DER SPIEGEL



In Basa wird amputiert

Im Schnittpunkt: das Oel

Auf einer Woge von Oel wurden die Alliierten zum Siege getragen." Das Wort des englischen Staatsmannes Lloyd George gilt nicht nur für den ersten Weltkrieg. Der Oelbedarf der Welt ist seither ständig im Wachsen. Dem Erwerb neuer Oelvorkommen gilt der Wettlauf der Mächte. Der Nahe Osten ist eines der Konkurrenzfelder.

Der amerikanische Einfluß in Vorderasien ist in stetem Steigen. Ursache dafür sind die kürzlich abgeschlossenen Verträge, die den Amerikanern bedeutende Bohrungen gesichert haben. Das Vordringen des amerikanischen Unternehmertums ist nicht nur von wirtschaftlicher Bedeutung.

Saudi-Arabien mit der Hauptstadt Mekka ist heute noch die Hochburg der Kultur des Islam. Das Regierungssystem beruht auf Traditionen biblischer Zeiten. Das Leben der Nomaden ist an uralte Sitten und Gebräuche gebunden. Sie stehen dem Eindringen neuzeitlicher Zivilisationserscheinungen oft feindlich gegenüber. Die Natur des Landes, das bei einer Größe von 1,5 Millionen qkm zu zwei Dritteln aus Wüste besteht, kommt diesem Zustande entgegen. Etwa 95 Prozent der Bevölkerung können weder lesen noch schreiben. Auch damit ist die Dauerhaftigkeit der bisherigen Lebensformen erklärbar.

In diese Welt der Vergangenheit dringt seit zwei Jahren in zunehmendem Maße amerikanisches Wesen. Westliche Betriebsamkeit stößt auf orientalischen Fatalismus. Beiden gemeinsam ist nur der Instinkt für den Erwerb.

Der Sitz der "Arabian American Oil Company" ist Basa. Die Amerikaner haben Ingenieure, Betriebsführer, Angestellte und Aufseher mitgebracht. Die Arbeiter müssen im Lande gefunden werden. Das Bild ist farbig und widerspruchsvoll. Würdige Beduinengestalten in ihrer mehr romantischen als praktischen Tracht arbeiten in Scharen an den Oelleitungen. Geführt werden sie von Männern aus Texas in neuzeitlicher Kolonialkleidung.

Es kommt zu Auseinandersetzungen, deren Beilegung nicht immer einfach ist. Es müssen Kompromisse gefunden werden, die westliches und östliches Denken aufeinander abstimmen. Sie bleiben trotzdem dem Nichtaraber fremd und oft abstoßend genug.

Ein Beispiel: Diebstahl und andere Verbrechen - im Westen als verhältnismäßig "leicht" angesehen - werden in Saudi-Arabien durch Amputation des Fußes oder der Hand bestraft. Wie seit Jahrhunderten wird der Verurteilte noch mit einem Strick an dem Glied, das ihm abgenommen werden soll, aufgehängt. Auch heute fallen noch Füße und Hände unter dem Hackbeil in den Wüstensand und bluten aus, bis sich die Schakale darüber stürzen. Auch heute noch wird nach altem Gesetz der frische Stumpf in kochendes Oel getaucht, bis der Blutstrom verebbt ist.

Die amerikanischen Oelmänner sind gegen diese tausendjährigen Sitten machtlos. Aber sie versuchen, sie zu mildern. Im Gebiet von Basa werden die Verurteilten heute mit einem sterilisierten Operationsmesser amputiert. Die Urteilsvollstreckung wird in Gegenwart eines amerikanischen Arztes durchgeführt. Anschließend kommt der Delinquent in ein modernes Krankenhaus und wird sachgemäß gepflegt. Neuerdings ist es sogar schon gelungen, bei den arabischen Gerichten von Basa die Genehmigung zu erwirken, die Operation unter Narkose vollziehen zu lassen.

Das sind kleine, aber bezeichnende Anfänge einer west-östlichen Auseinandersetzung, die nicht mehr aufzuhalten sein wird. Eine Revolution hat begonnen. Selbst der seit Jahrhunderten leidenschaftlich verteidigte Schleier der Frau soll gelüftet werden.

Noch hindert die Sitte die Araberin, durch Arbeit in amerikanischen Betrieben den kümmerlichen Lebensstandard ihrer Familie mit zu heben. Noch klafft zwischen dem Lebensstil der Amerikaner und der arabischen Proletarierbevölkerung in Saudi-Arabien eine riesige Kluft. Aber die Diskussion ist im Gange.


DER SPIEGEL 11/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 11/1947

Titelbild

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

In Basa wird amputiert

TOP



TOP