Die schwedische Stadt Malmö hatte eine Sensation. Fünf Hagenbeck-Elefanten, die vor Kriegsschluß nicht mehr rechtzeitig nach Hamburg zurückkehren konnten, protestierten dagegen, zusammen mit anderen Tiergruppen des Zirkus Hagenbeck verkauft zu werden und dem "Fluchtkapitalbüro" zu verfallen.
Die Menge stob auseinander, als der Dompteur Hugo Schmitt mit seinen Dickhäutern auf Malmös verkehrsreichstem Platz erschien und die Elefanten freiließ. Er drückte seine Peitsche einem Polizisten in die Hand und sagte dazu: "Da, nehmen Sie. Die Elefanten gehören dem Staat".
Die Elefanten, ausnahmslos weiblichen Geschlechts, wußten anscheinend, daß ihre große Stunde geschlagen hatte. Sie benahmen sich dementsprechend. Sie begannen mit Urwaldstimme zu trompeten. Der eine von ihnen drückte eine Schaufensterscheibe ein. Ein anderer bog ein Verkehrsschild zu einem Fragezeichen. Als ein Streifenwagen der Polizei herbeieilte, bildeten die Dickhäuter einen drohenden Ring um ihren Dompteur.
Mit solchen renitenten Straßenbenutzern und Verkehrsteilnehmern hatten die Polizisten von Malmö noch nie zu tun gehabt. Die Lage wurde brenzlig. Die Tiere ohne ihren Dompteur konnten eine Katastrophe herbeiführen, zumal sich immer mehr Leute einfanden, um dabei zu sein. Beherzte Malmöer überredeten Hugo Schmitt, die Peitsche wieder an sich zu nehmen und seine Dickhäuter abzuführen. Er machte das mit einem Fingerschnalzer.
Als der Vertreter des Fluchtkapitalbüros, Bankdirektor Ivar Vilen, auf dem Schauplatz der zoologischen Demonstration eintraf, trotteten die fünf Elefantendamen gerade gemütlich hinter Herrn Schmitt her. "Gott sei Dank", sagte der Bankdirektor, "alles ist wieder klar". Und setzte hinzu: "Die Leute von Hagenbeck hier sind ganz prächtig, aber natürlich haben die lange Wartezeit und die Ungewißheit den Dompteur ein bißchen nervös gemacht." Hugo Schmitt hat das mit der Nervosität nachher bestätigt.
Die Presse stürzte sich auf die ungewöhnliche Protest-Aktion. Die schwedischen Zeitungen füllten ihre Spalten mit Reportagen, Interviews, Photos und Karikaturen. Und in allen Zeitungsberichten wurde nicht gegen, sondern für Hugo Schmitt aus Hamburg Stellung genommen.
Vor einiger Zeit waren in den Zeitungen Anzeigen erschienen, in denen Elefanten, Seelöwen, Araberhengste, Zirkusuniformen und Wagen zum Verkauf angeboten wurden. Ein Inventurausverkauf des Zirkus Hagenbeck, der 1944 von dem schwedischen Zirkus Trolle Rhodin engagiert worden war, stand bevor.
5 Elefanten, 8 Königstiger, 7 Seelöwen, 6 Kamele, 6 Zebras, 6 Ponys, 8 Vollblutaraberhengste, 4 Schulpferde, 15 Paviane sowie die dazu notwendigen Wagen und Zelte reisten damals mit dem Personal nach Schweden. Als der Vertrag 1945 abgelaufen war, wurde dem Zirkus die Einreise nach Deutschland wegen Futtermangels untersagt.
Alle Bemühungen von Lorenz Hagenbeck, der bis auf den Zehbau das gesamte Material seines 60 Jahre bestehenden Zirkus durch Kriegseinwirkung verloren hat, waren vergebens. Das schwedische Fluchtkapitalbüro beschlagnahmte das in Schweden verbliebene Zirkus-Material, Interessenten wurden aufgefordert, Angebote einzureichen.
"Eine Dressurgruppe ist wie eine Maschinerie. Man kann sie nicht auseinanderreißen und die Tiere wie Kühe oder Schweine verkaufen", schreiben die schwedischen Zeitungen. Das ist auch die Meinung von Hugo Schmitt.
Es war ihm durchaus ernst mit seiner Demonstration. "Es bestand keine Gefahr für einen einzigen Menschen", sagte er später. "Ich hatte die Elefanten die ganze Zeit unter Kontrolle. Es ist sehr bedauerlich, daß einer von ihnen in ein Fenster sehen wollte, als ich mit der Polizei sprach."
Einem Reporter sagte Schmitt: "Ich habe meine Frau und zwei Kinder in Hamburg. Ich möchte nach Hause und mit meinem Volk schlecht leben. Wenn die Schweden aber meine Tiere kaufen, dann will ich mich nicht von ihnen trennen."
Inzwischen hat Lorenz Hagenbeck alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Verkauf der Tiere zu stoppen. Hamburgs Bürgermeister Brauer hat ihm Hilfe zugesagt. Zirkus Hagenbeck ist die bedeutendste Geldquelle für den weltberühmten Stellinger Tierpark. Außerdem ist der Tierbestand dort durch den Krieg so gelichtet, daß er ohne die in Schweden zurückgebliebenen Tiergruppen nicht wieder aufgebaut werden könnte.
Lorenz Hagenbeck hat 1916 mit seinem Zirkus die erste Tournee in Schweden durchgeführt. Damals schenkte er als Dank für freundliche Aufnahme dem Stockholmer Zoo einen Wisentbullen und zwei Wisentkühe. Sie haben sich inzwischen auf 25 Tiere vermehrt und stellen heute die Hälfte des europäischen Wisent-Bestandes dar.
In der ganzen Welt erkennt man die Arbeit von Lorenz Hagenbeck an. Er ist Mitglied vieler zoologischer Vereinigungen auf dem ganzen Erdball. Mit der ersten Amerika-Post traf von der Zoological Society in New York eine neue Mitgliedskarte für Lorenz Hagenbeck ein.
Hagenbecks Elefanten im Staatsdienst, von Hugo Schmitt ferngelenkt*)
*) Der schwedische Karikaturist denkt es sich so: Die Elefanten arbeiten im Transportwesen, bei der Straßenreinigung, bei der Polizei und bei der Feuerwehr, aber ohne Schmitt geht es nicht. Er muß seine Tiere per Radio dirigieren. ("Sag Schmitt, er soll ihnen verbieten, so schnell zu laufen!" - Will Herr Schmitt ihnen befehlen, nicht so mit den Ohren zu wackeln?")
DER SPIEGEL 11/1947
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