DER SPIEGEL



Byrds Oase im Südpoleis

UNO-Flaggen auf 0 Grad südl. Breite

"Alle Karten von der Antarktis werden geändert werden müssen", erklärte Admiral Byrd bei einer Pressebesprechung an Bord der "Mount Olympus". Ein paar Stunden später erfuhr es die Welt.

Seit nahezu einem Vierteljahr kommen von der "Mount Olympus" Sonderberichte der United Preß von Admiral Byrds Südpolexpedition. Das Flaggschiff der Expedition hat Presse- und Rundfunkreporter an Bord, zwölf Herren auf beneidenswert interessantem journalistischem Posten.

Jetzt meldeten sie, daß die westliche Gruppe der Expedition ihre Arbeiten abgeschlossen hat und nach Australien unterwegs ist. Im Mai wird die gesamte Expedition zurückerwartet.

Admiral Richard Evelyn Byrd, der 58jährige Leiter der Expedition, ist Antarktis-Spezialist, berühmt durch seine Polflüge und Expeditionen. Die bislang umfangreichsten Forschungsberichte aus dem Südpolgebiet stammen von ihm. Auch diesmal ist Admiral Richard Cruzon dabei, Byrds erster Helfer, seit 1939 sein Antarktisgefährte.

Byrd hat die wissenschaftliche Seite seiner neuen Expedition von Anfang an hervorgehoben. Von anderer Seite war behauptet worden, das Hauptziel der Unternehmung, des "Sprungs nach dem Süden", sei, am Pol Uran zu suchen. Es war die Rede davon, daß die USA sich die strategische Kontrolle über Rohstoffquellen der Atomenergie sichern wollten. Dies wurde dementiert. Andere Länder meldeten auf alle Fälle territoriale Ansprüche an.

Anfang Dezember 1946 startete die 4000-Mann-Expedition in zwei Abteilungen, aufs beste und modernste ausgerüstet. Radargeräte wurden zur präzisen Feststellung von Bodenschätzen mitgenommen. "Robot"-Wetterstationen, die stündlich automatisch einen Wetterbericht geben. Geräte, die den Schnee verdichten, so daß schwere Gegenstände nicht einsinken können. Vorrichtungen zum Formen von Eisblöcken für Flugzeug-Startbahnen. Und viele andere technische Finessen.

Immerhin vergaß man bei aller Sorgfalt, etwas sehr Wichtiges einzupacken: die Schneeschuhe. Mehrere tausend Paare mußten der Expedition mit einem Transporter nachgeschickt werden.

Anfang Januar 47 traf die Expedition, deren Abteilungen sich am Panamakanal vereinigt hatten, am Rande des Südeises ein, jener Packeisbarriere, die das antarktische Landgebiet vom Meer trennten.

Die Expedition teilte sich in drei Gruppen. Zwei machten sich auf die Fahrt entlang der Küste in westlicher Richtung die eine, in östlicher die andere. Die dritte, die Mittelgruppe, lief das Ross-Meer an, um dort eine Landbasis zu errichten.

Admiral Byrd hatte gehofft, Little America wieder benutzen zu können, den Platz an der Walfischbucht, wo er früher monatelang seinen Standort gehabt hatte. In der Tat sichtete ein vorausfahrender Eisbrecher Mitte Januar die Radiomasten des einstigen Eisquartiers. Allerdings ragten die ursprünglich 23 Meter hohen Masten nur noch drei Meter aus dem Eis. Ein Sonderbericht der United Preß schilderte, wie Byrd sich in den unterirdischen Räumen und Gängen des ehemaligen Lagers mehrere Stunden aufhielt. Er und seine Begleiter mußten an Stellen, wo die Gänge eingefallen waren, durch kleine Oeffnungen kriechen.

Der Admiral fand seine Pfeife wieder, die er vor Jahren hatte liegen lassen. Er setzte sie alsbald in Brand und äußerte anerkennend, daß "das Zeug noch ganz ausgezeichnet schmecke".

Ein anderer war so glücklich, seine alte Pelzmütze wiederzuentdecken. Er wunderte sich nicht, daß inzwischen keiner da gewesen war und sie mitgenommen hatte. Er hatte sie seinerzeit liegen lassen, weil sie haarte. Sie hatte mit dieser Ungezogenheit immer noch nicht aufgehört, darum ließ der Mann sie auch diesmal liegen.

Auf einem Tisch lag noch der Zettel mit dem Inventarverzeichnis und der Erklärung, daß es sich um Eigentum der USA handele. Es gab auch noch eine Zeitung aus dem Jahre 1941, die bei Byrds letzter Expedition liegengeblieben war. Sie berichtete von der Wiederwahl Roosevelts zum Präsidenten. Auf einer Herdecke fand sich zum Braten vorbereitetes Fleisch und in einem Schrank Schinken und Geflügel, alles tadellos frisch.

Ende Februar drohten näherrückende Eismassen, die Mittelgruppe auf ihrer Landbasis einzuschließen. Byrd gab den Befehl zur Räumung. Die beiden anderen Gruppen waren sich mittlerweile auf 500 Seemeilen nähergekommen. Sie hatten ihre Aufgaben im wesentlichen durchgeführt.

Nach den Meldungen, die zuletzt eingingen, wurden insgesamt 190 000 Quadratkilometer unerforschtes Gebiet vom Flugzeug aus aufgenommen. 3000 km Küstenlinie wurden neu vermessen. Es gab viele frühere Irrtümer zu berichtigen. Berge und Buchten, die auf den Karten standen, gibt es in der Wirklichkeit nicht.

Eine größere Insel, die Byrds letzte Expedition entdeckt hatte, war inzwischen wieder verschwunden. Außer neuen Bergen, Buchten, Inseln entdeckte man ein Hochplateau, von dem man meint, daß es höher als das von Tibet, also das höchste der Welt sei.

Für das bedeutendste Ergebnis der Polfahrt hält Byrd die Entdeckung einer 104 Quadratmeilen großen "Oase": ein Gebiet mit völlig eisfreien Seen im Antarktisinnern, mit kegelförmigen Erhebungen bis zu 150 Meter Höhe. Das Wasser der Seen ist bedeutend wärmer als das des offenen Meeres. Man vermutet vulkanische Wärmequellen unter diesem Gebiet.

Auch diesmal machte Admiral Byrd einen Polflug. Er warf die Flaggen der UNO-Länder ab, auf null Grad südlicher Breite.

In Stunden raste die Maschine über das große weiße Schweigen, zu dessen Ueberwindung im Schlitten der norwegische Polforscher Roald Amundsen mühselige Wochen gebraucht hat und in dem der Engländer Captain Robert Scott, von dem Norweger bei dem Wettrennen zum Pol 1912 um kurze Zeit geschlagen, zugrunde ging.

Eine neue Geographie und eine alte Pfeife bringt Byrd mit (und junge Schlittenhunde)


DER SPIEGEL 11/1947
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