DER SPIEGEL



Nicht anerkannt

Vorspiel vor einem Nachspiel

Auf der Tribüne des Garmischer Winterstadions sah man neben Maxi Herber und Ernst Bayer, die als Berufsläufer auf ihre Entnazifizierung warten, den Ex-Berliner Ulrich Kuhn, den die Zuschauer lieber auf dem Eise gesehen hätten.

Viel Wind hatte es hinter den Kulissen der Eislauf-Fachverbände gegeben, die sich in einem Hotelzimmer in Garmisch zusammenfanden. Auf der Tagesordnung standen vor allem die Profis, die man gern bei der deutschen Meisterschaft mit dabei gehabt hätte: Wer nach dem 1. 10. 1946 nicht mehr als Berufsläufer gestartet war, wurde amnestiert.

Diese Klippe war umschifft. Da teilte Ulrich Kuhn, Berliner Meister 1947, mit, daß er nicht daran denke, gegen Horst Faber anzutreten, er sei in der Hitlerzeit als Nichtarier durch diesen früheren SS- Mann stark an der Ausübung seines Sportes behindert gewesen. Die zuständigen Fachverbändler bedauerten - Horst Faber vom SC Rießersee wurde trotzdem (im Alleingang) Deutscher Meister.

Am Sonntag startete man im Rahmen des Garmischer Sport-Hochbetriebes eine deutsche Meisterschaft im Eishockey, zu der Bayern (der SC Rießersee) die Mannschaft von Eichkamp, Berlin, dem früheren Berliner Schlittschuhclub, gebeten hatte. Der EHC Krefeld, Gewinner des als deutsche Meisterschaft gewerteten Interzonenturniers, bei dem auch der SC Rießersee 6:5 geschlagen wurde, hatte abgesagt.

Die Krefelder vertraten die Ansicht, sie seien schon Deutscher Meister, darum sei es völlig absurd, zum zweitenmal in einem Jahre eine deutsche Meisterschaft auszuspielen. Die Berliner Mannschaft sei schon mehrmals zweistellig von ihnen geschlagen worden.

Die Bayern schüttelten darob, wie auch im Falle Kuhn, die Köpfe und setzten eine deutsche Eishockey-Meisterschaft an.

Einige Wochen vorher war man auch in Berlin der Ansicht gewesen, daß eine Neuauflage der Meisterschaft sich sportlich nicht vertreten lasse. Nun aber war Berlin eingeladen, und das änderte den Fall natürlich.

Nach fünfzigstündiger Eisenbahnfahrt kam die Berliner Mannschaft, die seit Januar im Dreiecksverkehr Westdeutschland - Bayern - Berlin umherreist, in Garmisch an. Vor 8000 Zuschauern mußten die Männer um Rudi Ball (die über "ihren" Gustav Jänecke sehr böse waren, da er trotz gegenteiliger Abmachung nicht für sie spielte) das bessere Können der Rießerseer anerkennen. Die Mannschaft um den abtrünnigen "eisernen Gustav", der man in dem von der tschechischen Regierung verbotenen Spiel gegen den neuen tschechischen Weltmeister einige Chancen eingeräumt hatte, war mit 10:1 eindeutig überlegen.

Bei der Siegerehrung gab es eins Pfeifkonzert und Rufe nach den Krefeldern.

Die einheimische Garmischer Bevölkerung, denen man schon einige Fachkenntnisse zutraut, meint, daß Krefeld noch einmal gegen Rießersee antreten wird, diesmal aber um die richtige deutsche Meisterschaft. Auf dieses Spiel freuen sie sich schon jetzt. Wenn nicht das Tauwetter, auf das man sich im übrigen Deutschland freut, einen Strich durch die Rechnung macht.

Gustav war nicht eisern - er ließ Berlin im Stich


DER SPIEGEL 11/1947
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