07.06.1947

Vom Kasernenhof zum Kleinsthof

Die RPD*) in Hamburg veranstaltete zum ersten Male eine Großkundgebung. Die propagandistische Vorbereitung litt unter Papiermangel und anderen Schwierigkeiten. Tausend Plakate waren nur geklebt und viele wieder abgerissen worden. 500 Zuhörer hatten sich zu Füßen des Bismarckdenkmals eingefunden. Sie hörten eine Stunde lang Unterhaltungsmusik vom Hamburger "Ahoi"-Orchester.
Einer der sechs Vorsitzenden der RPD, Kaufmann Karl Groth, begrüßte die Anwesenden. "Wir Republikaner", sagte er, "suchen den neuen Weg nicht erst, wir gehen ihn schon. Wir sind die Partei von morgen. Wir sind nicht überheblich, aber wir sind überzeugt. Wir sind Sozialisten, aber keine Marxisten." Er bekannte sich zu der Ansicht, daß das deutsche Volk besser leben könnte, wenn man ihm die Möglichkeiten dazu gäbe.
Ministerpräsidenten will er nach dem Leistungsprinzip, nicht nach dem Parteibuch ausgesucht wissen. "Ob Eberhard (Groth meint Ehard), Schumacher oder
Adenauer, darauf kommt es nicht an." Dann stellte er den FDP-Mann Heinrich Jebens aus Hamburg-Rahlstedt vor, der das Hauptreferat über seinen "Kleinsthof -Plan" halten wollte.
Obgleich Jebens kein Pg gewesen war, wurde er seinerzeit vom Hamburger Entnazifizierungsausschuß als Naziaktivist eingereiht und erhielt öffentliches Auftrittsverbot. Zum Vorwurf gemacht wurden ihm antimarxistische, antisemitische und pronazistische Aeußerungen in seinen Büchern. Zusammen mit seinem Pfarrer fuhr er darauf zu einer englischen Dienststelle. Als er wieder nach Hause kam, hatte er eine neue Auftrittsgenehmigung in der Tasche.
RPD-Groth forderte die Teilnehmer auf, Jebens mit dem nötigen Applaus zu empfangen. Besonders heftig klatschten die im "Kleinsthofkreis" unter Jebens organisierten Flüchtlinge und Ausgebombten, als der 51jährige Diplom-Landwirt mit dem John-Lewis-Gesicht sich zeigte. Jovial schwenkte er seinen Strohhut und begann.
"Kleinsthoffreunde!" sagte er im Holsteiner Dialekt, "Der Kleinbauernhof mit einem Pferd ist nicht rentabel. Ein Pferd frißt das Futter zweier Kühe. Ich fordere daher die Abschaffung des Pferdes und dafür die Kuh als Wirtschaftsgrundlage. Und das ist schon mein Kleinsthof."
Er entwickelte ausführlich seine Idee. Fünf Millionen Familien will er innerhalb von sechs Jahren auf je sechs Morgen Land mit zwei Kühen einigen Schweinen und einem Obst- und Gemüsegarten ansetzen. Pro Kleinsthof wären 10 000 RM erforderlich Die 7,5 Millionen Hektar Land, die dazu gebraucht werden, will er durch Aufteilung der Hälfte aller landwirtschaftlichen Betriebe gewinnen. Die gingen ohnehin bald pleite, denn die Kaufkraft des Volkes sei so gesunken, daß der Bauer keine Düngemittel und Arbeiter mehr bezahlen könne.
"Diesen Schluck für euch alle!" rief Jebens, und löschte seinen Durst aus einer Limonadenflasche. Dann fuhr er fort: "Die Militärregierung steht dem Kleinsthof -Plan sehr freundlich gegenüber. Ich hoffe, daß sich nun recht bald eine Kleinsthof -Koalition von der KPD bis zur CDU bildet. Vom Kasernenhof müssen wir zum Kleinsthof kommen." Als Aktionsparole erhob er unter starkem Beifall die Forderung: "Nicht mehr Kanonen, sondern Butter." Ein Sanitäter fiel in der Gluthitze um. Er wurde von Sanitätern fortgetragen. Die Teilnehmer hatten alle bis dahin tapfer durchgehalten. In seinem Schlußwort versäumte Karl Groth nicht, die Sowjetzone zu erwähnen. "Ob vor einem Kz ein Hakenkreuz oder ein Sowjetstern ist, das ist das gleiche." Er möchte die RPD in der Ostzone gerne zugelassen sehen. Zulassungsanträge hat er bisher für Berlin und die britische Zone gestellt. Mit der SED will er nichts zu tun haben. Sie ist ihm zu diktatorisch.
Unmittelbar nach dem Schlußwort wurde der Foxtrott: "Es klopft mein Herz bum, bum" gespielt. Den Teilnehmern der Kundgebung klopfte das Herz nur noch matt. Sie hatten drei Stunden in der Sonne gesessen.
Heinrich Jebens verhandelt augenblicklich mit maßgeblichen Agrarexperten der SPD. "Die Verhandlungen sind günstig verlaufen", sagte er prächtig gelaunt zu einem Reporter, der ihn auf seinem Hof besuchte. "Wir werden in den nächsten zwölf Monaten eine noch größere Hungersnot erleben", erklärte er zwischen Schinken, Spargel und Rhabarberkompott. "Nur die Durchführung des Kleinsthof -Planes kann das Volk aufrütteln."
Bauern, denen Jebens den Zusammenbruch prophezeit, bezeichnen ihn als Kommunisten. "Meine Tätigkeit ist aber überparteilich, und - es klingt vielleicht paradox - ich bin für den Sozialismus", meint der FDP-Mann, "aber Kommunist bin ich nicht. Ich habe gute Freunde in der KPD ich habe Freunde in allen Parteien."
Hamburgs KP-Vorsitzender Harry Naujoks zählt nicht zu ihnen: Seiner Ansicht nach ist Jebens Naziaktivist. Er habe in der Schwarzen Reichswehr gegen die Spartakisten gekämpft und in einem Buch die "Führung Europas durch den Volksführer Adolf Hitler" gefordert. Außerdem stehe er unmittelbar vor dem Ausschluß aus der FDP. Auch Jebens Presseangriffe auf Schlange-Schöningen, die in der kommunistischen "Hamburger Volkszeitung" abgedruckt wurden, konnten ihm keine kommunistischen Dauersympathien einbringen.
Der Kleinsthof-Vater seinerseits sagt von sich, daß er 1933 wegen seines Buches "Der Fortschritt contra Sprengler - contra Hitler" nach 26 Tagen Amtszeit als Leiter des Reichserfinderamtes abgesetzt worden sei.
*) Hier nicht "Reichspostdirektion", sondern "Republikanische Partei Deutschlands". Bisher nur in Hamburg. Erhielt bei den Oktoberwahlen 20 000 Stimmen, nachdem sie 14 Tage zugelassen war. Kleinste Partei Deutschlands. Eine Meldung der "Welt", die von einer Viertelmillion Mitglieder sprach, ist übertrieben.
In diesem Zeichen kämpft die RPD für marxfreien Sozialismus
Kein Kleinsthöfler All-Parteien-Freund Jebens

DER SPIEGEL 23/1947
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