20.09.1947

Sonne in Aufruhr

Neben außerordentlichen Ereignissen auf der Erde ist in diesem Jahr auch auf der Sonne, Ungewöhnliches zu beobachten: sie ist in einem Aufruhr, wie ihn die. Astrologen seit hundertzehn Jahren nicht mehr registriert haben. Im August hat sie einen Rekord von 200 Sonnenflecken erreicht.
Gleichzeitig verzeichnet, die mitteleuropäische Witterungsgeschichte nach einem der strengsten Winter einen der heißesten und trockensten Sommer. Es ist, als sei die Atmospäre von einer hartnäckigen Kreislaufstörung erfaßt.
Die Vermutung liegt nahe, daß an dieser ungewöhnlichen Wettergestaltung die Sonnenflecken schuld sind. Vor einem Monatsdurchschnitt von 170 im Juni-Juli hat die sogenannte Relativzahl der Sonnenflecken im Mai die Zahl 206 erreicht. Das ist ein extrem hoher Wert (in fleckenarmen Jahren sinkt die Zahl bis nahe Null) und seit 1836 nicht mehr dagewesen.
Von den Schwankungen der Sonnentätigkeit ist in Licht und Wärme auf der Erde nichts Unmittelbares zur spüren. Aber die Strahlen der elektromagnetischen ultravioletten Wellen, die im 8-Minuten-Tempo die 150 km von der Sonne bis zur Erde durcheilen, und der erheblich langsamere Dauerbeschuß der Erde mit feinsten Sonnenteilchen (fachmännisch Partikelstrahlung) ändern sich unaufhörlich.
Diese Änderungen wirken sich heftig auf die Jonosphäre aus, das höchste Schichtsystem der Lufthülle um die Erde. Es gibt dann jonosphärische "Einbrüche" und "Stürme". Sie äußern sich in Störungen des Erdmagnetismus, des Kurzwellen -Empfangs und der Nordlichttätigkeit.
Manche Forscher nehmen an, daß diese Jonosphäre die Sonneneinwirkungen auch auf die mittlere und untere Schicht der Atmosphäre überträgt und so die Schwankungen der Sonnentätigkeit in Wetterschwankungen auf der Erde umsetzt. Aber die Beziehungen der Atmosphärenschichten zueinander sind so kompliziert, daß hier kaum erst die Zipfel vom Schleier des Geheimnisses gelüftet sind.
Immerhin finden sich die beiden Hauptrhythmen der Sonnenfleckentätigkeit in einigen Witterungsfaktoren auf der Erde wieder. Es handelt sich um eine Periode von rund elf Jahren und eine von etwa 27 Tagen. 27 Tage entsprechen der Umdrehungszeit der Sonne um sich selbst. Der elfjährige Rhythmus macht sich im Wachstum der Baumringe und in Seespiegelschwankungen bemerkbar, am Kaspischen, Meer und am Viktoria-See.
In Mitteleuropa, wo ozeanischer und kontinentaler Einfluß ineinandergreifen, sind die Beziehungen zwischen Sonnenflecken und Wetter im allgemeinen weniger deutlich. Die kalten Winter bevorzugen zwar die Zeiten der Sonnenflecken-Maxima, aber nur zu höchstens 50%, und von den Dürren der letzten Jahrzehnte lagen einige sehr ausgeprägte (1911, 1921, 1933 und 34) gerade in Zeiten sehr geringer Fleckentätigkeit, im Gegensatz zur jetzigen. Man nimmt an, daß bei der diesjährigen sommerlichen Hitze und Dürre noch eine langdauernde Klimaschwankung im Spiele ist.

DER SPIEGEL 38/1947
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