19.04.1947

Preußen-Attacke

Traunstein (Oberbayern) feiert am ersten Osterfeiertag seit Jahrhunderten den Brauch des Georgenritts. Auf blumengeschmückten Pferden kommen die Bauern in stilvollen Heimattrachten aus allen Dörfern der Traunsteiner Gegend und veranstalten nach dem Gottesdienst einen feierlichen Umritt um die Kirche des Heiligen Georgs. Der Nachmittag ist dann in guten Zeiten Tanz und bayrisch Bier gewidmet.
Jetzt aber sind die Zeiten schlecht. Dies brachte Landwirtschaftsminister Dr. Josef Baumgartner zum Ausdruck, der am fraglichen Tag zu den bayrischen Bauern über die Ernährungslage sprach.
"Wir dürfen nicht sture Bauern sein und keine einseitigen Föderalisten", sagte der 42jährige CSU-Minister, selbst Sohn eines Kleinbauern und Oberbayer, neulich vor oberfränkischen Landräten.
Anfänglich zum Geistlichen bestimmt, wandte er sich vielmehr dem Studium der Geschichte und der Volkswirtschaft zu, erhielt das Volkswirtdiplom und promovierte zum Doktor der Staatswissenschaften. 1933 entwich er nach Oesterreich, kehrte zurück, ging nach Prag und wurde schließlich in Schutzhaft genommen. Im Kriege lehnte er es ab, Offizier zu werden und blieb Feldwebel.
Nach ihm bestieg kurzatmig der 61jährige Dr. Jakob Fischbacher, Kreisdirektor des Bayrischen Bauernverbandes, die Rednertribüne und benutzte die Gelegenheit, einmal heftig gegen die Preußen vom Leder zu ziehen.
"Wenn ein Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heiratet", rief er im Brustton aus, "so ist dies in meinen Augen Blutschande. Die Preußen, dieses Zeugs, und die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen*) werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen. Am besten schickt man die Preußen gleich nach Sibirien."
Dr. Fischbacher wollte ursprünglich Pfarrer werden und hatte bereits die niederen Weihen erhalten. Dann besann er sich eines anderen und wurde Sekretär beim Bauernführer in Rimsting, wo er beheimatet ist, baute sich ein Haus und wurde stellvertretender Bürgermeister.
Seine Pläne waren weit gesteckt. Erst wollte er Minister, dann Landrat werden. Schließlich begnügte er sich mit dem Posten des Kreisdirektors des Bayrischen Bauernverbandes.
Rimsting ist mit Flüchtlingen vollgepropft. Jakob Fischbachers Haus aber ist ohne Einquartierung.
Etliche Leute behaupten, daß die preußenfeindlichen Reden des Kreisdirektors einen realen Hintergrund hätten: seine älteste Tochter, die in München studiert, trage sich nämlich mit der Absicht, einen Preußen zu heiraten, was dem stammesbewußten Bajuwaren offensichtlich gegen den Strich gehe.
Die Aeußerungen Fischbachers haben auch in Bayern selbst einigen Unwillen hervorgerufen. Die CSU in Bad Eiflungen hat heftig protestiert, ebenso die SPD in Rosenheim. Das Staatskommissariat für das Flüchtlingswesen forderte die Verhaftung Fischbachers. Und der bayrische Bauernverband ist in einer öffentlichen Erklärung scharf von den Aeußerungen seines Kreisdirektors abgerückt.
Zum Wortführer machte sich das Präsidialmitglied Dr. Michael Horlacher, der auch den Posten des Landtagspräsidenten versieht. Aber auch Horlacher steht an sich auf dem Standpunkt, in Bayern sollten die Bayern die erste Rolle spielen. "Neubürger" müßten sich den herrschenden Sitten anpassen.
In einem Interview versicherte der Generalsekretär des Bayrischen Bauernverbandes, Dr. Schlögl, dessen Stellvertreter Nicht-Bayer ist, daß auch er die Haltung seines Kreisdirektors verurteile. Er selber habe sich verschiedene Male zur "Preußenfrage" geäußert. Jedoch sei und müsse dies in einer anderen Art geschehen, als es Fischbacher getan habe.
Der kleine, untersetzte Jakob Fischbacher, mit Spitzbauch und graumeliertem Haar, steht zur Zeit einem Untersuchungsausschuß Rede und Antwort. Er erklärte, er habe seine Aeußerungen nicht so gemeint und sei der Ansicht, daß man mit Bauern anders reden müsse als mit Städtern.
Die Münchner "Neue Zeitung" zeigte sich auf der Höhe der Situation und schlug einen Bajuw-"Arier"-Paragraphen vor. Jedoch sollen Personen mit zwei bayrischen und zwei preußischen Großelternteilen nur halb so hart behandelt werden wie Vollpreußen: Sie sollen nicht nach Sibirien, sondern nur bis Murmansk ausgewiesen werden.
*) Auf Grund einer Anordnung des Länderrats sollten Bayern und Württemberg-Baden Evakuierte und Bombenflüchtlinge in ihre Heimatgebiete zurückführen. Entsprechende Maßnahmen unterblieben in Württemberg-Baden. Bayern jedoch war das einzige deutsche Land, das deutsche Mitbürger buchstäblich hinauswarf.

DER SPIEGEL 16/1947
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