02.08.1947

Red nicht so viel, Gretchen

Das weiß ich sicher, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, würde er Mrs. Roosevelt oder Mrs. Truman nicht eingesperrt haben". Emmy Göring, ehemals Staatsschauspielerin und Reichsmarschallsgattin, beugte sich in ihrem Bett in der Krankenbaracke des Augsburger Internierungslagers vor, als sie diese Worte deklamierte. Luise Funk, Henriette von Schirach, Frau Frank, Grete Frick und Ilse Heß nickten beifällig dazu. Vor einigen Wochen mußten sie ins Internierungslager Augsburg, wo sie auf ihren Prozeß wegen Gewinn an der Naziregierung warten.
Gegen Grete Frick hatte die Spruchkammer Starnberg bereits einen Termin anberaumt. Der einzige Belastungszeuge war der Starnberger CSU-Vorsitzende Otto Linhardt. Er konnte mit dem Dutzend Entlastungszeugen und der Schublade voll eidesstattlicher Erklärungen nicht konkurrieren. Linhardt gehöre überhaupt selbst vor eine Spruchkammer, erzählten die Frickschen Entlastungszeugen. Er habe immer mit prominenten Nazis verkehrt.
Bei ihrem ersten Mann, dem Architekten Schultze - Naumburg, habe sie auf Schloß Saaleck ausgesprochen luxuriös gelebt, sagte Grete Frick. Sie sei die Sekretärin dieses Multi-Millionärs gewesen,
bevor er sie heiratete. Otto Linhardt wußte von einer Abtreibung während dieser Ehe zu berichten, die Frucht habe von Wilhelm Frick gestammt. Später habe sich Grete Frick operieren lassen, um "ihrem Führer wieder Kinder schenken zu können". Das stamme alles aus einem Tagebuch von Frau Frick.
Die Frickschen Dienstmädchen bestätigten, daß Frau Minister immer auf die Partei geschimpft habe. Wilhelm Frick habe nie "Heil Hitler" gesagt und stets Radio London gehört, Hitler-Reden dagegen immer abgeschaltet.
"Red' nicht so viel, Gretchen, sonst holen sie dich nach Dachau", habe ihr Mann zu ihr gesagt, wenn sie Hitler-Maßnahmen kritisierte, wußte die Minister -Gattin zu erzählen. Im übrigen sei sie eine großartige Sängerin und habe sich nicht um Politik gekümmert. Sie habe mit Künstlern von Ruf, wie Ernst Wiechert, verkehrt. Ihr Bruder sei als Verschwörer des 20. Juli verhaftet worden. Der Spruchkammervorsitzende wußte jedoch, daß er wegen homosexueller Delikte eingesperrt wurde.
"Ich bin eine politische Idiotin", bekannte Emmy Göring der "New York Herald Tribune"-Reporterin Marguerite Higgins. "Hitler hat die deutschen Frauen nicht gefragt, ob sie diesen Krieg wollten. Warum sollen wir jetzt von unseren Kindern getrennt sein und im Gefängnis sitzen?" Trotz ihrer unpolitischen Einstellung ließ sie sich zu einem politischen Orakel hinreißen, Deutschland werde nie mehr von sich aus einen neuen Krieg mitmachen. Im übrigen habe sie ein gutes Rezept, wie man alle Kriege schnell beenden, wenn nicht sogar bannen könne "Die Frauen sollten den Männern erklären, daß sie im Krieg keine Kinder mehr empfangen werden. Dann könnten Sie einmal sehen, wie schnell der Krieg vorbei ist".
Frau Göring leidet an rheumatischem Fieber, deshalb liegt sie im Lazarett. Neulich wurde sie von einer Ratte am Enkel gebissen. Jetzt sind die Nazi - Gattinnen aufgeregt darüber, daß es im Lager Ratten und Wanzen gibt. Die Lagerleitung sagt, sie habe alles getan, um das Ungeziefer zu vertilgen, aber das sei schwer möglich, weil Wanzen in dem verrotteten Holz der Baracken verborgen seien.
Henriette von Schirach, die viele Verwandte in den USA hat, möchte nicht in einem Lager sitzen, in dem auch SS-Frauen untergebracht sind und in dem ehemalige KZ-Leute als Wachen fungieren. Viele dieser SS-Frauen haben in letzter Zeit uneheliche Kinder geboren. Frau von Schirach hält sie für glücklich, denn sie dürfen ihre Kinder behalten, während die Kinder der Minister-Frauen nicht mit im Lager sind.
"Man wird Nazis aus Menschen machen, die nie Nazis waren", sagte sie zu Marguerite Higgins. "Sagen Sie General Clay, ich hoffe, er wird mich nicht so behandeln, daß meine Kinder im Haß gegen Amerika aufwachsen".
Alle weiblichen Insassen des Lagers sind sich über die Unmenschlichkeit ihrer Behandlung einig. "Wenn mir die Wahl gegeben wäre zwischen Gaskammer und weiterem Aufenthalt in diesem verwanzten Lager, so würde ich gern die Gaskammer wählen", sagt Emmy Göring.
Von Ihren Männern nicht gefragt: Frau Schirach, Frank, Frick, Funk

DER SPIEGEL 31/1947
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