DER SPIEGEL



Empire-Dämmerung

Die Opposition sieht eine Chance

Die britische Opposition läuft Sturm. Winston Churchill, 73jährig und kampflustig wie je, hat das Kriegsbeil ausgegraben. Er greift die Regierung an. Er greift ihre Außenpolitik an und er greift ihre Innenpolitik an. Die Labourfront steht noch geschlossen. Aber der Attlee-Bevin-Kurs hat auch aus eigenen Reihen manche Kritik erfahren.

Düster stellte Churchill im Unterhaus fest: "Mit tiefem Kummer sehe ich den Abstieg des Britischen Empire mit all seinem Ruhm und den Diensten, die es der Menschheit geleistet hat." Immerhin reichte dieser Kummer nicht aus, um eine Reihe von Mißtrauensanträgen gegen die Regierung erfolgreich durchzubringen.

Das Britische Empire ist das größte Reich aller Zeiten. Es bedeckt ein Viertel der Erdoberfläche und schließt mehr als ein Viertel der Menschheit ein. Es umfaßt: das kleine Mutterland mit 48 Millionen Einwohner, selbständig regierte Dominien, Kronkolonien, Schutzgebiete (Dependencies), Protektorate, Kondominien und Mandate.

Zwei Weltkriege haben diese Anhäufung von Macht und Besitz bis in die Grundfesten erschüttert. England ist auf dem Rückzug. Indien - stolzestes Glanzstück britischer Kolonialpolitik - soll selbständig werden. Aegypten hat den Rückzug der britischen Besatzung erreicht. Palästina ist ein Unruheherd geworden, dessen Befriedung dem britischen Militärsystem nicht gelingt. Die UNO soll diese Mandatslast übernehmen. Burma hat ein englisches Versprechen und ist auf dem Wege der Unabhängigkeit.

Premierminister Attlees Ankündigung, die britische Regierung in Indien bis zum Juni nächsten Jahres zu beenden, schließt eins der wichtigsten Kapitel englischer und der Weltgeschichte. 200 Jahre lang stand dieses 400-Millionen-Land unter englischer Herrschaft. Das Wachsen des indischen Nationalismus, seine Forderung der Selbstregierung haben England zu diesem Schritt geführt.

Vorerst ist nicht abzusehen, in welcher Form sich der englische Abschied in Indien gestalten wird. Weder bei indischen Besuchen in London noch bei Konferenzen auf indischem Boden konnte ein gangbarer Weg gefunden werden.

In Indien selbst stehen sich zwei große Strömungen gegenüber. 260 Millionen Hindus und 94 Millionen Moslems. Die Hindus, politisch verkörpert in der Kongreßpartei, werden von Pandit Nehru geführt. Sie verlangen völlige Selbständigkeit, eine zentrale Regierung für ganz Indien, in der die Hindus eine Mehrheit besitzen.

Der Führer der Moslems ist Mohamed Ali Jinnah. Sein Ziel ist die Bildung eines besonderen Moslemstaates Pakistan, den er als eine Sicherung gegen die zahlenmäßige Uebermacht der Hindus betrachtet. Beide Parteien haben den britischen Beschluß anerkannt. Sie sind sich untereinander aber nicht näher gekommen. Die konservative Opposition in England weist auf diesen Zustand hin und prophezeit einen fortdauernden Zustand der Wirren für Indien.

Noch unversöhnlicher ist die Haltung der in den Palästina-Komplex verwickelten Parteien. Englands Bemühungen, durch wiederholte Konferenzen Juden und Araber auf eine Linie zu bringen, sind vollkommen gescheitert. Die Terrorwelle ist in stetem Anwachsen. Aus der Erkenntnis heraus, daß mit dem Bajonett allein kein Dauerzustand zu schaffen ist, hat Englands Außenminister Bevin angekündigt, das Mandat Palästina der UNO zur endgültigen Klärung zu übergeben.

Die allgemein rückwärtge Tendenz der englischen Politik wird noch weiter durch Maßnahmen im Mittelmeer gekennzeichnet. Griechenland soll ebenfalls als britische Militärbasis aufgegeben werden. Die Anrufung der Vereinigten Staaten, das britische Erbe zu übernehmen, ist in diesem Falle von besonderer Bedeutung.

Der Kern des Empire, England selbst, befindet sich z. Z. im Beginn einer schweren wirtschaftlichen Krise. Die kürzlich aufgetretene Kohlenknappheit war nicht nur eine Folge des strengen Winters. Sie war ein Sturmzeichen für die gesamtenglische Lage überhaupt. Sie verursachte einen Industrieabsturz, wie ihn England noch nicht erlebt hat. Zeitweise waren mehr als 2 1/2 Millionen Arbeiter nicht beschäftigt.

Die Schwere der Lage wird durch ein von der Regierung herausgegebenes Weißbuch gekenntzeichnet. Darin werden folgende Hauptziele aufgestellt: 1. Minimale Kohlenförderung von 200 Millionen Tonnen pro Jahr. Das bedeutet 11 Millionen Tonnen mehr, als im Jahre 1946 bei Höchstleistung erreicht wurden. 2. Steigerung der Zahl der Bergarbeiter von 695000 auf 730000. 3. Steigerung der Arbeitsleistung der Gesamtindustrie. 4. Eine umfassende Anstrengung, wieder ein führender Partner des Weltmarktes zu werden. Das setzt vor allem eine bedeutende Erhöhung des Exportes voraus.

Die englische Situation spiegelt sich am klarsten in einem Wort des Schatzkanzlers Hugh Dalton wider: "Wir kämpfen uns Schritt für Schritt durch einen Schneesturm von Schwierigkeiten, die sich vor uns aufhäufen, gerade in dem Augenblick, als wir dachten, gute Fortschritte zu machen."


DER SPIEGEL 11/1947
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