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Auf Francos Pfaden

Putsch in Paraguay

Schüsse hallten durch Paraguays Hauptstadt Asuncion. Truppen hielten die wichtigsten Punkte der 175 000 Einwohner zählenden Stadt besetzt. Vor dem Polizeihauptquartier kam es zu erbitterten Kämpfen. Etwa 20 Tote und rund 30 Verwundete waren die Opfer eines Putsches gegen Präsident General Higonio Morinigo. 60 Personen wurden verhaftet, darunter einige Armeeoffiziere. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, Präsident Morinigo "absoluter Herr der Lage".

Auch im Departement Concepcion wurde geputscht. Ueber den Rundfunk richtete die Regierung an die 15 000 Einwohner der Hauptstadt Concepcion die Aufforderung, die Stadt zu räumen.

Der Staatsstreich soll von Anhängern des liberalen Parteiführers, Oberst Rafael Franco, angezettelt worden sein. Kommunistische Elemente hätten die Aufständischen unterstützt. Franco war früher einmal selbst Staatspräsident. Im August vorigen Jahres war er aus der Verbannung nach Paraguay zurückgekehrt, zusammen mit vielen anderen Politikern, die Morinigo, Paraguays "Diktator" seit 1940, verbannt hatte.

Innerhalb von rund neun Monaten ist dies das dritte Mal, daß blutige Auseinandersetzungen stattfanden. Im Juni vorigen Jahres knatterte eines Morgens Maschinengewehrfeuer, heulten Mörser. Truppen aus Asuncion hatten im Handumdrehen das Armeehauptquartier in Campo Grande besetzt. Fünf Personen wurden damals getötet, viele verwundet, aber der "starke Mann" der Armee, Oberstleutnant Vicrotiano Benitez Vera, war schon ausgeflogen.

Seit seinem Amtsantritt 1940 hatte General Morinigo Benitez Vera und seine Militärclique für seine eigenen Zwecke benutzt. Schließlich waren ihm diese Leute zu üppig geworden. Benitez Vera und seine Freunde wurden dafür verantwortlich gemacht, daß der Präsident nicht einmal eine Art Scheindemokratie im Lande hat aufbauen können. Tatsächlich war Paraguay damals das einzige Land Lateinamerikas, das kein Parlament besaß. Im August 1946 öffnete Präsident Morinigo die Tore der Konzentrationslager. Heraus kamen unter anderen auch dreihundert Kommunisten. Tag und Nacht bemalten sie nach ihrer Befreiung die Straßen und Häuser mit Hammer und Sichel. Zurück kam auch Oberst Franco und begann politisch wieder eine Rolle zu spielen. Gleichzeitig aber begannen auch die Versuche, den Präsidenten, der sich 1943 für weitere fünf Jahre hatte wiederwählen lassen, zu stürzen.

Mitte Januar kam es zu einem Putschversuch durch eine Gruppe junger Fliegeroffiziere. Der Aufstand wurde niedergeschlagen. Gleichzeitig erklärte man, daß Umsturzpläne anarchistischer und kommunistischer Kreise beständen. Die zivilen Mitglieder des Kabinetts traten von ihren Posten zurück.

Paraguay befindet sich nicht allein in politischer Unruhe. Viele andere lateinamerikanische Länder haben in letzter Zeit ihre innerpolitischen Sorgen gehabt: Venezuela, Bolivien, Uruguay und Ecuador. Es kam zu Revolutionen, Staatsstreichen oder wenigstens zu Versuchen. Auch in Honduras gärt es. Nachrichten, daß dort ein Aufstand gegen Präsident Dr. Tiburcio Carias ausgebrochen sei, wurden indessen in diesen Tagen dementiert.

Zwei Hauptursachen sind für diese Unrast verantwortlich: die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen sich die lateinamerikanischen Länder nach dem Aufhören der großen Käufe der Vereinigten Staaten während der Kriegszeit befinden, und die politische Gärung der Massen. Getragen werden diese Strömungen vor allem von den Kreisen der Linken. Sie wollen den alten Mächten die Staatsgewalt entreißen und demokratischere Regierungsformen herbeiführen.


DER SPIEGEL 11/1947
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