Der mittelgroße, stämmige Stadtdirektor von Essen, Dr. Wolff, ist ein korrekter Beamter und Volkswirt. Aus seiner Zeit als Wirtschaftsjournalist hat er sich ein Auge für die zügige Aufmachung sensationeller Stoffe und die Vorliebe für das Aufspüren interessanter Details bewahrt.
Neuerdings hat sich Dr. Wolff dem Reparationsproblem zugewandt, und seiner Findigkeit ist es gelungen, einige unbekannte Werte dieser Gleichung aufzustellen, deren Lösung er allerdings auch nicht geben kann. "Höhere Mathematik", sagt er achselzuckend.
Zur Diskussion steht das Hüttenwerk Borbeck der Firma Krupp in Essen, sozusagen die Wiege der Geschütze. Das heißt zur Diskussion nur im Interview, denn in Wirklichkeit ist das Schicksal dieses großen Hüttenwerkes, das die gesamte Waffenschmiede aus seinen Hochofenbatterien und Walzwerken mit Gußstahl versorgte, bereits besiegelt. Es wird demontiert. Nach der Sowjetunion.
Vierzehn Wochen dauerte die Taxierung durch eine britisch-russische Kommission, der nur wenige deutsche Fachleute "beratend zur Seite stehen" durften. Die Russen wandten hier die gleiche Zermürbungstaktik an, wie auf den großen Konferenzen: es gelang ihnen, die Engländer weichzumachen, und auf dem deutschen Reparationskonto werden ganze 9,5 Millionen Reichsmark für alle über der Erde liegenden Teile der Hütte angerechnet. Die Firma Krupp hat dieses Hüttenwerk, das von 1916 bis 1943 immer auf dem neuesten Stand gehalten worden war, über 120 Millionen Reichsmark gekostet. "Im März 1946 wurde mit der Demontage begonnen", erzählt Dr. Wolff, "und bis heute hat sie bereits über 20 Millionen verschlungen." 20 Millionen Abbruchskosten für einen Sachwert von 9,5 Millionen, - und noch kein Ende abzusehen, denn die Demontagearbeiten werden sich bis Ende 1948 hinziehen.
Einige Kleinigkeiten vervollständigen das Bild. 60 Arbeiter sind allein damit beschäftigt, Einzelteile und Kisten mit genauen Aufschriften zu versehen, damit sich drüben im Vaterland aller Werktätigen auch wieder gleich zu gleich gesellen kann. 3000 qbm Bauholz wurden bisher zur Verpackung benötigt. Die Stadt Essen erhält für ihr Wohnungsnotprogramm monatlich ein Kontingent von 100 qbm zugeteilt. Hätte man das Werk aber hier in Essen, anstatt zu demontieren, arbeiten lassen, so hätte es allein wenigstens 1 1/2 Millionen Tonnen hochwertigen Stahls produzieren können. Sagen die deutschen Stellen.
So jedoch bezahlt man pro Tonne der 91 600 Tonnen wiegenden höchstwertigen Werkseinrichtungen, mit modernsten Walzstraßen, Ketten von Siemens-Martin-Oefen und großen Vorbearbeitungswerkstätten, rund 100 Mark, - das ist der doppelte Schrottwert. "Ich befürchte das Schlimmste", meint ein Fachmann mit skeptischem Lächeln auf die Frage, ob die Hütte in der Sowjetunion wieder aufgebaut werden könne. "Schon allein durch die Witterungseinflüsse werden sich viele Teile so verzogen haben, daß man sie nicht mehr zusammenkriegen wird. Mit dem doppelten Schrottwert ist der Kram also vielleicht schon überzahlt."
Dr. Wolff jedenfalls ist der Meinung, daß die "Internationalen Wertsätze für die Behandlung fremden und feindlichen Eigentums" nicht genügend beachtet worden sind.
DER SPIEGEL 11/1947
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