Vor vierzehn Tagen präsentierte der russische Film den Berlinern sein "Findelkind", jetzt ist der amerikanische an der Reihe, das seine vorzuführen. Das russische entzückte als eine ungebrochene kleine Kinderpersönlichkeit, das amerikanische - in "Kleiner Engel" ("Lost Angel") - wollen die wohlmeinenden Professoren eines Instituts zu einem überdurchschnittlichen Standardmenschen erziehen.
Da sitzt dann also mit seinen sechs Jahren ein Greislein am Tisch und kann Chinesisch und Mathematik und weiß über Chemie und Physik Bescheid und spielt zur Erholung statt mit Puppen Schach.
Bis eines Tages ein rauhbeiniger junger Reporter das Wunderkind interviewen soll. Er ist so recht ein großer verspielter Junge und erzählt dem altklugen Kinde von Kobolden, Drachen und märchenhaften Zauberdingen. Wer an sie glaubt, erlebt sie auch.
Das kluge Kind hat gelernt, Phänomenen auf den Grund zu gehen. Es will die unerhörten Zaubereien selbst sehen und macht sich auf, den bemerkenswerten jungen Mann zu besuchen.
Hierauf wird prompt die Walze mit dem Adoptivkind und den notorischen Mißverständnissen zwischen dem in Vaterschaftsverdacht geratenden Pappi und seinem Sweetheart aufgelegt. Dann eine hübsche Wendung: Das bisher experimentell betreute Kind spürt zum erstenmal eine herzliche menschliche Liebe und erwidert sie aus gläubigem Kinderherzen.
Es bringt einen nächtlich Pappis Wohnung heimsuchenden Gangster so weit, daß dieser Verworfene ihm aus einem Märchenbuch vorliest. Und nach einer Trennung von Pappi - da werden viele zu Tränen gerührt - kommt am Ende doch alles ins Lot.
Das Wunderkind: Margaret O'Brien. Das kleine Mädchen ist gar nicht mal hübsch und wird als fertige kleine Schauspielerin herausgestellt.
DER SPIEGEL 11/1947
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