Im hannoverschen Schlachthof am Misburger Damm sollte der Boxkampf stattfinden. Aber es wurde eine lendenlahme Begegnung, da der Herausforderer "azel" sich angesichts der unkontrollierbaren Punktwertung auf gelegentliche Ausfälle beschränkte. Das Hamburger ,Echo des Tages' baute sein Mikrophon bald wieder ab, und azel selbst verlor einige Punkte infolge nicht ganz hiebsicherer Information.
Er hatte viel Ehr', denn die Feinde waren zahlreich. Da war zuerst der Vorsitzende des Viehwirtschaftsverbandes, Dr. Pflaumenbaum, ein alter Verteiler, der schon im Kriege für seine Ernährungsstrategie das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes erhalten hatte. Der hagere Mann griff selten, aber dann ruhig und sachlich ein. Sein Stellvertreter, Herr Freybe jedoch unternahm es, die Vorwürfe zu entkräften, die der smarte Chefreporter der "Hannoverschen Presse" in einer Artikel-Bombe "Hier geht's um die Wurst, meine Herren!" unter das Volk geschleudert hatte.
In der Pose eines Großinquisitors saß der 43jährige A. A. Zell, Signum "azel", in der Mitte des viel zu kleinen, zum Platzen warmen Raumes und verlangte Auskunft über gewisse Fragen. Wer für die Bestrafung der Fleisch-Großschieber, "der großen Haifische", verantwortlich sei? Antwort: Die Kriminalpolizei.
Warum weder der Viehwirtschaftsverband noch die Landesprüfstelle bislang auf die Bestrafung des Großschlachters Fritz Sender gedrungen habe, der bei einer Bestandsaufnahme am 1. März vorigen Jahres 18 000 (oder 25 000?) kg Fleisch zuviel hatte? Herr Riechers, der Leiter der Landesprüfstelle, verteidigte sich damit, daß er damals gerade einen Autounfall erlitten habe. Und der Viehwirtschaftsverband vertrat die Ansicht, daß es nicht strafbar sei, 25 000 kg einzusparen und für die fleischarme Zeit Vorratswirtschaft zu betreiben. Sender hätte allerdings mit einer Ordnungsstrafe belegt werden müssen, da er seine "Gut-Mengen" nicht angemeldet habe. (10 Prozent solcher Gut-Mengen darf man behalten.)
Die eingeladenen Journalisten wollten wissen, wie man heutzutage 25 000 kg einsparen könne, ohne Hufnägel und Papierschnitzel zu Wurst zu verarbeiten. Bei Großbetrieben sei das ohne weiteres möglich, wurde ihnen gesagt (Schwarzschlachten ist heute eine rückständige Methode, sagte azel dazu).
Das Fleischergewerbe hatte zwei Prominente geschickt. Sie hatten beide kein Normalverbraucher-Gesicht, aber sie wußten eindrucksvoll von der Berufsnot der Schlachter zu berichten. Niedersachsen sei noch immer eine Hochburg der Wurstmacherei. Und es liege nun wirklich nicht nur an dem "bösen Onkel Pflaumenbaum", wenn die Wurst schlechter und weniger geworden sei. Das Zentralamt in Hamburg, das weit vom Schuß war, mußte demzufolge wieder den Hauptteil der Schläge einstecken. Nach den Ausführungen der beiden Meister wunderten sich alle Journalisten, daß es noch Schlachter gibt die solch elendes Rindvieh unter solch selbstmörderischen Bedingungen (Gewichtsverluste und acht Prozent Fettabgabe) überhaupt annehmen.
Der Fall des Schlachters Wilhelm Meyer aus Hannover wurde aufgetischt. Er hatte bei einer Bestandsaufnahme 19 000 Kilogramm, aber diesmal nicht "über", sondern zu wenig, und mußte ganze 27 000 RM Strafe bezahlen. Er will ohne die entsprechende Bezugscheindeckung Fleisch nach dem Rheinland geliefert haben.
Zell landete noch einen gutsitzeriden Schwinger: Er berichtete von dem Schlachter Buddensieck, der viele kg Fleisch zu wenig hatte, während neben seinem nagelneuen Schlachthaus ein edelverputztes Wohnhaus mit Doppelfenster und wirklichen Glasscheiben aus dem Boden wuchs. Viele Herren des Fleischergewerbes notierten den Fall. Sie notierten noch eifriger, als sie vernahmen, daß Herrn Buddensieck vom Viehwirtschaftsverband ein Moratorium zugestanden worden sei, damit er die fehlenden Bezugscheine "nachliefern" könne. Arthur Anton Zell erblickte in diesem Zugeständnis eine Aufforderung zur Unmoral. Er mußte sich belehren lassen, daß viele Bezugscheine erst nach und nach einträfen.
Herr Riechers von der Landesprüfstelle führte bittere Klage. Weniger über die Schlachter als über die sonstigen Kleinverteiler, von denen viele im Zeitraum eines Jahres Kontingente von vier bis zehn Wochen verwirtschaftet hätten. Da aber sprang der Vertreter der Kleinverteiler auf: Er hätte schon immer darauf hingewiesen, daß eine Schwundzugabe von 0,2 Prozent vollkommen unzureichend sei. 2,6 Prozent sei schon lange als Mindestsatz errechnet. Schuld hatten das Zentralamt und die Engländer.
Der frühere Obermeister Franz Brandt sagte allen Beteiligten temperamentvoll seine Meinung und hielt den "Korpus delikti" in Form einer Reichsnährstands-Anweisung dauernd in der Hand. Sonst fiel das Stichwort "Reichsnährstand" nicht. Brandt machte Dr. Pflaumenbaum dafür verantwortlich, daß vor Jahresfrist keine monatliche Bestandsaufnahme bei den Großbetrieben eingeführt worden sei. Präsident Zeddies von der Landwirtschaftskammer verwahrte sich gegen den Vorwurf, daß die Bauern zu mageres Rindvieh lieferten. Eine anschließende Besichtigung eröffnete betrübliche Aspekte.
Man war sich einig, daß die bestehende Organisationsform nach Kräften gebessert werden müsse. Man war sich weiter einig, daß solch eine offene Aussprache nützlich sei. Möglichst vor Erscheinen eines "Sensations-Artikels", meinten die Viehwirtschaftler. In diesem Punkte herrschte keine Einigkeit. Aber man schüttelte sich herzlich die Hand.
Es ging um die Wurst - bei William Willführ, dem Fleischerverbands-Vorsitzenden (Dritter von links); bei azel, dem Hecht im Karpfenteich (Mitte) und bei Meister Brandt, der das Corpus delicti in der Hand hielt
DER SPIEGEL 11/1947
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