29.03.1947

Rotarmisten griffen zu

An der Oder donnerten diese Woche russische Geschütze, Fliegerbomben explodierten, und Russen mit Flammenwerfern traten in Aktion. Sie hatten nur Teilerfolge. Die Eisbarrieren auf der Oder bei Küstrin konnten zunächst nicht gesprengt werden. Der Deich brach, und mit einer Geschwindigkeit von 8 Stundenkilometern wälzte sich die Flut über das Land. Innerhalb von 8 Stunden stand zwei Drittel des Oderbruchs unter Wasser. Etwa 10 000 Personen sind im südlichen Teil des Bruchs vom Hochwasser eingeschlossen
Mehr als 20 000 Menschen mußten räumen. Sowjetische und deutsche Fahrzeuge und Kähne konnten Menschen und Hausrat retten. Die brandenburgische Regierung dementierte Meldungen über Todesopfer.
Das Landratsamt Bad Freienwalde jedoch, das die Katastrophe auf die ungleichmäßigen Eissprengungen der Russen zurückführt, hat allein in einer Ortschaft über 225 Tote festgestellt.
Der Oderdamm nördlich Reitwein ist fast 6 Kilometer breit aufgerissen. Die Oder hat sich ein neues 100 Meter breites Bett gesucht.
"Das ist seit 150 Jahren das verhängnisvollste Hochwasser", schrieb die Berliner "Tägliche Rundschau", "7000 ha Land sind unter Wasser gesetzt. Es werden Monate vergehen, ehe die Schadenstellen im Oderdeich abgedichtet sind und die Bevölkerung zurückkehren kann."
Lang andauernde Zwangsarbeit wurde allen angedroht, die das Notstandsgebiet unbefugt betreten.
Obwohl die Katastrophe seit Wochen vorausgesehen wurde, war nichts getan worden, um bedrohte Getreidespeicher und Zuckerläger zu räumen.
Eine Zentralflüchtlingsstelle ist in Seelow gebildet worden. Ueber tausend Hochwasserflüchtlinge sind in den letzten Tagen nach Berlin gekommen. Sie wurden in Notquartieren untergebracht.
Der Amtsschimmel scheut auch das Hochwasser nicht. Augenblicklich streiten sich der Magistrat Berlin und die Provinzialverwaltung Potsdam. Es geht um die Zuständigkeit. Berlin möchte seine Ausgaben für die Flüchtlinge zurückerstattet haben. Aber die Potsdamer Leitung ist sehr lang und wurde zudem häufig unterbrochen. Es wurde daher zunächst keine Unterstützung gezahlt.
Mit altpreußischer Gewissenhaftigkeit hatte man den Flüchtenden auf den
Sammelstationen vor Berlin ihre Lebensmittelmarken abgenommen. Bauern, die mit ihren Gespannen vor dem Hochwasser flohen, wurden an den Kreisgrenzen die Zugtiere ausgespannt. Es besteht nämlich eine Verordnung, daß "Vieh nicht von einem Kreis in den anderen geführt werden darf".
Das Finanzministerium hat aber inzwischen 1 Million RM zur Verfügung gestellt und die evangelische Kirche 9000 Kilogramm aus Auslandsspenden. Es werden alle Anstrengungen gemacht, die Oder wieder in ihr Bett zu bringen.

DER SPIEGEL 13/1947
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