29.03.1947

Hunger-Jubiläum

Selbst Anti-Nazis erinnern sich bei der jetzigen 100. Lebensmittelzuteilung gern der 700 g Fleisch und 420 g Fett pro Woche, mit denen am 28. August 1939 "schlagartig" - wie alles zu jener Zeit - die Rationierung der Lebensmittel und damit die erste Kartenperiode einsetzte.
Im allgemeinen ist ein Jubiläum erfreulicher Anlaß zu stolzem Rückblick auf errungene Erfolge, die sich aus kleinen Anfängen ergeben haben. Bei der Betrachtung des deutschen Ernährungsproblems der letzten acht Jahre ist es umgekehrt.
"Großdeutschland" ging mit erheblichen Vorräten in den Krieg. 8,6 Millionen t Getreide lagerte als nationale Reserve in den Silos. Der Viehbestand lag mit 800 000 Stück über der Zahl von 1932. Für 418 000 t waren Margarinerohstoffe aufgespeichert. Brot, Kartoffeln und Mehl wurden frei abgegeben.
Solange die Hakenkreuzsonne im Zenit stand, hielten sich auch die Lebensmittelzuteilungen. Auf Kosten der besetzten Länder war der großdeutsche Brotkorb halbwegs ausreichend gefüllt.
Im Juni 1943 jedoch - der 50. Kartenperiode - konnte kein Propagandascherz darüber hinwegtäuschen, daß mit der allgemeinen Kriegsbegeisterung die Fleisch- und Fettrationen um mehr als die Hälfte gesunken waren.
Fünf Minuten vor zwölf trieben die zurückflutenden deutschen Truppen alles erreichbare Vieh in die "Festung Deutschland" zurück. Die letzten Kartenperioden Nummer 73 und 74 wurden von acht auf neun Wochen gestreckt und dann kam eine Weile gar nichts.
Die deutsche Bevölkerung wurde in den Tagen des Zusammenbruchs zum Selbstversorger und deckte sich aus den Lebensmittelbeständen ein, die sie in den Silos und Lagerhäusern vorfand. Und das war nicht wenig.
Mit den alliierten Truppen hielten die Kalorien ihren Einzug in Deutschland. Die Vitamine wurden als eine ausgesprochene Nazi-Erfindung abgetan. Einige Antifaschisten traten auf den Ernährungsämtern an die Stelle der Pg.s. Der Reichsnährstand blieb bestehen, die Ernährung jedoch wurde von Tag zu Tag schlechter.
Eine Weile nährte sich die Zivilbevölkerung von den geplünderten Vorräten. Dann stellte im Februar 1946 die Militär -Regierung fest, daß die Lebensmittel für die auf engstem Raum zusammengedrängten 65,6 Millionen Bewohner nicht mehr ausreichten. Sie halbierte in der britischen Zone mit einem Federstrich die Brotzuteilung auf 5000 g.
Im Juni 1946 erhielten die deutschen Normalverbraucher in der britischen Zone 1050, in der amerikanischen 1270 und in der französischen Zone sogar nur 880 Kalorien. (Nach einer Völkerbundrechnung benötigt ein nicht arbeitender Mensch täglich 2400 Kalorien.)
Die russische Zone zeichnete sich auch ernährungstechnisch durch eine besondere Eigenwilligkeit aus, die zunächst darin bestand, daß es noch weniger zu essen gab als im Westen. Dann wurden sechs Gruppen eingeteilt von denen die Gruppe IV (Angestellte) Mitte 1946 1250 Kalorien zugeteilt bekam. Zumindestens schriftlich. Inzwischen wurde die "Friedhofskarte VI" abgeschafft. Ein Erfolg, den die SED auf dem Konto Bodenreform verbucht. Früher schlafen gehen, besser kauen und nicht aufregen, das sind Ratschläge, mit denen die Ernährungswissenschaftler die Bevölkerung füttern. Ihre Kollegen von der Ernährungswirtschaft tun jedoch dabei alles, um die hungernde Bevölkerung durch voreilige Versprechungen und mysteriöse Kalorienberechnungen laufend in Aufregung zu halten. In der britischen Zone zeichnete der Links-Junker Schlange -Schöningen verantwortlich, der meistkarrikierte Mann des letzten Jahres. Besonders die KPD läuft gegen ihn, den das beharrliche Vertrauen der Engländer im Amt hält, Sturm.
Ohne die Hilfe des Auslandes, darüber ist man sich einig, wäre die Versorgung Deutschlands längst zusammengebrochen. Die britische Zone erhielt im vergangenen Jahre Zuschüsse an Getreide, deren Höhe zwischen 176 000 Tonnen im Juli und 45 000 Tonnen im August schwankte. Insgesamt wurden 1946 2 Millionen Tonnen Lebensmittel in die britische Zone eingeführt.
Zwei Jahre hindurch steht das Ernährungsproblem als Thema 1 im Widerstreit der öffentlichen Meinung und gibt Wirtschaftlern und Politikern Stoff zur Diskussion. Sämtliche Parteien und Behörden fordern eine deutsche Walfangflotte zur Schließung der katastrophalen Fettlücke. Die Militär-Regierung ist vorläufig noch dagegen.
Sachverständige des Zweizonen-Wirtschaftsamtes machen folgenden Vorschlag: Deutsche Butter soll nach England ausgeführt und dafür Kopra eingeführt werden. Auf Grund des Weltpreises könnten für 1 t Butter 5 t Kopra eingetauscht werden, aus denen sich 3 1/2 t Margarine herstellen lassen.
Das hungernde Deutschland zieht viele ausländische Größen an, die die Ernährungslage "studieren" wollen. Der letzte Gast war der ehemalige Präsident der USA Herbert Hoover. Die Vereinigten Staaten leben heute kalorienmäßig um 2 Prozent besser als vor dem Kriege.
Hoover erstattete Präsident Truman dreimal Bericht. Er fordert die Zurückstellung aller Reparationsleistungen und 951 Millionen Dollar zur Finanzierung amerikanischer Lebensmittelimporte. Seine Vorschläge haben keine philantropischen Hintergründe. Nach seinen eigenen Worten entspringen sie dem Wunsch nach Wiederaufnahme der Produktion. Und Amerika fühlt sich doch irgendwie verantwortlich.
"Eine Hungersnot im üblichen Sinne besteht nicht", erklärte der englische Minister Hynd als verantwortlicher Mann für die britische Besatzungszone. Die Statistiken sagen etwas anderes. Die Aerztekammer Hamburg teilt mit, daß 60 000 Personen wegen Hungerödemen Zusatzkost erhalten. In Berlin begingen von 333 Selbstmördern 168 die Tat aus Nahrungssorgen.
Die amerikanische Zeitschrift "Time" berichtet: "Das Ausmaß, in dem Hunde amerikanischer Besatzungsangehöriger getötet und verspeist werden, kommt einer Herausforderung gleich." In Remscheid haben von 100 werktätigen Normalverbrauchern 60 mehr als 25 Prozent Untergewicht. In zwei Jahren und elf Monaten werden sie auf 50 Prozent ihres Normalgewichtes gekommen sein, haben Remscheider Aerzte ausgerechnet.
Keine Stadt in Westdeutschland hat in der letzten Zeit die zugesagten 1550 Kalorien erhalten. Durchschnittlich wurden in der letzten Zuteilung in Köln 746, Gelsenkirchen 971, Bochum 1122, Duisburg 1190 und Essen 1240 Kalorien täglich ausgeteilt. Auch die Jubiläumszuteilung steht unter drohenden Vorzeichen. Aus dem Westen werden neue Arbeitsverweigerungen gemeldet. Nicht nur im Ruhrgebiet, selbst in Niedersachsen stehen die Leute Schlange nach Brot.
Der 69jährige niedersächsische Ernährungsfachmann mit dem korrekten Scheitel, Minister August Block (NLP), appellierte am letzten Sonntag per Rundfunk an die niedersächsische Landbevölkerung. Er kündigte den Zusammenbruch der Fettversorgung an, wenn nicht sofort eine Erhöhung der Milchablieferung um 15 Prozent einträte.
Die eichenfeste niedersächsische Landbevölkerung nahm die Mitteilung zur Kenntnis. Die Kalorienzahl bleibt die gleiche!

DER SPIEGEL 13/1947
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