12.04.1947

Braunes Zeltlager

Stacheldrahtzaun, bemannte Wachtürme und grüngekleidete Figuren mit Miniaturschieß gewehren, die sich als Wachmannschaften entpuppen, sind das äußere Kennzeichen des Internierungslagers für Nazis vor den Toren von Darmstadt. 11 600 Internierte bewohnen die Zeltstadt, die an ein großes Pfadfinderlager aus früheren Zeiten erinnert. An der Hauptwache wird dem Besucher die Kennkarte abgenommen und dafür ein Passierschein ausgestellt. Eine Untersuchung auf Waffen und andere verbotene Gegenstände findet nicht statt.
Auf dem Gang zur deutschen Lagerleitung kontrollieren ehemalige Gestapo -Beamte und SS-Leute mit einer weißen Armbinde, auf der OD (Ordnungsdienst) steht, die Papiere. Vor Winteranfang übergaben die Amerikaner das Lager dem Ministerium für politische Säuberung in Hessen zur Verwaltung.
Ein Blick in die statistischen Unterlagen der deutschen Leitung vermittelt, daß von 11 600 Internierten 24 Prozent in festen Steinhäusern, 12 Prozent in Holz- und Stahlhütten und 64 Prozent in Zelten wohnen. Die Unterhaltung des Lagers kostet die hessischen Steuerzahler täglich 56 000 Reichsmark.
Die Insassen fallen mit wenigen Ausnahmen unter die Bestimmung des automatischen Arrestes. Sie sind SS- und SA -Führer, SD- und Gestapo-Leute, Politische Leiter, Ortsgruppenleiter, hohe Beamte, Angehörige der Waffen-SS usw. Die Internierten haben durch demokratische Wahlen aus ihrer Mitte eine Selbstverwaltung gewählt: Gemeindeälteste, Vertreter für den Gemeinderat, Bürgermeister und Oberbürgermeister. Der 47jährige ehemalige Ortsgruppenleiter Paul Dietz waltet als Oberbürgermeister. Er überblickt wegen seiner Länge von über zwei Meter im wahrsten Sinne des Wortes die Häupter seiner Lieben, die ihn durch Ziehen der Kopfbedeckung sehr höflich grüßen und mit "Herr Oberbürgermeister" anreden.
Im Lager stehen die Zelte fein säuberlich ausgerichtet in langen Reihen. Jedes
Zelt hat elektrische Beleuchtung, deren ganze Anlage die Internierten selbst beschafften und legten. In mehreren Zelten verbreiten Spezial-Autobirnen ihr helles Licht. In einem Zelt brennen ungefähr 80 Autobirnen.
Die Internierten berichten, daß die Zelte im Winter wahre Eisgrotten gewesen seien. Jedes Zelt hat einen Ofen, zwei- bis dreihundert Raummeter Holz wurden täglich verheizt.
Die Lagerküche ist peinlich sauber. 1700 Brutto-Tageskalorien (netto etwa 1650 bis 1675) erhält der Empfänger des normalen Verpflegungsatzes, 2040 der Kranke und Teilschwerarbeiter und 2400 der Schwerarbeiter. Die Internierten bezeichnen die Ernährung als eintönig und einseitig. Am Besichtigungstag gab es schneeweiße Nudeln mit Erbsen als warme Kost. Von ihren Angehörigen erhalten die Insassen durchschnittlich im Monat 13 000 Pakete und 35 000 Päckchen mit Lebensmitteln.
Ein alter Pferdestall wurde in ein Lagertheater umgewandelt. Die Akteure sind Laien und finden besonders in Frauenrollen großen Anklang. Der Darsteller der Christl im "Vogelhändler" ist ein massiver Bursche. Früher war er Jugendmeister im Gewichtheben, heute singt er die ganze Partie mit Kopfstimme.
Vorträge und Kurse aller Art, veranstaltet von Lagerinsassen für Lagerinsassen, sollen über die Stumpfheit des Lagerlebens hinweghelfen. Sprachlehrgänge und Vorträge von den "Erlebnissen des deutschen Kaufmanns in Brasilien" über die "Relativitätstheorie" bis zur "Gottesidee" bieten ziemlich alles, was das Herz begehrt. Professor Dr. Hermann König, ein internierter Atomforscher von Ruf, schlug alle Angebote der Amerikaner aus und zog es vor, seinen braunen Kameraden "aus der Welt der Atome" zu berichten.
Im eigenen Krankenhaus behandeln 26 Aerzte aller Fachrichtungen. Jede Operation kann hier durchgeführt werden. Der Chefarzt erklärt stolz, daß das Lager frei von Ungeziefer sei, bezeichnet aber alle anderen Zustände als "Schweinerei". Nach seiner Schätzung seien 1600 Internierte lagerunfähig, während der Landesamtsarzt nur 800 feststellte.
Aeltere Gefangene leben in den Kellern von Steinhäusern. Hinter einem Vorhang verbirgt sich verschämt die Klause des Prinzen Philipp von Hessen, der hoher SA -Führer und Oberpräsident von Nassau war. Seine Hoheit selbst ist auf Urlaub gefahren, um seine Tochter zu besuchen. In dringenden Fällen wird Urlaub bis zu zwölf Tagen gewährt. Alle zwei Monate dürfen Angehörige auf zwei Stunden die Internierten besuchen. Sie machen gern davon Gebrauch und marschieren lebensmittelbepackt bis zum Lager.
Zu den Prominenten gehört auch Reichsleiter honoris causa Konrad Goebbels, älterer Bruder von Propaganda-Joseph. Der mittelgroße, bebrillte Mann mit den Fledermausohren und dem Hitlerbärtchen konnte sich lange Zeit im Odenwald verborgen halten. Mehr als zwanzigmal wurde er nach seiner Verhaftung von Intelligence -Offizieren vernommen, die wissen wollten, wo sich Hitler, Bormann und Joseph Goebbels aufhielten.
Konrad ähnelt seinem Bruder nur äußerlich. Er hat keine großen Pläne mehr. "Ich lasse meine Kinder formisch arbeite oder jehe widder zurück in de Textilbrangsche", erklärt er mit rheinländisch singender Dialektik. Während seiner Ausführungen brät ein Ortsgruppenleiter mit einem großen Stück Speck Fleischklöße. Angenehmer Duft durchzieht das Zelt. In einem anderen Zelt lebt ein alter Kämpfer der SS. 1938 ist er für fünf Wochen Wachmann in Dachau gewesen. Er mußte deshalb kürzlich in Dachau an einer "Modenschau" und "Revue" teilnehmen, d. h. im Scheinwerferlicht vor ehemaligen Kz-Häftlingen auf und ab gehen. Nach seiner Meinung waren in Konzentrationslagern zu 70 Prozent faule Elemente, denen man dort das Arbeiten beibringen wollte. Die Häftlinge hätten eine Art Sanatoriumsaufenthalt erhalten und ihre Familien wären außerdem noch durch die NSV unterstützt worden.
Auch Ribbentrops Photograph Helmut Laux, früherer Auslandsberichter der "Berliner Illustrirten" und SS-Obersturmführer, ist interniert. Er hat zur Zeit ein Aufnahmeatelier im Lager und hofft auf günstigen Spruchkammerentscheid. 1939 fuhr er mit Ribbentrop nach Moskau und lieferte die Bilderserien über Stalin. Einige gute Bilder von dem Generalissimus sind noch nicht veröffentlicht worden. Laux gedenkt, sie nach seiner Freilassung günstig ans Ausland zu verkaufen.
Viele Internierte sind zu jeder Arbeit bereit und wollen am Aufbau helfen. Manche geben sich als verstockte Nazis, andere sagen, daß sie im Interesse ihrer Familie vor der Spruchkammer zu Kreuze kriechen wollen. Fast, alle sind überzeugt, daß die Internierung keine Demokraten aus ihnen mache.
Einmütig empört sind alle über die Spruchkammertätigkeit. Bei dem augenblicklichen Schneckentempo würde es vier Jahre dauern, bis das Lager bearbeitet sei. Die Internierten behaupten, daß Kriegsauszeichnungen wie EK I vor der Spruchkammer als Belastung gelten.
Die letzten amerikanischen Lastwagen mit Internierten als Fahrer sind inzwischen auch ohne Kontrolle ins Lager hineingebraust. Am Stacheldraht und auf den Wachtürmen leuchten starke Scheinwerfer. Die Posten patrouillieren. "Sie sind durchweg korrupt und unerfahren", erklärt lächelnd der riesige Oberbürgermeister. "Wir könnten mit Leichtigkeit ausbrechen, wenn wir wollten." Es ist dunkel, der Besucher gibt seinen Passierschein ab, erhält seine Kennkarte zurück und verläßt unkontrolliert das Lager.
Am Stacheldraht Besucher Sie sorgen für Nachschub
Kein Pfadfinderlager,
sondern das Fegefeuer der Internierten

DER SPIEGEL 15/1947
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