15.02.1947

Spandauer Totentanz

Alle Fenster waren vergittert

"Das ist die furchtbarste Brandkatastrophe seit Menschengedenken in Berlin", erklärte Oberbranddirektor Feierabend vor den Ruinen des Ausflugslokals "Karlslust" in Spandau-Hakenfelde. Fassungslos starren neben ihm viele Menschen auf das chaotische Bild: 88 verkohlte Leichen, verbrannte Balken, verschmorte Kleidung, ein Schuh mit einem verkohlten Frauenfuß, alles überzogen von einer Eisschicht gefrorenen Löschwassers. Sarg auf Sarg füllt sich, in den Krankenhäusern stöhnen 40 Menschen unter ihren Brandwunden. 108 werden vermißt.

"Karlslust" war das größte Lokal in Spandau. Nahezu tausend Menschen, darunter 50 Engländer, vergnügten sich am 8. Februar beim Kostümfest des Sportklubs Spandau-Neustadt. Draußen ist es grimmig kalt. Um es seinen zum Teil mit sehr luftigen Kostümen bekleideten Gästen angenehm zu machen, läßt der Wirt die eisernen Oefen tüchtig heizen. Daß ein Balken der hölzernen Dachkonstruktion in den Kamin ragt, stellt die Polizei erst später fest.

Die Stimmung ist kurz vor Mitternacht auf dem Höhepunkt, als Kunstradfahrer ihre Kapriolen vorführen. Plötzlich erlischt die Beleuchtung. Ein flackernder Lichtstreifen geistert an der Decke. Viele glauben, das gehöre zum Programm, da knistert es im Gebälk. Eine Frauenstimme schreit: "Feuer!" Eine Panik bricht aus. Sturm zum Ausgang. Sturm auf die Garderobe.

Doch die Tür ist nur 130 cm breit, die einzige Tür. Menschen stauen sich, stolpern, werden zertrampelt. Alle Fenster sind vergittert (das Lokal diente im Kriege als Gefangenenlager), alle Türen zugemauert und verschlossen, bis auf die eine. Drei Minuten nach dem ersten "Feuer!"-Ruf brennt der ganze Dachstuhl lichterloh. Prasselnd stürzen brennende Holzstücke auf die wildschreiende Menge.

Viele, die schon draußen waren, drängten wieder hinein, um ihre Garderobe zu holen. Sie treffen auf die Hinausdrängenden. In diesem Augenblick kommt die Decke feurig herunter. Die Leichen liegen in dreifacher Schicht.

Ein Musiker will seinen Kontrabaß retten und versperrt damit die Tür, bis ein britischer Soldat das Instrument in die Flammen zurückschleudert.

Auch der Schlagzeuger der Kapelle blockiert mit seinem Instrument wertvolle Sekunden lang den Ausgang.

Nach 15 Minuten kommt erst die britische, dann die deutsche Feuerwehr mit sechs Löschzügen, viel zu spät alarmiert. Die Ambulanzen fahren schon die Verletzten ab, als sie eintrifft. Unter dem Schnee ist der einzige Hydrant erst freizulegen. Das Wasser friert fast in den Schläuchen. Britische Soldaten versuchen Frauen und Mädchen zu retten, 6 kommen dabei um.

Einige Leute flüchten sich in den Keller, finden jedoch dort keinen Ausgang. Endlich werden ihre gellenden Hilfeschreie gehört.

Später sagten Engländer, es sei ihnen unverständlich, daß die Deutschen zur Garderobe eilten, anstatt zu versuchen, sich ins Freie zu retten. Dazu meint der "Abend": "Die furchtbare Armut der Berliner ist wohl nie deutlicher geworden als in der Schreckensnacht von Hakenfelde, wo die von Panik besessenen Mädchen und Männer doch noch mehr Angst um ihre Garderobe als um ihr Leben hatten."

Viele Tote ließen sich nicht mehr identifizieren


DER SPIEGEL 7/1947
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