23.01.1957

BONNLeiche im Auto

Eines Tages besetzte ... eine Division bürograuer Zivilisten, die behaupteten, sie seien eine Regierung, die stille Stadt, die verdutzt aufsah. Diese zehntausend Zivilisten siedelten etwas oberhalb der Stadt in der Nähe der Gronau, errichteten hier ihr flüchtiges Lager: nur provisorisch, nur vorläufig, trösteten sie, benutzten dazu eine Masse mächtiger Betonbauten, und wenige Jahre später war Bonn die breit etablierte Regierungshauptstadt eines deutschen Staates namens Bundesrepublik, gefüllt mit Ministerien, Botschaften, Handelszentralen, Büros, Büros, Büros ..."
Mit diesen Worten schildert der Schriftsteller Günther Weisenborn in seinem Roman "Auf Sand gebaut"* die Entstehung der westdeutschen Bundeshauptstadt. Weisenborn ist einer der drei Autoren, die in diesen Wochen romanhafte Enthüllungsgeschichten über die Hintergründe der bundesdeutschen Gegenwart veröffentlicht haben. Außer ihm behandelte dieses Thema Frank Richard, dessen Roman "In Bonn sind alle Westen weiß" gegenwärtig fortsetzungsweise in einer illustrierten Zeitschrift erscheint. Endlich veröffentlichte der schriftstellernde Studienrat Hans Venatier unter dem beziehungsvollen Titel "Der Boss und seine Narren"** eine verschlüsselte Gegenwartsgeschichte, deren Untertitel den Lesern "mal was anderes" verspricht.
Die Hausse der im Illustrierten-Stil gefaß-Bonn-Romane erweist, daß - drei Jahre nach Wolfgang Koeppens hintergründiger Bonn-Analyse "Das Treibhaus" - die provisorische Bundeshauptstadt zu einem bevorzugten Thema der Gebrauchsliteraten geworden ist.
Von links und rechts
Während in Frank Richards Roman, dessen Ende noch nicht abzusehen ist, pikante Privat-Affären aus der Diplomatie in verschlüsselter Form mit abenteuerlichen und unglaubwürdigen Kriminalgeschichten vermischt werden, nähern sich die Autoren Weisenborn und Venatier ihrem Thema auf eine andere Weise, freilich aus durchaus entgegengesetzten Richtungen: Weisenborn - politisch - von links, Venatier von rechts.
Der 53jährige Lehrer Venatier, der hauptberuflich Gymnasiasten im rheinischen Städtchen Betzdorf heranbildet, hat in seiner Autorenlaufbahn bereits einige Stationen besonderer Art passiert. Für seinen Roman "Vogt Bartold" - Thema ist die deutsche Besiedelung Schlesiens - erhielt der damalige Parteigenosse Venatier 1940 den "Volkspreis für Dichtung". Sein Nachkriegsroman "Der Major und die Stiere" erreichte mittlerweile die 10. Auflage; er schildert im derben Volkston, wie sich bayrische Dörfler mit den amerikanischen Besatzungssoldaten "zusammenraufen", wobei ein ehemaliger Parteigenosse doch immer noch ein bißchen gewitzter ist als der "Ami", mit dem er es zu tun hat. Einen "Film nach unserem Herzen" nannte die "Deutsche Soldaten-Zeitung" den Film, der nach diesem Buch hergestellt wurde.
Auch Venatiers neuestes Werk erhebt bemerkenswerte Ansprüche. Der Text auf dem Umschlag, in den sein Buch gehüllt ist, schraubt die Erwartungen des Lesers recht hoch. "In seinem neuesten Werk
heißt es da, "packt er (Venatier) nun die Probleme unseres Heute, unserer unmittelbaren Gegenwart, gerade dort an, wo sie uns auf den Nägeln brennen ..."
Bei diesem schwierigen Geschäft ist er, dem Klappentext zufolge, jedoch nicht zu Schaden gekommen. Dem Leser wird beruhigend zugesichert: "Doch keine Sorge: Venatier verliert sich auch hier nicht ins rein Intellektuelle. Unter der Jacke des Verstandes schlägt spürbar das Herz! Neben dem Kritiker sitzt wiederum der Schalk, der das herzhafte, das befreiende Lachen schenkt!"
Ob nun der neben den Kritiker placierte Schalk - dessen humoristische Qualitäten der Verlag generös in eine Reihe mit Wilhelm Busch, Eulenspiegel und Ludwig Thoma stellt - "das befreiende Lachen" wirklich schenken wird, hängt vornehmlich von der Fähigkeit des Lesers ab, angesichts der Umtaufe der Bundesrepublik in "Narrotanien" in ein "herzhaftes" Gelächter auszubrechen.
Venatiers Werk beschränkt sich nämlich im wesentlichen darauf, bekannte Länder, Staatsmänner und Minister dem Leser unter anderen Namen vorzustellen - wobei dann die Hauptstadt der Bundesrepublik als "Hauptnarro", der westdeutsche Regierungschef als "Boss" und dessen westeuropäische Kollegen als
"Pemf" (Pierre Mendès-France) und "Paradise" (Eden) erscheinen, der Bundesfinanzminister schalkhaft als "der Welt bester Rent- und Melkmeister Dominikus Schnüffel" und der sowjetische Regierungschef als "Genosse Swinowitsch" apostrophiert werden.
Diese zwerchfellerschütternden Umbenennungen ergeben das Personal für eine kaum lebhafte Handlung, deren politischer Gehalt sich in einer Debatte zeigt, durch die Venatiers Übertragungstechnik vollends deutlich wird. Es geht bei dieser Begebenheit um die "narrotanische" Nationalhymne, in der die Worte "Frauen und Treue" vorkommen. Dieser Passus aber - im original "deutsche Frauen, deutsche Treue" - provoziert sofort den Protest der "ozeanischen" (amerikanischen) Besatzungsmacht.
Der Vertreter Ozeaniens setzt sich gegen diese Passage - laut Venatier - zur Wehr: ... wie solle man Negersoldaten für die Besatzungsmacht engagieren, wenn bei ihnen bekannt würde, daß die deutschen Frauen, nach denen ihnen die Zunge zum Halse heraushänge und Wegen derer sie einzig und allein die Überfahrt wagten, nachdem ihnen die weißen Frauen der Ozeanier verboten seien, wie solle man die Negersoldaten über den Ozean kriegen, wenn die deutschen Frauen ihren Männern treu blieben."
"Kalt wie ein Zuchthausschlüssel"
Anders als bei dem von nationalen Emotionen beflügelten Venatier spielt die deutsche Treue bei dem mehr sozialistisch gesonnenen Weisenborn eine tragende Rolle. Dem Autor Weisenborn geht es um die Treue zur Wahrheit, die er in seinem
- ebenfalls vorsichtig verschlüsselten -
Bonn-Roman durch manche Praktiken des parlamentarischen Betriebes gefährdet sieht. Ihm scheint, daß in Bonn das Volk nicht nur von seinen gewählten Vertretern, sondern in unzulässiger Weise auch durch die von der Industrie bezahlten sogenannten "Lobbyisten" regiert werde.
Um diesen beklagenswerten Sachverhalt seinen Lesern vor Augen zu führen, hat Weisenborn einen exemplarischen Fall konstruiert. Weisenborn, Verfasser einer beträchtlichen Zahl von Theaterstücken ("Die Illegalen") - er sagt von sich, auf sein nicht abgeschlossenes Hochschulstudium anspielend: "Ich bin sozusagen ein halber Doktor" -, erzählt in seinem Bonn-Buch die Geschichte des jungen Mühlen-Angestellten Klaus Butzbach, der eines Tages entdeckt, daß seine Firma das Mehl mit gesundheitsschädlichen Chemikalien behandelt. Der idealistische junge Mann versucht, diesem Übel abzuhelfen, stößt jedoch bei seinem Chef auf profitbedingtes Unverständnis und wird entlassen. Er beschließt daraufhin, die Öffentlichkeit mobil zu machen, und findet Hilfe bei den Ernährungswissenschaftlern: "Wir Wissenschaftler sind alle keine mitreißenden Naturen", wird ihm bedeutet. "Was wir brauchen, ist ein Trommler."
So gründet Butzbach mit Unterstützung der Wissenschaftler eine Korrespondenz, um den Kampf für ein besseres Lebensmittelgesetz aufzunehmen. Er vermag jedoch die Abgeordneten, "eine Galerie überangestrengter Gesichter von höchst nüchternem Kleinhändlertyp", nicht aus ihrem müden Konformismus aufzurütteln. Nur der christlich-konservative Abgeordnete Rauh - "Star des Bundestages, ein Herr unter Schwätzern" - ist bereit, die Sache des jungen Butzbach zu unterstützen.
Bald jedoch wird die Mühlenindustrie auf den lästigen Trommler aufmerksam. Die Verbandsmanager, die Lobbyisten, werden angesetzt, den Butzbach zu Fall zu bringen. Diese Gilde beschreibt Weisenborn so: "Lobbyisten sind meist harte Geschäftsleute mit eisigen Dividiergesichtern, mit raubgierigen Pupillen, geierhaftem Provisionsdenken und kalt wie ein Zuchthausschlüssel, Profitanwälte der Wirtschaft, Gesetzesbändiger, Pioniere der Firmeninteressen, die beschwören, kämpfen und intrigieren. Sie versuchen, in einem komplizierten Bestechungsspiel ihre Minen zu legen, einige Gesetzesentwürfe auszulöschen oder sie durch Zusatzanträge zu sterilisieren, andere jedoch durch alle Lesungen zu peitschen."
Was Wunder, daß die Lobbyisten sogleich daran gehen, mit der ihnen eigenen Kälte von Zuchthausschlüsseln den wahrheitssuchenden Butzbach gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch zu erledigen. Der mächtige Lobbyist Sterzenbach nimmt sich des Falles Butzbach an und hat für seine finsteren Geschäfte schnell den in Bonn mit tödlicher Sicherheit wirkenden Einfall: Er bringt Butzbach in den Verdacht des Prokommunismus.
Sofort schreitet denn auch die "Bundesliga für Gerechtigkeit und Menschlichkeit" ein. Butzbach wird politisch überwacht, die Abonnenten seiner Wirtschaftskorrespondenz erfahren von seiner vorgeblichen Unzuverlässigkeit und ziehen sich zurück. Doch auch jetzt lassen die Lobbyisten nicht von ihrem Opfer ab. Autor Weisenborn zaubert eine Leiche aus seiner Romankiste, die dem jungen Butzbach ins Auto gesetzt wird. Unter Mordverdacht wird er verhaftet.
Außer auf dem Hauptschauplatz der Affäre Butzbach verfolgt Weisenborn die finsteren Praktiken der Lobbyisten, die er in Bonn entdeckt zu haben meint, auch noch auf einigen anderen Spuren.
Neben dem Ober-Lobbyisten Sterzenbach mit den "schmalen Scharfschützenaugen" gibt es zum Beispiel noch den Westberliner Kinobesitzer Wittekind, der sich gleichfalls als Lobbyist in Bonn versucht.
Dieser Wittekind begegnet einer Sekretärin aus dem Beschaffungsamt des Bundesverteidigungsministeriums, der "schönen und sanft alternden Gazelle" Lolo von Wied. Mit einem Nerz und tausend Mark - für die Operation der erkrankten "Mammi" - erkämpft er sich bei der Gazelle die geheimgehaltenen Ausschreibungs-Vorschriften des Beschaffungsamtes.
Wie fahrlässig Weisenborn trotz seines mehrwöchigen Aufenthaltes in der provisorischen Bundeshauptstadt dabei mit der Wirklichkeit umgeht, hat ihm an diesem Beispiel der Bonner Korrespondent einiger Schweizer Zeitungen, Gody Suter, im "Monat" aufgerechnet: "Diese Geschichte ist typisch für Weisenborns Bonn-Kenntnisse", schrieb Suter. Als Beweis zählte er auf:
- "Das Beschaffungsamt befindet sich in
Koblenz und hat nicht einmal eine Außenstelle in Bonn.
- "Es ist gerade ein Witz bei den Ausschreibungen, daß in ihnen kein Preis enthalten ist, denn man will ja unter den Angeboten das preisgünstigste auswählen können.
- "Es nützt keinem Fabrikanten etwas,
wenn er vorzeitig von der Ausschreibung erfährt.
- "Die Angebote werden numeriert, und
vor dem Angebotsschlußtermin wird keines überhaupt nur angesehen; das einzige, was einem Fabrikanten wirklich nützen könnte, wäre ein Wissen um die Angebote der Konkurrenz einige Tage vor dem Schlußtermin.
- "Es besteht ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen dem Verteidigungsminristerium und dem Westberliner Senator für Wirtschaft - und das weiß die Berliner Industrie -, wonach keine direkten Bundeswehr-Aufträge nach Berlin vergeben, werden sollen."
Trotz aller Lust am Kritisieren hat es sich Autor Weisenborn - der nach einigen Premieren von ihm verfaßter Stücke den Publikumsgeschmack am eigenen Leibe recht schmerzlich hat erfahren müssen - nicht nehmen lassen, seinen Bonn-Roman zu einem optimistischen Happy-End zu runden.
Auch die Leiche in seinem Auto kann nämlich den "Partisan der Wahrheit" Butzbach nicht daran hindern, das Mehl schließlich doch noch von Chemikalien zu befreien. Unterstützt von seiner gleichermaßen idealistischen Braut, einer jungen Ärztin, hat Butzbach zu guter Letzt einen schönen Erfolg: Das Lebensmittelgesetz, zu dessen Unterstützung er ausgezogen war, hat alle Aussicht, das Parlament zu passieren.
Kommentiert Kritiker Joachim Besser in der Zeitung "Die Welt": "Der Sieg ist nicht mehr aufzuhalten. Obwohl Bonn auf Sand gebaut ist, können wir ruhig einschlafen."
Autor Weisenborn hat allerdings die Absicht, seine Leser durch ein beruhigendes Ende einzuschläfern, ausdrücklich dementiert. Er habe vielmehr, sagte er, einen "demokratischen Roman" schreiben wollen, gleichsam einen "literarischen Faustschlag auf den Tisch".
* Günther Weisenborn: "Auf Sand gebaut"; Verlag Kurt Desch, München; 406 Seiten; 13,80 Mark
** Hans Venatier: "Der Boss und seine Narren"; Dr. L. Muth Verlag, Düsseldorf; 376 Seiten; 11,80 Mark.
Schriftsteller Weisenborn
"Literarischer Faustschlag auf den Tisch"
Studienrat Venatier
"Neben dem Kritiker sitzt der Schalk"

DER SPIEGEL 4/1957
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