DER SPIEGEL



Meerbeengte Türkei

Ein Staat sucht sein Gleichgewicht

Die eigentliche Ueberraschung an der Botschaft des Präsidenten Truman ist die Tatsache, daß auch die Türkei in die amerikanische Stützungsaktion einbezogen wird.

Ankara hatte bereits bald nach Beginn des Krieges mobilisiert, um seine Unabhängigkeit für alle Fälle zu sichern. Es hielt ständig eine Million Mann unter Waffen, und die Militärausgaben überstiegen 50 Prozent des Gesamthaushaltes. Diese Politik erklärte sich aus dem Hauptbestreben der Staatsführung, das Land unter allen Umständen aus dem Krieg herauszuhalten.

Tatsächlich gelang es der Türkei unter dem Staatspräsidenten Ismet Inönü, die Neutralität und die "Nichtkriegführung", mit großer Geschicklichkeit fast bis zum Ende des Krieges zu bewahren.

Diese Bewahrung blieb auch nach dem Kriege die Hauptparole. Zunächst versuchte Ankara die Gleichgewichtspolitik zwischen den Kriegführenden auf das Verhältnis zu den Alliierten umzuschalten. Das ging gut, bis Moskau mit dem Vorschlag hervortrat, an der Verteidigung der Meerengen beteiligt zu werden. Russische Streitkräfte auf türkischem Boden hätten das Ende der Gleichgewichtspolitik bedeutet.

Die türkische Regierung zog in ihrer vorsichtigen Art aus dieser Bedrängnis die ersten Konsequenzen, indem bei den Parlamentswahlen des letzten Juli neben der bisherigen Einheitspartei auch der Opposition zum ersten Male das Feld freigegeben wurde. Diese ging mit 69 Mandaten aus der Wahl hervor. Sie war bei weitem nicht stark genug, um die Regierungsmehrheit zu gefährden, aber die Türkei hatte ihr demokratisches Herz gezeigt. Bei den folgenden beharrlichen Vorstößen Moskaus in der Meerengen-Frage bezog die Türkei eine sichtbare Stellung neben England und Amerika. Verhandlungen mit den Russen allein lehnte sie unter Berufung auf das Abkommen von Montreux ab. Sie erklärte sich dagegen zu einer allgemeinen Meerengen-Konferenz unter Teilnahme aller Mächte bereit.

Die Wiederaufnahme der klassischen russischen Dardanellen-Politik hinderte die Türkei, die viel zu schwere Rüstung nach dem Kriege abzulegen. Die Aufrechterhaltung der Mobilisierung auch im "Frieden" entzog der Wirtschaft die Arbeitskräfte und belastete weiter den Staatshaushalt. Das alles in einer Zeit, da der Außenhandel - z. Teil durch den Ausfall des deutschen Abnehmers für Tabak, Trockenfrüchte und Oel - ernsthaft darniederlag.

Die Meerengen sind das Schicksal dieses Landes. Sie sind zugleich einer der wichtigsten strategischen Punkte der Weltpolitik. Aus dieser Parallelität ergibt sich von selbst das Zusammenschließen der türkischen und der amerikanischen Interessen. So erklärt es sich, daß man es in Washington für richtig fand, bei der Behandlung der griechischen Frage durch Einbeziehung auch der Türkei ganze Arbeit zu machen.

Mann in der Enge - Ismet Inönü bestimmt den türkischen Kurs


DER SPIEGEL 11/1947
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