Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


15.03.1947

Man sprach auch über Politik

Studenten-Debatten am Neckar

Mit der nüchternen Feststellung der Anwesenden eröffnete stud. med. Hugo Schlagintweit im Rollkragenpullover den ersten Studententag der amerikanischen Zone in Heidelberg. Gegen den Vorwurf allzu repräsentationsloser Form verteidigte sich der Sprecher, dem die Verantwortung für den äußeren Ablauf der Tagung oblag, in der Diskussion mit dem Gegenargument: "Törichte Theatralik".

Getagt wurde im Collegium academicum. Es war ursprünglich Jesuiten-Kolleg, aber es kann seine letzte Zweckbestimmung als Kaserne und Wehrbezirkskommando nicht leugnen.

"Rauchen auf den Gängen verboten" war das erste Plakat, das dem Betrachter auffiel. Mit gelben, roten und blauen Karten durfte man den Verhandlungsraum betreten. Er war durch ein Schild an der Tür als Aula gekennzeichnet und erinnerte an ein größeres, schmuckloses Klassenzimmer.

Man sah maßgebende Gäste in großer Zahl. Alle vier Besatzungsmächte waren vertreten; die britische durch Mr. Pender, die Russen durch drei Offiziere. Sie alle zeigten sich sehr interessiert und griffen nicht nur bei Anfragen, sondern auch aus eigener Initiative häufig in die Debatte ein. Auch die Länder-Ministerien Württemberg, Bayern, Baden und Hessen hatten Referenten entsandt.

Neben dem Rektor der Handelshochschule Mannheim bemerkte man zum erstenmal den Rektor einer Technischen Hochschule, Professor Vieweg-Darmstadt. Daß er einen Vortrag über technische Ausbildung und Ethik wählte, war ein Charakteristikum der Tagung. Denn stärker als bisher machte sich die Technische Hochschule durch kluge und rührige Sprecher wie Jordan-München und Ringel-Stuttgart bemerkbar. Auch als erster Vorsitzender des neukonstituierten Zonenrates der amerikanischen Zone fungiert der Vertreter einer Technischen Hochschule: Has-Darmstadt.

Studentische Vertreter aller Zonen nahmen an der Tagung teil. Die französische Zone, zum erstenmal offiziell auf einem Studententag vertreten, lud zu ihrem ersten Studententag in Tübingen ein. Er wird im April statttfinden. In gesamt-deutschen Anliegen, wie Angleichung der Studienordnungen an allen Hochschulen einheitlicher Semesterbeginn zur Regelung des Studienplatz-Ausschusses usw., konnten alle Gäste ihre Stimme abgeben, wobei die französische Zone gelegentlich Vorbehalte machte.

Die beiden Vorsitzenden, Brinkmann-Marburg und Jordan-München, ließen bei der Diskussion die Studenten von ihrer neu gewonnenen Redefreiheit den ausgiebigsten Gebrauch machen. Dabei wurde allerdings aus dem Hörerkreis zweimal der Vorwurf des Dilettantismus laut,

Da es das erste Treffen der US-Zone war, standen die täglichen Sorgen und Nöte der Studenten verständlicherweise im Mittelpunkt. Nur einmal kam es zu einem Gespräch über Studenten und Politik.

Den Ausgangspunkt bot nicht das Referat des trotz seines Alters erstaunlich frischen Heidelberger Sozialwissenschaftlers Alfred Weber über das nämliche Thema. Die Debatte über studentische Vereinigungen und parteipolitische Gruppen gab den Anlaß.

Hier prallten die Gegensätze aufeinander. Ein Gast machte den Delegierten den Vorwurf unzulässiger Intoleranz. Der redelustige Vertreter der Berliner Technischen Universität, Bach, gebrauchte den Vergleich mit der elektrischen Leitung, bei der man Sicherungen einbaut.

Das Gespräch kam indessen zu einem positiven Ergebnis: Man entschloß sich zu einem Aufruf an die deutschen Studenten, aus ihrer politischen Zurückhaltung herauszugehen und sich den Fragen der praktischen Politik zu widmen.

Die Vorsitzenden ließen den Studenten in Heidelberg ausgiebige Redefreiheit



DER SPIEGEL 11/1947
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DER SPIEGEL 11/1947

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