An der Tür des Konferenzsaales prüften zwei unbewaffnete Posten sorgfältig die Ausweise der Delegierten. Als erster kam USA-Außenminister Marshall. 20 Sachverständige waren in seiner Begleitung. Genau so viele hatte Frankreichs Bidault bei sich, während der Hausherr, der russische Außenminister Molotow, gar 30 Berater mitbrachte. Die englische Abordnung, Aussenminister Bevin mit neun Experten, war zahlenmäßig die schwächste im Saal.
Draußen fegte ein Schneesturm durch die Straßen und verhüllte die überlebensgroßen Skulpturen der Flugpioniere am "Haus der Flieger" an der Leningrader Chaussee, das den Außenministern und ihren Stellvertretern als Beratungsstätte zugewiesen ist. Bevin fröstelte. Er war augenscheinlich noch von den Anstrengungen der Reise ermüdet und hätte es vorgezogen, zu dieser gewohnten Nachmittagsstunde seinen Tee zu nehmen.
An den Posten vorbei gelangten die Delegierten in den riesigen Konferenzraum, der mit einer Länge von 25 Metern, einer Breite von 12 und einer Höhe von sechs eher einer Halle als einem diplomatischen Verhandlungszimmer gleicht. 24 lederbezogene Sessel warteten rings um den runden, mit einer weißen Flanelldecke bezogenen Tisch, der im Durchmesser fünf Meter mißt, auf die Hauptakteure. Von der Mitte des Tisches grüßten vier kleine Fahnen in ihren jeweiligen Farben die Vertreter der vier Mächte. Vor ihren Plätzen fanden sie Schalen, in denen zur gefälligen Bedienung Bleistifte, russische Zigaretten und Streichhölzer lagen. Vor Molotows Platz lag außerdem eine außergewöhnlich große Taschenuhr.
Eine gute halbe Stunde dauerte die Begrüßung. Dann wurden die Korrespondenten und Pressefotografen höflich aus dem Saal verwiesen. "Und nun werden wir an die Arbeit gehen", sagte Außenminister Bevin auf englisch.
Die unverbindlichen Eröffnungsworte waren schnell gesprochen. Daß Molotow auf der ersten Sitzung das Präsidium übernahm und daß man übereinkam, hinfort reihum den Vorsitz zu führen, war nur selbstverständlich. Daß man den Stellvertretern die beiden Aufgaben zuwies, das Verfahren für den Friedensvertrag mit Deutschland zu erörtern und sofort mit der Beratung über den österreichischen Staatsvertrag zu beginnen, bedeutete praktisch nur die Fortsetzung ihrer Londoner Arbeit. Auch daß Bevin eine Untersuchung über die Finanzlage Triests auf die Tagesordnung gesetzt wissen wollte, ging ohne besonderes Aufsehen mit durch.
Dann forderte Molotow, daß die Mächte Auskunft über ihre Politik in China geben und ihre Verpflichtung zur Nichteinmischung in chinesische Angelegenheiten erneuern sollten. Marshall, seit seiner Tätigkeit als Sonderbotschafter in China Sachverständiger in Fernostfragen, vertagte die endgültige Antwort. Er wollte auf jeden Fall China selbst gehört wissen und forderte seinerseits eine Aussprache über die Begrenzung der Besatzungsstreitkräfte in Europa?
Die ganze Frage erledigte sich sehr schnell. Nanking protestierte gegen die Behandlung seiner inneren Angelegenheiten in Moskau. Die Außenminister kamen überein, nur informatorisch über die chinesische Frage zu sprechen.
Das geschah am ersten Tag.
Am nächsten lag aus dem 700-Seiten-Bericht des Alliierten Kontrollrats der Abschnitt über die Entmilitarisierung Deutschlands auf dem Tisch. Molotow lief sofort auf große Tour. "Laschheit und Langsamkeit" warf er den britischen Behörden in der Entmilitarisierung Westdeutschlands vor. Die Dienstgruppen waren ihm der eine Stein des Anstoßes. Sie seien auf militärischer Grundlage und unter Führung deutscher Offiziere organisiert. Er sprach weiter von militärischen Einheiten mit nichtdeutschem Personal, von "Tschetniks, Ustaschas, Salaszisten, Anders-Einheiten, der königlich-jugoslawischen Armee", die in der britischen Zone noch bestünden.
Genau so ungenügend nannte er die wirtschaftliche Abrüstung. Noch gäbe es die Hermann-Göring-Werke, die Bosch-Werke, den IG-Farben-Konzern. Von den Panzer- und Flugzeugwerken seien nur sieben Prozent und von den auf der Reparationsliste stehenden 1034 Fabriken bisher nur drei völlig und 37 teilweise demontiert. In der Sowjetzone hingegen seien von 733 Rüstungswerken 676 für Reparationszwecke abgebaut worden.
Bevins Antwort erfolgte erst am nächsten Tag. Das war am Dienstag, als die sowjetischen Zeitungen des Jahrestages der russischen Märzrevolution von 1917 gedachten und darüber fast die Berichterstattung über die Konferenz in der eigenen Hauptstadt vergaßen.
Bevin ging scharf ins Zeug. "Vor den Dienstgruppen braucht sich niemand zu fürchten", sagte er. Auch die ausländischen Wachkorps bedrohten niemand, und die sogenannte "königlich-jugoslawische Armee" sei entlassen. Außerdem seien noch 20 000 Deutsche mit Minenräumen beschäftigt. Sie würden entlassen, sobald ihre Arbeit beendet sei.
Dann wartete er mit drei Gegenforderungen auf. Er wollte wissen, wieviel deutsche Kriegsgefangene sich in der Sowjetunion befänden, welche deutschen Rüstungswerke in der Sowjetzone demontiert seien und ob sich Rußland noch an die
Potsdamer Bestimmung, daß Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln sei, gebunden fühle.
Er verwies auch auf Berichte, nach denen deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetarmee dienten, und verlangte ein klares Dementi. Unbefriedigend nannte er schließlich die Abwrackung der in russischen Händen befindlichen deutschen Kriegsschiffe - es handelt sich um den Taschenpanzerkreuzer "Lützow", das Flugzeugmutterschiff "Graf Zeppelin" und den 10 000 t Kreuzer "Seydlitz".
"Welche Sicherheiten wird uns Rußland in dieser Angelegenheit geben," fragte Bevin. Und Marshall stellte fest, daß er der gleichen Meinung wie Bevin sei.
Das geschah am dritten Tag.
Bevor sich die Außenminister zum vierten Mal trafen, platzte die Truman-Bombe. Ueber ihre Wirkung in Moskau berichtete der Reuter-Korrespondent: "Die Amerikaner reiben sich die Hände, die Engländer kratzen sich mit einer Hand und die Franzosen mit beiden Händen hinter den Ohren, während die Russen mehr als ärgerlich und beunruhigt aussehen." Er fügte hinzu: "Das Problem der Moskauer Konferenz ist nicht diese oder jene Einzelheit der deutschen Friedensregelung, sondern die gesamte Zukunft der Beziehungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Es ist nicht zu leugnen, daß es Kreise gibt, die wünschen, daß diese Beziehungen überhaupt keine Zukunft haben."
Am gleichen Tag wurde in Moskau bekannt, daß Stalin seine Botschafter Nowikow aus Washington, Zarubin aus London und Bogomolow aus Paris "zur Konsultation" sofort nach Moskau befohlen hat.
Bilder aus Moskau
Oben: Die neue Krim-Brücke über, den Moskau-Fluß. Mitte: Die großen Vier (v. l. n. r.): Marshall, Molotow, Bevin, Bidault. Unten: Das berühmteste Bauwerk des alten Moskau - der Kreml.
DER SPIEGEL 11/1947
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