, was zum Lebensstil der nachkriegsdeutschen Geldaristokratie gehört, weder das Badezimmer aus schwarzem Marmor noch die indirekt beleuchtete Hausbar, weder die kostbaren Gobelins und die gotischen Madonnen noch die durch infrarote Strahlen erwärmte lauschige Sitzecke im Freien mit dem original bayrischen Brathendelspieß.
Im Privathafen am See schaukeln eine Segeljacht und ein Motorboot, und in der Garage warten zwei Mercedes 300 auf sie, einer knallrot, der andere himmelblau. Ein gemütliches Winterdomizil hat sie sich in Arosa eingerichtet und bei Nizza ein elegantes Feriennest für die herbstlichen Sonnenbäder am Mittelmeer.
Vor der Kulisse solcher Pracht hat der Hauspropagandist, Pressechef und Vorzimmerbutler der Kubaschewski, der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift "Unser Heer", Fred Erich Uetrecht, seine Chefin schlicht zur "Prominenten des deutschen Filmschaffens" erhoben, die das Geheimrezept für den "Erfolgsfilm schlechthin" erfunden habe. Der eigene Werbeslogan der Kuba lautet: "Wer vom deutschen Film spricht, meint Gloria."
Allerdings, wer von der Gloria spricht, meint jene Spezies der Feld-, Wald- und Wiesenfilme, die nach der Auffassung der Kubaschewski mitten ins deutsche Gemüt treffen und ihr nicht nur ein Millionenvermögen, sondern auch den Ruf eingetragen haben, die "Schnulzen -Königin-Mutter des deutschen Films" zu sein.
"Kein Thema war schnulzig genug", so zog die filmbeflissene Münchener "Abendzeitung" die Bilanz der Gloria-Taten, "um es nicht doch zu machen, wenn es Aussieht auf klingende Münze bot", und Deutschlands Filmkritiker sind sich darüber einig, daß das Beste, was die Gloria bei den meisten ihrer Premieren zu bieten hatte, die Cocktails und die Gabelbissen waren. Selbst die mit Prädikaten keineswegs sparsam umgehende Bewertungsstelle der deutschen Filmwirtschaft hat bis heute nur zwei der nach Ilse Kubaschewskis Häkelmuster ausgeführten deutschen Filme ("Rosen im Herbst", "Die Trapp-Familie") mit dem Etikett "wertvoll" bedacht.
Nun ist Ilse Kubaschewski allerdings schwerlich die Frau, die sich durch derlei öffentliche Bewertungen beirren ließe. Unverdrossen hält sie an ihrem Glauben fest: "Die Leute woll'n im Kino nischt anderes, als sich unterhalten. Musik woll'n die Leute, lachen woll'n se, alles andere lehnen se ab"
Die Einwände ihrer Kritiker, daß auch anspruchsvolle Filme, wie zum Beispiel "Die letzte Brücke" oder "Die Ratten", volle Kassen bringen können, wischt sie ungerührt beiseite: "Ick habe och sojenannte künstlerische Filme jemacht. Da kommt de Ullrich oder de Schell und woll'n 'ne 'Aussage' machen. Immer woll'n se 'ne 'Aussage' machen. Na schön, ick hab' se machen lassen. Ick von mir aus hätte ja nie solche Sachen jemacht wie 'Angst' oder 'Herr über Leben und Tod'. Schon de Bücher*, die konnt' ick jar nich lesen. Aber da kam de Schell und bestand auf ihrem 'Herr über Leben und Tod' und de Bergman kam mit ihrer 'Angst'. Ick hab's jemacht. Nachher harn wir's ja jesehn. Na ja, wir werd'n ja immer aufjezogen mit unsern Heimatfilmen. Wir lachen ja och darüber. Aber die jehn."
Die Filme, die Ilse Kubaschewskis Gloria-Verleih aus dieser Auffassung mit großem Aufwand in die Lichtspielhäuser brachte, begründeten den eigenartigen Ruf des Unternehmens. Sie hießen "Grün ist die Heide", "Wenn die Abendglocken läuten", "Tausend rote Rosen blühn", "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren", "Ave Maria", "Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt" oder "Kaiserwalzer".
Der ehemalige Gloria-Filialleiter Adalbert Klinger resümiert: "Frau Kubaschewski hat eine Schwäche für Filme mit Herz und Gemüt, das heißt für sentimentale, verlogene Romantik aus dem Rittergutsbesitzermilieu. Vor allem müssen da immer Volkslieder vorkommen. Wenn sie irgendeine Schlagerschnulze hört, möchte sie am liebsten einen Film drehen, nur um diese Schnulze auf die Leinwand zu bringen. Ihre Filme sind stets für Hausfrauen berechnet."
Immer wieder hämmert Ilse Kubaschewski ihren Dramaturgen ein, Filmstoffe auszuwählen, denen der Kinobesucher ohne geistige Strapazen folgen kann. Ihre ehernen Film-Maximen sind:
- keine unsympathischen Charaktere als
Hauptfiguren,
- keine Rückblenden ("da kommt det
Publikum nich mit"),
- auch beim tragischen, rührseligen Film
ein Happy-End ("die Leute woll'n wat Schönes sehn"),
- viele Bilder von der Heimat Auen, viele Tieraufnahmen ("det greift ans Herz"),
- sehr viel Musik und
- "immer wat zum Lachen".
Die nach diesen Prinzipien gekurbelten Filme werden von der Kuba fast stets mit einem Titel aus der Schatztruhe deutschen Sangesgutes versehen, denn sie ist überzeugt, daß nichts so sehr das deutsche Herz rührt wie innige Volksliederweisen - zumal, wenn sie von reinen Knabenstimmen reichlich dargeboten werden. Ein Knabenchor, dessen zarter Gesang die Geschehnisse im deutschen Wald begleitet, ist denn auch in nicht wenigen Gloria-Filmen zu hören.
So werkelt die Kuba noch heute nach dem Erfolgsschema, das sie während ihrer zwanzigjährigen Lehrzeit dem früheren Siegel-Monopol-Verleih in der Berliner Friedrichstraße abgeguckt hat.
Der Verleih des - 1945 verstorbenen - Filmkaufmanns Siegel, des langjährigen Lehrmeisters und väterlichen Freundes, war ein bescheidenes, aber finanziell gut gesichertes Unternehmen. Bar jeglichen künstlerischen Ehrgeizes und bar jeglicher schöpferischen Freude an Experimenten mit dem neuentdeckten Tonfilm bastelte Johannes Siegel Filme zusammen, die nur einem Zweck dienten: das Provinzpublikum auf billige Weise zu unterhalten. Mit Produkten wie "Hirsekorn greift ein", "Goldblondes Mädchen - ich schenk Dir mein Herz", "Holzapfel weiß alles" und "Liebe geht, wohin sie will" gelang es
ihm, neben den großen Filmkonzernen Ufa, Tobis, Terra und Bavaria einträglich zu leben und - während der Nazizeit - der Goebbelsschen Reglementierung zu entgehen.
In dieser Kleinfabrik schob sich die Ilse Kramp zielstrebig an die Spitze. Vom Lehrmädchen brachte sie es zur Stenotypistin, dann zur Sekretärin in der Fabrikation, weiter zur Disponentin, bis sie schließlich zu dem wurde, was man die rechte Hand des Chefs nennt.
Ihr gesellschaftlicher Aufstieg in die Berliner Filmwelt war geglückt, als sie den damaligen Ufa-Filialleiter für die Bezirke Berlin-Ost und Mitteldeutschland, Hans Kubaschewski ("Herrchen"), ehelichte. Aus der Mietskaserne in der Glasgower Straße gelang der Sprung in das vornehme Tiergartenviertel. Aber ungeachtet der Sehnsüchte des Ehemanns Hans nach einem gutbürgerlichen Familienleben ("Man hat sowenig voneinander") blieb sie weiter im Betrieb, baute nicht nur ihre Stellung
im Vorzimmer von Johannes Siegel aus, sondern sicherte sich auch auf andere Weise einen Anteil am allgemeinen Filmgeschäft. Mit ihren ersparten Monatsgehältern erkaufte sie sich die Beteiligung an einem 400-Plätze-Vorstadtkino in Berlin-Rudow, die günstig zu bekommen war. Bruder Erich: "Det war 'ne jute Sache. Det eenzige Kino für 24 000 Einwohner."
Ilse Kubaschewski zog das Unternehmen- "Ru-To-Li" als Familienbetrieb auf: Muttchen Kramp saß an der Kasse, Schwester Gerda führte die Bücher, während Vater Kramp am Eingang stand und die Karten abriß. (Noch heute achtet sie streng darauf, daß diese Einnahmequelle nicht versiegt. Pächter Fritz Miethe von den benachbarten "Mars-Lichtspielen" muß pünktlich den Pachtzins überweisen.)
Auch als im Zuge der "totalen Kriegsmaßnahmen" die Siegel-Werkstatt über Nacht geschlossen wurde, blieb Ilse Kubaschewski in der Branche. Sie absolvierte einen Vorführerlehrgang und kurbelte im eigenen Kino, nachdem ihr Versuch, in einem anderen Verleih einen lukrativen Posten zu ergattern, am Einspruch der Reichsfilmkammer gescheitert war. Die runden hunderttausend Reichsmark, mit denen sie als eine maßgebliche Siegel-Mitarbeiterin abgefunden wurde, trug sie auf ihr Konto.
Der Vorführerkursus machte sich nicht nur für die Geschäfte ihrer "Rudow-Ton -Lichtspiele" bezahlt. Der in den letzten Kriegsmonaten erworbene Prüfungsschein verhalf ihr nach dem Zusammenbruch unerwartet zu einem neuen Start.
Ilse Kubaschewski war - ausgestattet mit einem Transportschein als Wehrmachtsbetreuerin - vor den einmarschierenden Russen nach München geflohen und hielt dort Umschau nach einem neuen Broterwerb. Sie kam zur rechten Zeit in München an. Die Filmtheaterbesitzer, durch die Zwangsmitgliedschaft in der Reichsfilmkammer formell belastet, waren von den amerikanischen Besatzern aus ihren Häusern gejagt worden. Eine Spiellizenz erhielt nur, wer neben Fachkenntnissen einen makellosen Fragebogen präsentieren konnte.
Ilse Kubaschewski hatte beides. Sie zog nach Oberstdorf und übernahm die Treuhänderschaft für das florierende "Kur - Filmtheater", während Besitzer Toni Merz inzwischen als politisch Belasteter seiner Lieblingsbeschäftigung nachging, der Jagd.
Die Filme für das "Kur-Filmtheater" bezog sie - wie die anderen "Registranten" - von dem "Allgemeinen Filmverleih", den die amerikanische Militärregierung in Geiselgasteig eingerichtet hatte. Dort wurde zäh ausgehandelt, wer in das Nachkriegsfilmgeschäft hineingelassen werden sollte, dort wurde entschieden, wem die geretteten Kassenschlager aus dem beschlagnahmten Ufa-, Bavaria- und Tobis -Vermögen zugesteckt werden sollten. Deutscher Berater der ausmusternden Amerikaner war: Hans Kubaschewski. Sein früherer Berliner Chef Walter A. Klinger, der vor den Nationalsozialisten nach den USA geflohen und nun als amerikanischer Filmoffizier zurückgekommen war, hatte ihm diese Schlüsselposition verschafft.
Während ihrer Oberstdorfer Jahre als Kinoleiterin begriff Ilse Kubaschewski schnell, daß mit der Wiederaufführung der alten deutschen Filme Geld zu machen war. Das Publikum hatte sich noch nicht an die amerikanischen oder französischen Filme gewöhnt, die plötzlich, nach Jahren der Abgeschlossenheit, über die Leinwand liefen.
Wem es gelang, die Rechte an den früheren deutschen Kassenschlagern zu erhandeln, dem war ein gutes Geschäft sicher; denn die Filme wurden abgegeben, ohne daß der Verleiher eine Einspielsumme zu garantieren brauchte. Er mußte lediglich die Einnahmen zu dem Satz von 50:50 abrechnen. Das bedeutete: Dem Auswerter blieb jedes Risiko erspart.
Kaum hatte daher Toni Merz sein "Kur -Filmtheater" zurückerhalten, da sattelte Ilse Kubaschewski auf das Verleihgeschäft um. Sie lieh sich von der Süddeutschen Bank 30 000 Mark, mietete sich in einen
Keller ein und eröffnete im Frühjahr 1949 mit fünf Angestellten ihre "Gloria-Filmverleih GmbH." Ihr eigenes Kapital bestand aus einem alten Ford und den Rechten an elf ausgesuchten "Reprisen" - wie die alten deutschen Filme genannt wurden -, zu denen ihr Ehemann Hans verholfen hatte*.
Heute hat sich diese magere Investition zu einem Gesamtvermögen von etwa 25 Millionen Mark gemausert.
Das Geheimnis dieses ungewöhnlichen Erfolges ist nicht zuletzt die Gunst des Zufalls. Denn Ehemann Hans konnte seiner Frau Ilse vermittels seiner guten Beziehungen ein Finanzpolster verschaffen, das ihr von vornherein einen guten Vorsprung in dem Rennen um den Kassenknüller sicherte. Dieses Polster, das der Kuba das langwierige Feilschen um die staatlichen Bürgschaften ersparte, auf die viele ihrer Konkurrenten angewiesen waren, war aus der Geschäftsverbindung mit der amerikanischen Produktionsgesellschaft "Republic Pictures" gewachsen.
Im Februar 1950 hatte der Deutschland-Repräsentant dieser zweitrangigen Gesellschaft, Dr. Rudolf Goldschmidt, nach einem deutschen Auswerter für
die geschäftssicheren Republic-Reißer gefahndet, deren Titel schon verrieten, für welches Publikum sie gemacht worden waren: "San-Francisco-Lilly" und "Der Bandit von Sacramento" hießen sie, oder "Erbe des Henkers", "Das Schwert der Rache".
Dr. Goldschmidt traf auf Hans Kubaschewski, mit dem er in den ersten Nachkriegsjahren, während der Geiselgasteiger Reeducation-Ära, am selben Schreibtisch gesessen hatte. Hans Kubaschewski, inzwischen zum Deutschland-Manager der amerikanischen "Warner Brothers" aufgestiegen, alarmierte seine Frau, und die nutzte ihre Chance.
Die Ehe mit der Republic wurde zum Geschäft ihres Lebens. Es brachte ihr Millionen ein, ohne daß sie viel mehr zu tun brauchte, als korrekt abzurechnen.
Erinnert sich Rudolf Goldschmidt: "Der Vertrag war für die Republic ein Risiko. Aber ich kannte Frau Kubaschewski von früher und wußte, daß sie - geschäftlich - seriös ist, und wir schlossen den Vertrag. Fünfzehn Filme lagen damals bereits fest. Frau Kubaschewski übernahm sie natürlich unbesehen. Noch heute trifft sie keinerlei Auswahl aus dem Republic-Angebot, kümmert sich auch nicht darum. Die Filme laufen lediglich über ihren Apparat. Ich bin überzeugt, daß sie sich kaum einen der Republic-Filme angesehen hat."
Hauptschlager der Republic-Kollektion waren die Kurzfilme von "Zorro", dem furchtlosen Helden mit der schwarzen Maske, und von "Fu man Chu", dem finsteren Raubritter im Reiche Dschinistan. Rudolf Goldschmidt hatte Dutzende dieser kurzen amerikanischen Fortsetzungsfilme ("serials") aus den Staaten mitgebracht. Sein genialer Streich war, diese Zwölf-Minuten-Filmehen zu je zwei abendfüllenden Fortsetzungsfilmen zusammenzuschneiden und diese Produkte synchronisieren zu lassen.
Allein "Zorro", der Rächer aus dem wilden Westen, erkämpfte der Ilse Kubaschewski runde dreieinhalb Millionen Mark, und noch heute bringen ihr die Republic -Reißer einen stetigen Monatsumsatz von einigen hunderttausend Mark. Der entscheidende Vorteil der Republic-Ehe aber war und ist - wie Partner Goldschmidt das von der Kubaschewski peinlich gehütete Geschäftsgeheimnis entschleiert -, "daß sie nach dem Vertrag immer erst einen Monat später abrechnen muß. Sie hat also immer bares Geld in der Tasche, das sie nichts kostet, und mit dem sie arbeiten kann."
Diese Vertragsregelung, bestätigt Goldschmidt, war Ilse Kubaschewskis Sprungbrett: "Denn 1950, als das Geld knapp war, spielte es eine große Rolle, wenn man sagen konnte, bitte, auf meinem Konto stehen ja bereits so viele Hunderttausend. Sie kann immer bezahlen, denn im nächsten Monat kommen die neuen Republic -Gelder nach."
So konnte sich Ilse Kubaschewski "Im Banne der roten Hexe" und im Troß von "Zorros Geisterreitern" im dritten Verleihjahr (1951/52) zum erstenmal energisch am Run der Produzenten auf das große Kinogeschäft beteiligen. Ihr Hauptinteresse galt
- getreu ihrer Siegel-Monopol-Erfahrung -
dem Heimatfilm.
Bereits ein Jahr zuvor hatte ihr der Erfolg des Films "Schwarzwaldmädel", den ihr alter Siegel-Gefährte Kurt Ulrich gedreht hatte, auf bittere Weise klargemacht, welche Gelder sich wieder mit dem rührseligen Heimatfilm als Stimulus für des Kleinbürgers Wunschprojektionen verdienen ließen. Kurt Ulrich, Chef der "Berolina"-Produktion, hatte ihr seinen Singsang rund um die Schwarzwaldtannen zur Aufnahme in das Gloria-Verleih-Programm angeboten, aber damals scheute sie das Risiko. Verärgert mußte sie alsbald zusehen, wie ihr Konkurrent Herbert Tischendorf vom Herzog-Verleih mit Ulrichs "Schwarzwaldmädel" seine Kasse füllte.
Als Ulrich ihr 1951 seine Neuverfilmung des sentimentalen Bilderbogens vom Lieben und Leben des Heideförsters Rainer anbot, griff sie zu, und der Berolina-Film "Grün ist die Heide" wurde zum Sensationsgeschäft der Nachkriegszeit: 18 Millionen Besucher, fast ein Drittel der Bevölkerung der Bundesrepublik, sahen den Film, den die Gloria mit folgendem Werbespruch gestartet hatte: "Der deutsche Heimat -Großfilm in Farbe: nachts, wenn die Heide schläft, erwacht die Leidenschaft des Wilderers, und das Röhren des Hirsches verstummt unter seinem Schuß."
Die Legende vom sicheren Instinkt der Gloria-Chefin für den garantierten Publikumserfolg war dank Ulrichs Berolina -Film geboren.
Diese Legende - die durch Erfolgsfilme wie "Wenn die Abendglocken läuten", "Im weißen Rößl", "Ferien vom Ich", "Wenn am Sonntagabend die Dorfmusik spielt" und "Kaiserwalzer" genährt wurde - hält jedoch keiner Nachprüfung stand. Sie stimmt ebensowenig wie die oft kolportierte Mär, daß die Kubaschewski sich bei der Auswahl ihrer Filmstoffe und Titel hauptsächlich auf das unverbildete Urteil ihrer Köchin Gustl verlasse. Vielmehr versucht auch die Kuba wie die meisten anderen deutschen Filmproduzenten den Erfolg von morgen durch eine - wenn auch abgewandelte - Wiederholung des Erfolges von gestern zu erzwingen.
Das Register der Versager, die aus dieser Geschäftspraxis entstanden sind, ist nicht weniger imposant als die Erfolgsstatistik der Kubaschewski. Obenan auf dieser Liste rangieren der Produktions-Erstling der hauseigenen Divina-Film-GmbH., der tränenreiche "Ave-Maria"-Film mit Zarah Leander als opferbereiter Mutter, sowie das monströse zweiteilige Zirkus -Gemälde "Sterne über Colombo" und "Die Gefangene des Maharadscha", das Veit Harlan für vier Millionen Mark nach altem Tobis-Schema ("Der Tiger von Eschnapur") auf einer chaotischen Film-Expedition in Indien zusammenkurbelte. Die Filme erwiesen - wie auch der von der Gloria gestartete Marika-Rökk-Film "Die geschiedene Frau" -, daß sich die abgestandenen Leander-, Söderbaum- oder Rökk-Erfolge mit zehnjähriger Verspätung nicht wiederholen ließen.
Der Versuch der Kubaschewski, sich an die Spionagefilm-Hausse anzuhängen, die von dem Erfolg des Films "Rittmeister Wronski" eingeleitet wurde, scheiterte ebenfalls. Ihr Film über das Leben des kommunistischen Spions Richard Sorge, von Veit Harlan mit dem provokatorischen Titel "Verrat an Deutschland" gedreht, wurde ein Reinfall. Selbst der künstlich hochgepeitschte Publicity-Effekt, der durch ein von der Film-Selbstkontrolle ausgesprochenes Aufführungs-"Verbot" ausgelöst wurde, konnte nichts mehr retten.
Außerhalb der ihr vertrauten Heimatbezirke des Films hat die Gloria-Chefin oft falsch spekuliert. So hatte sie beispielsweise die französische Gangster-Ballade "Rififi" abgelehnt, die der Gloria als erster deutscher Firma angeboten worden war. Der Schorcht-Verleih machte dann mit dem Pariser Unterweltler-Film eines der Spitzengeschäfte der letzten Kino-Saison.
Ebenso falsch hatte sie die Publikumswirksamkeit eines Films nach Hauptmanns "Ratten" eingeschätzt. Zwar hatte sie schon vorsorglich die Filmrechte des Bühnenstücks für 50 000 Mark erworben, doch dann schreckte sie zurück: "Det will doch keener. Wenn det Janze wenigstens noch Kanarienvogel hieße. Kanarienvogel, det is erste Etage, aber Ratten, det is Keller." Eilig stieß sie die Rechte wieder ab.
Der Film, kurz darauf von Artur Brauners Filmgesellschaft CCC mit dem Paar Curd Jürgens - Maria Schell gedreht und vom Herzog-Verleih herausgebracht, wurde ein glänzender Erfolg nicht nur bei der Kritik, sondern auch an der Kasse.
Die trotz dieser Fehlspekulationen unbeschädigte Legende von dem treffsicheren Spürsinn der Kuba ist nach wie vor ihr stärkster Trumpf in der Schlacht um die Kinotermine. Denn im Filmgeschäft kommt es nicht allein darauf an, zugkräftige Filme zu produzieren. Es kommt auch darauf an, die Ware an den Verbraucher heranzubringen, das heißt: die Kinobesitzer zu verpflichten, die Gloria-Filme möglichst bald und möglichst lange zu spielen.
Dieser Kampf um die Kino-Termine ist zu einer erbitterten Balgerei ausgeartet, seit alljährlich rund vierhundert ausländische Filme den deutschen Markt überfluten. Da die deutsche Film-Industrie alljährlich 120 bis 130 Filme dreht, werden 520 bis 530 Filme auf einem Markt angeboten, der mit 150 Filmen schon gesättigt wäre. Selbst vor dem Kriege produzierte die Goebbelssche Traumfabrik nur rund 100 Filme für das wesentlich größere Reichsgebiet.
Das Aushandeln der Kinotermine beginnt vor dem 1. September, dem Start -Tag der Kinosaison. Schon im Sommer reisen die Vertreter von Kinobesitzer zu Kinobesitzer und bieten ihnen die neue Verleih-Staffel an. Sie besteht durchschnittlich aus acht bis zwölf Filmen, die fast nie einzeln, sondern nur in Vierer-, Achter- oder Zwölfer-Staffeln en bloc gemietet werden können. Selten ist zu jenem Zeitpunkt schon irgendein Film des neuen Programms fertig; das Verleihprogramm besteht in den meisten Fällen aus einer Liste mit knalligen Titeln, zugkräftigen Star-Namen, poetischen Inhaltsbeschreibungen und der Versicherung, daß es der Gloria-Verleih sei, der auch in diesem Jahr wieder die erfolgreichsten Kassenfilme drehen werde. Jeder Verleih ist deswegen so gut wie sein Ruf und wie seine Papierform.
Hat nun der Kinobesitzer im Vertrauen auf die Zugkraft der angekündigten Stars und Filme die Staffel gemietet, so beginnt oft erst der Finanzierungsvorgang, der die Herstellung dieser Filme ermöglicht: Mit den Verträgen der 3000 Kinos, die in Deutschland jeden durchschnittlichen Film spielen müssen, wenn er sein Geld wieder einbringen soll, geht der Verleiher zur Bank. Die 3000 Kinotermine sind quasi seine Garantie, daß der Film sich amortisieren wird, und wenn er den Finanziers außerdem noch die Namen bewährter Stars und Regisseure zu nennen vermag, gewährt die Bank in der Regel das notwendige Darlehen.
Alles hängt also davon ab, erst einmal ein durchschlagendes Verleih-Programm aufzustellen, und diese Tätigkeit beschäftigt denn auch die Verleiher in der ersten Hälfte eines jeden Jahres beträchtlich. Bei der Kubaschewski wie bei den meisten anderen Verleihfirmen geschieht das auf recht legere Weise: Nachmittags wird in kleinem Kreis bei Kaffee und Kuchen beratschlagt. "Da sitzt man", sagt die Kubaschewski, "und denkt: wat machste?" Die Überlegungen gehen davon aus, welche Filme ihrer Stars oder Sujets wegen in der vergangenen Saison ein Erfolg waren, und mit welchen Stars und welchen Sujets sich ein solcher Erfolg erneut beschwören lasse.
Bei der Auswahl ihrer männlichen Stars beweist die Kuba alljährlich erneut, daß sich ihr Geschmack seit den Tagen bei Johannes Siegel nicht wesentlich geändert hat Sie hat eine Abneigung gegen die saloppen Burschen der Nachwuchs-Generation und vertraut noch immer auf die soignierten Herren à la Willy Birgel wie auch auf den dauerhaften Kleinstadt-Typ Rudolf Prack, der seit dem Bestehen der Gloria aus dem Försterkostüm kaum noch herausgekommen ist. Er ist eine der Säulen des Unternehmens, und mit ihm ist die Kubaschewski reich geworden. ("Ja, der Prack, det is'n anjenehmer Mensch. Der macht nicht soviel aus sich wie manche, die auch bei mir angefangen haben und jetzt nur noch in Kunst machen.")
Bei den Damen ist sie bis heute ihrer Vorliebe für den blonden, traulichen Typ
- der äußerlich etwa einer jüngeren Kubaschewski gleicht - treu geblieben. Winnie Markus, die deutsche Blondine von unverwüstlicher Innigkeit, war bis zur letzten Kinosaison Stammstar der Gloria, und für Nachwuchs ist in Gestalt der "08/15"-Braut Gundula Korte gesorgt.
In den Debatten um das Verleih-Programm wird dieser Lieblinge mit besonderer Vorliebe gedacht, wenn die Stoffe für die Stars ausgetüftelt werden, die bei der Gloria unter Vertrag stehen oder die man für das Unternehmen verpflichten könnte.
Hartnäckig wird dann in "unzähligen Stunden des Abwägens", wie die Kuba diese von ihr geliebten Dauersitzungen vornehm nennt, mit Produzenten, Autoren und Schauspielern um Stoffrechte, Gewinnbeteiligungen und Gagen gerungen. Unterstützt von ihrem engeren Führungsstab - Produktionschef F. D. Andam, Verkaufsleiter Heinz Steckel und Syndikus Hans Corell - versucht die Kuba, ihre Verhandlungspartner kleinzukneten.
Bei solchen Gelegenheiten offenbart sich oft ihr branchenbekannter Hang zur Sparsamkeit, den sie wie ihre Filmrezepte von ihrem Vorbild Johannes Siegel übernommen hat, wenn sie ihn auch nicht, wie Siegel, auf die private Sphäre überträgt: Der vielfache Millionär Johannes Siegel wohnte möbliert und badete samstags bei einem Angestellten, um die Gasrechnung für das Badewannenwasser zu sparen.
Mit ähnlichem Sinn für Ökonomie im Geschäftsleben, der sich vor der Starnberger Traumhaus-Kulisse reichlich grotesk ausnimmt, bewacht die Kuba ihren prall gefüllten Geldschrank. Im Gegensatz zu ihrem Pressechef Uetrecht ist es ihr beispielsweise auch gleichgültig, "wat sich die Presse da zusammenschreibt". Ihr Grundsatz lautet: Lieber zehn Verrisse, als eine Mark weniger in der Kasse ("Kritik jibt's nur an der Kasse").
Mit dem Mißtrauen der ehemaligen Chefsekretärin - "Wenn ick nich hinter allem her bin, klappt's ja doch nich" - kümmert sie sich in ihrem Reich um alles, so daß sich "Herrchen" Hans einmal zu der spitzen Bemerkung durchrang: "Sag mal, was kosten denn bei dir die Büroklammern?" Noch kurz vor der Monstre-Eröffnung ihres Gloria-Palastes in München, als schon die ersten Gäste kamen, raste sie plötzlich in kleinere Örtlichkeiten. Auf die Frage von Ehemann Hans: "Was hast du denn jetzt schon wieder?" erläuterte die Kubaschewski: "Ich will nur mal nachsehen, ob die auch Toilettenpapier hingehängt haben."
Ihre geschäftliche Wachsamkeit ließ auch am nächsten Morgen nicht nach. Kinobesucher wunderten sich über die Blondine, die in Hausmacher-Strickjacke neben der Eingangstür stand und argwöhnisch zur Kinokasse blickte. Es war die Kubaschewski, die allen Versicherungen von Kinopächter Bruder Erich zum Trotz selbst nachsehen wollte, ob das Geschäft floriert.
Aus "grundsätzlichen Erwägungen" hat sie bisher noch keinem Mann Prokura erteilt, und aus ihrer Kasse fällt keine Mark heraus, bevor sie nach einem hartnäckigen "Is det nötig?" ihre -Zustimmung gegeben hat.
Ihren Hang zur Sparsamkeit vermag die Kubaschewski nur bei wenigen Gelegenheiten - bei einer Kino-Einweihung oder einerGala-Premiere etwa-zu überwinden, wenn sie überzeugt ist, daß eine maßvolle Verschwendung sich amortisiert. Ein solcher Anlaß ist in jedem Jahr zur Faschingszeit der Gloria-Ball, den sie für ihre geschickteste Werbung hält. Die 60 000 Mark Unkosten - "det jibt mir zweeundzwanzig Illustrierten-Seiten".
Einladungen und Sitzordnungen werden Wochen hindurch in langen Besprechungen mit ihren Vertrauten ausgebrütet, wie Ilse Kubaschewski überhaupt das Verhandeln, das Feilschen um Filmrechte und Verträge mit ehrlicher Freude am Arrangieren und Taktieren, am Verdienen und Besitzen genießt. Bruder Erich: "Die Ilse, die kann eenfach nich anders, als immer bei allein dabei zu sein. Da sitzen se stundenlang bei ihr un' verhandeln. Een Mann, der würde sagen: 'Kommen Se um elf, dann red'n wir 'ne Stunde, und dann sind wir fertig.' Aber die Ilse, die kann det nich. Die sitzt dann stundenlang, und dann sind se immer noch nich fertig, und dann jeht det am ander'n Tag wieder los." Von diesem Pensum gönnt sie sich nur selten Erholung: durch einen Ski -Trip in Bayerns Bergen oder durch einen Ausflug in die Münchner Bar "Bei Heinz", der dann nicht selten mit dem Absingen ihrer Lieblingsweisen ("Erika" oder "O du schöner- Westerwald") endet.
Allerdings, in einigen Fällen hat sich die Kuba auch zu schnellem Handeln entschließen können, zum Beispiel als ihr die Filmrechte des Kasernenhof-Romans "08/15," angeboten wurden. Anfangs war sie skeptisch: "Det is doch nur wat für Männer", fürchtete sie im Hinblick auf ihr Hausfrauen-Stammpublikum. Aber als ihr die imposante Auflagen-Steigerung vorgehalten wurde, die sich die Kölner "Neue Illustrierte" durch den Abdruck des Kirst-Reißers verschafft hatte, griff sie zu. Die Verhandlung dauerte nicht länger als eine halbe Stunde.
Immerhin ließ sich die Kubaschewski durch die Erfolgssträhne der drei "08!15"-Fortsetzungen - die der Gloria 12 bis 15 Millionen Mark eingebracht haben - in das von ihrer Firma nur mangelhaft erkundete Gebiet des sogenannten aktuellen Films locken. Erneut versuchte sie im vergangenen Jahr dem Erfolg einer aktuellen Illustrierten-Serie nachzujagen: Der Anti-Krankenkassen-Film "Weil du arm bist, mußt du früher sterben" -wurde von der Gloria als "mutigster und aktuellster Film des Jahres" gestartet. Der Verleih
suggerierte den Kinobesitzern: "25 Millionen sind versichert! 25 Millionen warten auf diesen Film!" Aber die Spekulation mißlang. Trotz einer lauten Pressekampagne blieben die Kinos leer.
In der Spielzeit 1956/57 hat sich die Kuba deswegen wieder auf das ihr vertraute Territorium zurückgezogen. In ihrem neuen Programm ist kein zeitnaher Film verzeichnet. Es enthält die beiden Heimatfilme "Wo die alten Wälder rauschen" und "Im Wald und auf der Heide", den die Gloria den Kinobesitzern mit folgenden Worten ankündigte: "Rudolf Prack als Förster! Welches Mädchenherz zwischen siebzehn und siebzig schlüge nicht höher bei dem Gedanken, seinen Liebling in einer schmucken Uniform durch Wald und Heide schreiten zu sehen ... ?"
Das Programm enthält auch zwei Lustspiele nach den anspruchslosen Siegel-Rezepten: "Kirschen in Nachbars Garten" und "Meine Tante, deine Tante", wobei der Tanten-Titel an den Erfolg des vom Constantin-Verleih in der vergangenen Saison gestarteten Rühmann-Schwanks "Charleys Tante" anknüpfen soll. Mit sieben weiteren Filmen ihres Programms visieren die Gloria-Leute ebenfalls ältere Erfolge an:
- Der Franz-Antel-Film "Kaiserball"(mit Rudolf Prack und Sonja Ziemann) ist eine Titel-Fortsetzung der erfolgreichen Gloria-Vorläufer "Kaiserwalzer" und "Kaisermanöver".
- "Sieben Jahre Pech" (mit Adrian Hoven,
Theo Lingen und Hans Moser) ist das Remake des gleichnamigen, erfolgreichen. Siegel-Films. Die Kuba weiß noch heute: "Damit hat der Siegel einmal vier Millionen gemacht."
- Der Caterina-Valente-Film "Du bist Musik", die beiden Vico-Torriani-Filme "Santa Lucia" und "In dich ist alle Welt verliebt" sowie der Peter-Alexander-Film "Ein Mann muß nicht immer schön sein" entstanden im Sog des Erfolges der "Schlagerparaden".
Der-Film "Das alte Försterhaus" hat von allen angekündigten Gloria-Produkten die seltsamsten Verwandlungen durchgemacht: Die Kubaschewski hatte mit der Wega -Produktion einen Vertrag über einen Film mit diesem Titel geschlossen, nachdem ihr versichert worden war, daß die Schallplatte mit einer Million verkauften Exemplaren an der Spitze der deutschen Platten-Bestseller rangiert. Wie es der Plattentext verhieß, wurde der Film als Heimatfilm in das Verleihprogramm aufgenommen: "In tiefer Einsamkeit liegt das alte Försterhaus", erläuterte die Gloria den Kinobesitzern, "umgeben von herrlichen Wäldern und beschützt von hohen Bergen. Das gleichnamige Lied, von dem bereits jetzt schon über eine Million Schallplatten verkauft wurden, singt von der Liebe des Menschen zur unendlichen Natur..."
Aber dann ergab sich zu Beginn der Saison, daß angesichts der Heimatfilm-Erfolge der vergangenen Spielzeit bereits zu viele Produzenten ebenfalls an Heimatfilm-Projekten arbeiteten. Insgesamt waren über 40 Heimatfilmtitel angekündigt worden. Rasch wurde daher der Stoff mit der schnulzigen Plattenzeile in einen modernen Theo-Lingen-Schwank umgeformt. Als aber die Planungen der Konkurrenten nun auch ein überstarkes Angebot an Lustspielen erkennen ließen, entschloß sich die Kubaschewski zu einer dritten Fassung: Die Gloria-Dichter machten aus der getragenen Weise einen heiteren Musikfilm, den der Verleih mit einer neuen Schlagzeile anpries: "Rock'n'Roll und Romantik, leuchtende Farben und finstre Gestalten, zärtliche Liebe und quälende Eifersucht, schmelzende Melodien und rasende Rhythmen ... im alten Försterhaus sind sie vereint."
Des weiteren offeriert die Gloria in ihrem neuen Programm zwei Ruth-Leuwerik-Filme für ihr Hausfrauen-Stammpublikum ("Die Trapp-Familie - Vorn Kloster zum Welterfolg", "Königin Luise - Leid und Liebe einer Königin"), drei französische Filme, ein italienisches Lustspiel und vier Republic-Reißer.
Nach den ersten Premieren begann auch in diesem Winter der taktische Kleinkampf zwischen Verleih und Kinobesitzern. Die Kinobesitzer sind darauf aus, diejenigen Filme möglichst schnell in ihre Theater zu bekommen, die sich nach den Premieren als Kassenschlager erwiesen haben. Gleichzeitig versuchen sie mit allerlei Ausfluchten, die Spieltermine derjenigen Filme möglichst bis zum St.-Nimmerleins-Tag hinauszuschieben, die schon im Uraufführungskino keinen Erfolg hatten. Der Widerstand der Theater-Inhaber kann mithin bewirken, daß ein mittelmäßiger Film vollends zum Versager wird.
Aber Ilse Kubaschewski versteht es immer wieder, in diesem Geschäft auf Biertischebene die richtige Verhandlungssprache mit den Kinobesitzern zu sprechen und auch für ihre schwachen Filme Acht -Tage-Termine über das besucherstarke Wochenende hinweg durchzusetzen. So bekamen zum Beispiel widerstrebende Kinobesitzer von ihr den begehrten, kassensicheren "08/15"-Film erst, nachdem sie andere schwächere Filme der Gloria-Staffel gespielt hatten, und die zugkräftigen Filme ("Lokomotiven") des neuen Verleihprogramms sollen beispielsweise auch den gescheiterten Krankenkassenfilm doch noch durch die Termine schleppen.
Mit der gleichen Hartnäckigkeit hat die Kuba auch bei den Produzenten einen Verleihspesensatz von 30 Prozent durchgedrückt. Das heißt: Von den Kino-Einnahmen, die an den Gloria -Verleih abgeführt werden, behält die Kubaschewski erst einmal dreißig Prozent als Ersatz für die Verleihspesen, ehe sie eine Mark an den Produzenten weiterleitet. Da aber die echten Verleihspesen bei
jedem normal arbeitenden deutschen Großverleih zwischen dreizehn und siebzehn Prozent betragen, hat sie sich mithin eine beständige Gewinnchance gesichert: Selbst wenn die Einspielergebnisse nicht einmal die Herstellungskosten decken, hat der Verleih verdient.
Dieses Verfahren, das auch von den anderen deutschen Verleihfirmen praktiziert wird, hat es den Verleihern ermöglicht, die kleinen Produktionsgesellschaften zu ihren Satelliten zu machen. Heute gibt es in Deutschland nur noch wenige Produzenten, die nicht von einem Verleih finanziert werden (der Gewinne und Verluste innerhalb seiner großen Filmstaffel besser ausgleichen kann als ein Produzent, der nur zwei oder drei-Filme jährlich dreht).
So kamen denn auch hauptsächlich die kapitalkräftigen Verleiher als Käufer für das ehemalige reichseigene Filmvermögen in Betracht, das die Bundesregierung vor zwei Jahren zum Verkauf anbot.
Damals hatte der Gloria-Syndikus Otto Joseph der Kubaschewski geraten, sich rechtzeitig einen Anteil zu sichern. Aber die Kuba schwamm zu jener Zeit auf der Höhe ihrer Heidefilm-Erfolge und war für derart vorausschauende Pläne nicht zu haben: "Ufa - det war früher mal wat. Wer kennt det denn heute noch?", zweifelte sie. "Det sind doch nur die Leute aus der Branche, die meinen immer noch, nur Ufa wäre wat."
Erst nachdem ihr größter Konkurrent Herbert Tischendorf, der Berolina-Chef Ulrich und der Kino-Konzern-Besitzer Karl Schulte sich mit Hilfe der Nachfolge-Institute der Deutschen Bank anschickten, die neuen Herren der Ufa zu werden, holte sie eilends die alten Pläne aus dem Schrank.
Doch das eilig zusammengestoppelte Gloria-Angebot wurde abgelehnt. Die Gruppe Tischendorf obsiegte. Den Grund dafür enthüllte ein maßgebender Berliner Senatsvertreter mit der lakonischen Bemerkung, die Gloria habe nicht erkennen lassen, nach welchen Gesichtspunkten die neue Ufa aufgebaut und wie an die alte Tradition angeknüpft werden solle.
Der gewitzten Kuba war es auch lediglich darum gegangen, in die sogenannte Ufa-Theaterkette einzubrechen. Damit hätte sie die Garantie gehabt, daß ihre Filme stets in den prominenten 48 Kinos der Ufa-Kette gezeigt worden wären.
Nachdem dieser Plan gescheitert ist, hat sie jetzt den neuen Ufa-Herren trotzig Fehde angesagt. Durch ihren Generalbevollmächtigten Dr. Hans Georg Eicke ließ sie verkünden, die Gloria werde notfalls mit anderen freien Filmfirmen einen Gegenkonzern formieren.
Auch in dieser Saison ist es ihr zwar wieder gelungen, mit dem aus dem Born deutscher Gemütstiefe geschöpften Film "Die Trapp-Familie" im Rennen um den Kassenerfolg einen der ganz wenigen Spitzenplätze zu belegen, aber dennoch scheint es, als habe die Krisenstimmung auch in der "großen Kuba" die Sorge um die Zukunft wachgerüttelt. Offensichtlich befürchtet sie wie die meisten Nachkriegs-Nabobs, daß die schnell erworbenen Kino-Millionen in der Ära des Fernsehens ebenso rasch wieder zerrinnen könnten.
Sie hat deshalb redlich für ihre Altersruhe vorgesorgt. Die "Heide"- und "08/15" - Gelder sind in Häuserbauten sicher angelegt. In München-Laim stehen bereits die drei ersten Hochhäuser der "Kuba -Town", und im Frühjahr will die Kubaschewski am Münchner Waldfriedhof weitere große Häuserblocks errichten. Selbst der neue Gloria-Verwaltungspalast am Münchner Stachus ist so angelegt, "det man det immer spielend vermieten kann".
* "Angst", Novelle von Stefan Zweig, "Herr über Leben Lind Tod", Roman von Carl Zuckmayer.
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DER SPIEGEL 4/1957
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