DER SPIEGEL



Dreitausend Bilder und eine Frau

Anna Wale, Manon Etton, Frau Schmidt

Vor wenigen Tagen starb in Berlin-Nord eine Frau, die in ihren jüngeren Jahren in den Kreisen der Berliner Maler einen Namen hatte: Zwei Künstlergenerationen hat sie Modell gestanden, zu mehr als 3000 Bildern. Sie hieß Anna Wale. In der Malerwelt nannte sie sich Manon Etton, wenigstens in ihrer Jugend.

Viele sind geneigt, sich unter einem Malermodell eine Frau von ausgesuchter Schönheit vorzustellen. Anna Wale - Manon Etton war nicht schön. Ihre Kolleginnen, die wirklich hübscher waren, meinten sogar, sie sei unverkennbar häßlich.

Jene Tatsache und diese Meinung änderten nichts daran, daß die Maler von Anna Wale sagten, sie sei das beste Modell, das sie sich wünschen könnten. Und sie sei überdies das originellste und interessanteste Berliner Modell. Bekannte Maler wie Hans Meid, Emil Orlik und Max Slevogt drückten sich etwa so aus: Die anderen wollen originell sein und sind es nicht; Anna Wale ist originell, ohne sich Mühe zu geben, es zu sein.

Willy Jaeckel, der Berliner Maler der "poetischen Sachlichkeit" (wie man ihn genannt hat) schätzte Anna Wale als Modell besonders. Mit Bildern, deren Modell sie gewesen war, hatte er die ersten Erfolge auf den Kunstausstellungen. Diese Frau war das Modell, das ihn zur Arbeit und zu neuen Ideen anregte. Max Liebermann und Lovis Corinth sagten ungefähr dasselbe.

Anna Wale stand, lag, saß an manchem Tage bis zu zehn Stunden in den Ateliers vor den Staffeleien, in einer bestimmten Haltung verharrend. Sie ließ die günstige Gelegenheit, sich dabei einige Gedanken machen zu können, nicht aus und dachte über das Modellstehen nach, darüber, worauf es dabei ankomme. In der Zeitschrift "Kunst und Volk" hat sie einmal einen Artikel darüber geschrieben.

Darin erinnerte sie an Chodowiecki, den feinen Kupferstecher aus der Goethezeit, der gelegentlich Studien durchs Schlüsselloch gemacht habe. Er habe gemeint, kein

Mensch brächte es fertig, sich natürlich zu bewegen, wenn er erst gemerkt habe, er solle gemalt werden. Das also sei entscheidend: daß man ganz ungezwungen sei. Aber die meisten wollten malerisch dastehen. Und das Ergebnis: sie wirkten wie Wachspuppen im Panoptikum.

Anna Wale hat Willy Jaeckel einmal erzählt, wie sie Modell wurde. In einer Broschüre, die Jaeckel gegen Ende der 20er Jahre über seine Arbeit schrieb, kommt er auch darauf zu sprechen.

Nicht aus Neigung zur Kunst ist Anna Wale Modell geworden, sondern aus Not. Sie war damals 17 und Verkäuferin. Der Laden, in dem sie tätig war, ging in Konkurs. Anna Wale war ohne Geld und ohne Aussicht, etwas zu verdienen. Ihre Eltern waren tot. Sie sprang in die Spree.

Ein Droschkenkutscher rettete sie. Einige Tage später versuchte sie, sich mit Gas zu vergiften. Der Gasautomat enthielt nicht mehr genug Gas, und Anna hatte keinen Groschen, ihn in Betrieb zu setzen.

Dann versuchte sie sich als Sängerin in einem Vorstadtvariete. Das Publikum pfiff sie von der Bühne herunter.

Als sie, nach Arbeit fragend, von Geschäft zu Geschäft ging, sprach ein Mann sie in einem Laden an. Er bewunderte ihr schweres kupferfarbenes Haar und die "blühende Ueppigkeit ihres Mundes" (Jaeckel zitiert das so). Es war der junge Leo von König, der spätere berühmte Porträtmaler, der immer interessante Köpfe suchte. So wurde Anna Wale Modell und Manon Etton.

In einem kleinen autobiographischen Aufsatz hat Manon Etton berichtet, wie Leo von König sie dann einem Freunde als Modell empfahl. Der Freund war Max Kaus, der damals an seinem Bilde "Badende Frauen" malte. Manon Etton erzählt:

"Als ich am ersten Morgen im Atelier erschien, begrüßte mich der Künstler zwar freundlich, aber er ließ auf sein "Guten Morgen, freut mich sehr" gleich folgen: "Da ist ihre Kabine, ziehen Sie sich bitte schnell aus, ich möchte anfangen."

Was ich da in den wenigen Minuten in meiner kleinen Kabine alles ausgestanden habe, kann ich gar nicht beschreiben ... Fünf Minuten später war dies alles überwunden, und ich saß ganz beruhigt nach einer kurzen Anweisung des Malers für einen Rückenakt als badende Frau, welche im Sande ausruht. Jetzt war ich Aktmodell geworden."

Einmal war sie zwei Jahre lang von Berlin fort. Sie erzählte nicht gern von dieser Zeit, sagt Jaeckel in seiner Broschüre; er selbst kannte nur die Umrisse der Geschichte.

Danach war Manon Etton in jenen beiden Jahren mit einem leichtsinnigen, sehr talentierten Maler in Paris. Mit einem anderen Künstler ging sie nach England. Von dort kam sie nach Frankreich zurück. Aber dann machte sie Schluß mit Paris. Sie kehrte nach Berlin heim und wurde wieder Jaeckels Modell.

Jaeckel deutet in seiner Broschüre an, daß mehr als ein Künstler an eine gute Ehe zwischen Modell und Maler gedacht und Manon Etton einen Heiratsantrag gemacht hat. Sie lehnte alle ab. Jetzt, als sie, fünfzig Jahre alt, starb, stellte sich heraus, was niemand gewußt hatte - niemand unter den Künstlern jedenfalls: Anna Wale war verheiratet gewesen. Nicht mit einem Künstler, mit einem kleinen Angestellten. Schmidt hieß er.


DER SPIEGEL 11/1947
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