Zu Gouverneur Champion de Crespigny kam Oberstleutnant Lunding aus Kopenhagen. Aus seiner Aktentasche zog er eine Eingabe der dänisch gesinnten Schleswiger. Schleswig, so heißt es darin, soll ganz von Holstein getrennt und ein eigenes Land mit eigenem Landtag, eigener Regierung und eigener Hauptstadt werden. Leitende Stellungen im Lande dürfen nur Personen bekleiden, "deren Geschlecht dem Lande nördlich der Eider entstammt." Die Flüchtlinge aber müssen raus. So lange sie noch da sind, können sie nur als Bürger zweiten Grades rangieren, ohne aktives und passives Wahlrecht.
Der englische Gouverneur nahm die Denkschrift zur Kenntnis. Eine Antwort im gewissen Sinne erhielt der dänische Gesandte in London, Graf Reventlow. Ihm wurde im Foreign Office mitgeteilt, daß England dem Süd-Schleswigschen Verein, Organisation der dänisch-gesinnten Schleswiger mit angeblich 80 000 Mitgliedern, die Rechte einer politischen Partei zuerkannt habe.
In Kopenhagen wurde der britische Entschluß mit Befriedigung aufgenommen. Um so mehr, als die Mission des Oberstleutnants Lunding auch in der dänischen Reichshauptstadt nicht ohne Widerspruch geblieben. Es war von einer "Briefträger"-Rolle gesprochen worden,
Die Stimme der Up-Ewig-Ungedeelten hatte gewissermaßen Pastor Dr. Muuß-Stedesand vorweggenommen. Auf der Gründungsversammlung des "Schleswigholsteinischen Heimatbundes" in Schleswig brachte er im Namen seiner Freunde den Vorschlag ein, den Namen ihres Landes künftig ohne Bindestrich in einem Wort zusammenzuschreiben, "um dem Gedanken der Ungeteiltheit auch nach außen hin Ausdruck zu verleihen."
Pastor Muuß hat Erfahrung und Ruf im Streit der Stämme an der Eider. 1920 in der Abstimmungszeit gründete und leitete er das "Flensburger Tageblatt". Er hat auch später noch, als er schon längst wieder Pfarrer in Eiderstedt und dann in Stedesand war, in Wort und Schrift für die eigenständige Kultur der Menschen auf Geest und Marsch gefochten.
Er will das auch heute wieder tun. Er beruft sich dabei auf das Eingeständnis des nordschleswigschen Dänenführers H. P. Hansen, der der deutschen Kulturarbeit und der plattdeutschen Sprache die Schuld daran beimaß, wenn das Dänentum sich nicht weiter ausbreiten konnte.
Also gelte es heute, sagt Pastor Muuß, "das deutsche Volkstum schleswigholsteinischer Prägung, die landeseigene Kultur und die Pflege der Muttersprache, insonderheit auch des Plattdeutschen und des Friesischen, gegen die totalen Ansprüche und Angriffe der Eiderdänen einzusetzen." Zu dem Ziel soll sein Schleswigholsteinischer Heimatbund (SHHB), die überparteiliche Dachorganisation aller Heimat - und Kulturvereine des Landes sein.
Pastor Muuß will von der "preußischen" Lösung der Schleswigholstein-Frage nichts wissen. "Unsere Väter haben nicht gekämpft, um Preußen zu werden, sondern um ihr durch die Jahrhunderte hindurch gewahrtes Deutschtum vor Uebergriffen der Eiderdänen zu sichern."
Aber die preußische Absage wird ihm auf der anderen Seite nicht geglaubt. Die Stimme der Dänen in Südschleswig, "Flensborg Avis", vermeint noch den preußischen Wolf im schleswigholsteinischen Schafsgewande wiederzuerkennen. "Es sind dieselben Kräfte am Werk," schreibt das Blatt, "die früher unter dem Namen Preußentum und Nazismus versuchten, dem Dänentum Südschleswigs und dem ererbten Heimatrecht zuleibe zu gehen, wo sie nur immer konnten."
Pastor Muuß hingegen veranstaltet gegen die, wie er sagt, "eiderdänischen Forderungen" eine Unterschriftensammlung.
Kein Preuße
Pastor Muuß
DER SPIEGEL 11/1947
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