DER SPIEGEL



SCHACH

Pech bei dreizehn Runden

Unzicker vergaß zu ziehen

Das Schachmeisterturnier im Essener Kaiserhof, der erste große Wettkampf nach Kriegsende, sah nach 13 Runden den robusten Verteidigungsspieler Georg Kieninger als Sieger. Sein schärfster Rivale, der 22jährige Münchner Student Wolfgang Unzicker - vielgetippter Außenseiter des Turniers - blieb ihm hart auf den Fersen.

"Unzicker ist der moralische Sieger", stellte Altmeister Kieninger nach der Siegerehrung in aller Oeffentlichkeit fest. Und in der Tat hatte der junge Student großes Pech. 13 Runden!

Entscheidend war die sechste Runde. Unzicker traf auf den alten Turnierhasen Kieninger.

Der junge Student erkämpfte sich die Führung. Er sah den Sieg schon winken, als Kieninger ihn plötzlich darauf aufmerksam machte, daß er die Zeit überschritten hatte.

Unzicker lachte und wies auf den Zug," den er zuletzt gemacht hatte. Dann aber mußte er in der Tat feststellen, daß Kieninger bereits wieder gezogen hatte und er selbst längst darauf hätte erwidern müssen. In der Phantasie war er die ganze Zeit bei seinem nächsten Zug gewesen, und das kostete ihn den Sieg.

Auf Kieninger mit 8 und Unzicker mit 7 1/2 Punkten folgte Dr. Winfried Lange, Essens zügiger Angriffsspieler. Der deutsche Meister Rellstab brachte es als Vierter nur auf 5 1/2 Punkte, und Sämisch teilte sich mit Rautenberg bei je 3 1/2 Punkten den letzten Platz.

Meister Sämisch gab auch in Essen eine seiner weltberühmten Simultan-Blindvorführungen zum besten. Allerdings begnügte er sich diesmal mit acht Brettern. Wie üblich hatte er sich hinter einem großen Aschbecher verschanzt und drehte eine Zigarette nach der andern.


DER SPIEGEL 11/1947
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