DER SPIEGEL



Ueber den Römerberg

Zwillingspaar im ungelobten Land

Seit Kriegsende hat der Frankfurter Römerberg zwei Kundgebungen erlebt. In dieser bizarren, historisch angehauchten Ruinenlandschaft sprach am Vorabend von Weihnachten der nunmehr scheidende amerikanische Oberkommandierende McNarney zu der Frankfurter Bevölkerung. Am Tag vor Beginn der Moskauer Konferenz waren Pieck und Grotewohl aus Berlin herübergekommen, um das Einheitsbanner nunmehr auch über den "reaktionär zersplitterten" Vereinigten Zonen zu entrollen.

Damals, bei McNarney, lag der Winter dunstig über der Stadt, man konnte nur ahnen, wie schwer er werden würde. Den 15 000 Menschen, die am 9. März fast den weiten Platz bis in alle seine Falten füllten, sah man an den Gesichtern an, was die letzten drei Monate bedeutet haben. Es waren nicht lauter Kommunisten, die da standen, viele hatte die Neugier getrieben, und sie starrten stumm und erwartungsvoll nach jenem kleinen Seitenportal hinter der Kulisse des Römer, aus dem kurz nach 4.30 Uhr der weiße Kopf des alten Pieck auftauchte.

Ein wenig abseits von der Gruppe der Funktionäre, die sich hinter den beiden Rednern aufbaute, aber doch in einer bewußten Betonung weit im Vordergrund dieser Bühne, stand Hans Venedey, der frühere sozialdemokratische Innenminister Hessens, der wegen seiner vereinigungsfreundlichen Haltung mit seiner Partei in Konflikt geriet und sein Amt aufgab. Er war aus Konstanz herübergekommen und hatte auch auf dem gleichzeitigen Kommunistischen Landesparteitag in Offenbach gesprochen.

Die Römerberg-Kundgebung selbst dauerte nur etwa eine Stunde, es ist nicht sehr viel Neues gesagt worden. Immerhin schmetterte Wilhelm Pieck, bärenhaft gesund und mit metallischer Stimme weit über den Platz, man könne den Vorwurf der SPD, sie sei in der Ostzone nicht zugelassen, überhaupt nicht verstehen, denn wie er, Pieck, von der sowjetischen Militärverwaltung wisse, habe die SPD bis zu dieser Stunde überhaupt keinen Antrag eingebracht, zugelassen zu werden.

Man strecke den sozialdemokratischen Arbeitern die Hand hin - und es liege an ihnen, sie zu ergreifen, auch gegen den Willen ihrer Führung.

Otto Grotewohl sprach dozierend klargeformte, ausgewogene Sätze. Die Schuld der augenblicklichen Generation in Deutschland stehe außer Frage. Sie habe, bewußt oder unbewußt, Hitlers Untaten mitgemacht. Die Jugend sei von dieser Schuld freizusprechen, denn sie sei selber mißbraucht worden. Das aber sei der Wunsch an Moskau: keine Belastung auf drei, vier Generationen hinaus. Deutschland müsse endlich eine zentrale Regierung haben und ein zentrales Planungsamt. Wie könne es anders heimkehren in die Gemeinschaft der friedliebenden Nationen?

Auf dem Deutschland-Einheits-Plakat im Hintergrund war das Reichsgebiet einschließlich der von Polen verwalteten Provinzen aufgezeichnet. Grotewohl sagte denn auch vor Pressevertretern, was vor ihm sein neuer Kampfgemeinschafts-Kollege Max Reimann schon schärfer formuliert hatte: daß die SED die derzeitige Grenze im Osten*) genau so wenig billigen könne wie die neugeplante Westgrenze. Auch das Saargebiet gehört nach dem Plakat zu Deutschland.

Am Abend gab es eine zwanglose Unterhaltung in einem Lokal der Innenstadt bei Bier und Brötchen Die SPD hatte es zwar formell abgelehnt, in irgendeiner Weise mit den Gästen zusammenzukommen, aber unter den Eingeladenen sah man doch eine ganze Reihe von Sozialdemokraten, und der sozialdemokratische Oberbürgermeister Walter Kolb, dem man Schlagseite nach links nachsagt, saß höflich und schwer zwischen Pieck und Grotewohl.

Es wurde mancher scharfe Pfeil abgeschossen, Fragen, die sich mit den Verhältnissen in der Ostzone befaßten aber sie prallten an der Unerschütterlichkeit von Wilhelm Pieck, der wie ein schwerer Fels verharrte, ab oder wurden von Otto Grotewohl schlagfertig zurückgeschleudert. Man spürte den geschickten Dialektiker.

Einmal, als er über die Ernährung Bericht geben sollte, tat er nachdenklich und sagte, sich selbst unterbrechend: "Wir treffen überhaupt auf merkwürdige Dinge: es gibt in der englischen Zone zum Beispiel zweieinhalbmal soviel Vieh wie bei uns, aber hat man schon einmal etwas davon gehört, daß es dort auch zweieinhalbmal soviel Fett gibt?" Die geflüsterte Gegenfrage, wo denn in der Ostzone das Vieh geblieben sei, hörte der Braunschweiger mit der glatten Stirn nicht.

Im übrigen: Viel Höflichkeit, hinter der geschwiegen wurde. Und manches Lächeln der Auguren.

*)Lord Beveridge hatte in England nach seinem Berliner Besuch bei den beiden Einheits-Zwillingen erklärt, kein deutscher Politiker könne damit rechnen, gewählt zu werden, wenn er die Oder-Neiße-Linie unterschreibe.

Schlesien und Pommern gehören auf dem Plakat mit zum SE-Deutschland


DER SPIEGEL 11/1947
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