Die Leipziger Straßenbahnschaffner sind wieder unhöflich. Es lohnt sich nicht mehr, freundlich zu sein: der letzte Messegast ist mitsamt seinen restlichen englischen und amerikanischen Zigaretten und dem erworbenen Schnaps wieder in die westliche Prohibitions-Sphäre zurückgefahren.
Die bunten Messefahnen sind eingepackt und in den Ausstellungshallen stehen nur noch versandtfertige Kisten mit Ausstellungsgut herum. Die zur Messe eingesetzten 700 Taxis stehen wieder ohne Benzin in dunklen Garagen.
Mit wehmütigem Blick haben die Quartiersleute das letzte Brikett verbrennen sehen, das sie als Sonderzuteilung für ihren Messegast erhielten. Die Leipziger Bevölkerung wartet darauf, daß weitere Lebensmittel aufgerufen werden. Es herrscht wieder der Alltag in der Messestadt.
In der Ostzone wertet man die Frühjahrsmesse als einen Erfolg. Bereits in den ersten zwei Tagen war die Besucherzahl des Vorjahres erreicht. Mehrere tausend Gäste waren aus dem Ausland eingetroffen. Darunter Kaufleute aus Schweden, Dänemark, der Schweiz, England, den USA und sogar aus Aegypten und dem fernen Indien.
Das Urteil der deutschen Kaufleute aus den westlichen Zonen ist geteilt. Ebenso wie die einzelnen geschäftlichen Erfolge den verschiedenen Branchen nach unterschiedlich sind.
Die Nachfrage nach technischen, elektrotechnischen und optischen Spezialgeräten konnte zum Teil befriedigt werden. Einige Firmen haben ihre ganze Jahresproduktion an den Mann bringen können. Das Textilgeschäft war nach drei Tagen ausverkauft.
Am günstigsten fuhr auch hier wieder, wer am besten "schmierte". Als überzonaler Schmierstoff waren auch in Leipzig Zigaretten und Lebensmittel sehr gefragt.
Die Aussteller und Einkäufer von Spezialanfertigungen, wie Qualitätserzeugnisse der Glas- und Porzellanbranche, sowie von Waren kunstgewerblicher Art sind mit dem Geschäftsverlauf zufrieden. Ansonsten ließ sich auf der Messe eine gewisse Müdigkeit feststellen. Enttäuschte Kaufleute nannten sie ein Museum und stellen die Frage, ob der Aufwand an privaten und öffentlichen Mitteln das magere sichtbare Ergebnis rechtfertige.
Britische Geschäftsleute zeigten sich über das Ergebnis des Messebesuches offensichtlich erbost. Die Abschlüsse betragen höchstens für 100 000 Pfund Sterling, wie Londoner Zeitungen melden. Lediglich einige Einkäufer aus der Maschinenindustrie und aus der Konfektionsbranche finden freundliche Worte.
Die Schweizer hoffen, daß die angebahnten Geschäfte auch ordnungsgemäß durchgeführt werden können und klagen zusammen mit niederländischen Handelsleuten über die hohen Preise.
Es ist untragbar, so sagen sie, daß die Inlandpreise für zum Export bestimmte Waren um 30 bis 100 Prozent erhöht wurden, während von der sowjetischen Militäradministration ein Verrechnungskurs von 2,50 RM für den Dollar festgesetzt worden ist.
Die Jünger Merkurs aus den westlichen Besatzungszonen nahmen neben einem viel umfangreicheren Gepäck den Eindruck mit nach Hause, daß in der Ostzone trotz aller Demontagen und Reparationslieferungen im ganzen mehr gearbeitet wird als im Westen. Und daß die Bewirtschaftung straffer und planmäßiger durchgeführt wird.
Allgemeine Verwunderung erregt die Tatsache, daß es drüben einen Schwarzen Markt in westlichem Sinne nicht gibt und man beispielsweise für 100 g Fleischmarken nur 60 g Wurst bekommt.
Allgemeines Aufatmen ging durch die Messesonderzüge, als die Grenze ohne Zwischenfall passiert war. Nicht nur wegen der prallgefüllten Koffer im Gepäcknetz fiel den Kaufleuten ein Stein vom Herzen.
Stellenweise verlief nämlich die Rückfahrt nicht ohne Ueberraschungen. So bekam der Sonderzug nach München-Gladbach nachts auf der Strecke der Magdeburger Börde Besuch von einigen dunklen Gestalten, die sich das langsame Fahrttempo der Eisenbahnzüge in der Ostzone - 20 bis 25 Stundenkilometer im Durchschnitt - zunutze machten und den Gepäckwagen um einigen Ballast erleichterten.
Bediente der Reichsbahn sind es nicht gewesen, denn sie konnten sich mit den Eisenbahnern des Sonderzuges auf deutsch nicht verständigen.
Eine noch unangenehmere Ueberraschung erlebte Oskar H. Rothenberger, der Korrespondent des Südwestfunks. Auf einem Presseabend hatte er einige recht peinliche Fragen an den sächsischen SED-Wirtschaftsminister Fritz Selbmann gerichtet. Kollegen rieten ihm daraufhin, sofort abzureisen. Er tat es nicht, mußte es dafür aber in Kauf nehmen, einen Tag lang in Haft genommen zu werden.
Auch für die Leipziger Quartiersleute hat die Messe ein unangenehmes Nachspiel. Leipzig erwartet mehrere tausend Flüchtlinge. Viele Leipziger, die sich allzu sehr danach drängten, einem Messegast Unterkunft zu bieten, verfluchen heute den Zentner Brikett und die ganze Messe: Das Quartieramt hat die Uebernachtungslisten an das Wohnungsamt weitergegeben, und nun sind die Leipziger Wohnraumspezialisten genauestens informiert
"Erscht gähn' Se ...."
ein weiblicher Polizist gibt Auskunft
Mit viel Erwartung und wenig Gepäck trafen die Besucher sauf dem Bahnhof ein
Nicht am Broadway. Messebetrieb vor dem Petershof in der Innenstadt
Na, dann Prost! ... Es geht doch nichts über die Planwirtschaft der Ostzone
DER SPIEGEL 11/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.