Harm Lichte, der Leiter des Kunstvereins Hannover, hat seine eigene Art, eine Ausstellung zustande zu bringen. Er fährt zu den Künstlern, überrascht sie im Atelier und läßt sich zeigen, was sie arbeiten.
Man sagt ihm nach, er habe eine unausrottbare Vorliebe für das, was die Künstler nicht zu ihren besten Arbeiten zählen. Es sei oft das Beste, nämlich das Wesentliche, meint Harm Lichte.
Ewa 30 Künstler hat er diesmal besucht und überrascht und eingeladen. Er präsentiert sie im hannoverschen Landesmuseum mit rund 80 Arbeiten, Graphik und Aquarellen.
Die "jungen Künstler" kommen aus Düsseldorf, Köln, Hamburg und Niedersachsen. Dieser Nachwuchs steht heute öfter im vierten als im dritten Lebensjahrzehnt. 1910 ist die obere Grenze der Geburtsjahre.
Die meisten Bilder meiden in ihren Themen die Zone der jüngsten Vergangenheit und der leidvollen Gegenwart. Aber im Inhalt ihrer Bilder geben sich die Maler dennoch als Kinder ihrer Zeit zu erkennen.
In einer Zeichnung des Düsseldorfers Helmut Weitz taucht ein ernstes, fragendes Frauenantlitz hinter breiten schwarzen Strichen auf. Wie hinter einem Schleier, einem Gitter erscheint das Gesicht auf dem weißen Blatt. In einem dicken Mittelpunkt laufen die Striche zusammen, mitten im Gesicht: Ein Schicksal, einem Schlage gleich, hat dies Leben zertrümmert.
"Nach dem Kriege" nennt der Braunschweiger Maler Hütter sein Bild: Zwischen hohen kahlen Bäumen ein Friedhof mit schief stehenden Kreuzen, roter Erde und fahlen Wolken vor blauem Himmel. Dazu ein menschliches Wesen, zusammengeduckt und fast gesichtslos.
Ein häuslicher Quartettabend ist das Thema des Ostpreußen Harald Schaube-Kabege. Karl Dönselmann aus Aurich malte einen Kindermaskenzug, der am Martinsabend mit roten und gelben Lampions durch den Abend schaukelt. Hubert Berke-Köln läßt seinen bunten "lustigen Hampelmann" aus einem grauen Hintergrund springen.
Die Kunstkritiker stellen fest, daß diese "jungen" Maler keine Revolutionäre sind. "Sie brechen nicht mit der Logik des kunstgeschichtlichen Ablaufes", sagen sie "sie bieten keine gemalten Weltanschauungen. Aber sie sind mutig und dem Leben zugewandt."
Aus Heinz Knokes Atelier brachte Harm Lichte diese Zeichnung in die Ausstellung
Von Heinz Gerloff holte er das Gemälde "Winterlandschaft"
DER SPIEGEL 11/1947
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