15.02.1947

Held im Ruhestand

Abd el Krim, der Anführer der Rifkabylen in erbitterten Kämpfen gegen Spanien und Frankreich hat seine Freilassung aus der Verbannung beantragt. Die französische Regierung beschloß, seinem Antrag stattzugeben. Sie erlaubte ihm, von der Insel Reunion, wo er mit seiner zahlreichen Familie seit 20 Jahren im Exil lebt, nach Südfrankreich überzusiedeln.
Schon während seiner Tätigkeit als Redakteur des arabischen Teils der Zeitung "Telegrama de Rif" hatte er begonnen, gegen die spanische Besetzung zu agitieren. Später, bei dem Ueberfall der Rifleute auf Melilla im Jahre 1921, stellte er sich an ihre Spitze. Es begann eine Periode wechselvoller Kämpfe der Eingeborenen gegen Spanier und Franzosen. Nach fünf Jahren, am 26. Mai 1926, endeten sie mit der Kapitulation vor den Franzosen.
Der erste Aufstand der Rifkabylen gegen die Spanier führte noch im gleichen Jahr zu einer katastrophalen Niederlage der Spanier. Bei Armual entkamen von 20 000 Spaniern nur 1500. Ihr General Silvestre beging mit seinem gesamten Stab Selbstmord, als er feststellte, daß er von allen Seiten durch Kabylen eingeschlossen war. Abd el Krim, der bewunderte und gefeierte Sieger, wurde 1922 zum Sultan des Rifs ausgerufen. Unter der Parole "Marokko den Marokkanern" ging der Krieg weiter. 1924 erlitten die Spanier eine zweite schwere Niederlage, die die Madrider Regierung dazu bewog, sich möglichst aus dem Rif zurückzuziehen.
Abd el Krim gelüstete nach weiterem Kriegsruhm. Er wandte sich nun gegen die Franzosen und wollte womöglich auch Algerien befreien. Während der Konflikte mit Spanien hatten die Franzosen den Anführer der Kabylen mit Geld und Waffen unterstützt. Dies hatten sie nun zu bereuen. Abd el Krim und seine Kabylen rückten vor, die Franzosen wichen zurück. Als die Lage gefährlich wurde, drohte man von Paris mit Giftgasen. Abd el Krim ließ sich nicht erschüttern. Er wußte, daß die Wirkung dieses neuzeitlichen Kriegsmittels vom Klima und Gelände abhängig ist.
Mit dem Wachsen der nationalistischen Bewegung in Marokko wuchs auch die Gefahr für Frankreich. Der große und mächtige Rifführer hatte durch seine unerhörten Erfolge in seinem Heimatland und beim ganzen Islam eine Welle der Begeisterung hervorgerufen. Es ist nicht verwunderlich, daß der abenteuerliche Held in Marokko, dem klassischen Land der Räuber, in dem Unruhen und Aufruhr in der Luft liegen, soviel Anklang fand.
Nach langwierigen Gefechten gelang es den Franzosen endlich im Oktober 1925 die tapferen Eingeborenen mit einem Aufgebot von mehr als 200 000 Mann und modernsten Kriegsmitteln zurückzudrängen und das Hauptquartier Ajdir zu besetzen.
Die letzte große Erschütterung des französischen Kolonialreiches durch einen gut vorbereiteten und organisierten Aufstand war damit beendet. Es gärt zwar immer noch in Marokko. Hier und da gibt es auch kleinere Aufstände, aber es fehlt die Führerpersönlichkeit, der große Organisator.
Abd el Krim ging 1926 in die Verbannung und schrieb dort sein Buch "Mein Krieg gegen Spanien und Frankreich". Sein erstes Gesuch im Jahre 1936, nach Frankreich übersiedeln zu dürfen, wurde abgelehnt. Jetzt hat die französische Regierung ihm auf seinen erneuten Antrag die Einreise nach Südfrankreich gestattet.
Das spanische Außenministerium protestierte in einem Kommunique gegen seine Freilassung. Es beruft sich darin auf die Vereinbarung zwischen Frankreich und Spanien, daß beide Länder sich über die Person Abd el Krims auf dem laufenden halten und sich wenn nötig über weitere Maßnahmen verständigen sollten. Man fürchtet noch immer den gefährlichen Einfluß des heute 62 Jahre alten Kabylenhelden.

DER SPIEGEL 7/1947
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