Ein medizinisches, ein psycho-analytisches, ein kriminalistisches Problem, von der Engländerin Mary Hayley-Bell zu zwei Akten addiert, ergaben ein Theaterstück. Im Deutschen hat es den Titel "Zwei Hände" erhalten, im Mannheimer Nationaltheater wurde es jetzt zum erstenmal in Deutschland aufgeführt.
Die Sache ist so: Ein hervorragender, doch bis zur Gewissenlosigkeit von wissenschaftlichem Ehrgeiz besessener Arzt, Dr. Sarclet, bringt eine epochale Operation zustande. Er ersetzt einem jungen Dichter und Musiker die Hände, die er bei einem Unfall verloren hat.
Die transplantierten Hände hat der Doktor einem Toten abgenommen, und dessen nachspukender Schatten spielt nun tückisches Schicksal. Am Ende ist es dieser Schatten, der in die verdunkelten Zusammenhänge eines Kapitalverbrechens des Dr. Sarclet jäh Licht bringt.
Die Zuschauer konnten sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier ein Stoff von üppiger Phantasie vorlag. Indessen bemerkten sie keine innere Ergriffenheit in sich. Das lag offenbar daran, daß weder das Medizinische, die Transplantation der Hände, noch das Psychologische, die Beeinflußung des Dichters durch den Toten, dessen Hände nun die seinen sind, zu überzeugen vermochte.
Andrerseits konnten die Zuschauer nicht leugnen, daß sie interessiert und gefesselt waren, angesichts von Theatermenschen, denen die Gabe des zweiten Gesichts und des "Gespenstersehens" einiges zu schaffen macht. Ueberdies versteht Mary Hayley-Bell sich auf einen spannend konstruierten Dialog und eine gute Szenentechnik.
Das Publikum grübelte sich gespannt in das lange im Dunkel bleibende Geheimnis um Dr. Sarclet hinein und erklärte sich am Schluß lebhaft für Mary Hayley-Bell und ihr Stück.
DER SPIEGEL 11/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.