19.04.1947

Der SS-Staat

51 000 Menschen sind in dem KZ Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar umgekommen. Am zweiten Jahrestag der Befreiung des Lagers, dem 11. April, begann in Dachau der Prozeß gegen 31 SS-Wachen, Aerzte und Kapos.
"Wir wollen in diesem Prozeß beweisen, daß diese 31 Personen Teilnehmer an der Ausführung eines gemeinsamen Planes waren, durch den Angehörige verschiedener Nationen der Tötung, Aushungerung und Mißhandlung ausgesetzt waren", erklärte der amerikanische Hauptankläger William D. Denson in der Eröffnungsrede.
Die Verteidigung bestritt sofort die Zuständigkeit des Gerichts, da die zur Debatte stehenden Verbrechen vor Eintritt der USA in den Krieg begangen worden seien und Buchenwald außerdem in der russischen Besatzungszone liege. Die Anklagevertretung entgegnete, daß es ein internationales Recht gäbe, solche Bestien abzuurteilen.
"Die Schweine in der SS-Stallung erhielten besseres Futter, als es die Verpflegung der Häftlinge darstellte", berichtete der erste Zeuge, der 62jährige stellvertretende tschechoslowakische Ministerpräsident Dr. Peter Zenkl.
Unter den Häftlingen waren viele Mediziner; aber sie durften nicht im Lagerhospital arbeiten. Dort wurden nur Laien eingesetzt. Schlosser mußten operieren,
Die Angeklagten erklärten sich sämtlich als "nicht schuldig". Zu ihnen gehört Ilse Koch, die Frau des Lagerkommandanten*), und Dr. Edwin Katzenellenbogen. Beide nehmen eine Ausnahmestellung ein.
Ilse Koch hatte eine geradezu sadistische Vorliebe für Lampenschirme und Handschuhe aus Menschenhaut. Sie ist seit drei Monaten schwanger, obwohl sie sich bereits seit einem Jahr im Frauengefängnis befindet. Neben der Frage nach dem Vater bleibt noch zu klären, ob im Falle der Aburteilung eine Hinrichtung möglich ist. Nach deutschem Recht darf keine schwangere Frau hingerichtet werden.
Dr. Edwin Katzenellenbogen ist der erste Jude, der in einem KZ-Prozeß angeklagt ist. Er war Häftling, hat sich aber an den Menschenversuchen beteiligt. Außerdem wird ihm viehische Behandlung seiner Leidensgenossen vorgeworfen.
Buchenwald gilt allgemein als der Schrecken aller Schrecken. Ernst Wiechert, der in Buchenwald eingesperrt war, schrieb darüber seinen "Totenwald". Dr. Eugen Kogon, sechs Jahre lang Arztschreiber des unbarmherzigen Mörders und Beauftragten für die Fleckfieberversuche, Dr. Ding-Schuler, hat in seinem Buch "Der SS-Staat" versucht, das ungeheuerliche Geschehen in dieser Menschenhölle mit geradezu wissenschaftlicher Sachlichkeit zu schildern.
In Nürnberg aber steht der eigentliche Chef aller Kz.'s vor Gericht, Oswald Pohl, General der Waffen-SS und Leiter des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes. Mit ihm 18 ehemalige Führer des WVHA. Die Konzentrationslager wurden dem WVHA im Jahre 1942 unterstellt.
Sie stehen in Gruppen beisammen, ganz nach ihrer früheren Rangordnung. Pohl hat sich bisher noch nie mit Leo Volk unterhalten. Das war ja auch nur ein kleiner Hauptsturmführer.
Volk ist überhaupt der Schweigsamste unter den Angeklagten. Er sitzt ständig mit gesenktem Kopf da und beteiligt sich nie an der morgendlichen Unterhaltung. Pohl plaudert eifrig und aufgeregt mit August Rank, Lerner und Heinz Fanslau. Das waren auch einmal SS-Generale. Pohl macht immer ein vergnügtes Gesicht.
Wenn das, was sie darstellen, die nordische Rasse ist, dann muß man sagen, daß Pohl in seinem Verwaltungshauptamt keinen Wert auf das Aussehen seiner Mitarbeiter gelegt hat. Diese einstigen Herrenmenschen sind heute, nachdem sie ihre glänzenden Uniformen abgelegt haben, unscheinbare Gestalten. Nach SS-Begriffen rassisch nicht einwandfrei.
Erschüttert hören die Zuhörer den Bericht des SS-Arztes Dr. Kahr aus dem Lager Dora, einer Zweigstelle Buchenwalds. Die Angeklagten und vor allem Pohl rührt es gar nicht. Er gibt ab und zu seinem Verteidiger einen Zettel und lächelt.
*) Koch wurde angeblich wegen Veruntreuung von Lagergeldern von den Nazis hingerichtet.
Schlechtes Gewissen - Dr. Edwin Katzenellenbogen scheut die Kamera
Im Einzel-Verhör Oswald Pohl

DER SPIEGEL 16/1947
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