DER SPIEGEL



Paukenschlag aus Washington

Truman sprach ohne Dämpfer

In der Diplomatenloge des amerikanischen Kongresses saß der russische UNO-Delegierte Gromyko. Er war eigens von der New Yorker Tagung des Weltsicherheitsrates nach Washington gekommen. Er hörte sich die Rede des Präsidenten Truman an und verließ den Saal. Journalisten bestürmten ihn um eine Stellungnahme. Er hatte keine Erklärung abzugeben.

Beide Häuser des Kongresses nahmen die Ausführungen Trumans in höchster Spannung auf. Seit Tagen waren spärliche Informationen durchgesickert. Fest stand nur, daß der Präsident über Griechenland sprechen würde. Aber die Rede selbst warf in ihrer Schärfe alle Vermutungen um.

Der Mann aus Missouri stand vor dem Mikrophon, und seine Worte wiesen nicht eine Spur der lächelnden Truman-Verbindlichkeit auf. Harry Truman ist der 33. Präsident der Staaten und heute 63 Jahre alt. Er ist bekannt als guter Klavierspieler. Aber er kann noch mehr. Seine Rede vor dem Kongreß war ein Paukenschlag. Er dröhnte bis nach Moskau.

Truman forderte 400 000 000 Dollar für Griechenland und die Türkei. Er ersuchte den Kongreß, militärisches und ziviles Personal nach Griechenland und die Türkei zu senden. Er schlug die Einrichtung einer Dienststelle vor, die griechische und türkische Einheiten ausbilden solle. Er erklärte, daß der Bestand des griechischen Staates durch die terroristischen Unternehmungen von mehreren tausend Bewaffneten bedroht wird. Daß die USA diesen Zustand nicht dulden wollen, bedeutet eine aktive amerikanische Europa-Politik.

Er sagte: "Eine Hilfe ist dringend notwendig, wenn Griechenland eine freie Nation bleiben will. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat mehrfach Protest erhoben gegen Zwangsmaßnahmen und Einschüchterungsversuche, die unter Verletzung des Jalta-Abkommens in Polen, Rumänien und Bulgarien vorgenommen wurden. Ich muß außerdem feststellen, daß in einer Reihe anderer Länder eine ähnliche Entwicklung zu beobachten ist. Bei der augenblicklichen Weltlage muß jede Nation entscheiden, welchen Weg sie einschlägt. Die Wahl hierzu ist leider allzu oft nicht frei."

Truman erklärte weiter: "Wir können Aenderungen der UNO-Verfassung durch Maßnahmen, wie sie Zwang und politische Durchdringung darstellen, nicht zulassen. Wenn Griechenland in die Hände einer bewaffneten Minderheit fallen sollte, wird dies die Türkei sofort und in ernster Weise beeinflussen. Die Türkei braucht jetzt die Unterstützung der USA. Ihre Unverletzbarkeit ist für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Mittleren Osten notwendig. Die Vereinigten Staaten sind das einzige Land, das imstande ist, eine derartige Hilfe zu gewähren."

Der Präsident forderte den Kongreß auf, sofortige und entschlossene Maßnahmen zu ergreifen.

Er schloß mit der Feststellung: "Wenn wir Griechenland und der Türkei in dieser historischen Stunde nicht helfen, so wird das sowohl für den Westen als auch für den Osten weitgehende Auswirkungen haben."

Der volle Wortlaut der Rede wurde in acht Sprachen, darunter russisch, über die ganze Welt verbreitet. Auszüge gingen in 25 Sprachen über den amerikanischen Rundfunk.

Das Echo in der Welt war groß. Amerikanische Politiker stellen sie einer freiwilligen Kriegserklärung gleich. Die Columbia-Rundfunkgesellschaft kommentierte: "Die Rede des Präsidenten vertritt die neue Außenpolitik der USA, in die wir hineingetrieben wurden, nachdem die Sowjetunion offenbar sich nicht an ihre Abmachungen hält. Ohne Zweifel bedeutet die Forderung Trumans eine klare Herausforderung an die Sowjetunion. Es geht um die Weltherrschaft."

Die griechische und türkische Regierungspresse zeigt sich von der Erklärung des amerikanischen Präsidenten außerordentlich befriedigt. Sie wird als eine politische und wirtschaftliche Garantieerklärung aufgefaßt. Englische Stimmen sehen in Trumans Erklärung eine direkte Ansprache an Rußland, obwohl sein Name nicht genannt wurde.

Dem auf der Moskauer Konferenz weilenden amerikanischen Außenminister Marshall fällt die Aufgabe zu, die Grundsätze der Präsidentenrede während der Verhandlungen wirksam werden zu lassen. Er soll die russische Regierung davon überzeugen, daß die Vereinigten Staaten mit allen Mitteln bedrohte Länder finanziell und materiell unterstützen werden, falls die sowjetische Außenpolitik der Infiltrierung und Untergrabung fortgesetzt wird.

Marshall soll weiter klarstellen, daß durch offene und objektive Besprechungen mit der Sowjetunion ein harmonisches Gleichgewicht der Kräfte hergestellt werden kann und daß nur dadurch der Friede und die Weltsicherheit erhalten werden können.

Die Stimme Amerikas - Truman will in Europa gehört werden


DER SPIEGEL 11/1947
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