15.02.1947

Die ersten Opfer

Wir waren die ersten Opfer Adolf Hitlers", erklärte Oesterreichs Außenminister Karl Gruber auf der Londoner Konferenz der Stellvertreter der Außenminister. Es ging um die Frage, in welcher Form Oesterreichs Verantwortung bei der Teilnahme am Kriege an der Seite Deutschlands in der Präambel des Staatsvertrages festgehalten werden soll.
Die Meinungen standen sich schroff gegenüber. In den britischen, amerikanischen und französischen Entwürfen wurde das österreichische Volk als "Teil Hitler-Deutschlands" bezeichnet. "Oesterreich nahm an der Seite des von Hitler beherschten Deutschlands am Kriege teil, stand in dem russischen Entwurf zu lesen. Entsprechend wollten die Westmächte in der Präambel den Satz aufgenommen wissen: "Oesterreich kann gewissen Konsequenzen dieser Kriegsteilnahme nicht aus dem Weg gehen." Der russische Satz hingegen sollte lauten: "Oesterreich trägt die Verantwortung für diese Teilnahme."
Wie man sieht, geht es um mehr als um Unterschiede in der Formulierung. Also legte Dr. Gruber der Konferenz ein umfangreiches Memorandum vor, das sich auf ein in Wien veröffentlichtes "Rot - Weiß-Rot-Buch" stützt und Oesterreichs kriegerische und nazistische Unschuld belegen soll.
Danach wurden die Oesterreicher von den Deutschen zum Wehr- und Arbeitsdienst gezwungen. Danach gab es keine eigentlichen österreichischen Divisionen, Regimenter, Bataillone. Danach wurden 6000 Oesterreicher aus politischen Gründen abgeurteilt, danach sind 36 000 Oesterreicher politische Gefangene Deutschlands gewesen und haben mindestens 10 000 auf der Seite der Alliierten gekämpft.
Der österreichischen Untergrundbewegung wird angerechnet, daß sie, ohne durch eine Exilregierung gestützt zu sein, durch die Taktik der Produktionsverlangsamung die deutsche Kriegswirtschaft gehemmt habe.
Leider wird diese Wiener Weißwaschung von keinem freundlichen Echo in Moskau begleitet. Der Moskauer Rundfunk beruft sich auf eine Statistik des Oesterreichischen Kulturinstituts, wonach Oesterreich 1 500 000 Soldaten und Offiziere lieferte und in Oesterreich von 1938 bis 1945 35 Divisionen gebildet wurden, die zu 60 bis 80 Prozent aus Oesterreichern bestanden. Nicht weniger als 70 Oesterreicher seien Generale Hitlers gewesen. Schließlich habe die österreichische Freiheitsbewegung bei der Befreiung des Landes überhaupt keine bemerkbare Rolle gespielt. Nicht weniger deutlich spricht sich der Korrespondent des Blattes der Roten Armee, "Krasnaja Swesda", in einem Bericht aus Wien aus: "Die sowjetischen Soldaten haben noch gut in Erinnerung, daß die Oesterreicher sich an der Front in der Regel in nichts von den Deutschen unterschieden. Die österreichische Volkswirtschaft stand völlig im Dienst der Hitlerschen Kriegsmaschine. Heute, in den Tagen der Vorbereitung des Friedensvertrages mit Oesterreich, erheben die Wiener Blätter einen besonders starken Lärm um die Frage der österreichischen Souveränität. Dabei wird jedoch vergessen, daß die Souveränität ein leeres Wort bleibt, wenn die Last der Vergangenheit nicht abgeworfen und das Land nicht wahrhaft demokratisiert wird."
Dafür feierte Bundespräsident Renner in einem Interview die Sowjetunion als Paten bei der Gründung der österreichischen Republik. Er bat Rußland, darauf hinzuwirken, daß nun auch am Jahrestag der Befreiung (27. April) der Staatsvertrag für Oesterreich abgeschlossen werden könnte.
Trotz solcher hoffnungsvollen Wünsche sieht Karl Renner nicht eben optimistisch in die Zukunft. Der 76jährige, der Oesterreich schon 1919 in St. Germain vertrat, hat soeben in seinen Lebenserinnerungen die Ueberzeugung ausgesprochen, daß "ein ähnlicher Wirtschaftskörper, wie ihn die alte Donaumonarchie darstellte, höchst erstrebenswert" sei.

DER SPIEGEL 7/1947
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