18.10.1947

Das getanzte Pokerspiel

Es waren immerhin 116 Beine, die in Bewegung gesetzt wurden, als das Pariser Ballett der Champs-Elysées seine Gastspielreise begann. Sie führte durch die französische Zone über Stuttgart nach Berlin. Der erste Abend fand im Kurhaus Baden-Baden statt.
Diese Pariser Ballett - Mannschaft brauchte zwei Jahre, um sich nach vorn zu tanzen. Sie hat sich Frankreich erobert. Sie hat das unaufhörliche "Geklatsch" der Bewohner von Lissabon, Venedig und Florenz, von Brüssel und Amsterdam hinter sich. Sie gewann die Huld der strengsten aller Kritiker, der Londoner.
Der 2. Mai 1945 war der Gründungstag. Das Champs-Elysées-Theater stellte damals seinen Bühnensaal der bis dahin völlig unbekannten Truppe für einen Tanzabend zur Verfügung. Das Ballett "Die Gaukler", im Stil des frühesten Picasso, zum ersten Male getanzt, setzte die Federn der Rezensenten in begeisterte Bewegung. Es gab einen großen Erfolg.
"Die Gaukler" sind so etwas wie die Maskotte der Tanzgruppe geblieben. Sie gehören auch heute noch zu ihrem Programm. Auch der Komponist Henri Sauguet, der Bühnenbildner Christian Bérard, der Ballettmeister Roland Petit sind heute noch dabei.
Die Idee zu den "Gauklern" gab Boris Kochno, ein ehemaliger Mitarbeiter des berühmten Tänzers Diaghilef. Kochno wurde der künstlerische Leiter der Truppe:
Er bringt den bizarren dramatischen Einschlag mit und den russischen Namen, ohne den heute ein Tänzer nur auf einem Bein zu stehen glaubt. Unter den Pariser Balletteusen wimmelt es von Ninas und Nathalies. Aber die meisten sind ganz und gar Französinnen. So auch der weibliche Star der Champs-Elysées-Truppe, die zauberhaft grazile Irene Skorik, mit der Nina Vyroubova und die strenge Nathalie Philippart wetteifern.
Der erste männliche Partner ist Jean Babilée. Er ist wirklich eine ungewöhnliche Erscheinung, und man muß damit rechnen, daß er bald einen weltberühmten Namen haben wird. Dieser dunkle junge Mann von 24 Jahren ist ein wenig klein geraten. Auch läßt er die übliche Hagerkeit der Tänzer vermissen. Aber er hat eine zugreifende Sicherheit und eine dramatische Ausdruckskraft, die das Publikum faszinieren.
Die Champs-Elysées-Tänzer knüpfen an das pantomimische Ballett an. Sie wollen das tänzerisch-musikalische Schauspiel und lehnen die puritanische Herbheit ab. Das Kostüm, sorgfältig gepflegt, hat eine Bedeutung, die weit über das Dekorative hinausgeht.
In dem Ballett 'Kartenspiel' ist das Kostüm der allegorische Schlüssel zum Verständnis. Tänzer und Tänzerinnen sind die Karten in diesem Pokerspiel, das sich in drei Bildern dramatisch entwickelt. Im schwarz-weiß geteilten Trikot, mit gezipfelter Teufelskappe federt der perfide Joker Jean Babilées nach den harten jähen Rhythmen der Musik Strawinskys.
Das Ballett der Champs-Elysées hat noch viel vor in nächster Zeit, Nach der Deutschland-Tournee will es nach Skandinavien, nach Griechenland und der Türkei. Es verfügt über ein reiches Programm. Hinter seiner maskenhaften Stirn mit den zusammengewachsenen Brauen und dem kurz gestutzten Haar ersinnt Boris Kochno immer neue Schöpfungen
Der perfide Joker
Vier Damen im Spiel

DER SPIEGEL 42/1947
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